F1-Tagebuch GP Frankreich 2018

Public Viewing im Sauber-Motorhome

F1-Tagebuch - GP Frankreich 2018 Foto: ams 27 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel-1-Wochenende. In Folge 8 berichtet Michael Schmidt darüber, was hinter den Kulissen beim GP Frankreich los war.

Es ist der Beginn des Triples. Für mich sind es fünf Wochen am Stück. Mein heißer Sommer beginnt schon in Montreal. Während sich der Formel-1-Tross danach noch einmal ein Wochenende ausruhen kann, reise ich mit Kollege Andreas Haupt nach Le Mans, um dabei zu sein wie Fernando Alonso Teil 2 der Triple Crown abhakt. Am Montag kutschieren wir von Le Mans Richtung Stuttgart. Ein elend langer Tag, der in Deutschland natürlich wieder im Stau endet. So weichen wir Teile der Strecke Mulhouse-Karlsruhe über die Landstraße aus.

Am Dienstag bin ich in der Redaktion. Den nächsten Tag geht es um 5.30 Uhr in der Früh schon wieder Richtung Frankreich. Diesmal mit Kollege Grüner. Wir müssen Frankreich erreichen, bevor sich auf der A5 die ersten Staus bilden. Bei Freiburg wird es schon zäh. Gelobt sei die französische Autobahn. Dank Maut sind wenigstens die Straßen frei. Tempomat auf 140 km/h, und es geht ganz gut voran. Nur rund um Lyon wird es noch einmal zäh.

Der Weg nach Südfrankreich ist lang. Valence, Montelimar, Avignon, Aix-en-Provence: Das Ziel will einfach nicht näher kommen. Für mich ist es ein Wiedersehen nach 28 Jahren Pause. 1990 habe ich meinen letzten Grand Prix in Paul Ricard gesehen. Früher war ich Stammgast auf dem Hochplateau zwischen Marseille und Toulon. Der Großteil der Wintertests spielte sich dort oben ab.

Staus an der Rennstrecke

Trotzdem waren meine Erinnerungen verblasst. Ich wusste nur noch, dass ich ständig in anderen Hotels gewohnt habe, von denen viele so schlecht waren, dass man sie am liebsten gleich wieder vergisst. Dass es da ein tolles Restaurant namens „Le poivre ane“ gab, in dem jeder Mal sein musste, der mit der Formel 1 etwas zu tun hatte. Und dass wir immer schon früh am Morgen aufgebrochen sind, weil sich auf den beiden Zufahrtstraßen zur Rennstrecke schnell Staus gebildet hatten.

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Nach knapp 1.000 Kilometer Anfahrt endlich am Fahrerlager angekommen.

Schon vor unserer Abreise mussten wir im Internet feststellen, dass es unser Lokal zum „gepfefferten Esel“ nicht mehr gab. Als wir Mittwochnachmittag am Circuit Paul Ricard ankamen, kehrte so langsam die Erinnerung zurück. Die Einfahrt zur Strecke, der Kreisverkehr vor der Unterführung, das zweigeteilte Fahrerlager. Fast so, als wäre die Zeit stehengeblieben. War sie natürlich nicht. Das Pressezentrum befand sich nicht mehr im Hauptgebäude, sondern in einem neuen Bau am Ende der Boxengasse. Unter uns die Garagen der FIA.

Noch ist nicht viel los im Fahrerlager. Die meisten reisen vor dem Triple so spät wie möglich an. Sie werden die nächsten Wochen noch genug unterwegs sein. Kollege Grüner und ich haben am Abend noch einen Pflichttermin. Neue Strecke bedeutet einen Streckenrundgang. Und das bei schweißtreibenden 33 Grad. Am Horizont türmen sich schon riesige schwarze Wolken auf. Ich bin überzeugt, dass wir die Runde vorzeitig abbrechen müssen. Doch die Gewitter ziehen an Le Castellet vorbei.

Erste Runde in Le Castellet

Ich hatte im Vorfeld von unserer Kollegin Bianca Leppert erfahren, dass beim Rennen zur Blancpain GT-Serie wenige Wochen zuvor der Asphalt aufgebrochen war. Der Bodenbelag sieht tatsächlich wie ein Flickenteppich aus. Tobi fotografiert gefühlt jede Asphaltausbesserung. Deshalb dauert die Runde auch länger als sonst. Kurz vor dem Ziel treffe ich Charlie Whiting, der mit dem lokalen Rennleiter gerade die Strecke inspiziert. Er sieht im Asphalt kein Problem. Trotzdem bringt die Geschichte über den Zustand der Strecke jede Menge Klicks.

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Das Wochenende beginnt bei neuen Strecken immer mit einem Rundgang.

Unser Hotel liegt 30 Kilometer entfernt in Toulon. Tobi hat es im Internet gefunden. Es ist im Vergleich zu allen anderen Hotels so günstig, dass wir skeptisch sind. Wir prüfen schon vorher jede Woche, ob die Buchung noch besteht. Vielleicht haben die zu spät gemerkt, dass Grand Prix ist. Wider erwarten stehen wir bei der Ankunft immer noch auf der Gästeliste. Also erwarten wir das Schlimmste.

Das Hotel ist ein alter Kasten mitten in Toulon. Doch als wir die Zimmer beziehen, erleben wir eine positive Überraschung. Das ganze Hotel scheint frisch renoviert. Überhaupt, Toulon erweist sich als perfekter Standort. Es gibt bis spät in der Nacht noch offene Restaurants. Am Freitag geht der Punk in der City ab. Nicht wegen der Formel 1. Ein Musik-Festival („Fête de la musique“) zieht am längsten Tag des Jahres die Leute auf die Straße.

Wir wollen am Donnerstag eigentlich noch die kürzeste Route zur Strecke hochfahren, doch Tobi entdeckt im Handy-Navi, dass sich den Berg hoch schon ein veritabler Stau gebildet hat. Also fahren wir die Route, die für Leute mit Formel-1-Pass reserviert ist. Der Veranstalter hat uns am Tag vorher einen Zettel in die Hand gedrückt und uns wärmstens empfohlen, auf dieser Straße zu fahren.

Staus schlimmer als früher

Wir legen zwar jetzt 50 statt 30 Kilometer zurück, aber dafür komplett staufrei. Kollegen, die auf den offiziellen Straßen unterwegs waren, berichten bereits von langen Standzeiten. Auch die Mercedes-Truppe erwischt es. Sie braucht zweieinhalb Stunden für die letzten 10 Kilometer von Le Beausset nach Le Castellet. Am Freitag soll es noch schlimmer kommen. Die beiden Hauptzufahrtstraßen sind komplett dicht. Die Zuschauer brauchen bis zu sieben Stunden.

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Wer kann, kommt mit dem Flugzeug an die Strecke.

Einige verpassen das erste Training komplett, das zweite zum Teil. Andere drehen gleich um. Der Veranstalter gelobt Besserung. Er will ab Samstag alle Parkplätze gleichzeitig öffnen und nicht erst einen nach dem anderen, was an den Eingängen lange Wartezeiten provoziert. Wir sagen: Das hätten die Franzosen auch schon früher wissen können. Ein französischer TV-Kollege, der wie ich noch die alten Zeiten kennt, erzählt mir: „Früher haben sie auch die kleinen Waldwege geöffnet. Wer sich ausgekannt hat, kam ohne Stau hoch. Die sind jetzt für die Feuerwehr und Ambulanz geschlossen.“

Mercedes macht einen riesigen Zirkus um den Einsatz des Spec 2-Motors. Man wolle erst kurzfristig entscheiden, ob er kommen wird oder nicht. Toto Wolff erzählt mir im Vertrauen, dass der neue Motor die Freigabe erhalten hat. Am Nachmittag trifft Niki Lauda im Fahrerlager ein. Er ist gerade am Flugplatz gegenüber gelandet, hat seinen Jet aber nach Marseille weitergeschickt, weil die Parkgebühren astronomisch hoch sind. Lauda torpediert die Geheimhaltungspolitik von Mercedes. „Natürlich fahren wir den neuen Motor. Was soll die Geheimhaltung? Kommt doch sowieso raus.“

Dafür lieben wir unseren Niki. Ein Mann klarer Worte. Er steckt mir auch, dass der Vertrag mit Lewis Hamilton längst unter Dach und Fach ist, aber erst zum GP Deutschland kommuniziert wird. „Keine Ahnung, warum wir damit so lange warten.“ Es ist übrigens das Wochenende, an dem sich Lauda eine Erkältung einfängt, die sich sechs Wochen später zu einem Drama auswächst.

WM-Party bei Sauber

Apropos hohe Preise. Sebastian Vettel erzählt mir, dass er im Wohnmobil übernachtet. Das Hotel gegenüber der Strecke hat die Zimmerpreise für die GP-Woche auf 2.500 Euro pro Nacht angehoben. Das ist auch einem Formel-1-Weltmeister zu viel. Aus Prinzip. Doch auch beim Stellplatz für die Motorhomes will der Veranstalter den Fahrern tief in die Tasche greifen. Wer auf dem Gelände der Strecke sein Quartier aufschlagen wollte, hätte 15.000 Euro bezahlen müssen. Vettel wandert aus, wohnt 8 Kilometer von der Strecke entfernt und pendelt mit dem Motorrad zwischen seinem mobilen Zuhause und seinem Arbeitsplatz hin und her.

Als wir in Paul Ricard sind, läuft gerade die Vorrunde der Fußball-WM. Ich sehe in einem Restaurant, wie meine Argentinier erbärmlich schlecht spielen und gegen Kroatien verlieren. Für Kollege Grüner ist es existenziell wichtig, dass Deutschland Weltmeister wird. Am Samstag bestreitet Jogi Löws Truppe ihr zweites Spiel gegen Schweden. Weil wir beim Heimfahren ins Hotel nicht im Stau steckenbleiben wollen, schauen wir das Spiel im Sauber-Motorhome.

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Am Ende jubelt Hamilton mit King Kong auf dem Podium.

Am Nebentisch steht Marcus Ericsson, der natürlich Schweden die Daumen drückt. Bis zum 1:1 ist Ericsson zuversichtlich, leidet bei jeder verpassten Chance seiner Landsleute mit. Doch das bittere Ende kommt in der Nachspielzeit. Als Toni Kroos das Siegtor für Deutschland erzielt, führt Kollege Grüner einen Freudentanz auf, entschuldigt sich aber gleich bei dem Sauber-Piloten. Der nimmt es sportlich. „Beim nächsten Mal sind wir dran.“ Ericsson konnte nicht ahnen, wie Recht er behalten sollte.

Das Rennen endet mit einem klaren Hamilton-Sieg. Vettel crasht gleich beim Start in Bottas. Das beschert uns zwei tolle Aufholjagden und 57 Überholmanöver. Dabei haben die Piloten vorher noch die Schikane verflucht und befürchtet, dass Überholen so schwer wird wie in Monte Carlo. Ein kräftiger Gegenwind auf der Mistral-Geraden wirft alle Prognosen über den Haufen. „Der Vordermann ist doppelt gestraft. Er fährt im Wind. Der hinter ihm hat den Windschatten und hat DRS. Das Überholen war schon fast zu einfach“, rekapituliert Vettel.

Nach dem Rennen haben es alle eilig nach Hause zu kommen. Ein Gewittersturm verzögert den Abbau um anderthalb Stunden. Wir verlassen das Pressezentrum um ein Uhr morgens. Und müssen uns trotzdem auf dem Weg runter nach Toulon in eine Schlange einreihen. Vor uns viele Trucks aus dem F1-Zirkus.

Die Nacht wird kurz. Schon um 7 Uhr morgens geht es Richtung Heimat. Diesmal trifft uns der Stau auch in Frankreich. In Aix-en-Provence verlieren wir eine halbe Stunde, in Lyon 45 Minuten.

Auf dem Heimweg drehen wir im Auto unser Video für Formel Schmidt. Eine Premiere. Die GoPro-Kamera macht bessere Bilder als gedacht. Um 17 Uhr sind wir endlich in der Redaktion. Für mich ist der Tag noch nicht vorbei. Ich fahre noch nach Bayern weiter. Weil zwei Tage später die Reise zum GP Österreich ansteht. Da ist schon mal ein Drittel der Strecke geschafft.

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