Lance Stroll - Racing Point - GP Belgien 2019 - Spa-Francorchamps Motorsport Images
Brabham BMW 1986
BMW F1 Motor 1986
Honda F1 2005
Honda F1 Motor 2005 18 Bilder

Neue Herausforderungen wegen Corona-Regeln

Motorwechsel dauert doppelt so lange

Die Formel 1 muss sich an die neue Normalität gewöhnen. Die Teams freuen sich, dank der Corona-Regeln der FIA überhaupt wieder Rennen fahren zu können. Deshalb kann man auch mit neuen Herausforderungen wie längeren Reparaturen leben.

So langsam kehrt die Formel 1 zurück zur Normalität. Die neue Normalität, wie es wegen der aufgestellten Corona-Regeln heißt. Statt Gesprächen am runden Tisch gibt es Videoschalten mit Journalisten. Statt vor vollen Tribünen werden die zehn Teams ab Spielberg vor leeren Rängen fahren. Doch immerhin kann in weniger als drei Wochen der 1.019. Grand Prix der Formel-1-Geschichte steigen.

Das Warten hat also bald ein Ende. Die Teams sind froh darüber. "Keiner im Team kann es erwarten, dass es endlich wieder losgeht", sagt Racing-Point-Technikchef Andy Green stellvertretend für seine Mannschaft – und in gewisser Weise auch stellvertretend für die gesamte Formel 1.

Racing Point mit Filmtag

Die FIA hat in Zusammenarbeit mit Liberty Media und den Teams – und in Absprache mit den zuständigen Behörden – in den letzten Wochen und Monaten unermüdlich an Corona-Regeln gearbeitet, die das Rennfahren wieder ermöglichen. Für das Krisenmanagement des Motorsportweltverbands gibt es von allen Seiten Lob.

Die Teams gewöhnen sich in Testläufen an die neue Normalität. Mercedes machte den Anfang mit einem alten Auto. Inzwischen haben auch Renault (ebenfalls mit einem alten Auto), Ferrari (SF1000) und Racing Point die ersten Kilometer nach dem erzwungenen Stillstand abgespult. Racing Point absolvierte am Mittwoch (17. Juni) einen Filmtag in Silverstone. Lance Stroll steuerte den RP20 über die Rennstrecke, die nur einen Steinwurf vom Fabrikeingang liegt.

Der Kanadier absolvierte mit dem 2020er Auto die erlaubten 100 Kilometer, bevor der englische Regen einsetzte. Das Team war zufrieden mit der kurzen Ausfahrt. "Es ging uns hauptsächlich darum, zu verstehen, wie wir in der neuen Umwelt mit den neuen Gegebenheiten arbeiten können", erklärt Green.

Valtteri Bottas - Mercedes W09 - Testfahrten - Silverstone - Juni 2020
Mercedes
Die Teams müssen sich an die neuen Abläufe wegen der Corona-Regeln gewöhnen.

An neue Prozesse anpassen

Auf die zehn Rennteams, die Herausforderungen gewohnt sind, wartet in diesem Jahr eine ganz neue. Corona setzt ihnen Grenzen. Die Teams dürfen mit maximal 80 Mitarbeitern zu den Rennen reisen. Sie leben an jedem GP-Ort gewissermaßen auf ihrer eigenen Inseln.

Kontakte zu den anderen Teams sind soweit zu reduzieren, wie nur irgendwie möglich. Abstände sind einzuhalten, Hygieneregeln zu befolgen. Wenn eng zusammengearbeitet werden muss, müssen die Beteiligten PPE-Masken tragen. Die Mechaniker müssen das in der Garage sowieso – in gewissen Fällen sichert sie eine Plexiglasscheibe vor dem Gesicht doppelt ab.

Ohne diese Richtlinien wären die Rennen nicht durchführbar. Andy Green beschreibt, was auf die Teams zukommt: "Wir müssen die Abstandsregeln respektieren. Wir haben eine begrenzte Zahl an Leuten, die gemeinsam am Auto arbeiten dürfen. Abläufe dauern dadurch automatisch länger. Wir haben aber nur eine begrenzte Zeit mit dem Auto. Deshalb müssen wir andere Wege finden, wie wir zur alten Effektivität an der Rennstrecke zurückkommen."

Das darf man nicht als Klage verstehen. Im Gegenteil. Es ist einfach eine Beschreibung der Wirklichkeit, dass die Teams sich von gewissen eingespielten Strukturen verabschieden müssen und sie nach den neuen Gegebenheiten ausrichten.

Mercedes - F1-Test - Barcelona 2020
Wilhelm
Reparaturen werden mehr Zeit in der Garage verschlingen.

Doppelte Zeit für Reparaturen

Um die Abläufe zu optimieren, beschäftigen die Teams Arbeitsgruppen in den Fabriken. Green glaubt nicht, dass ein privater Test, wie ihn sein Team durchgeführt hat, ein großer Vorteil ist. "Es geht einfach darum, sich an das neue Protokoll zu gewöhnen. Vieles davon kannst du auch in der Fabrik simulieren."

Die Teams werden alte Aufgaben auf eine andere Weise bewältigen müssen. Zum Beispiel den Motorwechsel. "Ich vermute, dass es ungefähr doppelt so lange dauern wird, den Motor in der Garage zu tauschen", sagt Green. Was sonst mit flinken Fingern in zweieinhalb bis drei Stunden erledigt war, könnte nun fünf bis sechs Stunden verschlingen. "Generell werden die Arbeiten am Auto länger dauern. Je näher man ans Fahrzeugzentrum rückt, desto länger werden wir für Umbauten und Reparaturen benötigen. Bis zur doppelten Zeit."

Deshalb wird es mehr denn je auf die Standfestigkeit ankommen. Ein Motor- oder Getriebetausch oder der Wechsel von ERS-Komponenten wie Batterie, MGU-K oder MGU-H, die tief im Fahrzeug eingegraben sind, könnte sehr kostspielig werden. Und im schlimmsten Fall ein Training oder Qualifying kosten – je nachdem, wann ein Defekt auftritt und wie viel Zeit für die Reparatur bleibt.

Große Umbauten werden auch zwischen den Trainingstagen schwerer, weil weniger Personal die Arbeiten ausführt. Es gibt in der Formel 1 gewisse Sperrfristen, an denen nicht am Auto gearbeitet werden darf. Pro Saison gibt es nur zwei Ausnahmen für jedes Team. Dann dürfen sie auch mal über Nacht arbeiten.

Die Teams betreiben Vorsorge. Die Vorbereitung auf das Rennwochenende wird noch entscheidender. "Wir müssen mit unseren Werkzeugen noch mehr als je zuvor sicherstellen, dass das Auto richtig zusammengebaut ist. Dass es robust ist. Die Zuverlässigkeit wird ein Schlüssel für die Saison."

Fahrer müssen vorsichtiger sein

An der Simulatorarbeit wird sich nur geringfähig etwas ändern. "Wir ändern ohnehin während des Rennwochenendes nicht groß das Setup. Wir konzentrieren uns in den Trainings mehr darauf, das Fahrzeug auf die veränderten Streckenverhältnisse anzupassen", erklärt Green.

Die Fahrer werden vorsichtiger sein müssen. Jeder Abflug kann sie teuer zu stehen kommen – mehr noch als in der Vergangenheit. "Unseren Fahrern sollte bewusst sein, dass sie ein Unfall deutlich länger in der Garage halten wird."

Racing Point nimmt die Herausforderung an. Es ist zu erwarten, dass sich die Formel 1 schnell an die neue Normalität gewöhnen wird. Weil Anpassungsfähigkeit in der DNA dieses Sports steckt. "Jedes Team wird andere Methoden entwickeln müssen. Allein schon aus dem Grund, weil nicht jeder wie wir mit Mercedes-Motoren fährt", sagt Green. "Wir werden mit jedem Rennwochenende dazulernen. Die Lernkurve wird steil sein."

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