Max Verstappen - Red Bull - Lewis Hamilton - Mercedes - GP Italien 2021 - Monza xpb
Verstappen vs. Hamilton - GP Italien - Monza - 2021
Verstappen vs. Hamilton - GP Italien - Monza - 2021
Vettel vs. Ocon - GP Italien - Monza - 2021
Antonio Giovinazzi - GP Italien - Monza - 2021 61 Bilder

F1-Saison der Superlative: Wozu mehr Show?

Eine Saison der Superlative Wozu braucht F1 eine bessere Show?

GP Russland 2021

Die Formel 1 erlebt eine der besten Saisons ihrer Geschichte. Sie wird einmal im gleichen Atem genannt werden wie 1976 oder 1989. Sie trägt alles in sich, was man zu einer großen Story braucht. Zusätzliche Showelemente würden das Gegenteil bewirken.

Die Formel 1 diskutiert gerade darüber, wie man die Show verbessern kann. Und das auch noch künstlich. Dabei sind wir gerade mitten in einer Saison, von der man in vielen Jahren einmal sagen wird: Erinnerst du dich, wie das 2021 einmal war? Netflix kann sein Glück eigentlich gar nicht fassen. Wenn man es nicht besser wüsste, müsste man meinen, diese Saison sei für die Doku-Reihe des US-Streaming-Dienstes absichtlich inszeniert worden. Da passt sogar der Titel: "Drive to survive."

Was macht einen guten Formel 1-Jahrgang aus? Einen, der auch in zehn, 20 oder 30 Jahren noch Gesprächsstoff bietet? Einen wie 1964, 1970, 1976, 1989, 1994 oder 2007? Es braucht ein großes Duell um die Weltmeisterschaft, oder auch einen Dreikampf. Das Titelrennen muss hin und herschwingen, ohne eine klare Favoritenrolle. Je größer die Gegensätze der Hauptdarsteller umso mehr polarisiert die Story. Je unterschiedlicher die darin verwickelten Teams und Autos, umso besser. Der Saisonverlauf muss Irrungen und Wirrungen bieten, Emotionen entfachen, Dramen, Kuriositäten, Kontroversen, und auch ein bisschen Politik hinter den Kulissen.

Eine Triple A-Saison braucht aber auch eine zweite Ebene. Ein Paralleluniversum mit dem Kampf um den besten Verfolger. Mit neuen Gesichtern und alten, die sich verabschieden oder einen dritten Frühling erleben. Mit Überraschungssiegern und Rennen, die Geschichte schreiben. Egal ob Thriller oder Farce. Hauptsache man spricht darüber. Man kann schon nach 14 Rennen sagen: Diese Saison wird so ein Jahr.

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Jochen Rindt war 1970 der tragische Hauptdarsteller.

1964 ein ungeheuerlicher Akt

Zugegeben, 1964 ist schon eine Weile her. Und trotzdem bleibt diese Saison in Erinnerung. Weil die WM-Gegner und ihre Teams so unterschiedlich sind. Da der geniale Jim Clark im Nachfolgemodell des genauso genialen Lotus 25. Dort der harte Arbeiter Graham Hill im vergleichbar pragmatischen B.R.M. P261. Und mittendrin der Sonderling John Surtees, der mit seinem Ferrari 158 erst zu Saisonmitte zum Favoritenkreis stößt.

Der Dreikampf endet in einem Drama und einem Eklat. Clark verliert den Titel in der letzten Runde wegen einer losen Ölschraube, und Surtees gewinnt ihn, weil Teamkollege Lorenzo Bandini den B.R.M. von Hill von der Strecke schiebt. Damals, als die Fahrer noch Gentlemen waren, ein ungeheuerlicher Akt. Heute Part of the game.

Das Jahr 1970 steht für Tragik. Es beginnt mit dem Duell des jungen Helden und Popstars Jochen Rindt gegen den 44-jährigen Jack Brabham, selbst Konstrukteur, Rennstallbesitzer, Tüftler, optisch aber eher Typ Buchhalter. Der alte Mann läuft noch einmal zu großer Form auf. Rindts Lotus 72 ist Weltraumtechnik im Vergleich zu dem biederen Brabham BT33 seines Gegners. Die erste Saisonhälfte ist geprägt von zwei Grand Prix, die Brabham in der letzten Runde an Rindt verliert. In Monaco durch Unfall, in England, weil ihm der Sprit ausgeht.

In der zweiten Saisonhälfte fällt Brabham immer mehr zurück. Dafür taucht Jacky Ickx mit seinem Ferrari aus der Versenkung auf. Er ist für Rindt wegen des PS-Vorteils des Ferrari-Zwölfzylinder ein veritabler Gegner. Es kommt nicht mehr zum großen Finale. Jochen Rindt stirbt in Monza. Und Ickx rennt vergeblich einem 26- Punkte-Rückstand auf den toten Gegner hinterher. Ausgerechnet Rindts Teamkollege, der völlig unerfahrene Emerson Fittipaldi, zerstört mit einem Sieg in Watkins-Glen die Titelträume von Ickx. Eine solche Geschichte lässt sich nicht erfinden.

Ayrton Senna - Alain Prost - McLaren MP4/5 - GP Japan 1989
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Senna gegen Prost: das Hass-Duell der Formel 1-Geschichte.

Mit Crash zum WM-Titel

Über die Saison 1976 wurde ein Hollywood-Film gedreht. Der Streifen "Rush" erzählt die Geschichte des Playboys James Hunt gegen den menschlichen Computer Niki Lauda. Sie startet mit einer Siegesserie von Lauda. Hunt schlägt erst ab Saisonmitte zurück. Zwei GP-Siege werden mit Monaten Verspätung am grünen Tisch vergeben. Einer an Hunt, der andere an Lauda.

Dann der Feuerunfall von Lauda am Nürburgring, das Comeback, Enzo Ferraris leere Drohung seine Autos zurückzuziehen, Hunts Aufholjagd und das unglaubliche Finale in Fuji. Dazu der Tyrrell P34, ein Auto mit sechs Rädern, die Auferstehung von Lotus und Sensationssieger John Watson im Penske in Österreich. Das alles komprimiert in 273 Tagen. Mehr geht nicht.

Auch 1989 liefert eine Story für ein gutes Buch. Die Rivalität der McLaren-Fahrer Ayrton Senna und Alain Prost hat sich zum Hassduell entwickelt. Teamchef Ron Dennis entgleitet die Kontrolle über seine Starpiloten. Es ist ein bisschen wie heute zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen. Senna wildert im Revier von Professor Prost. Was Senna durch Speed gewinnt, macht Prost mit Erfahrung, List und Tücke wett. Und er entscheidet die WM durch eine Kollision in Suzuka. Viele sprechen von Absicht. Obwohl McLaren dominiert, werden im Windschatten neue Gegner stark, Ferrari gewinnt drei Grand Prix, Williams zwei, Benetton einen.

1994 ist Benetton ein Weltmeister-Team. Die bunte Truppe, die einst aus Toleman entstand, fordert mit dem neuen Formel 1-Star Michael Schumacher die Ikone Senna heraus. Senna im Williams, das klingt nach einem Durchmarsch. Doch Schumacher kommt mit 20 Punkten nach Imola, Senna mit null. Dann bringt eine Unfallserie mit dem Tod des Brasilianers als traurigem Höhepunkt, die die Formel 1 ins Wanken bringt.

Es geht skandalträchtig weiter. Schumacher wird zwei Mal disqualifiziert, für zwei Rennen gesperrt. Benetton steht unter Verdacht mit einer Traktionskontrolle getrickst zu haben. Sennas braver Statthalter Damon Hill wird plötzlich zum WM-Kandidaten. Es endet dramatisch. In einer Regenschlacht in Suzuka, die Hill gewinnt und einer Kollision, aus der Schumacher als Sieger hervorgeht. Auch diesmal fällt wieder das böse Wort Absicht.

Lewis Hamilton - GP China 2007
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Die Saison 2007 war reich an Dramen und Skandalen.

Eine Saison wie aus einem Schundroman

2007 steht ganz im Zeichen des Duells Ferrari gegen McLaren. WM-Favorit Kimi Räikkönen bekommt mehr Gegenwehr von Rookie Lewis Hamilton und McLaren-Neuzugang Fernando Alonso als es Ferrari lieb ist. Im Hintergrund tobt ein schmutziger Krieg. McLaren erhält von Ferrari-Mitarbeiter Nigel Stepney alle technischen Daten des Autos, strategische Pläne und Zahlen zu den Finanzen des Teams. Kronzeuge ist am Ende der eigene Fahrer. Alonso nimmt Rache, weil McLaren seiner Meinung nach Hamilton bevorzugt.

Das ganze klingt wie ein Schundroman, nimmt aber für McLaren ein bitteres Ende. Das Team zahlt die Rekordsumme von 100 Millionen Dollar und verliert alle WM-Punkte. Die Strategen verspielen den bereits sich geglaubten WM-Titel für Hamilton, weil sie ihre Taktik nur darauf ausrichten, dass Alonso auf keinen Fall Weltmeister wird. Davon profitiert Räikkönen, der in zwei Rennen mit Schützenhilfe von Teamkollege Felipe Massa einen 17-Punkte-Rückstand noch wettmacht.

Alle anderen Teams sind abgemeldet. Titelverteidiger Renault versinkt im Niemandsland. BMW gewinnt langsam an Kontur. Red Bull bringt gleich zwei Teams an den Start. Bei Toro Rosso sollen Junioren ausgebildet werden. Mit Sebastian Vettel kündigt sich ein Weltmeister von Morgen an.

Ein Titelrennen auf allen Ebenen

Spätestens jetzt sollte klar sein. Die Saison 2021 trägt viel von dem in sich, was uns schon 1964, 1970, 1976, 1989, 1994 und 2007 in Atem hielt. Das Duell zweier Platzhirsche an der Spitze, die sich nun schon zwei Mal ins Auto gefahren sind und nicht den Eindruck erwecken, ihren Fahrstil und ihre Positionen zu ändern. Die Rennstrecke bestimmt, welches Auto, welcher Motor die Nase vorn hat. Selten ist der Vorsprung groß genug, dass der Gegner chancenlos wäre.

Mercedes und Red Bull gießen weiteres Öl ins Feuer. Man bekämpft sich auf allen Ebenen. Bei der Technik, der Motorenpolitik, auf dem Fahrermarkt. Man zweifelt an der Legalität von Heckflügeln, Reifendrücken, Boxenstopp-Abläufen und Motoren. Mal erfolgreich, mal weniger, aber immer unterhaltsam. Der letzte Vorstoß von Red Bull gegen zu starkes Abkühlen der Ladeluft im Luftsammler der Mercedes-Motoren wurde zu den Akten gelegt. Es war sicher nicht die letzte Aktion.

Nicht nur das WM-Duell sorgt für Schlagzeilen. Die beiden Dinos Ferrari und McLaren betreiben ihren Kampf um Platz 3 mit der gleichen Intensität wie die Titelkombattanten. McLaren hat das Auto länger entwickelt, Ferrari hofft auf ein Motor-Upgrade. Die Fahrer gehen ans Limit. Charles Leclerc verschenkte einen möglichen Sieg in Monte Carlo durch einen Crash in der Qualifikation. Lando Norris war in Spa auf dem Weg zur Pole Position, als er sein Auto in Eau Rouge in die Wand feuerte. Es wäre gleichzeitig der Sieg gewesen, wie wir heute wissen.

Daniel Ricciardo -  GP Italien - Monza - 2021
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Mit Daniel Ricciardo und Esteban Ocon gab es in dieser Saison bereits zwei Überraschungssieger.

Eine Saison, viele Geschichten

Der Alibi-Grand Prix von Spa hinter dem Safety Car war kein Ruhmesblatt, aber auch so etwas gehört zu einer verrückten WM-Story. 1964 war das der GP Österreich auf dem Flugplatz von Zeltweg, dessen Rumpelpiste elf Autos den Garaus machte. 1970 der GP Mexiko, als die Zuschauer während des Rennens die Strecke stürmten. 1989 der GP Australien, der nie gestartet hätte werden dürfen, weil die Verhältnisse noch viel schlimmer waren als zuletzt in Spa. 2007 das Rennen in Fuji, bei dem wegen sintflutartigem Regen 24 der 67 Runden hinter dem SafetyCar abgehalten wurden.

Die 72. Formel 1-Saison der Geschichte hatte neben Spa noch andere Kuriositäten im Programm. Das Rennen in Imola, das für Hamilton nach einem Dreher und einer Runde Rückstand praktisch schon gelaufen war, dank einer Unterbrechung ihm aber eine zweite Chance gab, die er noch in einen zweiten Platz verwandelte. Den Neustart des GP Aserbaidschan zwei Runden vor Schluss. Den GP Ungarn, als beim Re-Start nur Hamilton in der Startaufstellung Platz nahm, alle anderen aber zum Reifenwechsel an die Boxengasse abbogen.

Die ersten 14 Rennen haben mit Esteban Ocon und Daniel Ricciardo auch schon zwei Überraschungssieger hervorgebracht. In die gleiche Kategorie gehört der zweite Startplatz von George Russell in einem Williams in Spa. Zwölf Fahrer aus acht Teams standen bereits auf dem Podium. Die Abstände sind enger denn je. Eine Zehntelsekunde kann bis zu fünf Positionen ausmachen. Fazit: Die Formel 1 braucht wirklich keinen Sprint, bei dem in umgekehrter Reihenfolge zum WM-Stand gestartet wird. Mehr Show geht nicht.

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