Mario Isola - Pirelli - Formel 1 - 2019 Motorsport Images
Daniel Ricciardo - Porträt & Helm - Formel 1 - 2020
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Interview mit Pirelli-Rennleiter Mario Isola

Was passiert mit den produzierten Reifen?

Die Corona-Krise trifft die Formel 1 mit voller Wucht. Auch Reifenlieferant Pirelli. Im Interview sprechen wir mit Rennleiter Mario Isola über die Auswirkungen auf Produktion und Logistik, verschobene Testfahrten und den wahrscheinlichen Marathon-Kalender im zweiten Halbjahr.

Was bedeutet die Verschiebung der neuen Formel-1-Autos von 2021 auf 2022 für Pirelli?

Isola: Wir stecken mitten in der Entwicklung für die 18-Zoll-Räder. Aber weil die Chassis-Regeln aufgeschoben werden, machen wir im nächsten Jahr mit 13 Zoll weiter. Die Entscheidung der FIA ist noch frisch. Wir befinden uns täglich im Austausch mit der FIA und müssen genau verstehen, wie die Pläne für die Zukunft aussehen.

Die Aufstellung von Plänen ist alles andere als einfach.

Isola: Die Situation ändert sich durch das Virus täglich. Jeder versucht, auf diese ungewöhnliche Lage zu reagieren. Wir versuchen, alles zu organisieren. Nicht nur die zukünftige Reifenentwicklung, sondern auch die Produktion der Reifen für die diesjährige Weltmeisterschaft. Wann immer sie auch startet. Wir müssen Prioritäten setzen, um die Situation mit der notwendigen Flexibilität zu handhaben.

Wie steht es um die Reifentests mit den 18 Zoll-Rädern? Es sollte ja noch ein paar in diesem Jahr geben.

Isola: Das Thema 18-Zoll-Räder ist im Moment aufgeschoben. Wenn wir die 18-Zoll-Reifentests verschieben müssen, werden wir im Voraus einen Plan für 2021 erstellen, um die Reifen richtig testen zu können.

Die Formel 1 arbeitet an einem neuen Kalender. Ziel ist es, überhaupt zu fahren und so viele Rennen wie möglich unterzubringen. Chase Carey spricht von 15 bis 18 Stück. Es sollen viele Rennen in wenigen Monaten stattfinden. Ist es ein Problem für Pirelli, die Reifen dafür zu liefern?

Isola: Es gibt noch keine offiziellen Ankündigungen, wie der Kalender aussehen könnte. Die meisten Rennen sind verschoben, nicht gestrichen. Das bedeutet, dass es Pläne gibt, die Rennen zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Aus meiner Sicht sind wir in derselben Situation wie die Teams. Wir müssen die Auswirkungen auf Produktion und Logistik beachten. Ein komprimierter Kalender hat auf beides Auswirkungen. Die Reifen, die wir für Bahrain und Vietnam produziert haben, können wir weiter verwenden. Sie lagern in temperaturgeregelten Containern. Die Produktion für andere Rennen läuft bereits. Aber je nachdem, wie der neue Kalender aussieht, wir müssen unsere Pläne anpassen. Sobald wir den Entwurf haben, machen wir unsere Analysen. Nicht nur für die Reifen, sondern auch die Ausrüstung und das Material, das wir an die Strecke bringen müssen.

Pirelli - Reifen - Formel 1 - Testfahrten - Barcelona 2020
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Viele Rennen innerhalb kurzester Zeit: Auf Pirelli wartet wie auf die Teams eine Mammutaufgabe.

Bis zu welchem Grand Prix haben Sie die Reifen schon produziert?

Isola: Es ist ein Mix zwischen europäischen Events und Übersee-Rennen, die mehr Zeit beanspruchen wegen der Logistik. Die Produktion ist auf die Deadlines der FIA ausgerichtet, was die Reifenauswahl der Teams anbetrifft. Bei den Rennen außerhalb Europas sind wir bis Baku gekommen. Die Deadline für die Reifennominierung für Aserbaidschan war der 27. Februar. Da bekamen wir die Information, welche Reifen wir herstellen müssen. Deshalb lief diese Produktion bereits. Für Zandvoort hatten die Teams uns ihre Listen geschickt. Da lag die Deadline Anfang März. Für Spanien war es der 12. März. Für Monaco hatten wir die Produktion noch nicht gestartet.

Bis wann muss Pirelli normalerweise Bescheid wissen, um die Produktion zu beginnen?

Isola: Für gewöhnlich bitten wir bei Überseerennen um 14 Wochen um Vorlaufzeit. 15 Wochen vor einem Rennen müssen wir die Reifenauswahl für die drei Mischungen treffen. Dann wählen die Teams die Anzahl ihrer Sätze aus. 14 Wochen sind die Zeit, die wir benötigen, um die Reifen herzustellen und zu liefern. Unter diesen speziellen Umständen können wir mehr Flexibilität schaffen, um die Zeitspanne zu verkürzen. Aber wie jedes andere Team oder jede andere Firma unterliegen wir Restriktionen. Viele unserer Leute sind gezwungen, von zu Hause aus zu arbeiten. Fabriken und Lager werden mit reduzierter Mannstärke betrieben. Wir müssen mit diesen zusätzlichen Problemen umgehen.

Wo stellt Pirelli die Reifen her?

Isola: Wir produzieren alle unsere Formel-1-Reifen in Rumänien in einer Fabrik in Slatina. Dort werden auch die Formel-2-Reifen hergestellt, während die Reifen für die Formel 3 in der Türkei produziert werden.

Steht die Reifenproduktion aktuell still?

Isola: Nicht ganz. Es gibt keinen Shutdown. Aber klar, die rumänische Regierung beobachtet wie die ganze Welt die Situation. Wir haben die Produktion verlangsamt, und warten, bis wir einen Entwurf des überarbeiteten Kalenders haben. Die Reifen, die wir noch herstellen, können wir ins Lager packen, und für jedes Rennen nutzen. Die Alterung eines Motorsportreifens ist nicht so dramatisch. Wir können Reifen noch nutzen, die zwischen sechs und zehn Monaten gelagert wurden. Die Produktion für das China-Rennen zum Beispiel wurde nicht ausgeliefert, sondern lagert in Großbritannien.

Also gibt es eine gewisse Flexibilität.

Isola: Ganz genau.

Viele Szenarien werden durchgespielt. Es könnte sogar vier Rennwochenenden in Folge geben. Ist das möglich?

Isola: Die Hauptbeschränkung liegt auf dem Equipment, das wir außerhalb Europas nutzen. Da sind wir in der selben Situation wie die Teams. Ich will nicht einfach sagen, dass alles möglich ist. Wir müssen auch an die Menschen denken: Wie stressig ist es für sie, drei oder vier Rennen am Stück zu haben? Wir haben das mit dem Triple-Header vor zwei Jahren schon einmal durchgemacht. Ich kann mir nicht vorstellen, vier Rennen am Stück zu haben, und zwischendurch vielleicht sogar den Kontinent zu wechseln. Das wäre noch schlimmer. Wir organisieren uns nicht mit zwei verschiedenen Crews, wie es zum Beispiel in der Nascar-Serie der Fall ist. Auch kein Team unterhält zwei Crews, die sich abwechseln könnten. Vier Rennen ohne Pause könnten zu viel sein. Speziell für die Mechaniker, die körperlichen Strapazen ausgesetzt sind. Vor zwei Jahren war Silverstone das letzte von drei aufeinander folgenden Rennen. Unsere Mechaniker und Reifen-Aufzieher waren sehr, sehr müde am Ende.

Chase Carey - Liberty Media - Mario Isola - Pirelli - Formel 1
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Formel-1-Boss Chase Carey und Pirelli-Rennleiter Mario Isola, hier in Japan 2019. Kommunikation ist in der aktuellen Lage entscheidend.

Wären zwei Rennen an einem Wochenende ein Problem?

Isola: Das hängt von den Reifensätzen ab, die wir für jedes Auto bereitstellen müssen. Im Moment ist unsere Logistik auf 1.800 Reifen ausgelegt, die wir zu jedem Event bringen. Sollten wir stattdessen 3.000 liefern müssen, brauchen wir mehr Trucks, mehr Container, mehr Leute. Es gibt auch Beschränkungen im Fahrerlager. Können Sie sich vorstellen, dass wir Container für 3.000 Reifen aufstellen, zum Beispiel in Montreal? Da müssten wir sie im Wasser abstellen, weil sonst nirgendwo Platz ist. Es geht also nicht nur um zusätzliche Reifen. Wir müssen alle Auswirkungen auf veränderte Rennformate bedenken. Wir könnten natürlich zusätzliche Kräfte mobilisieren aus Formel 2, Formel 3 oder anderen Meisterschaften.

Was bedeutet es für Pirelli, weniger Rennen zu haben?

Isola: Uns geht es wie den Teams. Wir sind in der Formel 1 wegen der Sichtbarkeit. Wir wollen unsere Marke präsentieren. Weniger Rennen bedeuten weniger Außenwirkung. Aber in dieser Situation müssen wir vernünftigen Lösungen die Priorität einräumen, und alles ganzheitlich betrachten. Wir haben ein anderes Vertragsmodell als die Teams. Wir kriegen kein Geld von der FOM für jedes Rennen. Wir sind ein Technik-Partner der Weltmeisterschaft. Wir investieren Geld in die Meisterschaft. Der Return-on-Investment fällt mit weniger Rennen geringer aus.

Nicht zu reisen spart ihnen aber Geld.

Isola: Es gibt verschiedene Auswirkungen. Wir sparen Geld, weil wir nicht reisen. Aber ein komprimierter Kalender in der zweiten Jahreshälfte treibt wiederum die Kosten nach oben. Back-to-back-Rennen sind nicht einfach zu organisieren. Die Flüge, der Transport innerhalb kurzer Zeit: Da muss alles stimmen. Es fällt uns schwer, eine Schätzung zwischen Kosten und Nutzen, ohne einen Kalender zu ziehen.

Schauen wir nochmals auf die Reifen für 2021. Es wäre das dritte Jahr für die aktuelle Spezifikation. Oder entwickeln Sie ein neues Produkt?

Isola: Es hängt davon ab, ob wir irgendeine Möglichkeit zum Testen bekommen. Gibt es unter den aktuellen Umständen überhaupt Möglichkeiten dazu? Besonders wenn wir uns vor Augen führen, dass wir im zweiten Halbjahr eine Weltmeisterschaft haben wollen, die komprimiert sein soll mit vielen Rennen in Europa und außerhalb. Ich bin nicht sicher, ob da noch Zeit für Tests bleiben. Ohne Tests sehe ich keine andere Möglichkeit, als mit den aktuellen Reifen weiterzufahren. Vergessen Sie nicht, dass wir Mitte 2019 beschlossen haben, die Entwicklung der 13-Zoll-Räder einzustellen, damit wir uns auf 18 Zoll konzentrieren können. Klar könnten wir die Entwicklung wieder aufnehmen. Aber dafür bräuchten wir ein paar Testgelegenheiten. Das müssen wir mit den Teams besprechen.

Die Aerodynamik entwickelt sich weiter, die Autos werden schneller werden. Halten das die Reifen dann noch aus?

Isola: Es ist dieselbe Situation, mit der wir uns schon 2020 auseinandersetzen. Die Autos entwickeln sich weiter, wir bleiben aber auf den alten Reifen. Wir müssen natürlich auf die gesteigerte Performance reagieren. Zum Beispiel mit höheren Reifendrücken, um das richtige Level für Widerstandsfähigkeit zu erreichen. Offensichtlich können wir unter diesen Umständen mit mehr Überhitzung und einem anderen Level an Reifenabbau rechnen. Aber der Reifen hält das mit einem erhöhten Luftdruck durch.

Das Interview führten wir am 20. März.

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