Lance Stroll - GP Portugal 2020 Motorsport Images
Carlos Sainz - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Daniel Ricciardo - GP Portugal 2020 41 Bilder

Rennanalyse GP Portugal: Dicke Luft nach dem Rennen

Rennanalyse GP Portugal 2020 Dicke Luft nach dem Rennen

In unserer Rennanalyse geben wir Antworten auf all die Fragen, die nach dem Portugal-Grand-Prix noch offen geblieben sind. Wir erklären, wie Lewis Hamilton die Wende gelang und warum sich Racing Point ungerecht behandelt fühlte.

Warum war Hamilton schneller als Bottas?

Valtteri Bottas hatte am Portimao-Wochenende lange die Nase vorne. Der Finne dominierte die Freien Trainings nach Belieben und gab auch in den ersten beiden Quali-Segmenten das Tempo vor. Doch dann raste Hamilton im entscheidenden Q3-Run mit der besseren Reifen-Strategie doch noch auf die Pole Position.

Im Rennen wiederholte sich das Spiel. Auf leicht feuchter Piste in der Startrunde vermied Hamilton das Risiko und gab die Führung freiwillig an Bottas ab. Der Finne wähnte sich schon auf dem Weg zum dritten Saisonsieg, doch in Runde 15 begann das Pendel plötzlich zu Gunsten des Teamkollegen umzuschlagen. Mit vier schnellsten Runden in Folge robbte sich Hamilton an das Schwesterauto heran. Im zweiten Versuch war er vorbei.

Doch wie kam es zu dem Umschwung? Die Antwort lag in der Reifenbehandlung, wie die Mercedes-Ingenieure erklärten. Hamilton brauchte eine Zeit, um Vorder- und Hinterreifen in ihr Fenster zu bringen. Sein Geheimnis war, wie er die Reifen in diesem Fenster hielt. Das war an diesem windigen Tag, auf dieser technisch extrem schwierigen Strecke mit seinem ungewöhnlich glatten Asphalt ein echtes Kunststück.

Bottas hielt nur die Vorderreifen bei Laune, Hamilton hinten und vorne. "Er ist da ein Phänomen", erklären die Ingenieure. "Lewis hat ein unglaubliches Gespür dafür, was dem Reifen gut tut und was nicht. Wir müssen ihm gar nichts erklären. Er findet das von selbst raus, weil er sich den jeweiligen Bedingungen so gut anpassen kann."

Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Wilhelm
Hamilton fuhr am Ende mit mehr als 25 Sekunden Vorsprung über die Ziellinie und sicherte sich noch die schnellste Rennrunde.

Hamilton gab zu, dass er lange nach den richtigen Linien und Einlenkpunkten gesucht hat, um trotz des böigen Windes konstant schnell zu fahren. "Ich habe mich so vor den Kurven positioniert, dass mir der Wind je nach seiner Richtung geholfen hat. Er kam mal von vorne, von hinten und von der Seite."

Am Ende brachte nur ein Krampf in der rechten Wade den Sieg in Gefahr. "Wir haben in den Daten gesehen, dass Lewis zwischendurch immer mal wieder vom Gas gegangen ist", wunderte sich Teamchef Toto Wolff. "Wir haben ihn dann gefragt, ob alles in Ordnung ist." Hamilton hatte die Erklärung für den Krampf nach dem Rennen direkt parat. "Ich hatte vor dem Rennen zu wenig getrunken und war dehydriert. Im Rennen selbst trinke ich nämlich nie was."

Hätte Red Bull mit anderer Strategie eine Chance?

Im Lager von Red Bull herrschte vor dem Rennen eine optimistische Stimmung. Im Gegensatz zu den Mercedes fuhr Max Verstappen auf den weichen Reifen los. "Bei den niedrigeren Temperaturen hatten wir eigentlich gehofft, dass der Soft wegen dem schnelleren Aufwärmen die bessere Wahl ist. Am Ende hat der härtere aber besser funktioniert", klagte Teamchef Christian Horner.

Als sich Verstappen nach dem schlechten Start endlich an den beiden McLaren vorbei auf Rang drei geschoben hatte, hoffte der Kommandostand, dass nun die Attacke auf Mercedes beginnen kann. Doch der Angriff fiel aus. Bis zum Stopp in Runde 23 hatte der Holländer schon 14,6 Sekunden Rückstand auf den führenden Hamilton angehäuft. "Mit den Medium-Reifen konnte ich im zweiten Stint dann ein besseres Tempo fahren. Aber da waren die Mercedes schon weg", schimpfte der Pilot.

Die Teamleitung nahm den Fehler auf die eigene Kappe: "Wenn wir das Qualifying noch einmal fahren könnten, würden wir probieren, auf den Mediums zu starten. Aber an der Niederlage gegen Mercedes hätte das nichts geändert", so Horner. Die Konkurrenz ist sich da nicht so sicher: "Wir hätten zumindest nicht so einen entspannten Nachmittag gehabt."

Alexander Albon - GP Portugal 2020
xpb
Bei Red Bull schimpfte man über den hohen Verschleiß auf den weichen Reifen.

Warum haben die weichen Reifen nicht funktioniert?

Nach dem Rennen schimpften einige Teams über die Soft-Gummis von Pirelli, die am Rennsonntag weder den gewünschten Grip noch die gewünschte Haltbarkeit zeigten. So wurde zum Beispiel Sergio Perez von den rotmarkierten Slicks in den Schlussrunden im Stich gelassen. Wenige Kilometer vor der Ziellinie ging erst Pierre Gasly dann auch noch Carlos Sainz vorbei.

"Im Nachhinein hätten wir es mit den harten Reifen probieren sollen", räumte Teamchef Otmar Szafnauer ein. "Die härteste Mischung hätte aber drei Runden gebraucht, bis sie auf Temperatur kommt. Damit wären wir zu Beginn des Stints gegen Gasly verwundbar gewesen. Leider sind wir im Training nie 20 Runden mit dem Soft gefahren. Wir wussten nicht, wann das Körnen beginnt und wie heftig es sein würde."

Das Problem lag in der geringen Trainingszeit in Portimao. In der ersten Session am Freitag präsentierte sich der frisch verlegte Asphalt noch sehr rutschig. In der zweiten Übungseinheit mussten alle Teams 30 Minuten lang neue Prototypen von Pirelli testen. Der Rest der Trainingszeit wurde durch zwei Unterbrechungen – Motorbrand bei Gasly und Crash von Stroll und Verstappen – reduziert. So konnten kaum Daten zum Reifenverschleiß auf längeren Longruns gesammelt werden.

Die kühleren Asphalttemperaturen am Sonntag führten dann zu verstärktem Graining. Nur bei Mercedes und Ferrari sah man das Unheil kommen. Beide setzten im Q2 auf die Medium-Reifen, um auch damit starten zu dürfen. "Der Soft war in Portimao sehr kritisch", erklärten die Mercedes-Ingenieure. "Wenn du am Anfang zu aggressiv warst, ist der Reifen auseinandergefallen und hat gekörnt. Wir haben schon im FP3 gemerkt, dass er auf die Distanz kein guter Reifen ist. Der harte Reifen war die viel bessere Option, trotz des langsamen Aufwärmprozesses."

Sebastian Vettel - GP Portugal 2020
Wilhelm
Sebastian Vettel fuhr stets im Verkehr und konnte den Ferrari-Fortschritt nicht zeigen.

Ist Ferrari wieder die dritte Kraft?

Mit dem neuen Diffusor komplettierte Ferrari in Portimao sein Upgrade-Paket. Und prompt führte Charles Leclerc das Mittelfeld klar an und raste ungefährdet auf Platz vier. Das gute Ergebnis auf die technischen Verbesserungen zurückzuführen ist aber nur die halbe Wahrheit. Leclerc war einer der wenigen Piloten, die das Spiel mit den Reifentemperaturen beherrschten. Erleichtert wurde die Übung dadurch, dass der Monegasse lange freie Fahrt hatte. Teamkollege Sebastian Vettel hing nach der schwachen Quali-Leistung im Verkehr fest und konnte nicht glänzen.

Auch die Strecke in Portimao ließ Ferrari besser aussehen, als man es wohl war. Der glatte Asphalt verlangte von allen Teams ein Setup mit maximalem Abtrieb. In dieser Disziplin hatten die roten Autos dieses Jahr schon immer ihre Stärke. Motorleistung spielte nur eine untergeordnete Rolle. Schon am kommenden Wochenende werden wir wissen, ob in Portimao nur die Strecke und der Leclerc-Faktor den Ausschlag gaben. Mit Imola wartet eine Power-Strecke, auf der die alten Schwächen des SF1000 wieder zum Vorschein kommen könnten.

Warum gab es nach dem Rennen dicke Luft?

Sergio Perez geriet in Portimao gleich zwei Mal ins Visier der FIA-Kommissare. Nach dem Qualifying gab es eine Verwarnung, weil der Mexikaner Pierre Gasly unfair behindert hatte. Im Rennen setzte es noch eine Verwarnung, weil er beim Verteidigen wieder gegen Gasly zu spät die Spur gewechselt hatte. Sollte in den letzten Rennen eine weitere gelbe Karte dazukommen, wird der Routinier automatisch zehn Plätze zurückgesetzt. Deshalb zeigte sich Teamchef Szafnauer auch wenig begeistert von den Urteilen.

Lance Stroll - GP Portugal 2020
xpb
Neben einem neuen Frontflügel gab es für Lance Stroll nach der Kollision mit Norris auch noch eine Fünf-Sekunden-Strafe.

"Sergio hat sich nach rechts bewegt, bevor Gasly den Angriff gestartet hat. Gasly musste zwar vom Gas, aber es gab keinen Kontakt. Warum gibt es da eine Verwarnung?", schimpfte der 56-Jährige. "Wollen die Fans nicht gutes und hartes Racing sehen? Wohin führt das diesen Sport, wenn wir unsere Fahrer jetzt für faires und sicheres Racing verwarnen? Sergio hat in seiner ganzen Karriere keine Verwarnungen kassiert und jetzt gleich zwei an einem Wochenende. Im Qualifying hat er Gasly aufgehalten, aber beide kamen in die nächste Runde. Es wurde niemandem ein Schaden zugefügt. Trotzdem gab es eine Verwarnung. Jetzt muss er den Rest der Saison wie ein Heiliger fahren, kann im Zweikampf nicht mehr gegenhalten um nicht Gefahr zu laufen, eine Startplatzstrafe zu kassieren."

Szafnauer bemängelte, dass die Entscheidungen zuletzt immer gegen Racing Point ausfielen. Bei der Kollision zwischen Lance Stroll und Lando Norris gab es eine Fünf-Sekunden-Strafe gegen den eigenen Schützling. "Für mich war das ein einfacher Rennunfall", winkte Szafnauer ab. Eine ähnliche Szene im Freien Training blieb für Verstappen ohne Konsequenzen. Rennleiter Michael Masi hatte eine einfache Erklärung dafür parat: "Das eine war im Training, das andere war im Rennen. Die Umstände waren ganz anders."

Szafnauer kritisierte auch, dass es in der Startrunde keine Strafe für Verstappen gab, nachdem der Holländer mit Perez kollidiert war. "Er war neben der Piste, kommt zurück und fährt Sergio ins Auto. Und dafür gibt es gar nichts?", fragte der Teamchef ungläubig. Die Antwort von Masi: "In der Startrunde sind wir etwas weniger streng. Wäre es später im Rennen passiert, hätten wir zumindest eine Untersuchung eingeleitet." Szafnauer gab sich damit aber nicht zufrieden. "Es muss einfach konstantere Entscheidungen geben. Das werde ich in der nächsten Sitzung der Teamchefs auch nochmal ansprechen."

In der Galerie zeigen wir Ihnen noch einmal die Highlights des Rennens in Portimao.

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