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Interview mit McLaren-Boss Zak Brown

„Sechs Teams mit gleichen Chancen“

McLaren gilt trotz finanzieller Turbulenzen als einer der Gewinner der großen Regelreform. Wir haben mit Chef Zak Brown über die Chancen und Risiken des Kostendeckels gesprochen, über geringere Einnahmen und Sparmaßnahmen und darüber, warum Sebastian Vettel nicht auf dem Wunschzettel stand.

Es gibt viele alarmierende Berichte über McLaren. Wie ernst ist die Lage?

Brown: Die Probleme sind gelöst. In den nächsten Tagen hören Sie positive Nachrichten von uns.

Können Sie mit der avisierten Geldspritze wieder alles das tun, was sie tun wollen oder muss sich McLaren einschränken?

Brown: Wir sind in der Lage, den Kostendeckel voll zu nutzen und unser Programm so abzuspulen, wie geplant. Zusammen mit einem starken Fahrerduo bringt uns das zurück auf die Straße, auf der am Ende Siege und Titel stehen sollen. Wir sind wieder im Geschäft.

Sind Sie mit den Kostensenkungsmaßnahmen der FIA zufrieden, oder wäre da noch mehr drin gewesen?

Brown: Ich bin happy. 175 Millionen Dollar waren einfach zu viel. Mit 145 und später 135 Millionen werden jetzt einige Teams in der Lage sein, Geld zu verdienen. Das wird den Wert der Formel 1-Aktie steigern, und das freut auch unsere Aktionäre. Diese 40 Millionen Differenz bringen mich jetzt bei guten Sponsorabschlüssen in die Lage, profitabel zu wirtschaften. Mit 175 Millionen wäre das nicht möglich gewesen. Für unsere Anteilseigner heißt das: Sie bekommen ein gewinnbringendes Rennteam, das auf dem Papier die gleiche Chance wie alle anderen hat, Rennen und Titel zu gewinnen. In fünf Jahren wird McLaren Racing viel mehr wert sein als heute.

Es gab Gerüchte, dass die Anteilseigner den Bau des neuen Windkanals und des Simulators auf Eis gelegt haben. Stimmt das?

Brown: Als Corona ausbrach, wurden alle Programme gestoppt. Unsere Anteilseigner wollten erst einmal sehen, wie sich die Lage entwickelt. Jetzt, wo das finanzielle Problem aussortiert ist, werden diese Programme wieder langsam angeworfen. Ein paar Unsicherheiten gibt es immer noch. Wir kennen noch nicht die endgültige Anzahl von Rennen und die Einnahmen der Formel 1 in diesem Jahr. Wir wissen auch noch nicht, ob es eine zweite Infektionswelle geben wird. Deshalb sind wir noch vorsichtig.

Zak Brown & Andreas Seidl - McLaren - F1 - 2019
xpb
Andreas Seidl und Zak Brown wollen McLaren wieder zu einem Sieger-Team formen.

Sie waren der Anführer der Fraktion, die den Budgetdeckel auf 100 Millionen Dollar senken wollte. Haben Sie das Unmögliche gefordert, um das Mögliche zu bekommen?

Brown: Es ist eine gängige Taktik mit höheren Forderungen einzusteigen um am Ende das zu bekommen, was akzeptabel ist. Ich glaube, wir haben uns in der Mitte getroffen. Wir haben 100 Millionen in den Ring geworfen. Die Gegenpartei wollte bei 175 Millionen bleiben. Die 145 und später 135 sind eine gute Grenze. Ich glaube, dass fünf oder sechs Teams in der Lage sein werden, den Budgetdeckel voll auszuschöpfen. Das bedeutet einen wesentlich besseren Wettbewerb und ist großartig für den Sport.

Wir können damit die Lücke zu den drei Teams schließen, die derzeit mehr ausgeben als wir. Aber es ist auch Risiko dabei. Es wird auch einige Teams hinter uns die Möglichkeit geben, zu uns aufzuschließen. Wir waren bereit, auch mit 175 Millionen am Budgetlimit zu fahren. Das wären dann vier Tams gewesen. Jetzt kommen zwei dazu. Ich rechne mit Aston Martin und Alpha Tauri, weil Red Bull seine Ressourcen auf seine beiden Teams aufteilen wird. Es könnten dann also sechs Teams den Budgetdeckel ausschöpfen.

Wir haben also in Zukunft einen Sport, bei dem mehr als die Hälfte der Teams mit ähnlichem Budget antritt. Das verspricht mehr Abwechslung. Es wird sich nichts daran ändern, welche Teams die Weltmeisterschaft am häufigsten gewinnen. Das werden vier oder fünf Teams unter sich ausmachen. Ich kann mir aber ein Szenario wie in der IndyCar-Serie vorstellen. Da geht der Titel auch immer an einen Fahrer von Penske, Andretti oder Ganassi. Aber es können auch andere gewinnen. Rahal, Coyne oder wir mit unserem neuen Team. Ich hoffe, dass McLaren zu den vier oder fünf Teams zählen wird, die den Titel gewinnen können. Es werden aber acht oder neun Teams sein, die ein Chaos-Rennen mit Wetterwechsel oder Startcrash für sich entscheiden können.

Wie viel muss McLaren umstellen, um mit einem Budgetdeckel von 145 Millionen Dollar zu fahren?

Brown: Es ist auch für uns ein deutlicher Einschnitt. Wir haben schon vermeldet, dass wir uns von 70 Mitarbeitern trennen mussten. Es werden weitere Schritte nötig sein, vor allem, wenn der Kostendeckel auf 140 und 135 Millionen Dollar sinkt. Wir sind gerade dabei, uns die Maßnahmen zu überlegen, die nötig sein werden, wenn jedes Jahr weitere fünf Millionen aus dem Budget geschnitten werden. Da wir immer am Budgetlimit operieren wollen, müssen wir 2022 und 2023 diese Fünf-Millionen-Dollar Anpassungen vornehmen.

Wird es eine optimale Lösung für das Problem geben oder zehn individuelle?

Brown: Ich glaube, jedes Team wird seine eigene beste Lösung finden. Wir alle sind einzigartig, haben unterschiedliche Ressourcen und Strukturen. Nehmen Sie Red Bull. Kein anderer Rennstall hat ein Schwesterteam. Wenn ich Helmut Marko wäre, würde ich mir überlegen, wie ich im letzten Schritt 270 Millionen Dollar auf meine zwei Teams verteile. Das ist die Gelegenheit für Red Bull, zwei Teams mit gleicher Ausstattung und gleichen Chancen zu schaffen. Sie hätten dann vier Autos, die Rennen gewinnen können. Ich würde es an ihrer Stelle so tun. Mercedes und Racing Point werden ein anderes Modell entwerfen, bei dem jeder vom anderen maximal profitiert. Wir stehen allein da, bauen unser Rennauto auf einem weißen Blatt Papier, während Racing Point sich an der Ladentheke von Mercedes bedienen kann.

Helmut Marko glaubt, dass McLaren aus dieser Revolution als Gewinner hervorgehen könnte, weil sie am nächsten dran sind an dem, was in Zukunft verlangt wird?

Brown: Ich glaube, da können viele als Gewinner hervorgehen, wenn sie alles richtig machen. Zuerst einmal ist diese Reform gut für alle von uns. Für uns ganz speziell. Wir sind jetzt nicht mehr in einer Position, in der uns etwas fehlt. Es gab Zeiten, da zählte McLaren neben Ferrari und Williams zu den reichsten Teams. In den letzten fünf Jahren haben uns 150 Millionen Dollar auf Ferrari, Mercedes und Red Bull gefehlt. Dieses Defizit kannst du nicht wettmachen. Es ist einfach zu groß. Jetzt kämpfen wir auf Augenhöhe. Das gibt uns eine Chance, die wir in den letzten fünf Jahren einfach nicht hatten.

Um wie viel größer ist die Herausforderung für Ferrari, Mercedes und Red Bull, sich an die Budgetdeckelung anzupassen? Wird ihnen das schaden?

Brown: Es ist eine große Herausforderung für uns und eine riesige für die drei Topteams. Trotzdem sehe ich Red Bull als einen möglichen Profiteur. Aus den Gründen, die ich schon erklärt habe. Sie werden sich mit zwei Teams am einfachsten tun, ihr Personal und ihre Ressourcen bestmöglich aufzuteilen und die Technologie perfekt für beide zu nutzen. Mercedes und Ferrari haben es da schwerer. Deshalb überlegen sich beide, neben der Formel 1 in anderen Rennserien anzutreten, um möglichst wenig Leute entlassen zu müssen und in der gleichen Branche unterzubringen. Wenn sie das täten, wäre das großartig für den Sport. Die große Aufgabe ist es für sie, einen Job, den sie bislang mit 1.200 Leuten gemacht haben, in Zukunft mit 750 Leuten zu machen. Und das ist nicht einfach. Das verlangt andere Arbeitsprozesse. Deshalb haben sie auch für einen gleitenden Übergang von 145 auf 135 Millionen Dollar gestimmt.

Lando Norris - McLaren - F1-Test - Barcelona - 19. Februar 2020
Stefan Baldauf
McLaren erwartet einen engen Kampf im Mittelfeld. Ziel ist es, Platz vier zu verteidigen.

Nehmen wir einmal an, dass diese Saison über 15 Rennen geht. Dagegen stehen die Kostensenkungsmaßnahmen wie Homologation von Teilen und Windkanalbeschränkungen. Wie viel weniger wird am Ende in der Kasse sein?

Brown: Die Sparmaßnahmen muss man für zwei Jahre bis Ende 2021 rechnen. Da kommt schon ganz schön viel zusammen. Wir werden im Winter kein komplett neues Auto entwickeln. Dazu werden wir dieses Jahr weniger Rennen fahren. Wir verzichten auf unsere Motorhomes und die Hospitality. Da wird je nach Team zwischen 30 und 60 Millionen Dollar eingespart. Die Verluste bei den Einnahmen können wir nur schätzen.

Die Formel 1 hat ihre Prognosen bereits zwei Mal geändert. Die nächste Prognose im Juli wird wahrscheinlich den größten Einschnitt bringen. Liberty war da sehr gut zu uns. Sie haben uns die bisher prognostizierten Raten ausbezahlt, obwohl sie wissen, dass sie diese Hochrechnungen wahrscheinlich noch stark nach unten korrigieren müssen. Die Ausschüttung könnte am Ende irgendwo bei 30 bis 50 Prozent weniger als in einem normalen Jahr liegen.

Einige wird es hart treffen, andere weniger hart. Ferrari, Mercedes, Red Bull, Williams und wir haben Anspruch auf das so genannte CCB-Geld, den Erfolgs- und Historienbonus. Diese Auszahlung ist geschützt und garantiert. Deshalb werden in unserem Fall die Kostensenkungen die Einnahmeverluste wahrscheinlich auffangen. Deshalb waren wir auch das erste Team, das Kurzarbeit angemeldet und die Fahrergehälter gekürzt hat. Wir sahen die Welle auf uns zurollen und wollten rechtzeitig reagieren. Es war schmerzhaft für unsere Leute, aber für uns war immer klar: Wer als erster in die Krise geht, kommt auch als erster wieder raus.

Die Entwicklungsrestriktionen werden es schwerer machen, auf Probleme mit dem Auto zu reagieren. Wird die Reihenfolge der ersten drei Grand Prix 2020 die Reihenfolge von Ende 2021 sein?

Brown: Diese Gefahr besteht, und es macht uns auch etwas Sorge. Letztes Jahr hatten wir bei den Wintertests das sechst-, wenn nicht das siebtschnellste Auto. Wir haben uns dann ziemlich früh in der Saison auf Platz 4 festgesetzt, weil wir das Maximale aus unseren Möglichkeiten geholt haben. Es ist aber auch fair zu sagen, dass wir in der zweiten Hälfte der Saison 2019 das viertschnellste Auto hatten. Dank guter Entwicklungsarbeit. Die Limitierungen werden uns jetzt in dieser Fähigkeit, das Auto gut weiterzuentwickeln, einschränken. Deshalb wird das Bild, das sie jetzt in den nächsten Rennen sehen, wahrscheinlich auch das Bild sein, das in den nächsten eineinhalb Jahren präsent ist. Ganz einfach, weil du nicht mehr das Entwicklungstempo von früher anschlagen kannst. Das ist schön, wenn du von Anfang an ein starkes Auto hast, aber ein Problem, wenn du schlecht aus den Startlöchern kommst.

Wir waren bei den Testfahrten in Barcelona mit unserem Auto eigentlich zufrieden, es wurde aber auch klar, dass Racing Point mit seinem alten Mercedes uns Probleme bereiten wird. Und überhaupt lag dieses Mittelfeld wahnsinnig eng zusammen. Keiner fiel so richtig ab, nicht einmal Williams mehr. Im letzten Jahr war jeder mal Vierter. Die Schlacht im Mittelfeld verspricht auch in diesem Jahr die größte Spannung. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, das wäre so auch auf die Spitze übertragbar.

Wird McLaren in Österreich mit einem Upgrade oder dem Melbourne-Auto antreten?

Brown: Wir haben Upgrades.

Wie viel weniger Upgrades wird es dieses Jahr geben?

Brown: Es werden wegen der Homologation weniger sein. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Bereiche, die noch frei sind. Das Token-System wird uns wegen des Motorwechsels von Renault zu Mercedes bestrafen. Das wird uns einige Token kosten. Das schränkt uns nächstes Jahr in der Freiheit ein, Upgrades ans Auto zu bringen. Wir glauben aber, dass uns der Motor diesen Verlust wieder einspielt.

Sie ersetzen nächstes Jahr Carlos Sainz durch Daniel Ricciardo. Warum war Sebastian Vettel nie ein Thema für McLaren?

Brown: Sebastian ist ein echter Champion. Aber wir hatten schon vor zwei Jahren versucht, Daniel zu uns zu locken. Das hat nicht funktioniert. Aber er blieb unsere erste Wahl für den Fall, dass er mal frei sein würde. Das ist also kein Misstrauensvotum gegen Sebastian. Wir konnten uns auch nicht sicher sein, ob wir Sebastian überhaupt bekommen würden. Es schwirren da ja noch immer viele Gerüchte um seine Zukunft herum. Mit Daniel haben wir in den letzten beiden Jahren immer lose Kontakt gehalten. Als sich die Gelegenheit ergab, haben wir zugegriffen. Als wir dann erfuhren, dass Sebastian auf dem Markt sein würde, hatten wir uns mit Daniel schon per Handschlag geeinigt.

Wenn Sie die Zukunft der Formel 1 bewerten müssen: Sind wir über den Berg, oder sehen Sie noch Risiken für den Sport in der Corona-Krise?

Brown: Ein Risiko ist immer noch da. Die ersten acht Rennen erscheinen mir ziemlich sicher. Europa hat einen guten Job gemacht, die Corona-Infektionen zu reduzieren. Die Leute verhalten sich sehr vorsichtig und respektvoll. Das Sicherheitskonzept der Formel 1 ist gut durchdacht. Natürlich brauchen wir noch ein paar Rennen mehr. Ich schätze mal, dass wir zehn oder elf Rennen in Europa abhalten. Russland könnte funktionieren, auch China. Die größere Herausforderung werden die USA sein. Dann sehe ich am Ende des Jahres noch drei Rennen im Mittleren Osten. Dann hätten wir schon 15 oder 16, so wie in den guten alten Zeiten, und wären mit einem blauen Auge davongekommen.

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