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Fernando Alonso - Alpine - Formel 1 - GP Belgien - 28. August 2021
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Alpine-Pilot Fernando Alonso im Interview

Fernando Alonso im Interview „Ich bin bei 95 Prozent“

Fernando Alonso äußert sich im Interview mit auto motor und sport über sein gelungenes Comeback nach zwei Jahren abseits der Formel 1. Der Spanier ordnet ein, ob er so gut ist wie früher, erklärt seine Stärke, nicht nur einen einzigen Fahrstil zu haben, spricht über Rennintelligenz und die Hoffnung auf 2022.

Erfüllt 2021 Ihre Erwartungen? Was läuft gut, was schlecht?

Alonso: Es ist eingetroffen, was ich erwartet hatte. Ich wusste, welche Schwierigkeiten auf mich zukommen könnten. Wir haben das bei Michaels Rückkehr gesehen. Nachdem ich so viele unterschiedliche Autos fuhr, wusste ich nicht genau, wie es wieder in einem Formel 1-Auto sein wird. Ich muss immer abliefern. Die Leute erwarten das gewisse Extra von mir. Wenn ich so abschneide wie mein Teamkollege, wird das normal als Enttäuschung aufgefasst. Das schafft hohe Erwartungen um meine Person. Nichtsdestotrotz bin ich glücklich über das Comeback. Die Herausforderung war groß, sich mental und körperlich auf diese Autos einzustellen. Nach zwei Jahren ist der Nacken die Belastungen nicht mehr gewohnt, und ich bin nicht mehr 20 Jahre alt. Ich musste Extra-Schichten einlegen im Vergleich zu dem, was ich gewohnt war.

Und die Positionen?

Alonso: Das Ziel ist, zu gewinnen und konkurrenzfähig zu sein. Ich werde nie glücklich über siebte oder achte Plätze sein. Die Hoffnung liegt auf 2022. Aber darauf hoffen auch McLaren, Ferrari und viele andere. Das ist die Aufgabe, die in diesem Comeback noch nicht erledigt ist. Daran arbeiten wir.

Fernando Alonso - Alpine - Formel 1 - GP Italien - Monza - 10. September 2021
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Fernando Alonso sieht Alpine im operativen Bereich bereits top aufgestellt.

Gewonnen hat Alpine bereits mit Esteban Ocon in Ungarn. Sie waren der Königsmacher, indem sie Lewis Hamilton so lange aufgehalten haben.

Alonso: Ich bin glücklich, weil es gut für die Moral des Teams war, einen Sieg zu feiern. Wir haben uns bewiesen, dass wir bereit sind, wenn wir das Paket haben, an der Spitze zu fahren. Boxenstopps und Strategie saßen. Es war ein guter Test unter Druck. Meine Rolle ist es mehr, alle zu motivieren. Und mit meiner Erfahrung auf Bereiche hinzuweisen, wo wir uns verbessern können. Unser Job an der Strecke ist es, ein Team aufzubauen, das in der Lage ist, eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Der andere ist die Performance in der Fabrik, was ein bisschen außerhalb unserer Hände liegt. Was vom Windkanal kommt, von unseren Designern. Wir vertrauen ihnen.

Sie haben Schumacher erwähnt. Als er zurückkam, haben viele gesagt, er sei nicht mehr so gut wie früher. Wie sieht das mit Ihnen aus?

Alonso: Ich würde sagen, ich bin genauso gut oder etwas schlechter als 2018. Ich bin nicht 100 Prozent zufrieden mit meiner Leistung, speziell an Samstagen. Da fällt es mir noch schwer, zu verstehen, wo der Leistungszenit des Reifens ist. Wenn du auf der Outlap eine andere Vorbereitung machst, oder du auf Verkehr triffst, scheint sich der Reifen anders zu verhalten, sobald du pusht und die Runde beginnst. Das habe ich noch nicht völlig verstanden. Ich würde sagen, ich bin bei 95 Prozent. Abgesehen davon bin ich okay.

Ihre Kollegen sagen, Sie hätten einen ganz eigenartigen Fahrstil. Alpine-Einsatzleiter Alan Permane sagt, sie haben gar keinen. Deshalb können Sie sich an alles anpassen, sei es Indy, Le Mans oder die Formel 1. Wer hat recht?

Alonso: Ich denke, Alan. Ich habe keinen spezifischen Fahrstil. Es gibt Dinge, die ich gerne im Auto fühlen will. Wenn alles perfekt ist, lenke ich aggressiv ein. Wenn das Heck solide klebt, mag ich es, zu fahren. Wenn das nicht der Fall ist, ändere ich meinen Stil. Am Sonntag verändert sich das Auto laufend. Du startest mit 100 Kilogramm, hörst mit wenig Benzin auf. Du hast erst frische Reifen, dann nutzen sie ab. Du fährst durch viele verschiedene Phasen, brauchst verschiedene Fahrstile, während des Rennens. Das ist wahrscheinlich meine Stärke.

Was erforderte Anpassung?

Alonso: Zum Beispiel die Servolenkung. Die Informationen, die mir die Lenkung in die Hände gibt. Jedes Team hat eine eigene Philosophie, was die Geometrie der Aufhängung angeht, den Härtegrad der Servo. Für mich hat sich das bei den ersten Testtagen mit Renault im letzten Jahr ziemlich seltsam angefühlt. Und anfangs im Alpine. Bis Baku war ich damit nicht richtig glücklich. Es waren ein paar Anpassungen nötig.

Sie waren bei der Entwicklung des 2021er-Autos nicht von Anfang an involviert. Sind Sie deshalb nur bei 95 Prozent? Werden Sie 2022 automatisch besser, weil sie mehr Einfluss auf das Auto nehmen?

Alonso: Das denke ich. Ein Teil der 95 Prozent ist die Zeit, die ich weg war vom Sport. Mir fehlen zwei Jahre, wo sich die Reifen weiterentwickelt haben. Zweitens ist es Vertrauensmangel gegenüber der Rückmeldung der Lenkung. Nach Baku fühlt es sich zwar besser an, aber es ist nichts, wo ich von Anfang an Teil des Entwicklungsprojekts war. Ich habe mich einfach ein bisschen angepasst. Ich hoffe, es wird damit nächstes Jahr besser. Die Autos werden auch ganz anders zu fahren sein. Vielleicht muss das ganze Fahrerfeld seinen Fahrstil neu ausrichten. Hoffentlich kann ich daraus einen Vorteil ziehen.

Haben die Fahrer 2022 einen größeren Einfluss?

Alonso: Nein, das denke ich nicht. Wir bekommen von den Teams die Info, dass sie jede Woche, jeden Monat mit voller Wucht am Auto arbeiten. Sie finden verschiedene Wege, das Auto zu entwickeln, entdecken Neues, was sie vorher vielleicht nicht vorhergesehen hatten. Es schwebt ein Fragezeichen über allem. Der Fahrer kann momentan nicht viel sagen. Selbst die Ingenieure wissen nicht genau, wohin sie gehen sollen. Sie suchen nach dem Weg. Für die Fahrer wird es auf die ersten drei Monate 2022 ankommen. Da müssen wir mehr in den Simulator, müssen mehr in die Fabrik, und müssen generell mehr Sachen machen, als in einem gewöhnlichen Winter, weil es für alle neu wird.

Hat der Blick von außen auf die Formel 1 geholfen?

Alonso: Ja, das hat geholfen. Ich habe die Formel 1 in der Pause mit anderen Augen gesehen. Ich bin mit einem besseren Verständnis für den Sport zurückgekehrt. Das Marketing, die PR-Arbeit, die Fans: Selbst die Aktivitäten abseits der Strecke sind wichtig. Damals hat es sich angefühlt, als würde ich nur Zeit verlieren. Es öffnet den Blickwinkel, verschiedene Autos in verschiedenen Serien mit verschiedenen Fahrstilen zu fahren, in verschiedenen Teams mit verschiedenen Ansätzen zu arbeiten.

Fernando Alonso - Alpine - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - Donnerstag - 23.09.2021
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Alonsos letzter Sieg in der Formel 1 liegt bereits über acht Jahre zurück.

Wie haben Sie die Rennen angeschaut? Lässig auf der Couch oder mit Monitoren für Zwischenzeiten und so weiter?

Alonso: Entspannt. Vom freien Training habe ich mir die ersten Minuten angeschaut, wo die Autos mit leeren Tanks fahren. Als die Teams aufgetankt haben, habe ich abgeschaltet. Ich würde sagen, ich bin nicht zu tief eingetaucht.

Es gibt keinen, der ein Rennen so lesen kann wie Sie. Wann haben Sie das gelernt?

Alonso: Ich könnte sagen, Erfahrung spielt eine große Rolle. Aber dann würde ich lügen. 2003 oder 2004 habe ich mich schon genauso verhalten, die Rennen genauso gelesen. Der Kartsport war sicher eine große Hilfe. Es ist einfach ein Instinkt, den du dort entwickelst. Im Kartsport musste ich damit leben, nie Topmaterial zu haben. Meine Familie hatte nur bescheidene Mittel. Wir brauchten Perfektion, um konkurrenzfähig zu sein. Das hat zu einem frühen Zeitpunkt ein paar Sinne mehr geschärft.

In Silverstone haben Sie bewusst einen DRS-Zug aufgebaut, um sich gegen Pérez zu schützen. Woher wissen Sie denn, was weit hinter Ihnen passiert?

Alonso: Ich sehe es auf den großen Leinwänden rund um die Strecke. Das Team gibt mir zusätzlich Informationen. "Pérez kommt, er ist zwei Sekunden schneller als du." Ich hatte das Gefühl, der Aston Martin hinter mir hat nicht die Pace, mich zu überholen. Er war der beste Schutz. Das funktioniert nicht immer. Manchmal machst du so was, und dich überholen zwei Autos statt nur einem, weil du zu clever sein wolltest.

In Zandvoort haben Sie anfangs bewusst langsam gemacht, um Reifen zu schonen. Woher kommt die Disziplin, langsamer zu fahren, als man könnte?

Alonso: Weil du oft gescheiterst bist. Du warst mal der Typ, der die Reifen zu hart rangenommen hat, und dann zweimal stoppen musste statt nur einmal. Das sind harte Lektionen. Das speicherst du auf der Festplatte, und rufst es wieder ab. Zandvoort war eigenartig, weil niemand etwas über die Strecke oder das Reifenverhalten wusste. Wir hatten keine Infos aus der Vergangenheit. Unsere Vorhersage vor dem Rennen sagte, wir überholen Giovinazzi und das war’s. Die Ferrari, McLaren, Red Bull und Mercedes waren unseren Kalkulationen nach unerreichbar. Wir waren schnell vor Giovinazzi. Das war unsere "Sieg-Position" zu diesem Zeitpunkt. Ab da managst du, wie es manchmal in Monaco der Fall ist. Für mich war das, wie auf Platz 1 zu sein. Du brauchst Disziplin, musst ruhig sein in angespannten Momenten.

In Italien haben Sie gesagt, Ihr Auto sei das siebtschnellste, aber Ihr Team das beste. Ist Alpine operativ schon spitze?

Alonso: Ich denke ja. Alpha Tauri ist mit Gasly klar schneller als wir. Sogar schneller als Ferrari, würde ich sagen. Aston Martin ist je nach Strecke ein bisschen schneller. Wir haben also das sechst- oder siebtschnellste Auto. Und trotzdem holen wir jeden Sonntag Punkte. Das kann nur bedeuten, dass das Team bestmöglich im Rennen vollstreckt. Die Vorbereitung gut ist. Keine Fehler – von den Fahrern, von den Strategen, bei den Boxenstopps, bei der Reifenauswahl. Die letzten vier oder fünf Jahre, wo man nicht so wettbewerbsfähig war, waren eine Schule. Durch Schwierigkeiten wächst du schneller. Daumen drücken, dass 2022 ein konkurrenzfähiges Auto aus der Fabrik rollt. Das ist das Einzige, was fehlt.

Alonso & Ocon - Formel 1 - GP Ungarn - 2021
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Erster Sieg für Alpine: Alonso hielt Teamkollege Ocon den heranstürmenden Hamilton vom Leib.

Was macht Sie sicher, die Wette auf sich zu gewinnen?

Alonso: Ich sehe das Alter nicht als Limitierung. In diesem Sport zählt, was die Stoppuhr misst. Wenn ich zurückgekommen wäre, und Esteban eine halbe Sekunde oder Sekunde schneller gewesen wäre, dann hätte man mich vielleicht als Träumer abstempeln können, noch eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Ich fühle, ich bin so schnell wie jeder andere. Wenn ich ein konkurrenzfähiges Auto habe, bin ich sicher, dass ich das gewisse Extra bringe, um um die WM zu kämpfen. Ich weiß, dass das Alter ein Thema ist. Wenn Kimi aufhört, bin ich der älteste. Jedes Rennen wird es einen neuen Rekord des Ältesten geben und so weiter. Aber so fühle ich mich nicht. Die Stoppuhr oder meine Motivation wird mir sagen, wann ich aufhören muss. Meine Motivation hat mir das vor zwei Jahren gesagt. Damals war ich nicht der Älteste. Ich wollte nicht weitermachen, weil ich zu vieles im Kopf hatte, und nicht mehr die Formel 1. Le Mans etwa. Jetzt ist es anders. Die Motivation ist da. Nur die Formel 1 ist in meinem Kopf.

Wären Sie ohne die neuen Regeln zurückgekommen?

Alonso: Nein.

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