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F1-Boss Stefano Domenicali im Interview

F1-Boss Stefano Domenicali im Interview „Du musst klar machen, was du willst“

Stefano Domenicali erlebte in Bahrain seinen ersten Grand Prix als neuer Formel-1-Chef. Wir haben ihn gefragt, was er anders als seine Vorgänger machen will, und wie er zu den Reizthemen Kostendeckel, Motorregeln, Sprintrennen und Pay-TV steht.

Sie waren vorher bei Ferrari und Lamborghini. Wie unterscheidet sich Ihr neuer Job von den alten?

Domenicali: Einerseits kommt es mir wie gestern vor, dass ich zuletzt in der Formel 1 war. Dann wieder habe ich das Gefühl, dass ein ganzes Leben dazwischenliegt. Als ich das erste Mal wieder ins Fahrerlager kam, schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Ich glaube, es war wichtig, dass ich diese Welt vorher schon einmal erlabt habe, dass die Entscheidungsträger von früher kenne und dass ich nach dieser Zeit das Privileg hatte, die Formel 1 von außen zu betrachten. Es war nicht zu hundert Prozent ein Blick von außen, weil ich ja als Leiter der Monoposto-Kommission in der FIA mit dem Sport immer verbunden war. Trotzdem hat mir das einen guten Eindruck darauf verschafft, wie die Leute von außen auf unseren Sport blicken. Wenn du zu tief in das Geschäft verstrickt bist, fehlt dir manchmal der Blick aufs Ganze. Ich hoffe, dass ich diese Erfahrungen in unser System mit einfließen lassen kann.

Was werden Sie anders machen als Ihre Vorgänger Bernie Ecclestone und Chase Carey?

Domenicali: Ich will ich sein und keine Rolle spielen. Meine Handschrift war immer, jedem zuzuhören und den Input zu geben, der mir in meiner Verantwortung zusteht. Meine Tür ist immer offen. Am Ende will ich möglichst viele Interessen berücksichtigen. Wir können nur im Zusammenspiel die richtigen technischen und sportlichen Regeln finden. Wir müssen uns bei jeder Entscheidung die Frage stellen: Warum und für wen machen wir diesen Sport? Was sind unsere Ziele? Wer sind unsere Kunden?

Sind Sie auch ein Mann harter Entscheidungen?

Domenicali: Es kommt nicht darauf an, ob du höflich oder ob du ein harter Hund bist. Du musst klar machen, was du willst.

Zwischen Chase Carey und Ross Brawn gab es eine klare Arbeitsteilung. Der eine kümmerte sich um das Geschäft, der andere um den Sport. Wie teilen Sie sich mit Ross die Arbeit auf?

Domenicali: Ross und ich kennen uns schon ewig. Sein Verantwortungsbereich hat sich nicht geändert. Wir tauschen unsere Ideen und Meinungen aus, weil ich wie er einen sportlichen Hintergrund und eine Leidenschaft für diesen Sport habe. Sonst ändert sich nichts. Ross macht das, was er immer gemacht hat.

Stefano Domenicali - GP Portugal 2020
Motorsport Images
Der neue Formel-1-Boss Stefano Domenicali hat direkt jede Menge Baustellen vor der Brust.

Wie ist der Stand der Rennen in der aktuellen Corona-Lage?

Domenicali: Es war extrem wichtig, letztes Jahr die Weltmeisterschaft über die Bühne zu bringen und allen zu demonstrieren, dass unser Sicherheitskonzept funktioniert. Die Regierungen in den einzelnen Ländern haben jetzt das Vertrauen in uns, dass wir das können. Die Situation dieses Jahr ist dabei viel komplizierter als 2020. Letztes Jahr mussten alle erst einmal einen Weg durch die Pandemie finden und lernen. Jetzt herrschen in jedem Land eigene Regeln und Bedingungen. Deshalb müssen wir von Tag zu Tag entscheiden und flexibel bleiben, falls sich im letzten Moment etwas ändert. Wir stehen täglich mit unseren Veranstaltern in Kontakt, um die Lage zu sondieren. Auch was Zuschauer angeht. Sie können sich nicht vorstellen, wie groß das Interesse ist, wie viele Tickets die Veranstalter verkaufen könnten, wenn sie nur dürften. Aber sie sind natürlich auch abhängig von den Vorschriften der jeweiligen Regierung. Die ersten Rennen sind alle bestätigt. Die Frage ist, ob und wie viele Zuschauer sie reinlassen dürfen. Im Moment fahren wir nur bei zwei Rennen definitiv vor leeren Rängen. Imola und Baku. Bei allen anderen geht es nach derzeitigem Stand darum, wie viele Leute zugelassen werden dürfen, und welche Kontrollen dafür notwendig sind.

Können Sie in der Pandemie große Änderungen vornehmen oder müssen Sie erst einmal die Krise managen?

Domenicali: Beides ist möglich. Wir arbeiten auf einer täglichen Basis daran, dass diese Weltmeisterschaft stattfinden kann. Parallel dazu treffen wir viele strategische Entscheidungen. Nächstes Jahr tritt das neue Chassis-Reglement in Kraft. Wir müssen sicherstellen, dass es funktioniert. Zusammen mit der FIA suchen wir gerade eine neue Plattform für die neuen Motorregeln. Dann bereiten wir uns auf die Zeit vor, in der wieder uneingeschränkt Zuschauer zugelassen werden. Wir überlegen uns, wie wir Ihnen das bestmögliche Event bieten können. Dann kümmern wir uns darum, dass die Formel 1 ihren Slogan "We race as one" auch lebt. Wir wollen die Werte, die wir predigen auch umsetzen, ohne dabei ein politisches Statement abzugeben.

Dieses Jahr schüttet die Formel 1 an die Teams bedingt durch die reduzierten Einnahmen im Corona-Jahr 2020 nur rund 70 Prozent der üblichen Summe aus. Sind Sie optimistisch, dass die Teams bald wieder das volle Geld bekommen?

Domenicali: Wir müssen vernünftig sein. Was letztes Jahr geleistet wurde, war außergewöhnlich. Wir haben eine Weltmeisterschaft auf einer Basis veranstaltet, die sehr instabil und schwierig war. Da haben Liberty und mein Vorgänger Chase Carey Unglaubliches geleistet. Alle Beteiligten haben diese schwierige Zeit überlebt. Auch in diesem Jahr wird eine gewisse Flexibilität nötig sein. Es kann in Einzelfällen Veranstalter geben, die uns um Unterstützung fragen werden. Für solche Notfälle müssen wir Lösungen finden. Die gute Nachricht ist, dass die Teams im Moment gut aufgestellt sind. Nicht nur wegen des Geldes, das wir an sie ausschütten. Wir haben auch Regeln geschaffen, die sie zwingen nachhaltig zu wirtschaften. Es ist jetzt eine Basis da, ein richtiges Geschäftsmodell daraus zu machen. Im Moment gibt es keinerlei Signale, dass eines der Teams zusätzliche Hilfe braucht, wie das in der Vergangenheit hin und wieder der Fall war.

Stefano Domenicali - Formel 1
Motorsport Images
Die Corona-Pandemie sorgt für große Einnahmenausfälle.

Können Sie die Budgetdeckelung auch lückenlos überwachen? Einige Teams wundern sich, dass bis jetzt keine Prüfungen vorgenommen wurden.

Domenicali: Wir sind nicht die Sportbehörde. Es ist Sache der FIA, die Einhaltung der Finanzregeln zu überwachen. Wir stehen erst am Anfang und werden dieses neue System immer wieder anpassen müssen. Und das ist wichtig, denn das System muss glaubwürdig sein. Die FIA arbeitet eng mit den Teams zusammen, um alle Fragen zu beantworten. Erst in diesen Tagen gab es wieder eine Sitzung mit den Teams, in denen die Punkte besprochen wurden, die noch nicht klar waren. Das Problem ist die Komplexität. Schauen Sie sich allein mal die technischen Regeln an. Wenn Sie etwas Neues einführen, gibt es so viele Fallstricke, die sie beachten müssen. Das kriegen sie auf Anhieb nie alles hin. Da müssen Sie immer nachbessern. Es ist die Aufgabe der FIA, das verlässlich und konsequent hinzukriegen.

Sind die Regeln zu kompliziert?

Domenicali: Das ist eines der strategischen Ziele, die wir verfolgen. Die Regeln sind zu kompliziert. Schauen Sie sich das Regelwerk einmal an. Das ist so dick wie eine Bibel. Es schreckt viele Interessenten ab. Und je weniger die Zuschauer in der Lage sind, den Sport zu verstehen, desto schwieriger ist es sie dafür zu begeistern. Beim Fußball kennt sich jeder aus. Jeder ist der heimliche Trainer der Nationalmannschaft.

Im Kalender stehen dieses Jahr 23 Rennen. Wann ist der Punkt erreicht, an dem man das Publikum übersättigt?

Domenicali: Das kann man aus zwei Perspektiven betrachten. Wenn die Weltmeisterschaft spannend ist, können es auch 24 Rennen sein. Ist sie früh entschieden, wird es zäh. Ich glaube mehr als 23 Rennen sind sehr unwahrscheinlich, auch wenn es praktisch möglich wäre. Es gibt derzeit ein unheimliches Interesse daran einen Grand Prix zu veranstalten. Wir werden uns in Zukunft gut überlegen müssen, welche Länder für unsere Strategie wichtig sind, was die geeigneten Strecken in den einzelnen Ländern sind und wie viel Antrittsgeld wir den Veranstaltern abverlangen können. Dieses Geld ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition für das Land, die Region, die Industrie drumherum. Wenn wir alles richtig hinkriegen, werden eines Tages auch wieder weniger Rennen möglich sein.

Letztes Jahr waren neue Rennstrecken wie Mugello oder Portimao ein großer Erfolg. Kann es ein Modell für die Zukunft sein, jedes Jahr etwas Neues zu bieten?

Domenicali: Wir müssen da eine gute Balance finden: Was ist die richtige Zahl an Rennen? Was sind unsere Kernmärkte? Wo gibt es Möglichkeiten, Rennen von Jahr zu Jahr rotieren zu lassen, wenn es neue Strecken gibt? Einige der neuen Veranstaltungen letztes Jahr haben davon gelebt, dass es historische Schauplätze und spektakuläre Strecken waren. Diese Orte müssen aber auch die finanzielle Power haben, um eine Veranstaltung auf die Füße zu stellen.

Ferrari - Formel 1 - GP Bahrain 2021
Wilhelm
Seit diesem Jahr arbeiten die Teams erstmals mit dem Budget-Cap. Können die Finanzregeln überwacht werden?

Wann sollen die Einzelheiten des neuen Motoren-Reglements feststehen?

Domenicali: Das Ziel ist der Sommer dieses Jahres. Das ist keine einfache Aufgabe. Wir wollen alles auf neue Füße stellen. Der neue Motor muss wesentlich kostengünstiger sein. Es muss ein Hybridantrieb sein. Er muss mit nachhaltigem Kraftstoff betrieben werden. Er sollte das Gewicht der Autos nicht noch mehr erhöhen. Insgesamt soll der Antrieb den Herstellern ermöglichen ihr Portfolio an Zukunftstechnologien neben dem reinen Elektroantrieb zu erweitern.

Der neue Motor soll 2025 kommen, ein Jahr früher als geplant. Der Einsatz von CO2-neutralem Kraftstoff wird sich dadurch um zwei Jahre verzögern. Haben Sie nicht Angst, dass die Politik durch ein Verbot von Verbrennungsmotoren auf der Straße Fakten schafft, die nur noch Platz für Elektroautos lässt?

Domenicali: Wir planen einen großen Schritt. Der braucht seine Zeit. Kleine symbolische Schritte in diese Richtung bringen uns nicht weiter. Die Wahrnehmung über nachhaltige Technologien ändert sich von Tag zu Tag. Zu Beginn haben alle Hersteller geglaubt, dass die Elektrifizierung ihrer Autos viel schneller passiert. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass das Interesse der Kunden daran aus den verschiedensten Gründen viel kleiner ist und dass es länger dauern wird. Wenn wir als Formel 1 glaubwürdig sein wollen, dann müssen wir die Dinge richtig tun. Wir sollten uns zum Beispiel nicht hinter der Tatsache verstecken, dass wir die effizientesten Motoren haben, die es gibt. Dieses Statement sollten wir auch so nach außen vertreten.

Das weiß aber leider keiner. Von diesen Motoren existieren ja kaum Fotos, weil die Teams alles verstecken.

Domenicali: Absolut richtig. Das müssen wir ändern. Wir stellen immer wieder fest, dass die Leute draußen völlig überrascht sind, wenn wir sie damit konfrontieren. Wir haben uns da einfach schlecht verkauft.

In diesem Jahr sollen bei drei Grands Prix Sprintrennen ausprobiert werden. Was sind die wahren Motive dahinter?

Domenicali: Als wir mit der Meldung an die Öffentlichkeit gegangen sind, dass wir so eine Sprint-Qualifikation ausprobieren wollen, haben die Veranstalter, die für den Test in Frage kommt, sofort viel mehr Ticketanfragen. Und die TV-Anstalten waren begeistert. Dieses Format bringt viele Vorteile. Je weniger Zeit für freie Trainingssitzungen, desto mehr Action auf der Strecke. Keiner wartet mehr auf bessere Bedingungen in der Garage. Das hat sich in Bahrain schon gezeigt. Mit einem freien Training und der Qualifikation kann der Veranstalter den Fans einen besseren Freitag verkaufen. Mit dem zweiten freien Training als Rennvorbereitung und dem Sprint-Qualifying am Nachmittag einen besseren Samstag. Das ist eine zusätzliche Plattform für Geschichten und für die Sponsoren. Je unberechenbarer alles wird, desto interessanter das Renngeschehen. Wenn wir es nicht probieren, werden wir nie erfahren, ob es eine Bereicherung ist oder nicht. Wie oft haben wir in der Vergangenheit das Qualifikationsformat geändert? Immer in der Absicht es besser zu machen und dorthin zu kommen, wo wir heute sind.

Stefano Domenicali - Formel 1
Motorsport Images
Domenicali brachte das Thema Sprintrennen wieder auf die Agenda.

Für die Puristen: Wem gehört bei dem neuen Format die Pole Position, und wer ist der Sieger?

Domenicali: Ganz einfach: Für die Statistik bekommt der Fahrer die Pole Position, der am Samstag das Qualifikationsrennen gewinnt. Und es gibt nur einen Sieger, und der wird am Sonntag gekürt. Wir wollen in Zukunft dieses Format nicht bei jedem Grand Prix machen. Das soll ein Grand Slam für ausgewählte Veranstaltungen werden.

Wie viele maximal?

Domenicali: Das müssen wir in einem nächsten Schritt besprechen. Aber nicht zu viele. Lasst uns erst mal schauen, ob es funktioniert.

Die Teams klagen, dass die Sprintrennen extra Geld kosten. Sie verlangen eine Entschädigung. Wird deshalb der Kostendeckel erhöht?

Domenicali: Wir befinden uns da noch in Verhandlungen. Der Unterschied ob ich alleine auf der Strecke eine Qualifikation fahre oder in einem Rennen ist nicht so groß. Die Distanz ist ungefähr die gleiche. Wenn wir für alles, was wir neu probieren wollen, eine Kompensation verlangen, kommen wir nie ans Ziel. Wir sollten das große Bild nicht aus dem Auge verlieren. Wir besprechen gerade den Einfluss auf die Kosten. Aber ehrlich gesagt: Die Beschwerden kamen hauptsächlich von den großen Teams. Ich hoffe, dass wir da jetzt zu einer Lösung kommen. Die anderen Details des Formats sind mehr oder weniger abgeschlossen.

Die Formel 1 verschwindet in immer mehr Ländern im Pay-TV. Jetzt auch in Deutschland. Dadurch sinken die Zuschauerzahlen. Ist das gesund für die Formel 1?

Domenicali: Wir sind gerade dabei neue Plattformen für die Fans zu entwickeln, wo sie Formel 1 schauen können. Sie dürfen dabei nicht nur die Pay-TV-Zahlen Zahlen in den einzelnen Ländern im Auge behalten. Wir erreichen heute unsere Fans auf neuen Wegen, wie zum Beispiel Social Media. Formel-1-TV verzeichnet massive Zuwachszahlen. Unsere Strategie ist: Free-TV dort, wo wir die Formel 1 bekannt und populär machen wollen. Du kannst nicht etwas verkaufen, was noch nicht Teil der Kultur oder nicht bekannt ist. Wenn sich ein Markt entwickelt hat und das Publikum mehr von dem Sport versteht, kannst du ins Pay-TV gehen. Wir werden da von Fall zu Fall entscheiden. Einerseits müssen wir ein Geschäftsmodell daraus machen, andererseits wollen wir auch, dass unser Produkt möglichst vielen Leuten zugänglich gemacht wird.

Le Mans feiert ein Comeback. Viele Hersteller versammeln sich dort in Zukunft. Ist das gut oder schlecht für die Formel 1?

Domenicali: Es ist großartig für den Motorsport, weil es Interesse weckt. Wir sehen darin keine Gefahr für uns. Wenn Sie die Zuschauerzahlen anschauen, dann wissen sie, dass man die Formel 1 und Le Mans nicht vergleichen kann.