Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019 Wilhelm

Trainingsanalyse GP Österreich 2019

Enge Kiste an der Spitze

Der Red Bull-Ring liefert meistens enge Rennen. Nach dem Freitagstraining bahnt sich das auch für die diesjährige Hitzeschlacht an. Mercedes liegt in den Longruns zwar vorne, aber nur ganz knapp vor Ferrari.

Im zweiten Training konnte man sich über zu wenig Abwechslung nicht beklagen. Max Verstappen und Valtteri Bottas feuerten ihre Autos in die Mauer. Sie fielen für die Longrun-Analyse komplett aus. Sebastian Vettels Dauerlauf auf den Soft-Reifen wurde durch einen Dreher in der Zielkurve gewaltsam beendet. Der Deutsche bei Ferrari sattelte dann auf die harten Reifen um, während der Trainingsschnellste Charles Leclerc die Arbeit mit den Soft- und Medium-Reifen übernahm.

Auf eine Runde führte Leclerc die Rangliste an. Im Soft-Longrun fehlten ihm im Durchschnitt eineinhalb Zehntel pro Runde auf Lewis Hamilton. Mit den Medium-Reifen fuhr Leclerc die beste Rennsimulation, allerdings ohne echte Konkurrenz. Mercedes verzichtete nach dem Unfall von Bottas auf einen Longrun mit der mittleren Mischung.

Auch Red Bull ließ die Finger vom Medium-Reifen. Hamiltons Schlussfolgerung: „Es wird eng. Red Bull und Ferrari sehen stark aus, Ferrari mehr als Red Bull.“ Chefingenieur Andrew Shovlin bilanzierte: „Hier fehlen die Kurvenkombinationen, die unserem Auto besonders gut liegen. Deshalb wird es schwer, Ferraris Vorteil auf der Geraden wieder wettzumachen.“

Im Mittelfeld gibt erneut McLaren den Ton an. Carlos Sainz war der einzige Fahrer im Feld, der Longruns auf alle drei Reifentypen fuhr. Auf den Soft-Reifen lag der Spanier sogar vor den Big Shots, aber nur weil er antizyklisch mit Pirellis weichster Mischung am Ende fuhr. Hass, Toro Rosso und Racing Point machen eine stärkere Figur als zuletzt, Sauber und Renault haben noch Probleme.

Carlos Sainz - McLaren - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019
Motorsport Images
Abgesehen von diesem kleinen Ausrutscher hinterließ McLaren wieder einen starken Eindruck.

Sechs Dinge, die Sie nach dem Trainingsfreitag wissen müssen:

Wie weit liegt Mercedes vor Ferrari?

Auf eine Runde wird es eng. Charles Leclerc führte zwar die Rangliste mit drei Zehnteln Vorsprung auf Valtteri Bottas an, doch der Vergleich hinkt. „Wir sind nie eine freie Runde mit Soft-Reifen gefahren“, hieß es bei Mercedes. Wenn man die beiden anderen Reifenmischungen als Maßstab nimmt, dann lagen die Silberpfeile knapp vor Ferrari.

In den Longruns bietet sich ein ähnliches Bild. Lewis Hamilton nimmt Leclerc auf dem Soft-Reifen über 12 Runden im Mittel eineinhalb Zehntel pro Runde ab. Der Vorsprung auf Sebastian Vettel auf den harten Reifen ist größer. In nackten Zahlen 9 Zehntel, um alle Unsicherheitsfaktoren bereinigt aber etwas weniger.

Warum ist Ferrari besser als in Paul Ricard?

Die Strecke spielt dem Ferrari in die Karten. Charles Leclerc gewinnt auf allen Geraden 6 Zehntel auf die Mercedes. Er ist dabei im Top-Speed um 9 bis 11 km/h schneller. Dafür verlieren die Ferrari wieder in den Kurven, speziell in den letzten drei. Das legt den Verdacht nahe, dass die Reifen von Ferrari am Ende der Runde wieder in die Knie gehen.

Beim Vergleich der schnellsten Runden von Bottas und Leclerc liegt der Ferrari-Pilot nach Kurve 7 bereits eine halbe Sekunde in Front. In den Kurven 9 und 10 reduziert sich sein Vorsprung dann um zwei Zehntel. Im Vergleich der Medium-Gummis fällt der Kurven-Vorteil der Mercedes noch krasser ins Gewicht. Vor Kurve 8 hat Leclerc die Nase um zwei Zehntel vorne. Auf dem Zielstrich liegt er zwei Zehntel hinter dem Ferrari. Zeitverlust in drei Kurven: 0,4 Sekunden.

Am extremsten präsentiert sich das Bild auf der härtesten Mischung. Hier legen wir die Kurven von Sebastian Vettel und Lewis Hamilton übereinander. In Kurve 4 führt Vettel mit 3 Zehntel vor Hamilton. Im Ziel ist er 4 Zehntel hinten. Vettel ist im Kurve 7 um 10 km/h langsamer als der Weltmeister, in Kurve 9 um 20 km/h und in der Zielkurve um 5 km/h.

Ferrari hat am ersten Trainingstag von Spielberg Teil 2 des Unterboden-Tests abgeschlossen. Wir hören, dass auch die zweite neue Variante nicht der Matchwinner ist. Aber die Ingenieure haben jetzt endlich verstanden, warum der Boden nicht funktioniert. Das wäre ja schon einmal ein Fortschritt.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019
Jerry André
Ferrari kommt mit dem Red Bull Ring besser zurecht als mit dem Circuit Paul Ricard.

Was ist von Red Bull zu erwarten?

Für Max Verstappen war das zweite Training nach 13 Runden in der Tecpro-Barriere der Zielkurve beendet. Damit fehlte ein echter Vergleichsmaßstab. Pierre Gasly überzeugte nur auf eine Runde. „Wir haben ihm gesagt, er soll die Verstappen-Abstimmung übernehmen und sie für seinen Fahrstil anpassen. Und er soll sich aufs Fahren konzentrieren und nicht Herrn Newey erklären wollen, wie er das Auto für ihn baut“, erteilte Sportchef Helmut Marko klare Anweisungen.

Im Longrun blieb der Franzose dann unerklärlich blass. Langsam angefangen, mit einem guten Mittelteil, und dann wieder stark nachgelassen. Trotzdem ist das Gefühl bei den Vorjahressiegern vorsichtig optimistisch. „Wenn Max und Honda am Samstag in Hochform sind, können wir die Ferrari angreifen“, ist Marko überzeugt.

Wie stark stresst die Hitze Autos und Motoren?

Die Ingenieure erwarten für den Renntag des GP Österreich eine Hitzeschlacht. Im zweiten Training herrschten bereits tropische Temperaturen. 30 Grad in der Luft, 52 Grad auf dem Asphalt. Für Sonntag werden 35 Grad angekündigt. „Das ist das extremste, was wir bisher erlebt haben“, geben Mercedes-Ingenieure zu.

Die Silberpfeile fuhren in den Rennsimulationen am Freitag bereits in der Konfiguration, die am Sonntag eingesetzt wird. Die Verkleidung wurde maximal geöffnet. Das bedeutet massiven Verlust an Abtrieb. „In der Rundenzeit macht das eine halbe Sekunde aus.“ Alles ist in der Hitze am Limit: Antriebseinheiten, Bremsen, Hydraulik, Reifen, die Kühlung. Bei 670 Metern über dem Meer ist die Luft dünner und damit die Durchströmung der Kühler nicht so effizient.

Die Reifen halten in der Hitze erstaunlich gut. Die Teams können mit allen drei Mischungen am Sonntag planen. Der Soft-Gummi wird also nicht wie in Paul Ricard aussortiert. „Mit den alten Reifen hätten wir hier richtig Probleme mit Blasen bekommen“, sind die Techniker überzeugt. Die Zeitunterschiede auf eine Runde sind minimal. Der Soft ist zwei Zehntel schneller als der Medium, der wiederum zwei Zehntel im Vergleich zum harten Reifen bringt.

GP Österreich 2019: Die Highlights vom Freien Training

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019
Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019 Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019 Daniil Kvyat - Toro Rosso - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019 Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019 85 Bilder

Warum sind so viele Unfälle passiert?

Max Verstappen führte eine Windböe als Unfallursache an. Der Red Bull schlug heftig mit dem Heck voran in die Tecpro-Barriere ein. „Das war uns lieber als vorwärts“, atmete Sportchef Marko auf. Für das Heck haben wir genügend Ersatzteile. Mit dem Frontflügel wäre es eng geworden. Da haben wir am Morgen drei verloren.„

Valtteri Bottas versuchte einen Quersteher in Kurve 6 zu korrigieren und fing sich klassisch einen Konter ein. Die Telemetriewerte ergaben, dass Bottas im Scheitelpunkt von Kurve 6 um 5 km/h schneller war als in seiner bis dahin schnellsten Runde. Beim Einschlag wurden 23G Verzögerung gemessen. “Wir gehen auch davon aus, dass ihn der Wind aus der Bahn geworfen hat„, erzählt Teamchef Toto Wolff den TV-Stationen.

Bottas gab zu: “Diese Strecke verzeiht nicht den geringsten Fehler. Trotz des Unfalls sind mir solche Strecken lieber.„ Die Mechaniker-Crew des Finnen traf es an diesem heißen Freitag in Spielberg hart. Sie hatte bereits zwei Motorwechsel hinter sich, als die Arbeit am stark beschädigten Vorderteil des Autos mit der Nummer 77 von vorne begann.

Sebastian Vettel weiß nicht genau, warum er in der Zielkurve einen Highspeed-Dreher auf die Bahn legte. Der Wind? Die Randsteine? Zu viel riskiert? “Irgendwie war der Abflug komisch.„ Möglicherweise hatte es wieder mit dem altbekannten Ferrari-Problem zu tun. Am Ende der Runde verloren die Hinterreifen massiv Grip.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Östereich - Spielberg - 28. Juni 2019
Wilhelm
Erst Verstappen, dann Bottas, dann Vettel - die Strecke in Spielberg forderte im Training einige Opfer.

Warum ist Renault so weit hinten und Haas so weit vorn?

Renault landete im Tagesklassement nur auf den Plätzen 16 und 17. Auch in den Longruns war der französische Nationalrennstall keine Offenbarung. Die gelbschwarzen Autos pendelten zwischen Unter- und Übersteuern. “Das war ein ganz schlechter Mix„, klagte Nico Hülkenberg. “Da zahlst du dann in den letzten Kurven, die sich lange hinziehen wie Kaugummi, deinen Preis.„

Noch rätselt man im Renault-Lager, warum der Speed liegenbleibt. Ist es das Streckenprofil? Oder die große Hitze, die schon in Paul Ricard für die Renault wie eine Bremse wirkte? “Ich bin sogar zwei Mal mit Soft-Reifen auf eine schnelle Runde raus. Dazwischen haben wir das Auto deutlich umgebaut. Beim ersten Versuch kamen die gelben Flaggen raus. Beim zweiten, der sich besser anfühlte, hat Herr Kvyat entschieden, in Kurve 9 eine Kaffeepause einzulegen„, erzählte Hülkenberg.

Er sieht die Schlacht um den Einzug ins Q3 aber noch nicht verloren: “Da lässt sich noch etwas mit dem Setup machen. Wir verlieren überproportional viel Zeit auf den Randsteinen am Kurvenausgang. Da fängt das Auto zu rutschen an, der Reifen wird noch heißer. Es ist der alte Teufelskreis.„ Von den Randsteinen sich fernhalten ist auch keine Lösung. “Dann fehlen dir zwei Meter Strecke.„

Während McLaren mal wieder die gewohnt starke Leistung zeigt und mit Carlos Sainz bei den Rennsimulationen auf den beiden härteren Mischungen ganz vorne dabei ist, präsentierte sich Haas stärker als bei den letzten Rennen. Teamchef Guenther Steiner fand keine Erklärung: “Wir wissen es nicht. Vielleicht haben wir einfach die Pirelli-Lotterie gewonnen.„

Bei den Longruns gab es gemischte Ergebnisse. “Auf den Soft-Reifen waren wir okay, auf den harten Reifen eher schlecht.„ Haas fuhr im zweiten Training übrigens mit maximalem Abtrieb im Heck. Renault reagierte genauso. Die Top-Speeds sanken plötzlich um bis zu 6 km/h.

Longrun-Zeiten GP Österreich 2019

Fahrer Ø Zeit Runden Reifentyp
Sainz 1.08,808 min 8 soft
Hamilton 1.09,069 min 14 soft
Leclerc 1.09,202 min 12 soft
Norris 1.09,727 min 16 soft
Albon 1.09,972 min 13 soft
Stroll 1.10,036 min 10 soft
Perez 1.10,081 min 12 soft
Räikkönen 1.10,096 min 11 soft
Gasly 1.10,310 min 15 soft
Grosjean 1.10,497 min 20 soft
Kvyat 1.10,502 min 4 soft
Ricciardo 1.10,524 min 12 soft
Magnussen 1.10,546 min 11 soft
Giovinazzi 1.10,585 min 11 soft
Leclerc 1.08,695 min 7 medium
Perez 1.09,878 min 16 medium
Norris 1.10,081 min 16 medium
Kvyat 1.10,130 min 16 medium
Räikkönen 1.10,207 min 8 medium
Stroll 1.10,678 min 19 medium
Kubica 1.11,874 min 21 medium
Hamilton 1.08,754 min 11 hart
Sainz 1.09,299 min 10 hart
Vettel 1.09,879 min 18 hart
Magnussen 1.10,019 min 15 hart
Giovinazzi 1.10,386 min 7 hart
Hülkenberg 1.10,678 min 10 hart
Russell 1.10,984 min 9+7 hart
Motorsport Aktuell Pirelli - Mercedes - GP Österreich 2019 - Spielberg Schmidts F1-Blog zu den Reifen Schafft die Reifenmarkierungen ab

Der Vorschlag von Renault stößt bei Michael Schmidt auf offene Ohren.

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