Helmut Marko - Red Bull - GP USA 2021 - Austin Red Bull
Red Bull Fabrik - Milton Keynes - 2021
Red Bull 2004
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F1-Interview mit Red-Bull-Sportchef Helmut Marko

Interview mit Red-Bull-Sportchef Helmut Marko „WM-Verlust wäre herbe Enttäuschung“

Red Bull ist auf dem Weg, Max Verstappen zum Weltmeister zu machen. Sportchef Helmut Marko analysiert die aktuelle Lage im Giganten-Duell Verstappen gegen Hamilton, vergleicht den Red Bull mit dem Mercedes und erklärt den Motoren-Deal mit Honda.

Wie wichtig war der Sieg in Austin? Mercedes wurde die Wochen davor immer besser.

Marko: Der Sieg war moralisch unglaublich wichtig. Überhaupt die letzten drei Rennen. Wir haben mehr Punkte eingefahren als kalkuliert. Wir hatten maximal mit einem Gleichstand, aber eher mit einem Rückstand gerechnet. Jetzt haben wir einen Vorsprung von 12 Punkten. Wir hoffen, dass die Prognosen stimmen. Dass wir in Mexiko und Brasilien aufgrund der Motoren eine gewisse Favoritenstellung haben.

Ist Mexiko-Stadt, das in 2.200 Metern Höhe liegt, ein Must-Win-Rennen für Red Bull wegen des großen Honda-Turbo?

Marko: Ja schon. Es sollte eigentlich ein Doppelsieg herausspringen.

Und Brasilien?

Marko: Das ist von der Höhe vergleichbar mit dem Red-Bull-Ring. Wir haben in Austin gesehen, dass die Mercedes-Überlegenheit schwindet, wenn wir das Auto ins richtige Fenster bringen. In Sotschi und der Türkei hatte das viel mit der Reifentemperatur zu tun.

Red Bull - Formel 1 - GP USA 2021
Red Bull
Der Austin-Sieg war enorm wichtig für Verstappen und Red Bull.

Sind die Autos da über das Temperaturfenster geschossen?

Marko: Oder nicht ins Fenster gekommen. Wir waren auf alle Fälle dort nicht gleichwertig zu Mercedes. Dafür ist unsere Punkteausbeute sehr zufriedenstellend ausgefallen.

Wie beurteilen Sie die beiden Autos im Vergleich, und den Honda- gegen den Mercedes-Motor?

Marko: Der jetzige Stand ist, dass wir in der Motorleistung knapp hinter Mercedes liegen. Mit ihrem Absenken des Hecks haben sie auf langen Geraden einen Vorteil. Beim Chassis hängt es von der Tagesform ab. Die Überlegenheit, die wir so ab Frankreich hatten, ist weg.

Woran liegt das?

Marko: Das Silverstone-Update von Mercedes und die Weiterentwicklung haben entsprechend funktioniert. Vielleicht ist unser Auto auch schwieriger abzustimmen. Wenn es aber passt, sind wir da. Austin war etwas eigenartig. Eigentlich tun wir uns mit dem Mediumreifen immer schwerer. Dort waren wir darauf richtig überlegen.

Wie kommt es, dass der Red Bull schwerer abzustimmen ist? Am Saisonstart war es noch andersherum.

Marko: Ich glaube, das hängt viel mit den Außentemperaturen und der Asphaltbeschaffenheit zusammen. Durch unsere Weiterentwicklungen haben wir uns zwar nicht verzettelt, aber vielleicht nicht immer das Optimum gefunden.

Es zählt jede Kleinigkeit. Ärgert es Sie da, dass Ferrari in Austin nicht auf die schnellste Rennrunde losgegangen ist, und Hamilton deshalb den Extra-Punkt eingesammelt hat.

Marko: Ärgern, nein. Das ist der Rennverlauf. Wenn wir eine Chance gehabt hätten, wären wir es mit Perez angegangen. Da muss man aber abwägen. Ist es das wert, was riskiert man? Aber es ist richtig: Jeder Punkt zählt. Diesen einen Punkt hat jetzt halt Mercedes geholt. Aber wir haben so viele in Sotschi und der Türkei gewonnen, was so unerwartet war.

Hamilton könnte einen fünften Motor brauchen. Vielleicht in Brasilien. Kommt Verstappen mit seinem Kontingent durch?

Marko: Bei normalen Rennverläufen und ohne Unfälle kommen wir mit unseren Motoren durch. Unser Informationsstand, unsere Hoffnung, ist, dass Hamilton noch einmal wechseln muss.

Haben Sie Angst vor Ausfällen?

Marko: Bis jetzt waren wir mit dem Honda-Triebwerk absolut zuverlässig. Man ist nie vor einem Defekt gefeit. Aber die Motorensituation ist auf der Honda-Seite sicher beruhigender als auf der Mercedes-Seite.

Red Bull musste in Austin ins Risiko gehen. Ist das die richtige Herangehensweise? Risiko statt Abwarten in einer so engen Weltmeisterschaft?

Marko: Dadurch dass wir den Start verloren haben – was am Kupplungsdruckpunkt lag, was nicht Max seine Schuld war –, und wir die Überlegenheit vom Mediumreifen verloren haben, mussten wir handeln. Wir lagen hintendran, kamen aber nicht vorbei. Der Umkehrschluss lautet, dass Hamilton am Schluss auch nicht hätte überholen können, glaube ich. Selbst wenn er komplett aufgeschlossen wäre. Das wäre mit diesen Autos und dieser Streckencharakteristik schwierig gewesen. Uns war klar, dass wir etwas riskieren müssen. Mercedes hatte nur ein Auto, wir zwei. Dadurch war das ein relativ kalkulierbares Risiko.

Max Verstappen - Red Bull - GP USA 2021 - Austin - Rennen
Wilhelm
Verstappen und Hamilton fahren in dieser Saison auf ihrem eigenen Planeten.

Ist Verstappen wirklich so cool, wie er sich gibt? Er sagt ja, ein zweiter WM-Platz sei auch ein Erfolg, und das Leben gehe weiter.

Marko: Das Leben geht sicher weiter. Aber der WM-Titel ist schon etwas ganz, ganz Wichtiges für ihn – und für uns. Das ist keine Frage. Er hinkt aufgrund der Gegebenheiten hinterher. Dadurch dass Ferrari mit dem Motor damals diese wundersame PS-Vermehrung hatte, ist Mercedes gezwungen gewesen, alles zu unternehmen, um auszugleichen. Was ihnen auch gelungen ist. Drum haben wir im Vorjahr mit Honda nicht aufgeschlossen. Also wir laufen dem WM-Titel schon einige Zeit hinterher. Es wäre für Max schon eine herbe Enttäuschung, wenn er den nicht einfahren würde. Wenn Sie die Statistik hernehmen: Wie viele Kilometer wir geführt haben. Wir haben mehr Rennsiege. Unser Ausfall in Baku. Und und und. Es ist schon eine gewisse Überlegenheit da gewesen, die sich im Punktestand aber nicht widerspiegelt.

Wenn Sie vergleichen: Vettel damals vor seinem ersten Titelgewinn mit Red Bull, Verstappen heute. Wo gibt es Parallelen, wo Unterschiede?

Marko: Das war eine ganz andere Situation. Damals waren insgesamt vier Fahrer im WM-Kampf. Neben unseren Fahrern noch Alonso und Hamilton. Diesmal ist es ein Zweikampf auf allerhöchstem Level zwischen Hamilton und Verstappen. Ich glaube, die Intensität ist eine andere. Verstappen ist Einzelkämpfer über die meiste Saison hinweg, weil Perez im Qualifying einen gewissen Durchgänger hatte. Ähnlich wie es Hamilton in Austin gegangen ist.

Auto oder Fahrer: Was wird die WM entscheiden?

Marko: Der Fahrer. Erst einmal müssen beide Teams so fehlerfrei wie möglich sein. Was weder Mercedes noch uns bisher gelungen ist. Wobei die Fehler von der Strategie her, von der Vorbereitung, den Boxenstopps minimal sind. Also es muss das gesamte Paket stimmen. Aber man sieht, der Bottas hat hier und da mal einen guten Tag und ist vorn dabei. Das gleiche gilt für Perez. Aber niemand kann mit den beiden Topleuten mithalten. Der Fahrer macht den Unterschied.

Die Entwicklung vom aktuellen Auto ist eingestellt?

Marko: Da passiert nur noch Feintuning. Das Technikbüro ist auf 2022 eingestellt. Anders ginge es gar nicht. Wenn Sie irgendeine Entwicklung hätten, bis die Simulation und Windkanal durchläuft, und aus der Produktion kommt, geht sich das zeitlich schon nicht mehr aus.

Wie sehr ist Adrian Newey für 2022 angespitzt? Neues Auto: Das müsste ja sein Territorium sein.

Marko: Ja. Aber Gott sei Dank sind wir sehr breit aufgestellt. Newey ist ja durch seinen Fahrrad-Unfall eine gewisse Zeit ausgefallen. Sie müssen wissen: Newey ist ein Racer. Wenn er eine Chance sieht, dass wir gewinnen können, ist die Motivation eine ganz andere, als wenn man einen Motor hat, der 30 PS hinten ist. Es gibt niemanden, der so viel Erfahrung hat. Der so viele WM-Titel eingefahren hat. Das Gesamt-Paket Newey ist nach wie vor ganz essenziell. Auch für die anderen Ingenieure – sei es in der Aerodynamik, sei es in sonstigen Abteilungen: Newey ist eine Galionsfigur.

Christian Horner - Adrian Newey - Red Bull - GP USA 2021 - Austin - Rennen
Wilhelm
Adrian Newey fehlte Red Bull nach einem Fahrrad-Sturz im Sommer für ein paar Wochen.

Wie sehr hat er gefehlt?

Marko: In der Fabrik vielleicht nicht ganz vier Wochen. Aber zwischendurch – er zeichnet ja nach wie vor auf Papier – sind immer wieder Sachen von ihm gekommen.

Wie wichtig ist es, dass Honda als Partner 2022 zumindest verkappt an Bord bleibt?

Marko: Nein, Honda bleibt nicht verkappt an Bord. Sondern wir haben eine Vereinbarung geschlossen, dass wir Leistungen gegen Bezahlung von Honda beziehen. Das ist der Status. Für 2022 ist es so, dass wir die kompletten Triebwerke von Honda bekommen.

Das bedeutet, dass die Honda-Ingenieure die Motoren bauen und warten?

Marko: Zusammenbau und Wartung. Das ist ja mehr eine Mechaniker-Geschichte. Die Entwicklung von E5- auf E10-Benzin: Das wird auch gegen Bezahlung getan. Das ist ganz wichtig. Honda ist draußen. Das, was sie jetzt machen, ist eine von uns auf finanzielle Vergütung basierende Dienstleistung.

Ist Ihre Motoren-Abteilung schon komplett?

Marko: Wir haben einen sehr guten Stamm von der Struktur. Es fehlen aber noch die einen oder anderen Positionen. Wir haben nicht nur Leute von Mercedes geholt, sondern auch von anderen.

Wann steht die Motorenfabrik in Milton Keynes?

Marko: Das sollte im April, Mai, also Frühjahr nächsten Jahres fertig sein. Also Bau, und dass die Prüfstände kalibriert sind und in Betrieb gehen.

Und wie machen Sie es bis dahin mit den Prüfständen?

Marko: Wir haben keine. Die werden erst angeliefert. Momentan läuft alles bei Honda. Die jetzige Sache ist ja noch unser ursprünglicher Vertrag, und der Vertrag für die restliche Laufzeit. Ganz wichtig: finanziell von uns bezahlt. Es war deshalb ganz wichtig für uns, dass die Motoren eingefroren werden. Dadurch sind für die Japaner keine aufwändigen Entwicklungsarbeiten notwendig. Aufgehört haben sie ja, weil sie die Formel 1-Ingenieure für andere Projekte brauchen.

Gibt es eine Vorstellung, wie hoch der Budget-Cap auf der Motorenseite ausfallen darf?

Marko: Wir sind gerade in den Gesprächen. Es ist eine relative Einigung erzielt worden mit den Zahlen. Was noch nicht ganz erzielt ist: Wenn andere Hersteller kommen, wollen die anfangs unbeschränkte Prüfstands-Zeiten haben. Das goutieren wir nicht sehr gut. Generell ist aber ein gewisser Konsens gegeben, indem Mercedes federführend auf die MGU-H verzichtet. Aber das ist in erster Linie für den VW-Konzern.

Wie wird denn Red Bull eingestuft? Als neuer Hersteller?

Marko: Wir sehen uns als neuen Hersteller. Denn die Motoren, die wir einsetzen bis 2026, sind nicht von uns entwickelt. Das ist ein reines Sampling, was da stattfindet. Wir haben die IP-Rechte, es ist aber eine komplizierte Geschichte. Wir dürfen sie benutzen, aber in dem Sinne von Weiterentwicklung stehen sie nicht zur Verfügung.

Geht Red Bull voll auf die Schiene: "Wir bauen 2026 eigene Motoren", oder wäre nicht ein Zusammenschluss mit Porsche oder Audi auch interessant?

Marko: Wir sind in der Lage, alles selbstständig zu machen. Wenn sich eine Partnerschaft anbietet, die unsere Stärke, unsere Qualität noch weiter erhöht, dann werden wir das sicher ventilieren und diskutieren.

Honda würde nicht im Weg stehen?

Marko: Nein. Das gilt ja wie gesagt erst alles ab 2026.

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Der Herausforderer leistete sich in Jeddah zu viele Fehler.

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