25,838 Kilometer in Pescara

Die längste Strecke der Formel 1

Pescara 1957 - Juan Manuel Fangio - Maserati 250F Foto: Getty Images.com
1000. GP

Es war die längste Strecke der Formel 1. Und es fand nur ein einziger Grand Prix auf ihr statt. 1957 sprang Pescara ein, weil drei Grand Prix abgesagt worden waren. Eine Runde war 25,838 Kilometer lang.

Nein, dieser Rekord geht nicht an den Nürburgring. Die Nordschleife war mit ihren 22,835 Kilometer glatte drei Kilometer zu kurz. Es gab noch eine längere Rennstrecke im Formel 1-Kalender, und da spielt es auch keine Rolle, dass der GP-Zirkus nur ein Mal dort antrat. 1957 stand Pescara im Programm, weil die Grand Prix von Belgien, Holland und Spanien kurzfristig gestrichen werden mussten. Wegen der Suez-Krise wurde die Ölförderung gedrosselt. Die Welt blickte einer Wirtschaftskrise ins Auge. Die Veranstalter in Spa und Zandvoort bettelten um einen Rabatt für die Startgelder. Der wurde abgelehnt.

So sprang Pescara ein. Der Bürgermeister der 100.000-Einwohner Stadt an der Adria wollte die Rennhistorie der Coppa Acerbo wieder aufleben lassen. Unter dieser Flagge wurden seit 1924 Sportwagenrennen und Formel 1-Rennen, die nicht zur WM zählten ausgetragen. Auch die berühmten Silberpfeile der Vorkriegszeit fuhren auf dem Straßenkurs.

25,8 Kilometer und 49 Kurven

Weil drei Wochen nach dem Rennen in Pescara noch der GP Italien in Monza angesetzt war, lief das Rennen unter der Bezeichnung Grand Prix von Pescara. Es ist somit der einzige Formel 1-Lauf, der einer Stadt gewidmet war. Das Rennen fand am 18. August mitten im Ferragosto statt. Ganz Italien urlaubte an den Stränden. Die Hotels waren auch ohne den Grand Prix gut gebucht. 225.000 Menschen sollen am Renntag die Strecke gesäumt haben.

Und die war ein echtes Monster. 25,838 Kilometer lang. Davon entfielen allein zwölf Kilometer auf zwei Geraden. Der Kurs führte in 49 Kurven durch die Stadt Pescara und drei kleine Dörfer. Bei Start und Ziel bremste eine Doppel-Schikane die Autos nach sechs Kilometern Vollgas über die Via Adriatica ein. Star-Reporter Denis Jenkinson schrieb damals: „Das Rennen war kein Kampf Mensch gegen Maschine, sondern Mensch und Maschine gegen die Rennstrecke.“

Am Ortsrand von Pescara führte die Strecke hoch in die Berge. Hinter der Ortschaft Spoltore ging es noch einmal kurz bergab, und von dort auf den höchsten Punkt der Strecke in der Ortschaft Vila Santa Maria. Im Dorf Capelle kehrte die Strecke mit einer Haarnadel und führte fortan wieder steil bergab Richtung Meer. Auch hier verliefen sechs Kilometer am Stück schnurgerade. Der Veranstalter schrieb ein Preisgeld von 200.000 Lire für den höchsten Topspeed an dieser Stelle aus. Er ging an Vanwall. Die grünen Autos aus England waren auf 278 km/h übersetzt.

Rennstart schon um 9.30 Uhr

Das Training fand wegen der großen Hitze morgens um 7 Uhr bis 8.30 Uhr und abends von 16.30 bis 18.30 Uhr statt. Der Startschuss zum Rennen fiel aus dem gleichen Grund um 9.30 Uhr vormittags. Für die Piloten war die Veranstaltung nicht nur wegen der hohen Temperaturen und der schwierigen Strecke eine schweißtreibende Angelegenheit. Die meisten machten in dem lauten Urlaubsort kaum ein Auge zu. In der Nacht vor dem Rennen gab es noch ein zünftiges Feuerwerk.

Juan-Manuel Fangio und Stirling Moss waren die einzigen im Feld, die die Zehnminuten-Schallmauer knacken konnten. Der Argentinier war allerdings 10,1 Sekunden schneller als sein Widersacher. Man munkelte, dass Maserati im Training mit einem Spezialtreibstoff nachgeholfen hatte. Der dritte Mann in der ersten Startreihe hätte eigentlich dort gar nicht stehen dürfen. Luigi Musso fuhr den einzigen Ferrari-Lancia. Allerdings in privater Mission.

Enzo Ferrari schmollte immer noch wegen der Kritik an de Portagos Mille Miglia-Unfall und weigerte sich, das Rennen mit seinen Autos zu beschicken. Musso bettelte so lange, bis sich der alte Herr erweichen ließ. Allerdings nur unter einer Bedingung. Luigi Musso musste sich um den Einsatz und die Betreuung des Fahrzeuges selbst kümmern. Als optisches Zeichen des Privateinsatzes trug der Ferrari eine weiße Nase.

Mussos persönlicher Feldzug begann mit einer Führungsrunde und endete mit einem Motorschaden, hervorgerufen durch ein Ölleck. Damit war der Weg frei für Stirling Moss, der Juan-Manuel Fangio an diesem Tag nicht den Hauch einer Chance ließ. Vielleicht auch, weil am Renntag das leistungsfördernde Nitromethan im Sprit fehlte. Und weil Fangio schon vorzeitig Weltmeister war. Viele fuhren auf der anspruchsvollen Strecke mit angezogener Handbremse. Obwohl die Fahrer damals noch hart im Nehmen waren, übten viele Fahrer Kritik an dem Kurs aus der Steinzeit des Motorsports. Jack Brabham gab ein vernichtendes Urteil ab: „Die meisten Straßenkurse der damaligen Zeit waren unglaublich gefährlich, und Pescara war der schlimmste von allen. Die beste Erinnerung an das Rennen war das Baden im Meer.“

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