Frederic Vasseur - Alfa Romeo - Sauber - Formel 1 xpb
Alfa Romeo - Barcelona-Test - 2020
Peter Sauber - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - 12. Mai 2018
Peter Sauber im Käfer
Sauber C1 58 Bilder

Alfa-Teamchef Vasseur: "Unabhängigkeit unsere DNA"

Alfa-Teamchef Vasseur im Interview „Unsere DNA ist Unabhängigkeit“

Alfa Romeo kämpft mit Haas und Williams um Platz acht. Wir wollten von Teamchef Frédéric Vasseur wissen, warum man nicht mehr im Mittelfeld mitfährt, mit welchen Problemen ein kleines Team in der Corona-Krise zu kämpfen hat und ob 2022 eine Überraschung möglich ist.

Mit welchen Problemen ging Alfa Romeo-Sauber in diese Saison?

Vasseur: Wir haben unser Problem, das zum Teil auch vom Motor herrührte, nicht gleich entdeckt. Letztes Jahr sind wir um die Plätze 6 und 7 gefahren. Plötzlich lagen wir nur noch auf Platz 17. Da haben wir überreagiert. Nach den ersten drei Rennen hatten wir den Faden verloren. Als wir in der Realität aufgewacht sind, haben wir unseren Ansatz geändert. Wir wollten im ersten Schritt von Platz 17 auf Rang 16. So haben wir uns Schritt für Schritt nach vorne gekämpft, besonders nach dem fünften Rennen. Aber die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen. Wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen. Aber wir können um das Q2 kämpfen, und manchmal landen wir auch mitten im Q2-Feld.

Sie sprechen von einer Überreaktion. Was bedeutet das?

Vasseur: Das sind Entscheidungen bei der Fahrzeugabstimmung, bei den Strategien.

Wenn Sie das 2020er Auto mit dem von 2019 vergleichen: Was, abgesehen vom Motor, ist schlechter?

Vasseur: Ich glaube nicht einmal, dass etwas mit dem Chassis falsch war. Es war eher die Art, wie wir und die Fahrer auf die Probleme am Anfang reagiert haben. Wenn es nicht so läuft wie gewünscht, dann versucht man es manchmal mit Gewalt.

Wie schwierig ist es, in solchen Momenten ruhig zu bleiben?

Vasseur: Es ist eine komische Saison. Am Anfang hatten wir vielleicht 30 bis 40 Prozent unserer Leute in der Fabrik. Im ersten Rennen gab es Punkte, im zweiten hat es am Samstag geregnet. In Budapest war das Renntempo gut, aber nicht der Speed in der Qualifikation. Das Bild war einfach noch nicht scharf. Erst nach Silverstone kehrte ein bisschen mehr Ruhe ein.

Antonio Giovinazzi - Alfa Romeo - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola
xpb
Alfa Romeo streitet sich mit Haas und Williams um den achten WM-Platz.

War es in der Corona-Zeit schwieriger, den Rückstand aufzuholen?

Vasseur: Auf jeden Fall. Das Einkommen für die Teams ist kleiner geworden. Die Fabrik war nur teilweise besetzt. Das letzte Drittel der Truppe kam erst im September zurück. Wenn du dann reagieren und etwas ändern musst, ist es schon sehr schwierig. Einige Teams hat es weniger stark betroffen, aber unseren Mitkonkurrenten ging es nicht viel besser. Ich habe oft Kontakt zu Guenther Steiner. Wir mussten mit den gleichen Problemen kämpfen.

Die Teams werden nur 50 Prozent der Einnahmen einer normalen Saison haben. Trifft das die kleinen Teams härter als die großen?

Vasseur: Es war für uns ein riesiger Einschnitt. Das Problem ist, dass wir erst spät in der Saison damit konfrontiert wurden. Als wir nach Melbourne gegangen sind, waren 50 bis 60 Prozent des Budgets bereits ausgegeben. Du hast die Autos gebaut, für Motoren und Getriebe bezahlt. Wenn du dann damit konfrontiert wirst, dass dein Preisgeld sich auf 50 Prozent reduziert, ist es schwer damit umzugehen. Die Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit und wir haben die Entwicklung, die Produktion und den Windkanal gestoppt.

Wie viele Upgrades haben Sie gebracht?

Vasseur: Wir haben zum Saisonstart das gebracht, was bei einem normalen Programm bis Barcelona in der Entwicklungsschleife steckte. Danach hatten wir zwei oder drei kleinere Aero-Pakete. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob die Upgrades die Hauptsache zum Fortschritt beigetragen haben. Es ist eher das Setup und die Balance des Autos, was wir verbessert haben.

Haben Sie noch Upgrades geplant?

Vasseur: Wir haben die letzte Version der 2021er Aerodynamik Anfang September erhalten. Seit dem Tag arbeiten wir nur noch am nächsten Auto. Es gibt noch zwei kleine Details, die in den restlichen Rennen noch an das Auto kommen.

Es geht um Platz 8 zwischen Alfa Romeo-Sauber, Haas und Williams. Da könnte ein lucky punch entscheiden.

Vasseur: Deshalb musst du immer deine Gruppe anführen, dass du dann zur Stelle bist, wenn es Punkte gibt. Es bringt dir nichts, sechs mal vorne zu liegen und dich mit Platz 13 zu belohnen, und dann wenn es drauf ankommt, schaust du nur zu.

Wie wichtig ist der achte Platz für Sie? Oder nehmen Sie lieber zweieinhalb Prozent mehr Windkanalzeit?

Vasseur: Nein, nein, auf keinen Fall. Der achte Platz ist wichtig. Wir sind Racer und wollen unsere direkten Gegner schlagen. Diese Einstellung und diese Motivation sind der Schlüssel für die Zukunft. Wir dürfen nie aufgeben. Außerdem gibt es für Platz 8 eine Stange mehr Geld in der Zukunft.

Haas ist maximal abhängig von Ferrari. Wird sich Sauber in Zukunft näher an Ferrari anlehnen?

Vasseur: Es ist die DNA dieses Teams, unabhängig zu sein. Mit den neuen Regeln wird es wichtig sein, gewisse Teile selbst zu produzieren, weil dann der Einfluss auf das Budget geringer ist. Wir haben in unserer Firma die Struktur, das zu tun.

Ist es dann ärgerlich, wenn Sie bei der Wahl Ihrer Entwicklungs-Token von Ferrari abhängig sind?

Vasseur: Wir sind nicht gezwungen, die gleichen Token zu nehmen, wie Ferrari.

Frederic Vasseur - Alfa Romeo - Mattia Binotto - Ferrari - Bahrain 2019
xpb
Der Vertrag von Alfa Romeo mit Ferrari läuft noch bis Ende 2021.

Wenn Ferrari aber das Getriebe wählen würde, müssten Sie ja mitziehen. Sie beziehen das Getriebe von Ferrari?

Vasseur: Wir haben die Option, das alte und das neue Getriebe zu nehmen. Insofern sind wir frei.

Unabhängigkeit ist also wichtig?

Vasseur: Ich will das Modell von Haas nicht kritisieren. Jedes Team hat sein eigenes Projekt, seine eigene Struktur, seine eigenen Zwänge. Wir haben die Fabrik, den eigenen Windkanal, vieles selbst zu machen. Das sind unsere Stärken, und die müssen wir optimal nutzen. Wir werden in dieser Richtung weitermachen.

Macht Sauber weiter mit Ferrari?

Vasseur: Wir haben einen Vertrag mit Ferrari bis Ende 2021.

Und weiter?

Vasseur: Wir befinden uns momentan in Diskussionen.

Sie haben aus dem Ferrari-Fahrerpool wieder Antonio Giovinazzi bekommen. Wer hat bestimmt, welcher Fahrer, wo hin geht?

Vasseur: Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit Ferrari. Deshalb ist die Fahrerfrage eine gemeinsame Entscheidung. Es wird uns nichts aufs Auge gedrückt. Wir haben da eine offene Diskussion mit Ferrari und den Fahrern. Der Fahrer muss ja auch zum Team passen und sich dort wohl fühlen.

Budgetdeckelung, völlig neue Autos: Ist die Saison 2022 die große Chance für die kleinen Teams?

Vasseur: Wir können 2022 eine Überraschung erleben. Ich glaube aber nicht, dass für die kleinen Teams 2022 schon die ganz große Chance ist. Für mich kommt die erst später, wenn das Reglement dann stabil bleibt. Für das erste Jahr der großen Reform haben die großen Teams immer noch Vorteile. Sie haben immer noch größere Ressourcen, um schneller zu reagieren.

Würden Sie 2021 für 2022 opfern?

Vasseur: Jeder wird das gleiche machen. Alle werden so früh wie möglich den Schalter auf 2022 umlegen. Keiner kann es sich leisten mit einem großen Rückstand in die neue Ära zu starten. Dann bist du erledigt.

Sind Sie zufrieden mit der Höhe des Budgetdeckels?

Vasseur: Mein größte Sorge ist nicht der Budgetdeckel, weil wir sowieso drunter liegen. Es ist eher das Einkommen, wenn die Corona-Krise anhält.

Mehr zum Thema Alfa Romeo F1
Alfa Romeo - Formel 1 - 2021
Aktuell
Red Bull vs. Mercedes - Formel 1 - GP Italien - Monza - 2021
Aktuell
Lewis Hamilton - GP Italien 2021
Aktuell
Mehr anzeigen