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Das Geheimnis der niedrigen Ausfall-Quote

Tag und Nacht auf dem Prüfstand

Es ist eines der Probleme der Formel 1. Die Autos fallen immer seltener aus. Damit fehlt der Überraschungsfaktor. In den ersten zwölf Rennen gab es nur elf Defekte. Schuld daran sind immer intensivere Prüfstandsläufe.

Die Formel 1 bewegt sich stramm auf einen neuen Rekord zu. Wenn sich das Bild der ersten Saisonhälfte ab dem GP Belgien wiederholt, dann wird dieses Formel-1-Jahr das mit den wenigsten Defekten aller Zeiten. In den ersten 12 Rennen gab es nur 11 technisch bedingte Ausfälle. Das ist eine Quote von 0,92 Defekten pro Rennen.

Selbst im Vergleich zu den letzten drei Jahren stellt das einen massiven Rückgang dar. Von den 70er, 80er oder 90er Jahren ganz zu schweigen. 1987 war mit 12,1 Defekten pro Grand Prix das schlechteste Jahr der GP-Geschichte. 2018 gab es in 21 Rennen 45 Technikpannen. Macht 2,14 pro Grand Prix. 2017 waren es 60 in 20 Rennen oder drei Defekte pro WM-Lauf. 2016 steht mit 52 Ausfällen aus technischen Gründen in 21 Rennen etwas besser da. Die Quote liegt da bei 2,47.

In dieser Saison haben sieben der zehn Teams mehr als 90 Prozent aller möglichen Rennkilometer zurückgelegt. Die Zuverlässigkeit ist atemberaubend. Man kann fast schon von Serienstandard sprechen. Für den Sport ist sie allerdings schlecht. Es fehlt der Überraschungsfaktor. Früher konnte man sich selbst beim langweiligsten Rennen nie sicher sein, ob nicht doch etwas passiert. Heute weiß man es.

Daniel Ricciardo - GP Deutschland 2019
Jerry André
Technik-Ausfälle sind mittlerweile ein seltenes Bild in der Formel 1.

Nur ein Defekt bei den Top-Teams

Zuverlässigkeit ist das Resultat von vorausschauendem Design, hoher Produktionsqualität, guter Fehleranalyse und einer lückenlosen Qualitätskontrolle. Auch hier gilt die Formel: Wer mehr Geld hat, ist besser dran. In der Defektstatistik gibt es ein eindeutiges Gefälle im Feld. Die drei Top-Teams hatten in den ersten zwölf Rennen nur einen einzigen Defekt zu beklagen. Die restlichen sieben Teams immerhin zehn. Eine weiße Weste haben noch Mercedes, Ferrari, Williams, Alfa Romeo, Toro Rosso und Racing Point.

Am auffälligsten ist die Qualitäts-Verbesserung bei Red Bull. Das Team aus Milton Keynes hat zwar immer schnelle, aber oft auch anfällige Autos gebaut. 2018 zählte Red Bull neun Defekte. 2017 waren es acht. Diesmal nur einer. Am Red Bull von Pierre Gasly brach in Baku eine Antriebswelle. Red Bull tat sich schwer, den Schaden zu reproduzieren. Man nimmt an, dass ungünstige Vibrationen beim Überfahren der Randsteine das Gelenk der Halbwelle an der Radseite beschädigt haben.

Red Bull mit mehr Prüfstandszeit

Red Bull-Sportdirektor Helmut Marko bestätigt: „Die Qualitätsverbesserung war eine klare Vorgabe an unsere Ingenieure. Wir sind in den letzten Jahren zu oft ausgefallen.“ Bei Red Bull schob man den schwarzen Peter gerne dem ehemaligen Motorenpartner Renault zu. Doch in der Vergangenheit war nicht immer nur Renault schuld. Es gab auch Schäden an Kupplung, Getriebe oder den elektrischen Systemen.

Max Verstappen verrät, dass an den Schäden im Chassisbereich indirekt auch der Motorenpartner verantwortlich war. „Wir können heute viel länger und intensiver am Prüfstand fahren. Das erlaubt es uns alle Komponenten in Dauerbelastung am Limit zu testen.“

Red Bull - Simulator
Red Bull
Bei Red Bull ist der Simulator direkt mit dem VTT verbunden.

Das Geheimnis: Honda stellt viel mehr Motoren für Prüfstands-Testläufe bereit, und sie dürfen dort auch mit mehr Leistung, also unter realitätsnahen Bedingungen, gefahren werden. „Sie selbst haben auch viel mehr Prüfstände. In Japan gibt es Testeinrichtungen für alle möglichen Komponenten“, verrät Teamchef Christian Horner.

Das Prunkstück aber ist der sogenannte VTT-Prüfstand. Das steht in Milton Keynes. Darauf kann das komplette Auto mit Motor, Getriebe, Fahrwerk und Kühlung auf jeder Rennstrecke bei allen Wetterbedingungen Tag und Nacht getestet werden. Red Bull kann seinen Fullsize-Prüfstand sogar direkt mit seinem Simulator verbinden. Das Auto tut dann im Raum nebenan, was der Fahrer im Simulator vorgibt. Das ist bei Mercedes und Ferrari nicht möglich.

VTT-Monster für 15 Millionen Euro

Nur die drei Top-Teams besitzen eines dieser VTT-Monster. Kostenpunkt: mindestens 15 Millionen Euro. Nach oben offen. Renault überlegt sich bis 2021 eine solche Anlage anzuschaffen. Wenn man mit den Top-Teams mithalten will, ist das nahezu unerlässlich. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Renault und sein Kunde McLaren in der Zuverlässigkeits-Statistik nur auf den Plätzen 8 und 9 liegen. Sie haben insgesamt sieben der elf technisch bedingten Ausfälle zu verantworten.

Der VTT-Prüfstand ersetzt in Bezug auf die Qualitätssteigerung praktisch komplett echte Testfahrten. Ferrari spulte in den 2000er Jahren bis zu 70.000 Kilometer oro Jahr in Fiorano und Mugello ab. Das ist heute nicht mehr erlaubt. Auf den Prüfständen gibt es aber kein Limit.

Die Privatteams werden diesem Rückstand ewig hinterherlaufen. Racing Point-Technikchef Andy Green bedauert. „Diese VTT-Prüfstände sind ein riesiger Vorteil. Aber der wird für immer den Werksteams vorbehalten bleiben. Für uns würde es gar keinen Sinn machen, uns einen anzuschaffen. Uns würden die Motoren fehlen, um darauf zu testen.“

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