F1-Tagebuch GP Bahrain 2018

Lufthansa lässt uns im Stich

F1-Tagebuch - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com 29 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel-1-Wochenende. In Folge 2 berichtet Michael Schmidt darüber, was hinter den Kulissen beim GP Bahrain los war.

Wir stehen vor dem Double Bahrain und China. Nicht gerade unsere Traumdestinationen. In umgekehrter Reihenfolge wäre uns lieber. Erst der China-Horror, dann Bahrain. Für Tobias Grüner und mich beginnt die Reise nach Bahrain ungewohnt früh an einem Dienstag. Der Hinflug wird fast abgesagt. Die ursprünglich vorgesehene Maschine der Lufthansa ist kaputt, als Ersatzmaschine wird ein uralter Airbus A330 zur Verfügung gestellt.

Weil die alte Sitzordnung nicht mehr passt, werde ich in die frühere First Class umgebucht. Kein Firstclass-Service, aber Firstclass-Sitze. Das wünscht man sich auf einem 12-Stunden-Flug. Auf dem Weg nach Bahrain machen wir einen Stopp in Kuwait. Es ist auch für mich eine neue Erfahrung. Nachts sieht man nur die hellerleuchtete Skyline. Kuwait City ist ein Abbild von Dubai.

Wie immer in Bahrain wartet schon ein Abholservice am Flughafen. Der Veranstalter will nicht nur, dass wir uns wohlfühlen. Er will auch sicherstellen, dass wir Journalisten keine dummen Sachen anstellen. Als wir endlich unseren Mietwagen haben, fahren wir auf dem schnellsten Weg ins Hotel.

Im Pub sehen wir noch letzte halbe Stunde des Champions League-Spiels Real Madrid gegen Juventus Turin und gefühlte 50 Mal die Wiederholung von Cristiano Ronaldos sensationellem Fallrückzieher. Vom Parallelspiel Bayern München gegen Sevilla gibt es komprimiert nur die Tore.

D-Day in der Formel 1

Am nächsten Tag empfängt uns bedeckter Himmel. Aber immerhin es ist warm. Zuerst einmal füllen wir den Tank des Mietwagens voll. Kostet weniger als 10 Euro. Beste Sorte Superbenzin, das in Bahrain auf den schönen Namen „Mumtaz“ hört. Am Mittwoch und Donnerstag herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Alle warten gespannt darauf, dass Liberty seine Vision der Formel 1 ab 2021 präsentiert. Viele sprechen bereits vom D-Day der Königsklasse.

Es ist bereits durchgesickert, dass Liberty eine Budgetdeckelung plant. Doch da werden Mercedes und Ferrari nicht mitspielen. Kommt es am Freitagmorgen schon zum großen Bruch? Zuerst feiern wir mit unserem finnischen Kollegen Heikki Kulta dessen 350. Grand Prix. Heikki ist bedrückt. Sein Eishockey-Team Turku verliert trotz 2:0 Führung im finnischen Playoff-Finale.

Toto Wolff & Maurizio Arrivabene - Formel 1 - GP Bahrain - Training - 6. April 2018 Foto: xpb
Nach der Sitzung plaudern die Teamchefs von Mercedes und Ferrari noch eine Runde. Beide waren damals die Gegner der Budget-Beschränkung.

Die Arbeitszeiten in Bahrain sind wegen des Nachtrennens gewöhnungsbedürftig. Es beginnt je nach Tag zwischen 11 und 12 Uhr und endet zwischen 23 Uhr nachts und 3 Uhr morgens. Wir fahren am Freitag sicherheitshalber etwas früher. Könnte ja der letzte Tag der Formel 1 sein. Doch es bleibt alles erstaunlich ruhig. Nach anderthalb Stunden Präsentation kommen die Teamchefs mit einem Handbuch wieder zurück. Sie haben Stillschweigen vereinbart. Einige können den Mund trotzdem nicht halten. Mercedes lässt durchblicken, dass man sein Team bis 2021 nicht auf ein 150 Millionen-Dollar Budget abrüsten könne. Red Bull begrüßt die Pläne. Die kleinen Teams sowieso.

Renault hat noch gar keine Meinung, und Ferrari spielt Sphinx. Oberboss Sergio Marchionne hatte es versprochen und für ein Mal Wort gehalten. Man muss auch gar nicht fragen. Allen ist klar, dass Ferrari gegen eine Kostenbremse sein wird. Noch. Die Geschichte dieser Saison hat noch ein paar kuriose Wendungen parat, die Ferrari dazu zwingen einzulenken.

Ansonsten verläuft der Freitag wie jeder Freitag. Ziemlich zäh. Am Abend spielt Santana im Umfeld der Strecke. Wir sehen nur noch den Stau der Konzertbesucher, die wie wir zurück in die City wollen.

Verstappen ist doch Schuld

Erst ab Samstag bestimmt wieder das Geschehen auf der Strecke den Ton. Die Mercedes haben Probleme mit zu heißen Hinterreifen. Verstappen crasht, weil bei 95 Prozent Gas plötzlich 100 Prozent Leistung kommen. Also 150 PS extra. Spott bei Mercedes und Ferrari: So einen Power-Knopf hätten wir auch gerne.

Ein anderer sagt: „Verstappen ist doch nie schuld. Der macht keine Fehler.“ Einen Tag später muss Red Bull seine Version vom Technik-Blackout korrigieren. Offenbar war es doch ein Pilotenfehler. Zwei Ferrari stehen in der ersten Startreihe. Und das nach dem Auftaktsieg in Melbourne. Mercedes ist gewarnt.

Red Bull Paparazzi-Fotos RB14-Geheimnis gelüftet

Pirelli macht Stress nachdem Kollegen Grüner eine Twitter-Meldung abgesetzt hatte, nach der Mercedes nach dem Test-Desaster mit Blasen auf der Lauffläche Pirelli gebeten habe, die Lauffläche der Reifen zu verringern. Das stimme so nicht, dementiert Pirelli. Man habe die Entscheidung für die drei Rennen in Barcelona, Paul Ricard und Silverstone ganz alleine getroffen. Und auch nur wegen des neuen aggressiven Asphalts dort.

Auch Mercedes rudert offiziell zurück: „Wir haben gar nichts gefordert, sondern nur das Problem angesprochen.“ Pirelli will uns weiß machen, dass alle Teams dafür waren, die Lauffläche bei diesen Rennen um 0,4 Millimeter zu reduzieren, damit weniger Hitze im Reifen entsteht. Die Wahrheit ist: Weil man im Feld nicht die erforderlichen 70 Prozent Zustimmung bekommt, bittet Pirelli die FIA aus Sicherheitsgründen der Maßnahme zuzustimmen.

Charlie Whiting zuckt mit den Schultern: „Wir wären dumm, nicht auf Pirelli zu hören.“ Ein Teamchef poltert: „Wir hatten bei den Testfahrten keine Probleme mit Blasen auf den Reifen. Wenn Mercedes nicht klar kommt, sollen sie das Auto umbauen.“

Beinbruch bei Ferrari

Am Sonntag sind alle wieder zufrieden. Der GP Bahrain ist ein Superrennen mit 52 Überholmanövern und vielen Dramen. Kimi Räikkönen fährt beim Boxenstopp einen Mechaniker um, der sich das linke Bein bricht. Verfluchte Boxenampel, verflixte Automatisierung. Mit dem gutem alten Lollipop wäre das wahrscheinlich nicht passiert.

Kimi Räikkönen - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com
Beim Räikkönen-Stopp kommt es zum Malheur.

Weil keiner merkt, dass der Mechaniker links hinten das Rad gar nicht abmontieren kann und durch Absetzen des Schlagschraubers dem System suggeriert, dass seine Arbeit abgeschlossen ist, geht der hintere Wagenheber automatisch in Nullstellung. Alle vier Ecken melden Grün. Also Go. Der Mechaniker steht dummerweise noch zwischen den Rädern. Trotz des Chaos in den Boxen gewinnt Sebastian Vettel vor zwei Mercedes.

Für uns kommt der schwerste Teil des Wochenendes noch. Am Montagnachmittag sickert durch, dass die Lufthansa erst später, dann doch früher, dann gar nicht nach Frankfurt fliegt. Die Fluggesellschaft stellt sich stumm. Auf Umwegen erfahre ich im Internet, dass ich in der gleichen Nacht auf Gulf Air umgebucht bin.

Ich habe Glück. Kollege Grüner muss noch eine Nacht in Bahrain schlafen und fliegt mit Emirates am nächsten Tag über Dubai nach Frankfurt. Nicht ideal, weil wir am Mittwoch schon wieder nach Shanghai düsen. Einige Kollegen von RTL müssen sogar drei Tage auf den Rückflug warten.

Die Lufthansa redet sich mit Streik des Bodenpersonals in Deutschland heraus. Wir vermuten dahinter eine reine Schutzbehauptung. Der Airbus A340 war programmgemäß in Frankfurt abgehoben und steht am Flughafen in Bahrain parat, während meine Gulf-Air-Maschine zur Startbahn rollt. Die Lufthansa könnte also genauso problemlos nach Deutschland zurückfliegen. Die Gepäckabfertigung in Frankfurt ist vom Streik schließlich nicht betroffen.

Die Wahrheit sieht wohl eher so aus: Die Lufthansa hat den Flugplan geändert und stoppt ab Mitte der Woche nicht mehr in Kuwait sondern in Riad. Auf dem letzten Flug über Kuwait hat man offensichtlich nicht genug Tickets verkauft. Da ist es für die Airline billiger, das Flugzeug einen Tag in Bahrain warten zu lassen und die Passagiere umzubuchen. Eine Entschädigung gibt es natürlich nicht. War ja schließlich Streik. Zum Glück wusste Gulf Air nichts davon.

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