F1-Tagebuch GP China 2018

Spät hin, früh zurück

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In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 3 berichtet Michael Schmidt, was hinter den Kulissen beim GP China los war.

Wir wollen uns ja nicht wiederholen. China ist das unbeliebteste Rennen des Jahres. Für 90 Prozent im GP-Zirkus. Erst der Papierkrieg mit dem Visum. Dann die eingeschränkte Bewegungsfreiheit im Land selbst. Du bist auf Taxis und Shuttles angewiesen. Das Hotel ist gut, liegt aber in einer der vielen grauen Trabantenstädte rund um Shanghai.

Immerhin ist es nah zur Rennstrecke. Oder was man in China nah nennt. Wir brauchen jeden Tag 30 bis 45 Minuten für eine Strecke von vielleicht 10 Kilometern. Der eine Shuttle setzt uns an einem großen Parkplatz hinter der Haupttribüne ab. Der andere bringt uns ins Fahrerlager. Warum nicht der erste Shuttle direkt ins Fahrerlager fahren kann, konnte bis heute keiner der Chinesen schlüssig erklären.

Wir haben in diesem Jahr unsere Reiseplanung in das Riesenreich nach einem entscheidenden Gesichtspunkt modifiziert. So spät wie möglich hin, so früh wie möglich weg. Also von Donnerstag bis Sonntag. Wir buchen die Hotelzimmer nur für drei Nächte. Weniger geht nicht. Kollege Grüner und ich reisen mit Austrian Airlines über Wien an und landen am Donnerstag um 5.30 Uhr morgens in Pudong. Trotzdem stehen wir 45 Minuten am Zoll. Ein anderes Flugzeug war kurz vor uns eingetroffen.

Zähe Anreise an die Strecke

Dann müssen wir dem Taxifahrer klar machen, wo wir hinwollen. wir zeigen ihm die Adresse in chinesischer Schrift. Sein Nicken ist nicht sehr überzeugend. Auf der zweistündigen Fahrt fragen wir uns ständig, ob er auch zur richtigen Adresse fährt. Es gibt hundert Wege durch Shanghai. Die Taxifahrer nehmen immer einen anderen. Als wir den Huangpo River überqueren wissen wir, dass es grobe Richtung nach Norden geht. Das könnte stimmen.

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Die China-Shuttles lassen es an Komfort vermissen.

Irgendwann erscheint das Zeichen nach Anting. Das mobile Verkehrsleitsystem meldet aber Stau auf der Strecke. Irgendwann um 10 Uhr sind wir im Hotel. Wir deponieren unser Gepäck an der Rezeption und fahren gleich weiter zum Grand-Prix-Kurs. Es wird ein zäher Tag mit der Aufarbeitung der Ereignisse von Bahrain und der News von McLaren-Teamchef Eric Boullier, dass beim GP Spanien eine B-Version des MCL33 mit einer spektakulären Nase kommt. Dürfen wir aber leider noch nicht schreiben.

Wie immer laufen wir uns im Fahrerlager die Füße wund. Es ist so groß wie ein Fußballfeld. Nur ohne Menschen. Hin und wieder sieht man mal jemanden von den Pavillons auf der einen Seite zu den Garagen auf der anderen laufen. Mit dem Fernglas. Bis man dort ist, ist die Person schon wieder verschwunden. Die Teams logieren in rund 15 Pavillons, die in eine künstliche Seenlandschaft eingebettet sind. Klingt malerisch, ist es aber nicht. Wer in einen dieser Tümpel fällt, wird wohl als Skelett wieder rausgezogen. In puncto Verschmutzung kann nur noch der Fluss an der Ringstraße von Sao Paulo mithalten.

Kulinarische Köstlichkeiten in Fernost

Das Abendprogramm ist bescheiden. Im Hotelrestaurant ist eigentlich nur ein Essen genießbar. Nasi Goreng. Die Kollegen trauen sich an einen Burger ran, doch ich bin mir nicht ganz sicher, welches Tier da vorher zu Hackfleisch verarbeitet wurde. Ein paar Pints Bier trösten über das triste Ambiente hinweg. Immerhin, die Hotelzimmer sind fürstlich. Mir haben sie diesmal eine Suite gegeben, wahrscheinlich um mich mit China zu versöhnen. 100 Dollar die Nacht, da kann man nicht meckern. Mir wäre aber ein kleineres Zimmer und besseres Essen lieber.

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Besser als das Hotel-Futter - Pizza Hut.

Am Freitag gönnen wir uns ein kulinarisches Highlight. Eine 10-minütige Taxifahrt bringt uns zu einem Pizza Hut. Die Rückkehr zum Hotel gestaltet sich schwierig. Es regnet in Strömen. Kein offizieller Taxifahrer will uns mitnehmen. Bei Regen machen sie alle mit längeren Touren Kasse. Die inoffiziellen Transportdienste wimmeln wir ab. Sie rufen den fünffachen Preis auf. Und wer weiß, wo die hinfahren.

Als wir die Chinesen wieder mal verfluchen, biegt einer um die Ecke und bietet an, dass wir bei ihm mitfahren können. Er wohnt weiter weg, würde aber den Taxifahrer bitten, uns am Hotel abzusetzen. Als wir ihm 100 Remimbi für unseren Anteil der Fahrt zustecken wollen, lehnt er ab. Wir bedanken uns. Wenn wir könnten, würden wir der Parteiführung in Peking vorschlagen, dass er zur Belohnung 100 Pluspunkte für Wohlverhalten zugesprochen bekommen soll.

Ricciardo gewinnt aus dem Nichts

Das GP-Wochenende schleppt sich ohne große Höhepunkte dahin. Sebastian Vettel steht schon wieder auf der Pole Position. Neben ihm Teamkollege Kimi Räikkönen. Mercedes macht sich gerade mit der Rolle vertraut, dass man nur noch Außenseiter ist. Am Sonntag gewinnt weder Mercedes noch Ferrari. Das Rennen ist ein echter Knüller. Wie aus dem Nichts mischen sich plötzlich die Red Bull ein.

Schon in der ersten Phase des Rennens fahren sie sowohl auf den zerbrechlichen Ultrasoft-Reifen als auch auf den harten Medium-Gummis, die die Konkurrenz staunen lassen. Ferrari verschläft einen Undercut von Mercedes, und prompt liegt Valtteri Bottas vor Sebastian Vettel. Max Verstappen hat sich vor Lewis Hamilton gemogelt, Daniel Ricciardo vor Kimi Räikkönen.

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Überflieger Ricciardo feiert den ersten Saisonsieg

Nach einer Kollision der Toro Rosso-Fahrer rückt das Safety-Car aus. Nur Red Bull reagiert richtig, holt beide Fahrer an die Box. Die haben jetzt frische Soft-Reifen am Auto, während Mercedes und Ferrari ihre Piloten auf Medium-Sohlen zu Ende fahren lassen. Ein Fehler. Die Red Bull-Piloten schnupfen die Gegner von hinten auf. Verstappen übertreibt es wieder mal, fliegt im Kampf mit Hamilton von der Bahn, räumt Vettel von der Strecke.

Ricciardo feiert seinen sechsten GP-Sieg. Alle gönnen es dem Australier. Ein Sieg mit Köpfchen. Verstappen entschuldigt sich bei Vettel. Der bleibt erstaunlich gelassen. Wir fragen uns: Hat der Ferrari-Pilot über den Winter Mentaltraining gemacht?

Für uns zählt nach dem Rennen jede Minute. Unsere Abreise am Sonntag ist minutiös geplant. Wir müssen die Lufthansa nach Frankfurt um Mitternacht erreichen. Koste es, was es wolle. Bis 20 Uhr müssen alle Internetgeschichten und die News-Seiten für die wöchentlich erscheinende Ausgabe von Motorsport Aktuell im Kasten sein. Die FOM hat uns einen Transfer zum Flughafen gebucht, der 80 Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt liegt. Es klappt wie am Schnürchen. Um 22 Uhr checken wir am Flughafen ein, haben sogar noch Zeit, die Print-Artikel zu vervollständigen.

Der Flughafen in Frankfurt sperrt gerade auf, als wir einschweben. Ausnahmsweise ist auch die Bahn pünktlich. Um 8.30 Uhr sitzen Kollege Grüner und ich im Büro. Wie an einem normalen Montag ohne Grand Prix. Grüner beschließt trotzdem: „Das war definitiv mein letzter China Grand Prix.“ Ich werde 2019 wiederkommen müssen. Zum 1000. Grand Prix der Geschichte. Das darf man sich doch nicht entgehen lassen.

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