Start - GP Spanien 1975 - Montjuich Park sutton-images.com

F1-Rennen mit halben Punkten

Abbruch vor der Zielflagge

1000. GP

Für fünf der 997 Grand Prix gab es nur halbe Punkte. Vier wurden wegen Regens, einer wegen eines Unfalls vorzeitig abgebrochen. Dazu zählte auch der kürzeste Grand Prix aller Zeiten. Er dauerte nicht mal eine halbe Stunde.

Die Formel 1 musste 25 Jahre warten, bis sie zum ersten Mal auf eine Regel zurückgreifen musste, die bis dahin nie Beachtung fand. Ein Grand Prix musste abgebrochen werden, bevor 60 Prozent der ursprünglichen Renndistanz zurückgelegt waren. Deshalb gab es für die Teilnehmer nur halbe Punkte. Heute liegt die Bemessungsgrenze bei 75 Prozent der Renndistanz.

Das erste Rennen, für das die Sonderregel Anwendung fand, war der GP Spanien 1975. Das Skandalrennen von Montjuich begann mit einem Streik. Die Leitplanken rund um den 3,791 Kilometer langen Kurs hingen lose in ihren Befestigungen oder waren schlecht verschraubt. Bis auf Jacky Ickx und Vittorio Brambilla weigerten sich die Fahrer, in ihre Autos zu steigen. Die FIA ordnete Ausbesserungsmaßnahmen an, die aber nur schlampig durchgeführt wurden. Weltmeister Emerson Fittipaldi blieb bei seinem Boykott. Er reiste vor dem Start ab. Alle anderen knickten unter dem Druck ihrer Teams ein.

Rolf Stommelen - Unfall - GP Spanien 1975 - Montjuich Park
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Rolf Stommelen flog beim GP Spanien 1975 über die Leitplanke.

25 Runden lang ging alles gut. Das Feld war zwar durch zahlreiche Unfälle und Defekte schon stark dezimiert, doch der Schutzengel hatte noch Dienst. Völlig überraschend führte Rolf Stommelen in Graham Hills Eigenbau vor Carlos Pace und Jochen Mass. Zu Beginn der 26. Runde flatterte just auf dem Sprunghügel am Ende der Zielgerade am Auto von Stommelen bei 250 km/h der Heckflügel durch den Wind. Der Hill wurde zum Flugzeug, traf zuerst links die Leitplanke und hechtete dann wie ein Projektil nach rechts über den Brabham von Carlos Pace hinweg, der in Panik bremste und selbst Plankenbillard spielte.

Der Torso des Hill landete auf den Leitplanken. Der unheimliche Ritt endete an einem Laternenpfosten, von wo das Auto durch einen Zaun hindurch in einen Zuschauerbereich abprallte. Ein Streckenposten, ein Fotograf und drei Besucher starben. Rolf Stommelen wurde mit schweren Beinfrakturen und einem Beckenbruch aus dem Wrack geborgen.

Brambilla crasht nach Zieldurchfahrt

Der Veranstalter brauchte vier Runden Bedenkzeit, bis er endlich den Grand Prix abbrach. Nach 29 von 75 geplanten Runden. Sieger Jochen Mass bekam 4,5 Punkte für bitteren Lorbeer. Er hatte sich mit Jacky Ickx in den Chaosrunden am Ende noch ein Duell um Platz 1 geliefert. Auf den letzten beiden Punkterängen kamen die zwei March mit Vittorio Brambilla und Lella Lombardi ins Ziel. Die Dame aus Turin schrieb Geschichte. Sie eroberte einen halben Punkt, und ist damit die einzige Frau, die in den Punkteranglisten der Formel 1 auftaucht.

Noch im gleichen Jahr gab es das zweite Rennen mit halben Punkten. Wieder mit tragischem Ausgang. Im Warm-Up zum GP Österreich war Mark Donohue schwer verunglückt. Der Amerikaner starb zwei Tage später an seinen Kopfverletzungen. Auch ein Streckenposten wurde getötet. Der Unfall hatte jedoch nichts mit dem Abbruch des Rennens am Nachmittag zu tun. Im Warm-up schien noch die Sonne. Vier Stunden später schüttete es wie aus Kübeln.

Vittorio Brambilla hatte sich mit seinem March in einer Phase mit nachlassendem Regen an die Spitze gesetzt. Doch dann kehrte der Regen zurück. Noch heftiger als zuvor. In den Boxen wurde eifrig ein Abbruch diskutiert. Bevor der Veranstalter Einspruch einlegen konnte, hatten die beiden alten Kompagnons Bernie Ecclestone und Max Mosley beschlossen, dass der Grand Prix gestoppt werden musste. „Max war froh, dass sein March in Führung lag, und ich wollte heim“, plauderte Ecclestone Jahre später mit einem Augenzwinkern aus. Nach 29 von 54 Runden war Schluss. Brambilla kreuzte den Zielstrich, riss beide Hände vom Lenkrad und drehte sich auf einer Pfütze in die Leitplanken. James Hunt, Tom Pryce, Jochen Mass, Ronnie Peterson und Niki Lauda folgten mit großem Abstand. Brambilla drehte die Ehrenrunde mit einem March mit eingedrückter Nase.

Monte Carlo wässerte den Tunnel

GP Monaco 1984. Monte Carlo versank im Regen. Die Feuerwehr musste den Tunnel wässern, weil auf 400 Meter trockener Fahrbahn die Regenreifen zu sehr gelitten hätten. Erinnerungen an 1972 wurden wach. Damals ging der Grand Prix bis zum bitteren Ende. Diesmal brach Rennleiter Jacky Ickx nach 32 Runden ab. Der Regen hatte noch einmal zugenommen. Der GP Monaco wurde mit der 31. Runde und halben Punkten gewertet. „Der Abbruch war überflüssig“, ärgerte sich Stefan Bellof.

Viele warfen Ickx vor, er habe damit dem Führenden Alain Prost einen Gefallen getan, weil Ayrton Senna und Stefan Bellof mit Riesenschritten aufholten. Senna lag zum Zeitpunkt des Abwinkens nur noch 7,4 Sekunden hinter Prost. Im Rückblick hat der Belgier Prost den WM-Titel gekostet. Wäre der McLaren-Pilot bei voller Distanz Zweiter hinter Senna geworden, hätte es 6 statt 4,5 Punkte gegeben. Und Prost wäre am Ende des Jahres Weltmeister geworden. Der drittplatzierte Bellof verlor nachträglich noch sein einziges Podium in der Formel 1. Im Juli entzog die FIA Tyrrell alle Punkte. Ironie des Schicksals: In Monte Carlo war der Tyrrell legal. Er kam nie bis zu dem Boxenstopp, bei dem Bleikügelchen nachgefüllt hätten werden können.

Der GP Australien 1991 ging als der kürzeste Grand Prix aller Zeiten in die Geschichte ein. Er dauerte exakt 24 Minuten und 34 Sekunden. Dann brach Rennleiter Roland Bruynseraede die Wasserschlacht ab. Nigel Mansell war ausgangs der Schikane in die Mauer geflogen und nicht sofort aus seinem Auto gestiegen. Als der Notdienst eintraf, klagte Mansell über starke Schmerzen im rechten Knöchel. Alle Beteiligten waren froh, dass der zweite Regen-Grand Prix in Adelaide innerhalb von zwei Jahren ohne schwerer Verletzte abgelaufen war.

F1-Rennen mit halben Punkten: Halbe Portion

Fahrerlager - GP Spanien 1975 - Montjuich Park
Fahrerlager - GP Spanien 1975 - Montjuich Park Start - GP Spanien 1975 - Montjuich Park Rolf Stommelen - Unfall - GP Spanien 1975 - Montjuich Park Rolf Stommelen - Hill GH1 - GP Spanien 1975 - Montjuich Park 16 Bilder

Am Renntag fühlten sich alle an 1989 erinnert. Doch diesmal gab es keine Diskussionen über einen Start, obwohl noch mehr Wasser vom Himmel kam. Die Fahrer fügten sich in ihr Schicksal und verrichteten ihren Job. Adalaide war schon bei trockenen Bedingungen eine Strecke, die nichts verzeiht. Im Regen wurde das Rennen zum Blindflug. Nur Ayrton Senna an der Spitze hatte freie Sicht. Satoru Nakajima,Thierry Boutsen, Michael Schumacher, Jean Alesi und Nicola Larini, Pierluigi Martini, Mauricio Gugelmin und Nigel Mansell landeten in der Mauer. FIA-Kommissar John Corsmit kritisierte: „Die besten Rennfahrer der Welt sollten langsam fahren können.“ Senna klärte ihn auf: „Mit modernen Formel 1-Autos kann man nicht langsam fahren. Dann kühlen Reifen und Bremsen zu stark aus.“ Das abgebrochene Rennen wurde nach der 14. Runde mit halben Punkten gewertet. Mit Senna als Sieger 1,2 Sekunden vor Mansell, obwohl der längst ausgefallen war. Gerhard Berger wurde Dritter.

Die Quittung für eine zu späte Startzeit

Regen war auch der Grund für den Abbruch des GP Malaysia 2009. Und einbrechende Dunkelheit. Nichts konnte Jenson Button stoppen. Kein mittelprächtiger Start, keine drei Boxenstopps, kein Wolkenbruch, der das Rennen von 56 auf 31 Runden verkürzt. Das hatte Bernie Ecclestone davon, dass er die Startzeit auf 17 Uhr Ortszeit festlegen ließ. Um 18.01 Uhr muss abgebrochen werden, weil die Strecke überflutet war. Das Feld wartete auf der Zielgerade 45 Minuten auf einen Re-Start.

Als es zu dunkel wurde, pfiff die Rennleitung um 18.52 Uhr endgültig ab. Da keine 75 Prozent der Renndistanz zurückgelegt waren, bekamen Jenson Button, Nick Heidfeld, Timo Glock, Jarno Trulli, Rubens Barrichello, Mark Webber, Lewis Hamilton und Nico Rosberg nur den halben Lohn. Die rote Flagge rettete Button davor, seine Führung an Timo Glock und Nick Heidfeld zu verlieren. Heidfeld war mit so viel Benzin ins Rennen gegangen, dass er sich den optimalen Zeitpunkt zum Reifenwechsel aussuchen konnte. Dann bekam er Regenreifen mit auf die Reise. Sie waren zunächst nicht ideal, zum Schluss aber die einzig richtige Option. Timo Glock machte alles richtig. Intermediates in der 22. Runde, Regenreifen im 30. Umlauf. Das war Rang 3 vor Teamkollege Jarno Trulli. Toyota glaubte zu träumen. Die Kölner Truppe lag nach zwei Rennen auf dem 2. Platz im Konstrukteurs-Pokal.

Die Sieger der halben Grand Prix

Rennen Sieger Auto
GP Spanien 1975 Jochen Maas McLaren-Cosworth
GP Österreich 1975 Vittorio Brambilla March-Cosworth
GP Monaco 1984 Alain Prost McLaren-Porsche
GP Australien 1991 Ayrton Senna McLaren-Honda
GP Malaysia 2009 Jenson Button BrawnGP-Mercedes

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