Romain Grosjean - GP Ungarn 2020 Motorsport Images
Lewis  Hamilton - GP Ungarn 2020
Max Verstappen - GP Ungarn 2020
Nicholas Latifi - GP Ungarn 2020
Daniel Ricciardo - GP Ungarn 2020 51 Bilder

GP Ungarn 2020 - Analyse Rennen: Reifencoup mit Schönheitsfehler

Rennanalyse GP Ungarn 2020 Reifen-Coup mit Schönheitsfehler

Der dritte Grand Prix endete mit dem dritten Mercedes-Sieg. Trotzdem blieben auf dem Hungaroring viele Fragen offen. Wie konnte Red Bull den Schaden an Verstappens Auto so schnell reagieren? Was passierte Bottas beim Start? Und warum bekamen die Haas-Piloten eine Strafe?

Schon wieder ein Mercedes-Sieg, werden Sie sagen. Klingt nach einem langweiligen Rennen. War es aber nicht. Weil viele Dinge im Windschatten des achtfachen Budapest-Siegers Lewis Hamilton passiert sind. Max Verstappen legte seinen Red Bull auf der Fahrt zum Startplatz ab. Valtteri Bottas vergeigte den Start. Ferrari blamierte sich erneut.

Haas überrumpelte alle Gegner mit einem Boxenstopp vor dem Start und wurde dafür bestraft, weil ihnen ein klitzekleiner Fehler unterlief. Lewis Hamilton wollte unbedingt die schnellste Runde. Doch die Mercedes-Box machte ein Drama daraus. Und dann folgte natürlich noch der unvermeidliche Protest von Renault gegen Racing Point. Wir klären im Detail auf, was alles hinter den Kulissen passierte.

Was war an Verstappens Red Bull kaputt?

Der Red Bull-Kommandostand traute seinen Augen kaum. Um 14.51 Uhr Ortszeit, also 19 Minuten vor dem Start rutschte Max Verstappen in Kurve 12 in einen Reifenstapel. "Die Reifen waren noch kalt, die Strecke dort glatt. Erst haben die Vorderräder blockiert, dann ging es einfach geradeaus weiter", berichtete der Pilot.

Beim Einschlag ging der Frontflügel zu Bruch, und die Aufhängung bekam links vorne einen Schlag. Zu dem Zeitpunkt wusste noch keiner, wie groß der Schaden war. Christian Horner, Helmut Marko und Adrian Newey waren zu Salzsäulen erstarrt.

Andere wären ausgestiegen. Verstappen rangierte wie beim Einparken und brachte sein ramponiertes Auto auf den Startplatz zurück. Eines war klar. Die Reparatur musste dort stattfinden, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Boxengasse vor Abschluss der Arbeiten schließt.

Jede Sekunde zählte. Die Ingenieure konstatierten eine verbogene Lenkstange und einen angeschlagenen Pushrod. Das war Verstappens Glück. "Wäre es ein Querlenker gewesen, wäre das Rennen für Max gelaufen gewesen", erklärte Teamchef Christian Horner.

Die Mercedes-Ingenieure applaudierten: "Wir hätten in zwölf Minuten höchstens die Lenkstange geschafft, nicht mehr. Dazu ist bei uns die Aufhängung zu kompliziert." Verstappen verdankt seinen späteren zweiten Platz deshalb auch seinen Mechanikern.

Max Verstappen - GP Ungarn 2020
Aktuell

Die beiden Teile zu tauschen und nebenher noch alle andere Aufhängungskomponenten per Ultraschall zu scannen war eine Meisterleistung, auch deshalb, weil die Corona-Sicherheitsregeln nur maximal 20 Personen pro Auto in der Startaufstellung gestatten.

In der Formationsrunde probierte Verstappen durch Hin- und Herlenken aus, ob er der Aufhängung trauen konnte. Er konnte. Der Holländer wollte mit einem guten Rennen nicht nur seinen Fehler wieder gutmachen. "Es war auch ein Dank an meine Mechaniker."

Der Schlüssel für den zweiten Platz war der exzellente Start des Holländers. Er machte auf dem Weg in die erste Kurve vier Plätze gut. "Alle haben sich nach innen verdrückt und dort behindert. Ich hatte außen freie Bahn. Wäre ich auf meinem siebten Platz erst einmal sitzen geblieben, wäre es viel schwieriger geworden, nach vorne zu kommen. Da hätte ich zu viel Zeit verloren."

Verstappen hakte das Podium diesmal als persönlichen Sieg ab, "weil ich eigentlich damit rechnen musste, dass mein Rennen nach dem Ausrutscher bereits gelaufen war." Der Blick auf den Rückstand zu Lewis Hamilton fällt allerdings ernüchternd aus. Verstappen fehlten 8,7 Sekunden bei einem Boxenstopp weniger.

Andererseits fuhr er das Rennen nicht mit einem intakten Auto. "Bei so einer Reparatur ist die Spur an der Vorderachse nicht mehr die gleiche wie vorher. Normalerweise stellst du dein Auto danach auf eine Vermessungsplattform", urteilten Experten.

Max Verstappen - GP Ungarn 2020
Wilhelm
Nach dem Fehler in der Aufwärmrunde mussten die Red-Bull-Schrauber ein Wunder schaffen.

Warum stürzte Bottas beim Start um vier Plätze ab?

Valtteri Bottas lag hart an der Grenze zu einem Frühstart. Daraus wurde dann ein Spätstart. Der Finne fühlte sich abgelenkt, weil kurz vor dem Erlöschen der Startampel auf seinem Display vier rote Lichter erschienen. "Es darf nicht sein, dass der Bildschirm im Lenkrad in so einem wichtigen Moment die Farbe wechselt."

In der Meinung, das sei das Startsignal, ließ der Finne die Kupplung kommen, merkte seinen Fehler und kuppelte wieder aus. Der Mercedes ruckte kurz an, aber nicht genug um den Fehlstartsensor auszulösen. Weil die Elektronik den Leerlauf einlegte, musste er die Startprozedur von vorne beginnen. Als Bottas in der ersten Kurve ankam, hatten ihn Stroll, Vettel, Verstappen und Leclerc überholt. "So habe ich mir den Nachmittag schwerer gemacht als er sein sollte."

Einen Ferrari überholte Bottas auf der Strecke, den anderen schenkte ihm Vettels großer Zeitverlust in den Boxen. An Stroll kam Bottas durch einen Undercut vorbei. Genau getimt in einer Phase, in der es leicht nieselte. "Das war für uns der Auslöser für den Stopp. Wir wollten Valtteri für den Mini-Regen frische Medium-Reifen geben, während Stroll noch eine Runde auf seinen Uralt-Reifen fahren musste. So konnten wir den Undercut maximal ausschlachten", erklärten die Strategen.

Um Verstappen noch vom zweiten Platz zu stoßen, packte Mercedes Hamiltons Sieger-Taktik vom Vorjahr aus. Ein Zusatz-Stopp für einen frischen Satz Reifen 21 Runden vor Schluss. "Valtteri lag zwar direkt hinter Max, aber mit fast gleichwertigen Reifen hätte er ihn nie überholt. Wir brauchten ein großes Reifen-Delta. Leider wurden wir im Verkehr aufgehalten. Rückblickend wäre es besser gewesen, Valtteri eine Runde früher stoppen zu lassen."

Lewis  Hamilton - GP Ungarn 2020
Wilhelm
Für Valtteri Bottas blieb nach verpatztem Start nur Platz 3 und der Verlust der WM-Führung.

Wie hat Haas sich selbst ausgetrickst?

Was für ein Coup. Haas holte beide Piloten nach der Formationsrunde an die Box und gab ihnen Medium-Reifen mit auf die Reise. Ein geschenkter Boxenstopp. Spyker hat das gleiche mit Marcus Winkelhock beim GP Europa 2007 am Nürburgring gemacht. Der GP-Debütant ging damals sogar in Führung.

Das klappte diesmal nicht ganz. Am Ende der fünften Runde, nachdem alle auf Slicks gewechselt hatten, lagen Kevin Magnussen und Romain Grosjean auf den Plätzen drei und vier. Magnussen schwärmte: "Das war ein unglaublicher Schachzug. Ich danke dem Team, dass sie mir vertraut haben, mit Slicks zu fahren, obwohl es noch viele nasse Stellen gab. Und ich kann euch sagen. Diese ersten Runden waren nicht einfach."

Nur Magnussen konnte sich in den Top Ten halten. Grosjean sackte ab, weil der linke Vorderreifen zu schnell aufgab, und er sich im Duell mit Albon einen Frontflügelschaden eingehandelt hatte. Magnussen kam als Neunter ins Ziel. Dann erreichte den US-Rennstall die schlechte Nachricht aus dem Büro der Rennleitung. Die leitete eine Untersuchung wegen unerlaubter Hilfe in der Formationsrunde ein.

Beide Fahrer bekamen am Ende eine Zehnsekunden-Strafe, weil sie über Funk zum Boxenstopp aufgefordert wurden. Rückblickend hätte das Team seine Fahrer auf dem Startplatz instruieren müssen. Die Fahrer hätten dem Team dann über Funk mitteilen können, wie sich die Verhältnisse auf der Rennstrecke anfühlten.

Der Hinweis zum Boxenstopp hätte also aus den Cockpits und nicht vom Kommandostand kommen müssen. Dieser Funkspruch gilt seit 2017 ausschließlich in der Formationsrunde als unerlaubte Hilfe. Magnussen verlor zwar einen Platz an Carlos Sainz, rettete aber noch einen Punkt, weil 20,4 Sekunden Vorsprung zu Charles Leclerc lagen.

Kevin Magnussen - GP Ungarn 2020
Haas
Die Haas-Piloten wurden schon vor dem Start zum Boxenstopp gerufen.

Warum war Ferrari im Rennen so langsam?

Sebastian Vettel Sechster, Charles Leclerc Elfter. Beide überrundet. Größer konnte die Blamage für Ferrari nicht ausfallen. Die Autos waren im Rennen nicht so schnell wie erhofft. "Platz fünf oder sechs, das unsere neue Realität", gab Vettel zu.

Es fehlt aber nicht nur Speed. Ferrari unterlaufen auch peinliche Fehler am Kommandostand. Leclerc wurde zum Wechsel auf Slicks zum richtigen Zeitpunkt an die Box geholt (Runde 1), aber mit den falschen Reifen losgeschickt. Der Soft war der schlechteste der drei Reifen. Das wusste man schon vorher. Auf der grünen Strecke körnten der linke Vorderreifen schon nach wenigen Runden.

Vettel bekam mit Medium den richtigen Gummi, aber er wurde eine Runde zu spät abgefertigt (Runde 3). In dieser Runde steuerten neun Fahrer die Boxen an. Da wäre selbst ein Umlauf später noch besser gewesen, wie das Beispiel Verstappen zeigt.

Vettel blieb im Verkehr der Boxengasse stecken und verlor 6,7 Sekunden. Vor dem Boxenstopp war der Deutsche Vierter, danach Achter. Der zweite Wechsel auf harte Reifen war für Vettel ein paar Runden zu früh getimt. "Am Ende gingen mir die Reifen aus. Albon war nicht zu halten."

Charles Leclerc - GP Ungarn 2020
Wilhelm
Leclerc wurde beim ersten Stopp auf weiche Reifen gesetzt, was sich als Fehler herausstellte.

Wie kam es zum Reifenchaos bei Mercedes?

Lewis Hamilton wollte unbedingt die schnellste Runde. Dafür brauchte er frische Reifen. Doch bei Mercedes stritt man sich welche. Für Softs war es noch zu früh. Denen gab man maximal drei schnelle Runden, bevor der linke Vorderreifen in die Knie gehen würde. Den harten Gummis traute man nicht zu, die bis dahin schnellste Runde von 1.17,665 Minuten von Bottas zu unterbieten.

Weil Hamilton auch nach seinem Stopp in Verkehr zu geraten drohte und die Lücke zu Verstappen den Strategen nicht als komfortabel genug erschien, musste er an der Spitze noch ein paar Runden Tempo bolzen. "Ein zusätzlicher Boxenstopp ist immer ein Risiko, vor allem wenn du so klar in Führung liegst", erklärte Teamchef Toto Wolff.

Er verriet auch: "Wir hatten am Morgen eigentlich besprochen, dass wir für die schnellste Rennrunde kein zusätzliches Risiko eingehen." Dann kamen fünf Runden vor Schluss gebrauchte Soft-Reifen ans Auto und Hamilton gab Gas.

Er fuhr gleich zwei Mal die schnellste Runde. 1.17,497 Minuten im 68. Umlauf und 1.16,627 Minuten in der allerletzten Runde. "In der WM kann es noch eng werden. Da zählt jeder Punkt. Ich habe die Weltmeisterschaft schon einmal wegen eines Zählers verloren", outete sich Hamilton als gebranntes Kind.

Lewis  Hamilton - GP Ungarn 2020
xpb
Lewis Hamilton durfte kurz vor Schluss mit weichen Reifen auf Bestzeitenjagd gehen.

Warum hat Renault erneut protestiert?

Das hat formale Gründe. Renault wird so lange gegen die Bremsbelüftungen der beiden Racing Point Protest einlegen, bis das Verfahren abgeschlossen ist. Notfalls bis zu einem Urteil in einem Berufungsverfahren. So stellen die Franzosen sicher, dass die Racing Point bei einer Verurteilung für alle Rennen außer dem ersten disqualifiziert werden.

Würde Renault auf die Fortsetzung der Proteste verzichten, müssten sie erklären warum. An der Causa hat sich ja nichts geändert. Racing Point fuhr in Ungarn mit identischen Bremshutzen wie in Österreich. Kleine statistische Randnotiz: Renault belegte zum dritten Mal in Folge Platz 8. Diesmal wieder mit Daniel Ricciardo.

In der Galerie zeigen wir noch einmal die Highlights des Rennens in Budapest.

Grand Prix von Ungarn 2020: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit
1. Lewis Hamilton Mercedes 1:39.55,739 Std.
2. Max Verstappen Red Bull + 0:08.702
3. Valtteri Bottas Mercedes + 0:09.452
4. Lance Stroll Racing Point + 0:57.579
5. Alexander Albon Red Bull + 1:18.316
6. Sebastian Vettel Ferrari + 1 Runde
7. Sergio Perez Racing Point + 1 Runde
8. Daniel Ricciardo Renault + 1 Runde
9. Carlos Sainz McLaren + 1 Runde
10. Kevin Magnussen Haas + 1 Runde
11. Charles Leclerc Ferrari + 1 Runde
12. Daniil Kvyat Alpha Tauri + 1 Runde
13. Lando Norris McLaren + 1 Runde
14. Esteban Ocon Renault + 1 Runde
15. Kimi Räikkönen Alfa Romeo + 1 Runde
16. Romain Grosjean Haas + 1 Runde
17. Antonio Giovinazzi Alfa Romeo + 1 Runde
18. George Russell Williams + 1 Runde
19. Nicholas Latifi Williams + 5 Runden
20. Pierre Gasly Alpha Tauri Ausfall
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