F1-Tagebuch GP Aserbaidschan

Im Taxi-Zwist mit der Polizei

Tagebuch - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2018 Foto: ams 18 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel-1-Wochenende. In Folge 4 berichtet Bianca Leppert darüber, was hinter den Kulissen beim Aserbaidschan-Grand-Prix los war.

Klar, die Formel-1-Saison beginnt in Australien. Das weiß jeder. Mein persönlicher Auftakt ist in diesem Jahr allerdings Aserbaidschan. Es ist bei der Vergabe der Rennen, die ich mir mit den Kollegen Tobias Grüner und Andreas Haupt teile, nicht unbedingt so beliebt wie die Reise ans andere Ende der Welt. Da ich allerdings noch nie in Aserbaidschan war, reizt mich dieser Grand Prix. Zumal ich Stadtkurse sensationell finde. Da sind Auslaufzonen so groß wie Supermarkt-Parkplätze wenigstens noch tabu.

Ruppiger Anflug auf die „Stadt der Winde“

Weil ich in München lebe und Kollege Michael Schmidt in Stuttgart, treffen wir uns am Flughafen in Frankfurt. Von dort bringt uns eine Lufthansa-Maschine, die äußerst begehrt ist, auf direktem Weg nach Baku. Schon beim Anflug bekomme ich zu spüren, warum die Hauptstadt Aserbaidschans „Stadt der Winde” genannt wird. Wir haben ordentlich Seitenwind bei der Landung, was die Sache etwas knifflig macht. Wir überleben knapp.

Vor dem Flughafen-Gebäude erlebe ich den ersten Kultur-Schock. Nicht, weil es so wahnsinnig traditionell zugeht, sondern weil überall Taxen parken, wie man sie aus London kennt. Die lassen wir jedoch links liegen und begeben uns in einen Shuttle-Bus, der uns zum Hotel in der Innenstadt bringen soll. Kaum sitzen wir, weiß ich, was ich über die Winterpause vermisst habe: Michaels Ungeduld. Er kann nicht verstehen, warum es nicht gleich losgeht und wir noch eine halbe Stunde auf dem Parkplatz ausharren. Ich lächle still in mich hinein, stelle mir schmunzelnd vor, wie er wohl beim Meditieren aussehen würde und lasse ihn fluchen.

Tagebuch - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2018 Foto: ams
Um den ehemaligen Präsidenten Heydar Aliyev herrscht ein echter Personen-Kult.

Auf der Fahrt kommen wir an einigen Protz-Gebäuden vorbei, die europäisches Flair ausstrahlen. Schaut man genau hin, sieht man zwischendurch aber auch immer wieder etwas vergammelte Gebäude. Schein und Sein ist hier offenbar an der Tagesordnung. Wir kommen erst spät abends an und versuchen noch einen Happen in einem Lokal in der Fußgängerzone zu ergattern. Mich erinnert hier alles ein bisschen an eine Mischung aus der Türkei, Russland und eleganten Bauten aus Paris. Michael kann sogar noch ein bisschen Fußball schauen.

Frühstück mit Aussicht aufs Kaspische Meer

Am nächsten Morgen verpasst Kollege Schmidt das Highlight unseres Hotels: Ich frühstücke im 11. Stock mit Ausblick auf die Skyline von Baku und das Kaspische Meer. Okay, die Aussicht ist etwas trüb, weil schon lange kein Fensterputzer mehr in diesen Höhen war, aber trotzdem beeindruckend.

Ein weiteres Schmankerl: Wir können zu Fuß an die Strecke spazieren. Das sind mir die liebsten Rennen, schließlich bewegt man sich dann wenigstens noch etwas außerhalb des Fahrerlagers und steht nicht stundenlang in irgendwelchen Staus. Auf dem Weg grüßt gefühlt alle 100 Meter eine Statue des Präsidenten. Doch zu viel durch die Gegend starren, kann hier böse enden: Der Asphalt ist teilweise so marode und wie von Maulwurfslöchern geziert, dass akute Stolpergefahr herrscht. Im Fahrerlager, das nur aus Containern besteht, wird am Donnerstag viel über Max Verstappens Rammstoß gegen Sebastian Vettel in China diskutiert und über das Phänomen, dass Mercedes nun schon drei Rennen in Folge sieglos war.

Am Freitag verfolgt uns selbst dann das Pech. Michael schwärmt mir von dem Lokal Pauls vor, das ein Deutscher in Baku aufgezogen hat. Schon im Jahr zuvor entwickelte es sich bei den Kollegen zur Stammkneipe, in dem es Erdinger Weißbier und deftige Kost wie Steak mit Pommes gibt. Doch erst hängen wir ewig im Pressesaal fest, weil Michael die Zeiten für die Freitags-Analyse alle selbst ausrechnen muss (sonst bekommt er die Daten von einem Team).

Taxifahrer vs. Polizist

Auf dem Weg zu Pauls wird unser Taxi dann auch noch von der Polizei aufgehalten. Am Straßenrand diskutieren der Fahrer und der Polizist lautstark fast eine Viertelstunde. Sie können sich vorstellen, wie sehr sich Schmiddi mit leerem Magen und platzend vor Ungeduld zusammenreißen musste, um sich nicht mit Hand und Fuß an der Diskussion zu beteiligen. Immerhin schafften wir es noch eine Bestellung vor dem Schließen der Küche abzugeben und verbringen einen netten Abend mit Journalisten-Kollegen.

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Die Taxen sehen aus wie man sie aus London kennt.

Während Michael auch am Samstagabend wieder dort Halt macht, gönne ich mir eine Auszeit im Hotel. Wegen des verschobenen Zeitplans beginnt das Qualifying erst am späten Nachmittag, dafür dauert die Aufarbeitung bis in die Nacht. Die Szene schlechthin: Brendon Hartley und Pierre Gasly entkommen knapp einer Katastrophe. Gasly kann seinem langsam fahrenden Teamkollege nur haarscharf ausweichen und nimmt den Notausgang. Es sollte nicht das letzte Desaster im Bullen-Lager an diesem Wochenende bleiben.

Der Rennsonntag beginnt schon chaotisch. Es windet wieder extrem stark. Auf Twitter entsteht ein Contest, wer die lustigsten Clips dazu dreht. Das Rennen sollte noch irrer werden. Max Verstappen und Daniel Ricciardo liefern sich beinharte Duelle, ehe Ricciardo beim vierten Aufeinandertreffen brachial auf der Zielgeraden ins Heck von Verstappen kracht. Zwischenzeitlich sieht es auch nach einem Sieg von Valtteri Bottas aus, doch der muss ihn wegen eines Reifenplatzers an Lewis Hamilton weiterreichen. Sebastian Vettel war wegen eines Verbremsers schon zuvor raus aus dem Kampf um den Sieg. Genug Stoff, der erzählt werden will. Wir arbeiten bis tief in die Nacht und auch der Montag steht ganz im Zeichen der Nachberichterstattung dieses verrückten Grand Prix ehe wir uns in der Nacht auf Dienstag auf den Heimweg machen.

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