Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020 Motorsport Images
Kevin Magnussen - Haas - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Charles Leclerc & Lando Norris - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Impressionen - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020 51 Bilder

Rennanalyse GP Österreich 2020

Mercedes kurz vor Doppelausfall

Beim Saisonauftakt in Österreich ist viel passiert. In der Rennanalyse beantworten wir die Fragen, die nach der Zieldurchfahrt noch offen geblieben sind. Zum Beispiel, warum Mercedes zittern musste und wie sich Lando Norris noch auf Platz 3 bombte.

Hing der Mercedes-Sieg wirklich am seidenen Faden?

23 Runden lang sah alles nach einer Demonstration der Mercedes aus. Valtteri Bottas und Lewis Hamilton führten überlegen das Feld an, ihr größter Konkurrent Max Verstappen war mit Elektronikproblemen früh aus dem Rennen. Dann aber begann zwischen den Ingenieuren und den Fahrern eine ausgiebige Diskussion.

Der Funkverkehr war zeitweise spannender als das Rennen. Zuerst wurde Hamilton gewarnt, dass es Probleme mit einigen Sensoren gibt. Es folgte der Befehl an beide Fahrer, auf ein moderateres Motorprogramm zu schalten. "Wir waren so überlegen, dass es sinnvoll war den Motor zu schonen", erklärte Teamchef Toto Wolff.

In der 41. Runde wurde der Tonfall ernster. Bottas erhielt Instruktionen auf ein anderes Chassisprogramm zu schalten, Hamilton wurde angewiesen die Randsteine zu meiden. Das kann pro Runde zwischen zwei und drei Zehntel kosten. Es kann aber auch das Material an seine Grenzen bringen.

Als sich der Weltmeister beschwerte, dass Bottas viel öfter über die Kerbs räubert, kam die Wahrheit auf den Tisch: "Wir haben ernste Probleme mit dem Getriebe. Ihr müsst weg von den Kerbs, um die Vibrationen zu minimieren. Valtteri hat das gleiche Problem wie du."

Die Ingenieure erklärten hinterher: "Wir waren mit einigen Komponenten am Limit. Das Getriebe war unsere größte Baustelle. Es hat nichts mit der Mechanik zu tun. Die Wurzel des Übels liegt in der Elektronik. Das hätte dazu führen können, dass sich das Getriebe nicht mehr schalten lässt." Wolff räumte ein: "Wir waren nah dran, mit beiden Autos auszufallen."

Vielleicht hatte Alexander Albon gar nicht so unrecht, als er meinte, dass er dieses Rennen mit dem Vorteil frischer weicher Reifen gegen zwei angeschlagene Silberpfeile hätte gewinnen können. Vermutungen, Mercedes wollte mit seinen Warnungen ein Duell seiner beiden Piloten auf der Strecke unterbinden, erteilte der Teamchef eine Absage: "Bei uns gibt es keine Stallorder. Nicht so früh in der Saison. Weder direkt, noch versteckt. Valtteri und Lewis bekamen exakt die gleichen Anweisungen."

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
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Valtteri Bottas konnte nicht nur gewinnen, sondern Hamilton auch auf Distanz halten.

Hat Bottas Kollege Hamilton eine Falle gestellt?

Nach Durchsicht aller Daten traf Mercedes in der Rennanalyse folgende Einschätzung: Hamilton war am Sonntag einen Hauch schneller, Bottas dafür ein bisschen klüger. Der Finne ging den zweiten Stint mit den harten Reifen etwas vorsichtiger an als sein Teamkollege. "Valtteri hatte am Ende mehr Gummi auf seinen Reifen. Er hat das Rennen kontrolliert und hätte sich am Ende mit den besseren Reifen gut verteidigen können."

Doch ab der 65. Runde war der Mercedes in seinem Rückspiegel kein Gegner mehr. Da teilte die Rennleitung Mercedes eine Fünfsekunden-Strafe für Hamilton mit. Was ihn in der Endabrechnung noch zwei Positionen an Charles Leclerc und Lando Norris gekostet hat. Mercedes musste sich am Ende die Frage gefallen lassen, ob man Hamilton bei dem Vorhaben ein Fünfsekunden-Polster aufzubauen nicht hätte helfen können.

Volle Attacke konnte man seinem Starpiloten nicht erlauben. Das Risiko eines Ausfalls war einfach zu groß. Da Bottas in der drittletzten Runde mit 1.10,046 Minuten ein Bummeltempo anschlug, wodurch sein Vorsprung auf Hamilton von 2,1 auf 0,6 Sekunden schrumpfte, kam der Verdacht auf, der Finne wollte seinen Stallrivalen einbremsen, um ihn in Reichweite von Leclerc und Norris zu bringen.

Bottas widersprach: "Ich habe wegen gelber Flaggen stark verlangsamt, wollte auf der sicheren Seite sein und auf keinen Fall eine Strafe bekommen." Dummerweise fiel das auch noch in eine Runde, in der Bottas seine Batterien aufladen musste. In den letzten beiden Runden beschleunigte Bottas wieder auf 1.08er Zeiten. Er musste ja selbst noch mit einem Angriff des Teamkollegen rechnen. "Valtteri wusste von der Strafe, aber nicht wie die Situation mit Norris und Leclerc aussah", gaben die Ingenieure Rückendeckung.

Am Mercedes-Kommandostand wurde auch kurz ein Platztausch diskutiert, um Hamilton vor seinen Verfolgern zu schützen. "Das hätten wir beiden Fahrern erst im Detail erklären müssen, was so kurz vor dem Rennende riskant ist. Wenn es blöd läuft wird Valtteri Vierter. Unsere Reifen waren älter als die von Leclerc und Norris", verwarf Wolff den taktischen Schachzug.

Mercedes hielt seine beiden Autos in der zweiten Safety-Car-Phase auf der Strecke, während sich sieben Verfolger für die letzten 20 Runden noch einmal frische Reifen abholten. "Im Rückblick vielleicht ein Fehler. Wir hätten uns auch mit Soft-Reifen absichern sollen", meinte Wolff.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
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Hamilton kassierte am Rennsonntag gleich zwei Strafen.

Hat Hamilton seine Strafen wirklich verdient?

Es war nicht der Tag von Lewis Hamilton. 40 Minuten vor dem Start wurde sein Freispruch vom Vortag korrigiert. Der Mercedes-Piloten hatte trotz gelber Flagge nach dem Bottas-Ausritt in der Qualifikation nicht den Fuß vom Gas genommen, aber glaubhaft erklärt, er habe in der Staubwolke nichts gesehen.

Red Bull präsentierte am Sonntag jedoch die Aufnahmen der 360-Grad-Kamera in Hamiltons Auto, und die zeigten, dass die blinkende gelbe Ampel vom Fahrer sehr wohl zu erkennen war. Damit stürzte der Weltmeister vom zweiten auf den fünften Startplatz ab. Er brauchte elf Runden, bis er Zweiter war. Da betrug der Vorsprung von Bottas bereits 7,8 Sekunden.

Auch im Rennen gab es Ärger mit Red Bull. Zum zweiten Mal verlor Alexander Albon im Zweikampf mit Hamilton einen Podiumsplatz. Während in Brasilien 2019 die Schuld klar bei Hamilton lag, war es diesmal nicht so eindeutig. Hamilton traf mit seinem linken Vorderrad den rechten Hinterreifen des Thailänders.

Was sich auf dem Papier wie eine klare Sache anhört, mündete in einer grenzwertigen Entscheidung der Sportkommissare. Albon hatte nach außen noch Luft, um Hamilton leben zu lassen. Während Red Bull-Teamchef Christian Horner Hamilton unter Generalverdacht stellte, urteilte Toto Wolff. "Albon hatte noch 40 Prozent der Straße, um die Kurve noch zu kriegen. Lewis konnte nirgendwo hin. Er hatte die Lenkung voll eingeschlagen. Die Startplatzstrafe müssen wir akzeptieren, doch bei der Szene mit Albon waren die fünf Sekunden zu hart."

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Wilhelm
Sebastian Vettel kämpfte am Rennsonntag mit seinem springenden Pferd.

War Ferrari am Renntag wirklich besser?

Ein Ferrari auf Platz zwei: Das schien am Samstag noch undenkbar. Und auch im Rückblick war es für Charles Leclerc ein Wunder. "Wir hatten nicht den Speed um Zweiter zu werden. Deshalb fühlt sich das Ergebnis wie ein Sieg an. Das Auto war im Rennen nicht besser als in der Qualifikation. Eher das Gegenteil. Wir haben von Fehlern anderer profitiert und alles richtig gemacht."

Teamchef Mattia Binotto gab zu: "Wir verlieren eine Sekunde auf unsere Gegner. Drei Zehntel davon in den Kurven, sieben Zehntel auf den Geraden. Das verteilt sich auf Motorleistung und hohen Luftwiderstand. Das Motorproblem ist wegen des Entwicklungsstopps nicht zu lösen, das mit dem Luftwiderstand nicht gleich."

Sebastian Vettel war ratlos. Sein Auto erwies sich als unfahrbar. Es war am Sonntag noch schlechter als in der Qualifikation. Wieder führte das Heck ein Eigenleben. "Es war ein Kampf, es auf der Straße zu halten. Ich hatte kein Vertrauen und muss froh sein, dass ich mich nur ein Mal gedreht habe."

Das führte auch zu der Kollision mit Carlos Sainz. Vettel verlor sein Auto beim Bremsen, sprach aber auch von einer "Fehleinschätzung" seinerseits. Jetzt ist Ursachenforschung angesagt: "Wir müssen herausfinden, warum sich das Auto nach dem dritten Training total verwandelt hat. Zum Glück fahren wir noch ein zweites Rennen auf dieser Strecke."

Lando Norris & Sergio Perez - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
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Lando Norris schob sich an Perez vorbei und gewann anschließend das virtuelle Duell mit Hamilton.

Wie wurde Norris in letzter Sekunde noch Dritter?

Das war ein Krimi zwischen Hoffen und Bangen. In Runde 65 kam die Meldung von der Rennleitung, dass Hamilton für die Kollision mit Albon eine Fünfsekunden-Strafe erhält. Zu dem Zeitpunkt lag Lando Norris nur 3,056 Sekunden hinter dem Mercedes. Eine Runde später musste auch Sergio Perez eine Strafe schlucken. Der Mexikaner war in der Boxengasse um 1,2 km/h zu schnell.

Trotzdem überholte Norris den Racing Point. "Ich musste an Perez vorbei, weil er mich aufgehalten und weil Carlos hinter mir Druck gemacht hat." Das brachte Norris in Runde 66 mit einem Polster von 0,825 Sekunden auf dem Papier auf Platz drei. Nicht für lange. In den nächsten Runden vergrößerte Hamilton die Lücke auf 6,168 Sekunden und lag wieder vor dem McLaren.

Doch dann nahm sich Norris ein Herz. "In den letzten drei Runden habe ich den Motor-Modus auf die höchste Stufe gedreht und bin voll über die Randsteine. Das Risiko musste ich eingehen." Hamilton fuhr mit seinem angeschlagenen Mercedes schon mit dem Rücken zur Wand. In der vorletzten Runde machte Norris sechs Zehntel gut. Der Rückstand schrumpfte auf 5,530 Sekunden.

Die letzte Runde war die Krönung eines starken Rennens. Der Youngster nahm dem Weltmeister in einem Kraftakt 0,728 Sekunden ab. Das war der dritte Platz und der Extra-Punkt für die schnellste Rennrunde. Auf der Rennstrecke wäre es ein Herzschlagfinale gewesen. Norris schlug Hamilton um 0,198 Sekunden.

In der Galerie zeigen wir Ihnen noch einmal die besten Bilder des spektakulären Comeback-Rennes in Spielberg.

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