F1-Tagebuch - GP England 2018 - Silverstone ams
Nico Hülkenberg - GP England 2018
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F1-Tagebuch - GP England 2018 - Silverstone 25 Bilder

F1-Tagebuch GP England 2018

Ein Land im WM-Fieber

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 10 berichtet Andreas Haupt darüber, was hinter den Kulissen beim GP England los war.

340.000 Fans über das Rennwochenende, 130.000 am Rennsonntag: Der 68. Grand Prix in England und der 51. in Silverstone lockt einmal mehr die Massen an. Sie werden ihr Kommen nicht bereuen. Das Rennen in der Wiege des britischen Motorsports verwöhnt. Mercedes und Ferrari begegnen sich auf Augenhöhe. Sebastian Vettel gewinnt, Lewis Hamilton wird zum Leidwesen seiner Anhänger am Start umgedreht und landet nach einer Aufholjagd trotzdem auf dem Podest.

England hofft auf Titel

Unsere England-Reise beginnt am Mittwoch vor dem GP. Für Michael Schmidt ist es das dritte Rennen in drei Wochen. Erst Frankreich, dann Österreich, jetzt die Insel. Ein stressiges Programm, das vor allem die Mechaniker und Aufbau-Truppen auslaugt. Ich reise entspannt an. In Frankreich berichtete Kollege Grüner, in Österreich Kollegin Leppert. Ich war Ende Juni am Nürburgring, um die Rekordfahrt des Porsche 919 Hybrid zu bezeugen. So viel muss sein, auch wenn es nicht direkt mit der Formel 1 zu tun hat. Dieser Event war ein Gewinn für den Motorsport und für Porsche. Ich würde mir wünschen, eines Tages ein Formel 1-Auto in vollem Tempo über die Nordschleife brezeln zu sehen. Es bleibt wohl ein Traum.

Mercedes - GP England - Silverstone - Formel 1 - Mittwoch - 4.7.2018
ams
Drei Rennen in drei Wochen fordern dem F1-Zirkus alle Kraft ab.

Wie in den meisten Fällen zieht es uns nach der Ankunft direkt an die Strecke, um die ersten Geschichten zu recherchieren und die ersten Fotos zu knipsen. Das Fahrerlager gleicht am Mittwoch einer Baustelle: überall Trucks, überall Kräne, überall Gabelstapler, überall Bauarbeiter. Nicht eines der Motorhomes ist aufgebaut. Ein Tag später wird nur noch Feinschliff betrieben. Auch das ist die Formel 1. Jede Arbeit wird im Eiltempo erledigt. Sie müssten mal erleben, wie es nach einem Rennen im Fahrerlager zugeht. Du stürmst aus dem Pressezentrum, um Stimmen einzufangen, und machst das inmitten einer Baustelle. Die Arbeitsprozesse gleichen denen einer Chirurgie. Präzision at its best.

England ist im Fußball-Fieber. Die Three Lions geben den Fans die Hoffnung auf den ersten WM-Titel nach 1966. Endlich soll die Wartezeit beendet werden. Die Engländer versprühen Optimismus, der ansteckt. „Is it coming home?“, fragen die Engländer so, als ob sie die Antwort gleich selbst geben. „Yes it is.“ Gemeint ist der WM-Pokal. Selbst ich glaube an den Titelgewinn in Russland.

Hamilton abgeräumt

Im Anschluss an die Qualifikation, die Lewis Hamilton hauchzart für sich entscheidet, beginnt das Viertelfinalspiel zwischen England und Schweden. Selbst der Weltmeister würde lieber das Spiel schauen, statt Interviews zu geben. Aber Arbeit ist Arbeit. Auch wir müssen ran, da gibt es überhaupt keine Diskussion. Das Spiel wird auf Videowänden auf der Zielgerade und im Fahrerlager übertragen. Vor den Schirmen bildet sich eine Menschentraube, die zwei Mal aufschreit und jubelt. England siegt 2:0. Mit dem WM-Titel wird es trotzdem nichts.

Während England feiert, trauern unsere brasilianischen Journalisten-Kollegen noch immer. Am Freitag schied die Selecao gegen Belgien aus. Wir sahen das Spiel nach getaner Arbeit in der Lobby unseres Hotels in Milton Keynes – dort, wo die Fabrik von Red Bull steht. Zum Spiel gibt es Bier und Pizza.

F1-Tagebuch - GP England 2018 - Silverstone
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Wie immer ein Genuß: Crispy Duck.

Essen ist ein gutes Stichwort. Unsere treuen Leser kennen es inzwischen. Jedes Jahr aufs Neue schwärmen wir von der Crispy Duck. Die knusprige Ente gönnen wir uns zwei Mal. Zuerst packen wir eineinhalb Enten zusammen mit unserem Kollegen der Bild-Zeitung. Beim zweiten Mal sitzen unsere Freunde aus Brasilien mit am Tisch. Die Stimmung ist prächtig, wir lachen viel.

Die Abende an Grand-Prix-Wochenenden sind wichtig für den Ausgleich zur Arbeit. Wer sich einfach ins Hotelzimmer zurückzieht und sich ein Menü bestellt, wird irgendwann verrückt. In diesem Jahr haben wir in England sogar ein neues Restaurant gefunden – direkt an einem Kanal mit alter, noch intakter Schiffsschleuse. Wirklich cool. Sie sehen es in unserer Fotoshow.

Ohnehin gehört England zu meinen Lieblingsreisezielen. Ich mag die Insel, die Leute, ihren Humor und vor allem ihren Sportsgeist. Ihr Liebling gerät nach einem schwachen Start in die Fänge von Kimi Räikkönen. Der Finne verschätzt sich beim Anbremsen zu Kurve 3 und dreht Hamilton um, der ans Ende des Feldes fällt. Der Vorjahressieger überholt Runde für Runde die Gegner, als ob sie parken würden.

Es ist das Hauptproblem der Formel 1. Die Top-Teams haben zu leichtes Spiel. Sie sind schnell genug, um bereits bis zum ersten Boxenstopp eine so große Lücke zu den Mittelfeldteams aufzureißen, dass sie trotz Reifenwechsel vorne bleiben. Und sie überholen locker, selbst wenn mal etwas schief geht. Beispiel Hamilton in Silverstone. Beispiel Hamilton in Hockenheim. Beispiel Verstappen in Russland. Beispiel Verstappen in Austin.

Zu leichtes Spiel beim Überholen

Ich finde: Hamilton hätte aus eigener Kraft in Silverstone gerade so in die Punkte fahren dürfen, und nur durch außergewöhnliche Umstände bis auf das Podest. Sein Speed reichte locker, um Sechster zu werden. Da konnten Hülkenberg, Perez, Ocon und Co. sich noch so abstrampeln. Es ist inzwischen soweit gekommen, dass sich die Männer aus dem Mittelfeld nicht einmal mehr wehren, wenn ein Fahrer eines Topteams hinter ihnen auftaucht. Weil es sinnlos ist.

Williams - Formel 1 - GP England 2018
sutton-images.com
Williams ist auch in England völlig von der Rolle.

Ein Safety Car, das Marcus Ericsson durch seinen Abflug auslöst, weil er vergessen hat, das DRS zuzuklappen, würzt einen ohnehin spannenden GP. Valtteri Bottas bleibt auf der Strecke und erbt die Führung von Vettel, der mit frischen Reifen zur Schlussattacke bläst. Das finnische Bollwerk hält nur ein paar Runden. Dann sind die Reifen am W09 mit der Startnummer 77 abgewetzt. Erst fällt Vettel über Bottas her, dann Hamilton, dann Räikkönen. Ricciardo hält er nur dank des besseren Topspeeds hinter sich. Max Verstappen verfehlt ein mögliches Podest, weil das Brake-by-Wire an der Hinterachse aussteigt.

Ach so: Im Training erlebt Brendon Hartley seinen nächsten harten Abflug. Und Williams ist völlig von der Rolle. Beim Heimspiel funktionieren die Heckflügel nicht wie erhofft. Strömungsabrisse verunsichern die Fahrer. Vor dem Rennen muss Williams zurückrüsten. Lance Stroll und Sergey Sirotkin starten aus der Box mit alten Flügel. Ein weiterer Tiefpunkt für ein stolzes Team, das die Formel 1 einst beherrschte und inzwischen Schlusslicht ist.

In unserer Fotoshow nehmen wir Sie mit auf einen Blick hinter die Kulissen des GP England.

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