Christian Horner - Red Bull - Formel 1 xpb
Red Bull 2004
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Interview mit Christian Horner

Warum Red Bull hinter Mercedes liegt

Red Bull wollte endlich wieder ein schnelleres Auto bauen als Mercedes, hat es aber auch 2020 nicht geschafft. Im Interview mit auto motor und sport erklärt Teamchef Christian Horner, woran es hakt.

Herr Horner, wann haben Sie zum ersten Mal fest an den Sieg geglaubt?

Horner: Als Mercedes zum ersten Reifenwechsel abgebogen ist, und Max auf gebrauchten Reifen schneller war als sie auf frischen. Als Mercedes dann wieder Blasen auf den Reifen bekam, dachte ich: Auf geht’s, jetzt packen wir sie. Max war so viel schneller, dass wir sogar fast den Overcut geschafft hätten. Wir hatten das schnellste Rennauto. Wir müssen verstehen, warum wir am Samstag im Bereich der Racing Point und Renault waren, am Sonntag sie aber abgehängt und sogar Mercedes geschlagen haben.

Sie haben in der Hochphase der Coronakrise dafür plädiert, die neuen Regeln auf 2023 zu verschieben. Würden Sie das immer noch sagen angesichts der Mercedes-Dominanz?

Horner: Der Hintergrund waren die Kosten. Die neuen Autos werden aus finanzieller Sicht viel Druck auf alle Teams ausüben. Aus Performance-Sicht müssen wir es schaffen, unsere Leistung im zweiten Teil der Saison zu steigern. Es ist umso wichtiger, weil dieses Auto hauptsächlich für 2021 übernommen wird. Und wir wollen im nächsten Jahr die Mercedes die komplette Saison herausfordern.

Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
xpb
Im fünften Saisonrennen feierte Red Bull den ersten Sieg.

Sie sind jetzt auf drei verschiedenen Streckentypen gefahren. Was sagt Ihre Analyse?

Horner: Ich denke, Mercedes ist sehr stark in Highspeed-Kurven. Wir sind in den langsamen ordentlich unterwegs. In schnellen Richtungswechseln ist Mercedes ebenfalls sehr stark. Wir müssen einfach überall ein bisschen finden. Sie haben über den Winter mit ihrem Motor auch große Fortschritte gemacht.

Ich denke, es ist fair anzunehmen, dass Sie Ihre Entwicklungsziele verfehlt haben. Angenommen, Sie hätten sie erreicht. Wären Sie dann auf Mercedes-Level?

Horner: Es ist sehr schwer, diese Ziele zu definieren. Man jagt Rundenzeiten und Charakteristika. Wir hatten ein paar Anomalien zwischen unseren Entwicklungswerkzeugen. Was auf der Rennstrecke ankam, deckte sich nicht mit den Ergebnissen, die unsere Werkzeuge versprochen hatten. Das mussten wir erst verstehen. Ohne zu fahren, kannst du den Quervergleich nicht ziehen. Wir sind inzwischen schon weit mit unserem Verständnis. Hoffentlich werden wir in naher Zukunft einige dieser Probleme lösen.

Wann traten die Anomalien auf? Bei den Wintertests sahen Sie sich maximal zwei Zehntel hinter Mercedes.

Horner: Wintertests sind Wintertests und keine Rennen. Danach bringen alle größere Upgrades. Und dabei verlässt du dich vor allem auf die virtuelle Welt. Als wir in Österreich fuhren, entdeckten wir ein paar Eigenschaften an unserem Auto, die uns nicht gefielen. Das Team arbeitet sehr hart, es zu lösen. Unser Auto wird Wochenende für Wochenende besser. Die Fahrer bestätigen es. Wir haben das zweitschnellste Auto. Nur ist der Abstand zu Mercedes größer, als wir es gerne hätten.

Lassen Sie mich andersherum fragen. Hat Sie der Leistungssprung von Mercedes überrascht.

Horner: Sie haben einen großen Schritt gemacht. Sowohl mit dem Chassis als auch mit dem Motor. Sie sind die Benchmark. Es liegt an uns, sie einzuholen.

Wie weit sind Sie noch davon entfernt, das Auto zu 100 Prozent zu verstehen?

Horner: Ich denke, dass kein Team sein eigenes Auto je zu 100 Prozent versteht. Wir haben inzwischen eine klare Richtung, wohin wir mit der Weiterentwicklung des Autos gehen müssen.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP 70 Jahre F1 - Silverstone - Samstag - 8. August 2020
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Max Verstappen ist die uneingeschränkte Nummer eins bei Red Bull.

Ist es überhaupt möglich, Mercedes einzuholen?

Horner: Das hängt davon ab, wie lange die Saison sein wird. Wir müssen sehen, wie viele Rennen es tatsächlich noch gibt. Momentan fahren wir bis Dezember. Das räumt uns Zeit ein, so viel Performance zuzugewinnen, wie es möglich ist.

Wie sind Ihre Hoffnungen auf die Weltmeisterschaft?

Horner: Mercedes ging als klarer Favorit in die Saison und hat diese Rolle bestätigt. Wir sind klar Zweiter. Das ist schon mal eine Steigerung zum letzten Jahr. Wir haben bislang mehr Punkte gesammelt als 2019. Wir müssen auf dem Positiven aufbauen und das Auto voranbringen.

Max ist dafür bekannt, nicht der geduldigste Rennfahrer zu sein. Wie sehen Sie seine Stimmung?

Horner: Er ist sehr ausgeglichen und führt das Team sehr gut. Er ist Realist. Er weiß, dass wir vor allen anderen sind, bis auf Mercedes. Und die sind unser Ziel. Er ist Teil des Teams und arbeitet hart mit uns zusammen, nach oben zu kommen.

Würden Sie sagen, er fährt auf Hamilton-Niveau?

Horner: Ich sehe jedenfalls keinen Grund, das nicht so zu betrachten.

Was erwarten Sie von Albon? Sein Saisonstart war durchschnittlich, der Druck von außen, von den Medien, wächst.

Horner: Der Druck kommt von euch. Er braucht einfach einen guten Samstag. Am Sonntag fährt er eigentlich ziemlich gut. Wir müssen ihm für die Qualifikation einfach ein besseres Auto geben. Wenn er sich dann weiter vorn qualifiziert, habe ich keine Zweifel. Seine Rennpace passt.

Lässt Verstappen das Auto besser dastehen, als es ist? Ist Albon die eigentliche Referenz?

Horner: Max holt alles aus dem Auto heraus. Und das ist das Potenzial, das im Auto steckt. Ich bin sicher, dass Lewis alles aus dem Mercedes holt. Da haben sie den Eins-zu-eins-Vergleich.

Ziehen Sie es in Betracht, die Technikabteilung in Milton Keynes mit frischem Personal und frischen Ideen aufzurüsten?

Horner: Als Team arbeitet man gemeinsam. Man bewegt die Dinge nicht, nur um einfach irgendwas zu machen. Wir haben eine große Stärke in unserer Technikabteilung. Wir haben großartige Qualität im Team. Deshalb nein. Stabilität war immer eine große Stärke von uns. Davon abgesehen: Wir verstärken unser Team jedes Jahr punktuell.

Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
xpb
Auf Mercedes fehlen Honda einige PS.

Honda hinkt beim Motor hinterher. Das macht die Aufholjagd noch schwerer.

Horner: Honda verrichtet gute Arbeit. Wir haben wahrscheinlich den zweitstärksten Motor im Feld. Das Ziel ist es aber, den besten zu haben.

Sie sehen Honda also vor Renault?

Horner: Das tue ich.

Helmut Marko beklagte, Honda sei noch zu konservativ beim Betrieb des Motors. Kommt da noch was?

Horner: Wir haben unseren zweiten Motor an diesem Wochenende eingeführt. Honda betreibt die Motoren aggressiver. Aber das muss man strategisch einsetzen. Es bringt nichts, schärfere Modi zu fahren, wenn man zehn Sekunden hinter dem Führenden ist. Man muss die leistungsstärksten Einstellungen zum richtigen Zeitpunkt verwenden.

Die Regeln schränken Honda ein. Eigentlich kann man mit Updates nur die Zuverlässigkeit absichern. Oder erlaubt Ihnen das, auch mehr Leistung abzurufen?

Horner: Ich hoffe, dass wir höhere Modi für längere Zeit fahren können.

Es wird 2021 neue Regeln für den Unterboden geben, was das Versiegeln des Diffusors noch schwerer macht. Red Bull fährt mit hoher Anstellung. Nähert sich dieses Konzept dem Ende?

Horner: Ich denke, es passiert genau das Gegenteil. Wenn ich mir den Mercedes anschaue: Seine Bodenfreiheit im Heck erhöht sich von Jahr zu Jahr. Sie kommen mehr in unsere Richtung. Es sind nur noch ungefähr 20 Millimeter Unterschied zwischen den beiden Autos. Für mich sieht es so aus, dass sie zu einer Lösung mit mehr Bodenfreiheit konvergieren. Wir müssen aber sicher die Auswirkungen dieser Regeländerung genau überprüfen. Ich bin mir sicher, dass wir die richtigen Schlüsse ziehen werden.

Also ziehen Sie momentan nicht in Betracht, Ihre Philosophie zu ändern?

Horner: Nein.

Auch nicht für 2022, wo Ihnen die Regeln mehr der Werkzeuge nehmen, um den Unterboden effektiv gegen Turbulenzen zu versiegeln?

Horner: 2022 wird ein ganz anderes Ballspiel. Sobald es uns wieder erlaubt ist, für das 2022er-Auto Entwicklung zu betreiben, werden wir auf alle möglichen Theorien schauen. Es gibt aber keine Garantie, welcher Weg tatsächlich der richtige sein wird.

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