F1-Tagebuch GP Australien 2018

Das erste Klassentreffen

F1-Piloten 2018 - Gruppenfoto - GP Australien 2018 Foto: sutton-images.com 27 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 1 berichtet Andreas Haupt darüber, was hinter den Kulissen beim GP Australien los war.

Die 69. Saison der Formel 1-Weltmeisterschaft beginnt in Australien. Im wunderschönen Melbourne. Ich kenne die zweitgrößte Stadt Australiens von einem Urlaubstrip Ende 2014. Melbourne ist eigentlich jedes Jahr eine Reise wert, finde ich. Eine lebendige, pulsierende, zu allen Kulturen offene Millionenstadt am Wasser mit einer schönen Skyline – wäre da nicht die Distanz zu Deutschland. Ich fahre mit dem ICE am Montag vor dem ersten Grand Prix 2018 um 10:41 von Stuttgart nach Frankfurt. Das Hotel in Melbourne St. Kilda erreiche ich Mittwochnacht gegen 1:30 Uhr. Über 24 Stunden auf Achse: Ich bin erschöpft.

Das falsche Apartment

Michael Schmidt schläft zu diesem Zeitpunkt. Er weilt bereits seit Freitag in Australien. Sein Weg führte ihn über Sydney nach Melbourne. Es ist sein 600. GP, den wir nach dem Rennen in einem Restaurant gemütlich feiern werden. Für mich ist es Nummer 24 einer noch jungen Karriere. Ob ich jemals auf die 600 komme? Ich glaube nicht daran. Schön wäre es aber.

F1-Tagebuch - GP Australien 2018 - Melbourne Foto: ams
Am Mittwochvormittag ist das Pressezentrum praktisch noch leer.

Nach meiner Reise von Frankfurt über Dubai wartet im Hotel eine Überraschung – eine unangenehme. Ich erhalte an der Rezeption den Zimmerschlüssel für das Apartment 7. Es befindet sich in einem Nebengebäude, das ich über den Hinterhof erreiche. Vor meinem Apartment stehen mehrere leere Weinflaschen. Es beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ich schließe auf, schaue mich um und finde ein Zimmer vor, das mit Kleidungsstücken und Alkohol überhäuft ist. Aus dem Bad schaut ein bärtiger Mann zu mir. „Hey mate, how is it going?“ – Hallo Freund, wie geht’s?

Mir wurde der falsche Schlüssel gegeben. Eigentlich soll ich die nächsten sechs Nächte in Apartment 7A schlafen. Immerhin: Hier wohne ich allein. Ein Bett, zwei Nachtkästchen, eine Kommode, ein Wandschrank, ein Mini-Tisch, dunkler Teppich, spartanisches Bad: nicht großartig, aber kann man aushalten. Die ersten zwei Nächte plagt mich Jetlag. Ich schlafe in der ersten Nacht vielleicht zwei, in der zweiten vielleicht fünf Stunden.

Am Mittwoch treffe ich mich um 10 Uhr mit Kollege Schmidt und Jens Nagler von der Bild-Zeitung in der Lobby. Wir laufen etwa eine halbe Stunde zur Akkreditierung. Erstmals darf ich meinen roten Fahrerlagerpass, den ich mit meiner Kollegin Bianca Leppert teile, selbst abholen. Die Akkreditierung befindet sich im australischen Automobilclub im fünften Stock. Es dauert keine fünf Minuten, und ich halte meinen Pass in den Händen. Auf mein Einreisevisum musste ich einen Monat warten. Ich erhielt das Dokument erst ein paar Tage vor Abflug.

Mercedes macht Angst

Wir laufen 20 Minuten zur Strecke, um unsere Plätze im Pressezentrum zu reservieren und die ersten Fotos ins Netz zu stellen. An den restlichen Tagen nehmen wir die Straßenbahn. Sie fährt direkt vor unserem Hotel ab und führt uns zur Rennstrecke im Albert Park. Man kann sagen: Durchschnittshotel mit Toplage. Am Montag nach dem Rennen schaue ich mir am St. Kilda Peer die große Show der kleinen Zwerg-Pinguine an. Es dauert nur zehn Minuten, bis ich dort von unserem Hotel hingelaufen bin.

Die Show auf der Rennstrecke zieht Lewis Hamilton ab. Zunächst. In der Qualifikation zieht der Weltmeister alle Gegner ab und brummt dem nächstbesten über sieben Zehntelsekunden auf. Teamkollege Valtteri Bottas feuert seinen W09 in die Streckenbegrenzung. Ein Einschlag mit 27 g. Die Konkurrenz, vor allem Red Bull, spricht von einer Vorführung. Mercedes sei haushoch überlegen, und endlich habe es alle Welt gesehen. Und nach dieser Machtdemonstration müsse auch endlich Ferrari aufwachen. Red Bull fordert eine Angleichung der Motoren – ansonsten sei Mercedes nie zu stoppen.

Sebastian Vettel - GP Australien 2018 Foto: xpb
Vettel gewinnt - obwohl Hamilton im schnelleren Auto sitzt.

Ich hatte wie die meisten im Fahrerlager damit gerechnet. Mercedes war bei den Wintertests nicht nur schnell, sondern die Ingenieure auch extrem selbstsicher. Es beschlich mich das Gefühl, dass da eine Mannschaft genau weiß, dass sie in diesem Jahr nicht zu schlagen sein wird. Manch einer witzelt sogar bereits, Hamilton und Mercedes werden alle 21 Rennen gewinnen. Wie man sich täuschen kann.

Einen Tag später strahlt Sebastian Vettel. Einen Tag später ist Hamiltons Stimmung um 180 Grad umgeschlagen. Ferrari fehlen zwar auch im Rennen ein paar Zehntelsekunden pro Runde auf Mercedes, doch die Diskrepanz ist nicht annähernd so dramatisch wie noch in der Qualifikation. Und eine VSC-Phase schenkt Vettel die Spitzenposition, die er nach seinem einzigen Boxenstopp bis ins Ziel nicht mehr hergeben wird.

In Melbourne ist Überholen praktisch unmöglich. Man muss dafür schon 1,8 Sekunden schneller sein. Hamilton verzweifelt im Heck des Ferrari. Kimi Räikkönen wird Dritter vor Daniel Ricciardo, Fernando Alonso und Max Verstappen, der sich in der Frühphase des Rennens dreht und seinen Diffusor beschädigt.

Hartes Brot Rennsonntag

Wir verlassen das Pressezentrum erst gegen 23 Uhr. Rennsonntage sind hartes Brot. Das unterschätzt man, wenn man nicht mal selbst einen erlebt hat. Aber hey, es gibt keinen Grund zu klagen. Ich habe mir früher jeden Grand Prix angeschaut, wenn ich nicht verhindert war. Und jetzt darf ich acht Mal im Jahr selbst vor Ort sein. Großartig.

Nach dem Rennen hat immerhin noch ein anständiges Restaurant geöffnet. In St. Kilda klappen die Bordsteine erst spät in der Nacht hoch – wenn überhaupt. Die Tage davor wurden wir mit Essen verwöhnt. Vor allem am Mittwoch- und Donnerstagabend. Am Mittwoch vor dem Rennen zieht es uns in ein Steak-House. Das Vlados: Dort gibt Sebastian Vettel seinen Autos Kosenamen. Ein Besuch dort ist Tradition, wie mir Schmidt und Roger Benoit vom Schweizer Blick immer wieder sagen.

120 Dollar für ein herausragendes Menü. Ich muss trotzdem schlucken. Das deckt keine Spesenordnung ab. Allerdings, denke ich, sollte man sich einmal im Jahr diesen Luxus gönnen. Grillwurst als Vorspeise, verschiedene Fleischsorten wie Lamm, Rind, Schwein als Zwischengang und ein Rinderfilet als Hauptgang: brutal lecker. Am Donnerstag wartet die nächste Tradition und das nächste vorzügliche Abendessen: Wir gehen in ein chinesisches Restaurant in der Melbourner Innenstadt: Es gibt Lamm-Frühlingsrollen und Ente.

Was ist mir sonst in Erinnerung geblieben? Mein Streifzug durch Melbourne am Montag nach dem Grand Prix, nachdem ich noch ein paar Hintergrundgeschichten im Hotel geschrieben hatte. Die Show der Supercars im Rahmenprogramm der Formel 1. Mein langes Hintergrund-Gespräch mit dem damaligen Sauber-Technikchef Jörg Zander am Sonntagvormittag. Mein Interview mit Red Bulls Christian Horner am Donnerstag. Der doppelt fehlgeschlagene Boxenstopp von HaasF1, der Romain Grosjean und Kevin Magnussen den Platz hinter den Topteams kostet. Die Einlage der Kampfflugzeuge am Samstag vor dem Qualifying, als praktisch das gesamte Fahrerlager an den Himmel schaute. Was für ein höllischer Lärm. Manch Fan würde sich wünschen, dass die Formel 1-Motoren genauso lärmen – auch vier Jahre nach Einführung der Hybridmotoren…

In unserer Fotoshow geben wir Ihnen Eindrücke von unserer GP-Woche in Melbourne.

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