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Interview mit McLaren-Teamchef Seidl

„Im Mittel das viertbeste Auto“

McLaren ist ein heißer Anwärter auf den dritten WM-Platz. Teamchef Andreas Seidl spricht über die Stärken und Schwächen von Team und Auto – und blickt voraus auf 2021, 2022.

Wie fällt das Fazit zur Saisonhalbzeit aus? Hat McLaren die gesteckten Ziele für 2020 erreicht?

Seidl: Ganz klar. Wir haben als Team und mit dem Auto den nächsten Schritt gemacht. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir irgendwann mal wieder dorthin kommen, wo McLaren früher einmal war – nämlich wieder ganz vorne mitzukämpfen. Von daher ziehe ich ein positives Zwischenfazit. Wir sind Dritter in der Meisterschaft. Das hatten wir vor der Saison nicht erwartet. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir viele Punkte haben, in denen wir uns verbessern müssen. Die Messlatte ist Mercedes. Wir haben sowohl operativ als auch mit dem Auto klare Defizite, die wir kennen. Wir lassen uns von den guten Ergebnissen nicht blenden. Im Mittel haben wir bei der Fahrzeugperformance das viertbeste Auto. Das ist ein Schritt vorwärts im Vergleich zu 2019. Damals wurden wir zwar Vierter, hatten im Mittel aber das fünftschnellste Auto.

2019 war das Auto zu abhängig von Streckenlayout, Wetter und Reifen. 2020 ist die Konstanz besser, oder?

Seidl: Das ist eine unserer Stärken im Vergleich zu den anderen im Mittelfeld. Wir haben ein Auto, mit dem wir unabhängig vom Streckentyp immer in der Lage waren, ins Q3 zu fahren. Wir können am Sonntag immer gute Punkte machen. Renault und Ferrari haben deutlichere Schwankungen in ihren Leistungen. Das zeigt, dass wir mit unserem Auto eine gute Basis haben. Unsere Fahrer liefern immer ab, wenn es zählt. Wir haben auch bezüglich der Rennstrategie und deren Umsetzung zusammen mit den Fahrern – die einen super Job machen bei den Rennstarts, wenns ums Überholen geht, die keine Fehler machen – einen Fortschritt erzielt. Eine riesige Verbesserung ist uns bei der Haltbarkeit gelungen. 2019 hatten wir da einige Themen – sowohl auf der Team- als auch der Antriebsseite. Bislang hatten wir nur einen Ausfall. Die harte Arbeit über den Winter hat sich ausgezahlt.

Carlos Sainz - McLaren - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
xpb
McLaren ist gut unterwegs: In Monza kletterte Sainz auf das Podest, zum Saisonauftakt in Spielberg Teamkollege Norris.

Wie viel besser ist das Auto?

Seidl: Wir haben unsere Matrix, die den Abstand zu Mercedes festhält. Wir haben selbst den Abstand zu ihnen verringern können. Nicht um viel, aber immerhin. Im Vergleich zu Red Bull haben wir den Rückstand um einiges verkürzt. Das zeigt, dass wir entwicklungsseitig unter der Leitung von James Key sehr gut arbeiten.

Von welchem Fortschritt sprechen wir da?

Seidl: Der Rückstand auf Mercedes ist im Mittel bei knapp über einer Sekunde. Wir haben mit dem Auto über den Winter einige Zehntel gemacht.

Welche Truppe haben Sie im Mai 2019 bei Arbeitsantritt vorgefunden und wie steht sie heute da?

Seidl: Grundsätzlich muss ich sagen, dass schon einige der Entscheidungen gefruchtet haben, die vor meiner Ankunft getroffen wurden. Das Team war mit dem Auto schon deutlich besser unterwegs als in den Jahren zuvor. Das hat mir den Einstieg erleichtert. Ich konnte die Schwächen in Ruhe analysieren, und einen Plan ausarbeiten, wie wir die nächsten Jahre angehen wollen. Durch die gute Performance stand ich nicht von Tag eins an mit dem Rücken zur Wand – zusammen auch mit James Key, Andrea Stella und Piers Thynne. Ich glaube, meine drei Führungsspieler und ich haben es geschafft, der ganzen Mannschaft eine klare Richtung vorzugeben, die Schwächen im Team und am Auto aufzuzeigen, damit wir alle in eine Richtung arbeiten. Die Energie, die in so einem Team schlummert, wurde konzentriert. Der Spirit, den wir an der Strecke und in der Fabrik haben, ist die Basis für die Fortschritte.

Wo sind die Defizite am Auto?

Seidl: Im Vergleich zu Mercedes überall. Unsere größte Schwachstelle sind weiter die langsamen Kurven. Dort verlieren wir im Vergleich zur Konkurrenz die meiste Zeit. Wir arbeiten daran – sowohl auf der aerodynamischen als auch der mechanischen Seite.

Wie realistisch ist Platz drei in der Weltmeisterschaft?

Seidl: Racing Point hat im Mittel das stärkere Auto hat. Ich glaube trotzdem, dass wir mit unseren Fahrern, der Teamperformance und mit unseren Weiterentwicklungen um den dritten Platz kämpfen können. Wir kämpfen nicht nur gegen Racing Point. Renault hat einen guten Fortschritt gemacht seit Spa. Es wird um die Entwicklungen gehen. Und darum, die Rennwochenenden optimal auszuschöpfen. Wir müssen die Qualifyings in den Kasten bringen, ins Q3 einziehen und am Sonntag die Rennen maximieren – in Bezug auf Strategie, Boxenstopps und Haltbarkeit.

Carlos Sainz - McLaren - GP Toskana - Mugello - Formel 1 - 11. September 2020
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In Mugello testete McLaren eine neue Nase.

Racing Point hat seit mehreren Wochen ausschließlich das 2021er Auto im Windkanal? Was kommt noch von McLaren?

Seidl: Wir fahren im Moment noch zweigleisig. Wir werden in absehbarer Zeit aber den Switch auf 2021 machen. Wir planen für die zweite Saisonhälfte noch weitere Upgrades, und schauen auch positiv gestimmt auf 2021. In Mugello haben wir experimentelle Teile getestet, mit denen wir eine gewisse Entwicklungsrichtung bestätigen wollen. Wenn es positiv ausgeht, wollen wir sie fix ans Auto bringen.

Sie wechseln 2021 zu Mercedes-Motoren. Was bringt das an Rundenzeit?

Seidl: Dazu darf ich nichts sagen. Sie sind die Benchmark in diesem Sport. Es gibt für uns nichts Besseres, als ihren Antriebsstrang zu haben. Dann wissen wir genau, wo wir mit dem Team und dem Auto stehen. Das ist die bestmögliche Referenz.

Viele Entwicklungsbereiche werden für 2021 eingefroren. Doch es gibt ein paar größere Einschnitte an Unterboden und Diffusor. Kann es da doch zu größeren Verschiebungen kommen, als man zunächst annehmen würde?

Seidl: Lassen wir Mercedes und Red Bull mit Max Verstappen außenvor. Im Mittelfeld geht es so eng zu. Ich glaube, dass es mit den Freiheiten, die es noch bei der Aerodynamik gibt plus der unterschiedlichen Applikation des Token-Systems, sich das Kräfteverhältnis durchaus verschieben kann.

Wie groß ist die Vorfreude auf Daniel Ricciardo?

Seidl: Die ist natürlich groß. Er ist ein mehrfacher Rennsieger und dadurch eine Referenz, die uns im Team momentan noch fehlt. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ein gewichtiger Baustein für unsere starken Leistungen 2019 und aktuell unsere starke Fahrerpaarung ist. Wir werden uns mit Daniel definitiv nicht verschlechtern. Er hat gezeigt, dass er mit dem richtigen Material gewinnen und gegen die Besten in diesem Sport bestehen kann.

Wie sehen Sie Norris im Vergleich zu Verstappen oder Leclerc?

Seidl: Du kannst die Fahrer nur vergleichen, wenn sie im selben Auto sitzen. Man darf nicht vergessen, dass es für Lando erst das zweite Jahr in der Formel 1 ist. Mit allem, was wir bisher gesehen haben, und dem Sprung, den er gemacht hat in dieser Saison, hat er alles, um ein Topfahrer zu werden.

Wo hat er sich verbessert?

Seidl: In der Qualifikation war er 2019 schon bockstark. Grundsätzlich hat er sich als Persönlichkeit weiterentwickelt. Und natürlich auch als Fahrer in der Herangehensweise an Rennwochenenden. In der Vorbereitung zusammen mit den Ingenieuren hat er einen Schritt gemacht. Beim Management seines Energielevels über eine sehr intensive Saison hat er sich ebenfalls verbessert. Er ist noch konstanter. Vor allem in den Rennen hat er einen Schritt gemacht. Wie er die Starts vollzieht, wie aggressiv er in die erste Runde reingeht; in Bezug auf das Reifenmanagement und den strategischen Überblick. Was heraussticht, ist die Fehlerquote, die quasi bei null ist.

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Ungarn - Budapest - 18. Juli 2020
Wilhelm
An den Boxenstopps muss McLaren weiter arbeiten.

McLaren hat viel Geld in neues Equipment investiert. Warum hakt es trotzdem noch bei den Boxenstopps?

Seidl: Das ist ein Bereich, in dem wir noch nicht dort sind, wo wir sein wollen. Wenn wir zwischen 2019 und 2020 vergleichen, bin ich mit unserer Entwicklung auf der Ausrüstungsseite glücklich. Wir haben in diesem Jahr noch keinen katastrophalen Boxenstopp erlebt. 2019 haben die Autos zweimal das Rad verloren und die Fahrer mussten abstellen. Wir sind robuster unterwegs. Gleichzeitig haben wir den Speed und die Konstanz verloren. Es gibt leider keine Abkürzung. Wir arbeiten intensiv, um uns ständig zu verbessern, und wieder auf den Speed zu kommen. In den letzten Rennen haben wir es geschafft, konstant Boxenstopps unter drei Sekunden abzuwickeln. In Monza haben wir trotz eines Doppelstopps den zweit- und drittschnellsten Reifenwechsel erzielt. Wir sind richtig unterwegs.

Was machen die Infrastruktur-Projekte wie Windkanal und Simulator?

Seidl: Wir haben einen klaren Plan, was wir innerhalb der Restriktionen, die uns das Budget Cap auch auf der Investmentseite vorgibt, alles an den Start bringen wollen. Es ist klar, dass wir im Vergleich zu den großen Teams – Mercedes, Red Bull, Ferrari und auch Renault – hier Defizite haben. Das größte Projekt ist die Erneuerung unseres Windkanals in Woking. Ich gehe davon aus, dass es noch zwei Jahre dauern wird, bis er fertig ist. Für das 2022er Auto wird es keinen Einfluss haben. Gleichzeitig bin ich optimistisch, dass wir nach Abschluss der Investitionsphase die Infrastruktur zusammenhaben, um die gleichen Werkzeuge wie die Topteams zu haben. Das ist Voraussetzung, um in Zukunft wieder um Rennsiege zu kämpfen.

Wie lautet der Marschplan?

Seidl: Wir müssen realistisch bleiben, bis die Infrastruktur am Start ist. Wir haben noch viele Punkte, in denen wir uns verbessern müssen. Ich wäre happy, wenn wir 2023, 2024 um Siege kämpfen könnten.

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