Otmar Szafnauer - Racing Point - Formel 1 Motorsport Images
Sebastian Vettel - Aston Martin DBX - F1 - Formel 1
Sebastian Vettel - Aston Martin - F1 - Formel 1
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Interview Aston-Martin-Teamchef Otmar Szafnauer

Interview mit Aston-Martin-Teamchef Szafnauer So bringen wir den alten Vettel zurück

Aston Martin will mit Sebastian Vettel zu einem Top-Team werden. Im Interview spricht Teamchef Otmar Szafnauer über die ersten Wochen der Zusammenarbeit, die Saisonziele, mögliche Siege, die Verteilung der Ressourcen bei der Fahrzeugentwicklung – und die Tücken der Produktion unter Corona.

Das Corona-Virus ist weiterhin omnipräsent. Wie schwer ist es in diesen Zeiten, ein neues Auto zu bauen?

Szafnauer: Es ist ein bisschen schwieriger als sonst. Du brauchst widerstandsfähige Protokolle, um sicherzustellen, dass deine Arbeitskräfte sicher sind – und nicht für zehn oder 14 Tage in Quarantäne müssen. Wenn das passiert, produzierst du keine Fahrzeugteile mehr. Es gibt aber auch Faktoren, die nicht in deinen Händen liegen. Zum Beispiel die Versorgungsbasis. Da weiß man nicht immer alles über die Firmen und ihre genauen Vorkehrungen. Das erhöht das Risiko. Wir mussten uns mit ihnen austauschen, um sicherzustellen, dass sie nach denselben Richtlinien wie wir arbeiten. Wir geben ihnen Schnelltests. Es reicht nur eine fehlende Komponente, um die Produktion des Autos lahmzulegen. Das müssen wir vermeiden. Bislang haben wir gute Arbeit verrichtet. Wir sind kurz davor, das Auto aufzubauen. Ich bin hoffnungsvoll, dass wir es rechtzeitig schaffen.

Ist die Verschiebung der Wintertests eine Hilfe?

Szafnauer: Es war eine Erleichterung im Hinblick auf das Risiko, dass wir innerhalb unseres Zeitplans für die Produktion haben. Für den Fall, dass das Virus mal ausbricht. Mit dem eng gestrickten Zeitplan wäre ein Ausbruch innerhalb der Fabrik katastrophal. Die Verschiebung der Testfahrten verschafft uns ein bisschen mehr Luft zum Atmen – auch bei einem Notfall. Bislang gab es keinen Ausbruch. Unsere Protokolle sind sehr robust, so dass wir schnell handeln können, falls sich jemand das Virus einfängt. Wir können es dann schnell eingrenzen, noch bevor ein Mitarbeiter die Fabrik betritt. Wir testen jeden, der rein will. Jeder braucht einen negativen Test.

Sie testen jeden Tag?

Szafnauer: Wir führen jeden Tag Schnelltests durch, die nach 15 Minuten ein Ergebnis ausspucken.

Sebastian Vettel - Aston Martin - F1 - Formel 1
Aston Martin
Sebastian Vettels Erfahrung soll Aston Martin helfen, vom Effizienz-Meister zu einem Spitzenteam in der Formel 1 zu reifen.

Mehr als 50 Prozent des neuen Autos sind eine Übernahme vom alten. Wie viel wird die Homologation den Teams sparen?

Szafnauer: Die großen Einsparungen werden nicht durch die Homologation der diesjährigen Autos erzielt. Wir geben zwar ein bisschen weniger aus, aber grob dasselbe, weil die FIA die Aerodynamik-Regeln so stark verändert hat. Wir mussten deshalb sehr viel in das 2021er Auto investieren, obwohl viele Teile homologiert sind. Die große Entlastung war, dass wir in einem Pandemie-Jahr nicht das aktuelle Auto weiter entwickeln und gleichzeitig mit dem neuen Projekt beginnen mussten. Diese Kostenersparnis war riesig. Deshalb war es eine sehr gute Entscheidung, das neue Auto mit einem ganz anderen Reglement um ein Jahr auf 2022 aufzuschieben.

Können Sie drei Beispiele geben, wie Sebastian Vettel das Team besser machen kann?

Szafnauer: An erster Stelle kann er die Erfahrung und Arbeitsweise seiner Weltmeister-Tage einbringen. Er hat unsere Renningenieure schon angeleitet, welche Daten er braucht, um uns mit dem Fahrzeugsetup zu helfen. Er hat uns auch schon geholfen, die Ergonomie im Cockpit zu verbessern. Wo zum Beispiel die Schalter hingehören und wie sie genutzt werden sollten, um das Auto einfacher zu bedienen. Er ist bereits im Simulator gefahren und hat ihn mit anderen verglichen, die er kennt. Was ist gut an unserem? Wo müssen wir uns verbessern? Damit können wir arbeiten.

Er bringt also neue Denkansätze.

Szafnauer: Es wird noch viel mehr kommen. Sebastian war erst ein paar Tage bei uns. Und bereits in dieser kurzen Zeit hat er uns diese nützliche Rückmeldung gegeben. Dabei ist er unser Auto noch gar nicht gefahren. Wir können noch so viel von ihm lernen und uns dadurch verbessern. Auch Lance, der weit weniger Erfahrung als Sebastian in der Formel 1 hat, kann von ihm profitieren. Genauso anders herum. Lance ist ein sehr talentierter und schneller Rennfahrer. Im Zusammenspiel können sie unser Team auf ein höheres Level bringen.

Wie lang wird die Eingewöhnungsphase von Vettel dauern? Er hat zuvor mit Red Bull und Ferrari bei zwei Teams mit einer ganz anderen Größe und anderen Ressourcen gearbeitet.

Szafnauer: Überhaupt nicht lange. Wir dürfen nicht vergessen, dass Sebastian ein paar Jahre bei Toro Rosso war. Das ist etwa dieselbe Teamgröße wie wir sie haben. Und Sebastian hat ein großartiges Gedächtnis. Er passt bereits sehr gut zu uns. Wir haben die selbe Philosophie, wie wir Rennen fahren wollen. Bei uns hat die Performance oberste Priorität. Wir streben danach, das schnellstmögliche Auto zu haben. Das gilt auch für andere Bereiche, wie die Boxencrew mit den Reifenwechseln. Wir wollen das Beste aus den Rennen machen – inklusive Siegen. Darum geht es uns. Und genau darum geht es Sebastian. Unsere Rennphilosophien stimmen zu 100 Prozent überein. Deshalb werden wir sehr gut zusammenarbeiten, um unsere Leistung zu optimieren.

Das Team hat oft gesagt, dass man Vettel ein Umfeld schaffen kann, in dem er wieder der alte sein wird. Was bedeutet das tatsächlich?

Szafnauer: Wir können ihm ein Umfeld bieten, in dem Rennfahren wieder Spaß macht. In dem es Freude bereitet, in der Formel 1 zu sein. Genau deshalb machen die meisten von uns diesen Job. Was heißt es, Spaß zu haben? Das können Sie Seb selbst fragen. Ich glaube, es bedeutet für ihn, dass man aus jedem Zweig des Teams und des Autos das meiste herausholt. Dafür steht dieses Team. Das haben wir in der Vergangenheit gezeigt. Dieses Umfeld haben wir gepflegt – und nach dieser Umgebung hat er gesucht. Er wird das Beste aus uns herausholen. Und wir das Beste aus ihm.

Es geht also ums Rennfahren an sich, ohne Politik oder sonstige Spielchen im Hintergrund. Vettel hatte zwei schwere Jahre bei Ferrari. Sehen Sie fehlendes Selbstvertrauen?

Szafnauer: Nein, überhaupt nicht. Er treibt uns bereits an. Er ist sehr wissbegierig. Er fragt uns dauernd: Warum macht ihr das so, und warum nicht anders? In nur zwei Tagen hatte er so viele Fragen. Er stellt uns nicht nur Fragen, sondern gibt auch seine Erfahrungen weiter. Genau das brauchen wir. Wir wollen jeden Stein umdrehen, um die Performance zu verbessern, damit wir im März sagen können, dass wir über den Winter das Beste aus unseren Möglichkeiten gemacht haben. Sowohl Seb als auch wir als Team. Ich sehe keinen Mangel an Motivation, kein fehlendes Selbstvertrauen.

Sebastian Vettel - Otmar Szafnauer - GP USA 2017
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Szafnauer ist shon seit vielen Jahren mit Sebastian Vettel befreundet. Jetzt konnte er ihn endlich ins eigene Team locken.

Wie läuft der Kontakt, wenn er nicht in Silverstone ist. Telefonieren Sie täglich, bombardiert er das Team mit SMS?

Szafnauer: Ich spreche regelmäßig mit ihm. Mit den Ingenieuren tauscht er sich ein paar Mal in der Woche aus.

Wie sind die Pläne mit ihm bis zu den Testfahrten?

Szafnauer: Alles hängt davon ab, wie man Reisen darf. Der Plan ist, dass er vor den Tests noch einmal zu uns kommt. Es sind nur noch ein paar Wochen. Wir müssen den Simulator noch aktualisieren, damit er die letzte Entwicklungsspezifikation fahren kann.

Wieso kann er kein altes Auto testen?

Szafnauer: Wir sind kein großes Team. Wir leasen zum Beispiel unsere Motoren und Getriebe. Sie gehören nicht uns. Wir müssen sie nach der Saison zurückgeben. Deshalb haben wir kein altes, fahrtüchtiges Auto, das wir ihm bereitstellen könnten.

Was sind die Ziele 2021?

Szafnauer: Wir wollen die Saison so starten, wie wir in der letzten aufgehört haben. Wir hatten über weite Strecken das drittschnellste Auto. Wir sind aber nur Vierter hinter McLaren geworden. Wir hatten reines Pech. Für uns wird es darum gehen, die Ausschläge nach unten zu glätten. Wir brauchen mehr Beständigkeit beim Punkten. Wenn wir das schaffen, können wir Dritter werden. Das muss unser realistisches Ziel sein.

Was ist an Einzelergebnissen drin?

Szafnauer: Ich denke, wir sollten schnell aus den Startblöcken kommen und um Podestplätze kämpfen. Wenn es in unsere Richtung läuft, wie in Bahrain oder in der Türkei, sollten wir das Auto auch mal auf Pole Position stellen können und die Chance auf ein paar Siege haben. Alles über die Saison hinaus, ist es viel schwerer vorherzusagen. Die Regeln werden sich tiefgreifend ändern. Die Autos werden komplett andere sein. Ganz anders, als wir es gewohnt sind. Keiner kann sagen, wer da mit der richtigen Lösung ums Eck kommt. Wir hoffen, und sind zuversichtlich, dass wir 2022 und darüber hinaus einen guten Job machen werden.

Wie ist der Ansatz des Teams bei der Entwicklung? Wie werden die Windkanalstunden zwischen 2021 und 2022 aufgeteilt?

Szafnauer: Wir müssen erst einmal sehen, wie wir bei der Performance im Vergleich mit den anderen Teams dastehen. Sind wir dort, wo wir uns sehen? Erfüllen wir unsere Ziele? Dann müssen wir eine strategische Entscheidung treffen, wann wir die Entwicklung des 2021er Autos einstellen, und unsere Aufmerksamkeit komplett dem 2022er Projekt widmen. Diese Entscheidung werden wir wahrscheinlich in den nächsten vier bis sechs Wochen treffen müssen.

Lance Stroll - Racing Point - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Aston Martin - ehemals Racing Point - hat sich den dritten Platz in der Weltmeisterschaft zum Ziel gesetzt.

Wird der Budgetdeckel bereits 2021 einen Unterschied machen?

Szafnauer: Ich denke schon. Mit der Zeit wird es sich natürlich noch mehr auswirken, weil die Obergrenze immer weiter fällt. Wir bewegen uns locker innerhalb der Grenzen. Aber manche Teams müssen sich anstrengen, um unter den Budgetdeckel zu kommen. Sie müssen dafür gewisse Dinge anders machen. Das wird sich auf verschiedene Bereiche auswirken. Wie sie die Rennen angehen. Wie sie das Auto entwickeln können. Bis runter, wie sie täglich ihre Arbeit in der Fabrik verrichten. Auf uns hat das Budget Cap keine Auswirkungen. Wenn man die Saison 2021 mit früheren Jahren vergleicht, als es noch keine Budgetobergrenze gab, werden wir relativ zu den anderen gesehen profitieren.

Was sind die drei größten Schwachstellen, die das Team im Vergleich zu 2019 beseitigen muss?

Szafnauer: Eigentlich glaube ich daran, dass Glück nicht einfach so auftaucht, sondern man es sich erarbeiten muss. Aber ich denke wirklich, dass wir letztes Jahr einfach am Pech gescheitert sind. Wir hatten zwei Motorschäden in Folge. Einmal sind wir an dritter Stelle ausgefallen. Ohne den Schaden in Bahrain wären wir auch Dritter in der WM geworden. Nächstes Beispiel: Lance hatte in Mugello einen Reifenschaden als er Vierter war – auf der Jagd nach dem dritten Platz. Ohne diesen Unfall sind wir Dritter in der Meisterschaft. In der Türkei fuhr er über einen Randstein, es löste sich ein Teil, das unter den Frontflügel rutschte, und ihn aerodynamisch nutzlos machte. Und das in einem Regenrennen. Wenn sich das Leitblech nicht unter dem Flügel verhakt, holt er deutlich mehr Punkte. Das halbe Rennen war er der schnellste Mann. Wieder Pech.

Sie waren in der Vergangenheit ein sehr effizientes Team. Müssen Sie noch lernen, mit den Möglichkeiten und größeren Ressourcen seit dem Besitzerwechsel umzugehen und wie eine Spitzenmannschaft zu agieren?

Szafnauer: Ja, das müssen wir. Wenn man konstant an der Spitze mitmischt, fährt man andere Rennen. Sebastian wird uns dabei helfen. Wir müssen uns daran gewöhnen. Aber wir sind dazu in der Lage. Mit der Zeit werden wir immer öfter an der Spitze kämpfen – und uns da oben auch wohler fühlen.

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