Rouen - Rennstrecke - Teaser Motorsport Images

Reims, Rouen, Clermont-Ferrand

Die französischen Monster

1000. GP

Der GP Frankreich feierte 2018 ein Comeback in Paul Ricard. Die Rennstrecke ist zu einem bunten Verkehrsübungsplatz mutiert. Viele vergessen, dass Frankreich bis in die 70er Jahre wunderbare Rennstrecken hatte. Reims, Rouen und Clermont-Ferrand sind dem Sicherheitsstreben zum Opfer gefallen.

Der GP Frankreich war Gründungsmitglied der Formel 1. Am 2. Juli 1950 fand in Reims der sechste WM-Lauf der Geschichte statt. Und seitdem mit einer Ausnahme immer bis 2008. Die Ausnahme war das Jahr 1955. Nach dem Unfall von Le Mans mit 82 Toten wurden in Frankreich erst einmal alle Rennveranstaltungen abgesagt. Eine Saison ohne einen Lauf in dem Land, in dem 1894 das erste Autorennen stattfand, war nicht vorstellbar. Und doch passierte es. Nach 2008 schloss sich der Vorhang.

Magny-Cours kapitulierte vor den immer höher steigenden Antrittsgeldern. Andere Veranstalter wollten nicht einspringen. Mit Paul Ricard gab es nur eine weitere Formel 1-taugliche Rennstrecke, und die gehörte Bernie Ecclestone. Der verdiente mehr Geld damit, den ehemaligen GP-Kurs für Testfahrten zu vermieten. Sämtliche Tribünen waren bereits verschwunden. Neue aufzubauen, hätte zu viel Geld gekostet. Magny-Cours weinte keiner eine Träne nach. Die Strecke in der Provinz war fahrerisch anspruchsvoll, aber aus Sicht des Zuschauers langweilig. Im platten Land auf halbem Weg zwischen Paris und Lyon wollte keine Atmosphäre aufkommen. Die ganze Anlage verströmte den Charme einer zu groß geratenen Go Kart-Strecke.

Paul Ricard verlor seinen Charme

2018 kehrte die Formel 1 nach Frankreich zurück. Paul Ricard bewarb sich um einen Platz im Kalender. Die Finanzierung wird von der Region Provence-Alpe-Cote-d‘Azur, dem Distrikt Var, der Stadt Toulon und dem französischen Automobil-Verband FFSA gestemmt. Man hofft, dass das Prestigeprojekt durch Tourismus rund 65 Millionen Euro in die Region spülen wird. Rund um die Strecke wurden Tribünen aufgestellt. Insgesamt finden 65.000 Zuschauer Platz. Wer nicht im Stau steckenblieb, sah eine Rennstrecke, die nicht mehr viel gemein hatte mit dem, was 1990 Schauplatz des letzten Grand Prix in Paul Ricard war.

Der Veranstalter wählte zwar wieder die lange Streckenvariante mit 5,842 Kilometern, doch das Layout wurde im Vergleich zur Urversion massiv entschärft. Das Vollgas-Geschlängel La Verrerie ist einer enger gesteckten Schikane gewichen. Eine Bremskurve unterbricht die Mistral-Gerade. Die Doppel-Rechts von Beausset erhielt eine neue Linienführung. Vom Charme der Mondlandschaft auf dem Hochplateau ist nicht viel geblieben. Der Kurs ist inmitten einer riesigen Asphaltfläche abgesteckt. Farben zeigen an, wo die Strecke endet und die Auslaufzone beginnt.

Highspeed-Piste in der Champagne

Eigentlich schade. Was gab es in Frankreich für Rennstrecken. Zunächst war die Heimat der Formel 1 die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Reims. Das 8,3 Kilometer lange Dreieck in der Champagne stritt sich mit Spa-Francorchampos und Monza um den Titel des schnellsten GP-Kurses. Unvergessen die großen Hitzeschlachten von 1951, 1959,1961 und 1966, die Fotofinishs von 1953, 1956 und 1961, das Mercedes-Debüt 1954 und der Sensationssieg von Giancarlo Baghetti 1961 bei seinem allerersten GP-Start.

Giancarlo Baghetti - Ferrari 156 - Dan Gurney - Porsche 718 - GP Frankreich 1961 - Reims
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GP Frankreich 1961 in Reims: Giancarlo Baghetti führt im Ferrari 156 vor Dan Gurney im Porsche 718.

Die ersten Rennen wurden 1925 ausgetragen. Bis 1951 führte die Zielgerade bis in die Ortschaft Gueux und bog dann mitten im Ort scharf nach rechts ab. In sanften Kurven vereint sich die Bundesstraße D26 mit der langen Geraden von Soissons. Dieser Teil ist heute noch so erhalten wie früher. Ab dem GP Frankreich 1953 wurde die Ortsdurchfahrt ausgeklammert. Reims strebte nach neuen Geschwindigkeitsrekorden. Dafür musste 300 Meter nach Start und Ziel eine superschnelle Rechtskurve her, die selbst in den 50er Jahren von den besten Fahrern voll im Drift genommen wurde. 1958 forderte die Nouveau virage de Gueux ihr berühmtestes Todesopfer. Luigi Musso visierte die Kurve falsch an, geriet auf die Grasnarbe und überschlug sich in das angrenzende Feld. Seit 2011 entweiht ein Kreisverkehr die Mutpassage.

Mit insgesamt nur sechs echten Kurven zählte Reims nicht zu den schwierigsten, wohl aber zu den gefährlichsten Rennstrecken seiner Zeit. Dabei gab es neben der Strecke kaum Hindernisse, die man hätte treffen können. Das Risiko waren die hohen Geschwindigkeiten. Der Veranstalter leistete sich vier Mal den Luxus, die 12 Stunden von Reims im Rahmenprogramm des Grand Prix stattfinden zu lassen. Gestartet wurde Samstag um Mitternacht. Das Rennen endete am Mittag. Drei Stunden später fiel die Tricolore für den GP Frankreich.

Die Formel 1 trat insgesamt elf Mal in den Feldern der Champagne an und lieferte viele hochdramatische Windschattenschlachten ab. 1966 gastierte die Formel 1 zum letzten Mal auf Frankreichs klassischem GP-Kurs. Und der kürte sich endlich auch zur schnellsten Strecke im Kalender. Mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 233,859 km/h im Training, 227,625 km/h für die schnellste Rennrunde und 220,322 km/h für das Rennen setzte sich Reims knapp vor Monza durch, das in jenem Jahr nur 226,725 km/h (Training), 224,026 km/h (schnellste Rennrunde) und 218,748 km/h (Rennschnitt) schaffte.

Eine Kurve namens Six Frères

Reims war jedoch nicht gesetzt. Der veranstaltende ACF vergab zwischendrin den Grand Prix immer mal wieder nach Rouen, einer Berg-und Talbahn auf öffentlichen Straßen am Rande der Stadt in der Normandie. Rouen zählte zu den Fünfsterne-Prüfungen der Formel 1. Ein Monster mit wechselnden Streckenlängen, mitten im Wald, bergauf, bergab, mit wirklich grimmigen Kurven, die auch einen hohen Blutzoll forderten. Die Rennstrecke bestand wie Reims und Clermont-Ferrand aus öffentlichen Straßen. Kernstück war die D938 von Rouen nach Elbeuf. Auf einem Bergrücken befand sich Start und Ziel. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Sechs Jahre nach dem letzten Rennen 1993 wurden die Boxenanlage und die Haupttribüne abgerissen. Einziger Zeuge, dass hier einmal eine Rennstrecke stand, ist die Bushaltestelle der Linie 32 mit dem Stationsnamen „Circuit Auto“.

Nach der Kuppe am Ende der Zielgeraden schlängelt sich die Straße in lang gezogenen Bögen steil den Berg hinunter. Rechts, links, rechts, links. Alles praktisch voll. Filmaufnahmen und Fotos zeigen Juan-Manuel Fangio 1957 in seinem Maserati 250F in einem gepflegten Drift auf dem Höllenritt Richtung Nouveau Monde, die aus einem langen Linksbogen heraus angebremst werden musste. Auf der rechten Seite schützte eine einfache Leitplanke die Autos davor, in den Wald zu rasen. Links stand drohend eine monströse Böschung.

Eine der vier Kurven erlangte traurige Berühmtheit. Sie hieß „Six Frères“. In der 260 km/h schnellen Rechtskurve starben 1968 Jo Schlesser, 1970 der Formel 3-Pilot Denis Dayan und 1973 Formel 2-Fahrer Gerry Birrell. Dayan und Birrell wurden die nach dem Schlesser-Unfall installierten Doppelleitplanken zum Verhängnis. Beide rutschten unter der oberen Leitschiene durch. Der Tod von Schlesser beim fünften Auftritt der Formel 1 in Rouen war der Schlusspunkt. Es ging mit der Formel 2 und Formel 3 weiter. 1974 rang der Veranstalter dem Berg auf der linken Seite ein wenig Platz für eine ordentliche Schikane vor der Todeskurve ab. Doch die großen Rennserien waren für Rouen aufgrund der Sicherheitsmängel nicht mehr zu retten.

Eigentlich war der Circuit Rouen-Les Essart eine schnelle Rennstrecke, was aber in den offiziellen Zahlen nie richtig zur Geltung kam. Der letzte Grand Prix 1968 war ein Regenrennen. So muss die Pole Position von Jochen Rindt auf Brabham-Repco aus dem gleichen Jahr herhalten, um zu zeigen, wie atemberaubend die Achterbahn vor den Toren von Rouen wirklich war. Seine Runde von 1.56,1 Minuten bedeutete einen Schnitt von 202,853 km/h.

Der kleine Nürburgring

1965 kam Clermont-Ferrand zum Handkuss. Vier Mal trat der GP-Zirkus auf dem Circuit de Charade an. Der letzte Start 1972 wäre fast an der Finanzierung gescheitert. Wenn es je einen Schauplatz gab, der die Bezeichnung „kleiner Nürburgring“ verdient hatte, dann der 8,055 Kilometer lange Kurs in den Bergen des Zentralmassivs. Die längste Gerade war 900 Meter lang. Es ging bergauf, bergab, mitten durch den Wald, durch eine Ortschaft, mit schnellen Kurven wie Eau Rouge und sechs Haarnadelkurven. Nach der Passage durch das Dorf Charade führt die Strecke steil bergab. Viele der Kurven gleichen sich und sind doch nicht gleich. Der ständige Wechsel von links nach rechts und umgekehrt schlug einigen Piloten auf den Magen. Jochen Rindt wurde immer schlecht bei der Kurbelei.

Reims, Rouen, Clermont-Ferrand: Die französischen Monster

Chris Amon - Matra Simca MS120D - Denny Hulme - McLaren M19C - GP Frankreich 1972 - Clermont-Ferrand
Chris Amon - Matra Simca MS120D - Denny Hulme - McLaren M19C - GP Frankreich 1972 - Clermont-Ferrand Rolf Stommelen - Eifelland March 721 - GP Frankreich 1972 - Clermont-Ferrand Jim Clark - Lotus 25 - GP Frankreich 1965 - Clermont-Ferrand GP Frankreich 1969 - Clermont-Ferrand 22 Bilder

Am Ende des Bergabstücks wartet ein Streckenteil, der höchstens mit Eau Rouge zu vergleichen ist. Den vielen langsamen Kurven folgt ein superschneller Rechtsbogen mit sechs Scheitelpunkten. Mittendrin eine Senke, gefolgt von einem steilen Anstieg. Danach schlängelt sich der Kurs in sanften Bögen den Berg hoch, nur unterbrochen von einer engen Schikane. Dort, wo der Wald die Strecke wieder ausgespuckt hat, beginnt ein Streckenteil, der auch eine Bergrennstrecke sein könnte. Für die Zuschauer ein Fest. Sie können den Kurs über gut 1,5 Kilometer gut einsehen.

51 Kurven hört sich nach langsamer Fahrt an. Tatsächlich war der 1958 eröffnete Kurs sauschnell und genauso gefährlich wie Reims und Rouen. Chris Amon stellte beim letzten Grand Prix in der Auvergne seinen Matra mit einem Schnitt von 167,232 km/h auf die Pole Position. Nach dem Rennen von 1972 war Schluss. Helmut Marko verlor ein Auto. Ein Stein, abgeschossen von Ronnie Petersons Lotus, hatte ihn am Kopf getroffen. Das Problem: Die schmalen Seitenstreifen links und rechts der Strecke waren übersät mit losem Vulkangestein. 1989 wurde die Strecke nach dem Vorbild von Spa verkürzt. Die nun nur noch 3,975 Kilometer lange Piste mit 18 Kurven klammert die schnellen Passagen komplett aus. Heute finden nur noch nationale Rennen in Clermont-Ferrand statt.

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