F1-Tagebuch GP Kanada 2018

Sieg unter falscher Flagge

F1-Tagebuch - GP Kanada 2018 Foto: sutton-images.com 30 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 7 berichtet Tobias Grüner darüber, was hinter den Kulissen beim GP Kanada los war.

Für mich als brennendem Eishockey-Fan ist Kanada immer eine Reise wert. Doch schon vor dem Abflug wurde meine Vorfreude getrübt. Während Kollege Schmidt gemütlich in der Business-Klasse logierte, konnte ich mir beim Online-Check-In von Air Canada im Economy-Abschnitt nicht einmal einen Sitzplatz aussuchen. So ging es in der vollgepackten Maschine relativ unentspannt auf einem Mittelsitz über den Teich.

Vor Ort war dann der Ärger aber gleich wieder vergessen. Dank der Zeitverschiebung landet man in Montreal nur anderthalb Stunden nach dem Abflug in Frankfurt, obwohl man eigentlich siebeneinhalb Stunden in der Luft war. So blieb noch am Mittwoch-Nachmittag Zeit für einen kleinen ersten Abstecher an die Strecke.

Die Organisatoren hatten dankenswerterweise den Shuttle-Betrieb auf die Ile Notre Dame schon aufgenommen, obwohl sich am Mittwoch kaum ein Journalist ins Pressezentrum verirrt. Dabei gibt es beim Aufbau schon viel zu entdecken und zu fotografieren. Und im Fahrerlager laufen immer schon einige Ingenieure und Teammanager herum, die noch genug Zeit haben, uns ausführlich mit den ersten heißen Infos zu versorgen.

Auto-Sammlung komplett

So richtig ernst wird es aber immer erst am Donnerstag, wenn die Autos zur technischen Abnahme geschoben werden. Ich weiß nicht, ob es an dem ungewöhnlichen Termin mitten in der Europa-Saison liegt, oder an der beruhigenden Wirkung des rauschenden Flusses, aber in Montreal zeigen sich die Mechaniker immer besonders entspannt, wenn man sich den Autos in der Warteschlange vor der FIA-Garage nähert.

Force India - Formel 1 - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2018 Foto: ams
Alle Autos bei der Abnahme - ein seltener Glücksfall.

Für mich ist es immer das Ziel, möglichst alle 10 Autos mit den neuesten Flügeln in unsere Donnerstags-Galerie zu packen. Weil sich der Zusammenbau in den Garagen aber aus verschiedenen Gründen immer wieder verzögert oder weil mir auch mal ein Auto durchrutscht, während im Fahrerlager gerade andere Termine dazwischenkommen, gelingt es leider nur selten die Sammlung zu komplettieren. Aber in Kanada klappte es – wie später übrigens nur noch in Mexiko.

Das zehnte und letzte Auto, das die Garage verließ, war der Haas. Wir hatten von Teamchef Guenther Steiner schon vorher erfahren, dass der US-Renner für das Fast-Heimspiel in Kanada mit vielen neuen Teilen ausgerüstet wurde. Ich hatte die Liste der Upgrades im Kopf, als ich mich mit meiner Kamera näherte. Aber während sich alle anderen Teams komplett entspannt zeigten, wurde ich unvermittelt vom Chef-Mechaniker mit einer Tirade an Schimpfworten belegt.

Auf meine Nachfrage, wo das Problem liege, bekam ich weitere Nettigkeiten an den Kopf geworfen. Normalerweise versuche ich zu den hart arbeitenden Jungs in den Garagen ein gutes Verhältnis zu pflegen. Sie schuften sich einen ab und reisen deutlich weniger komfortabel zu den Rennen als die meisten anderen im F1-Zirkus. Ich machte ein Foto von dem übel gelaunten Schrauber und zeigte es später Teamchef Guenther Steiner. Er zuckte nur mit den Schultern und grinste: „Der ist normalerweise ein echt netter Typ.“

Zur Verteidigung der Haas-Jungs muss ich sagen, dass es sich um den einzigen Vorfall dieser Art im ganzen Jahr handelte. Jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Generell muss ich positiv anmerken, dass sich die Teams in den letzten Saisons etwas weniger gereizt zeigen, wenn die Autos im Detail fotografiert werden. Mittlerweile hat sich wohl herumgesprochen, dass Technik-Upgrades von Profi-Knipsern auch während der Fahrt aufgenommen werden können, was sich sowieso nicht verhindern lässt. In meiner ersten Saison 2009 war das noch ganz anders. Da hat vor allem Red Bull seine Geheimnisse mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Hamilton ohne Motor-Upgrade chancenlos

Neben dem Haas-Update sorgten auch die Motoren für Schlagzeilen an der Technikfront. Mercedes-Boss Toto Wolff hatte vor dem Rennwochenende angekündigt, dass sein Werksteam mit neuen, verbesserten Power Units an den Start gehen wird. Doch vor Ort mussten die Verantwortlichen schnell wieder zurückrudern. Auf den Prüfständen gab es offenbar Probleme. So waren die Mercedes-Autos auch im siebten Saisonrennen immer noch mit der ersten Spezifikation unterwegs.

F1-Tagebuch - GP Kanada 2018 Foto: Wilhelm
Gegen Vettel hatte Mercedes in Montreal keine Chance.

Hamilton ließ sich durch das PS-Defizit gegenüber Ferrari, die ihre zweite Ausbaustufe zündeten, nachhaltig aus dem Konzept bringen. Der spätere Weltmeister startete nach einem durchwachsenen Qualifying nur von Rang 4. Im Rennen wurde er sogar nur Fünfter – noch hinter den beiden Red Bull – und verlor die WM-Führung. Es war wohl das schlechteste Wochenende des Briten in der Saison. In den 14 Rennen danach lieferte er aber dann eine fast makellose Leistungen ab.

Neben dem spektakulären Startcrash von Lokalmatador Lance Stroll und Toro-Rosso-Pilot Brendon Hartley sorgte nach dem Rennen auch noch das Model Winnie Harlow für Schlagzeilen. Die Dame war für das Schwenken der Zielflagge eingeteilt worden und hielt den Piloten das karierte Tuch leider eine Runde zu früh vor die Nase. Vor allem der Boulevard fand Gefallen an dieser Geschichte.

Erst einige Stunden nach der Zieldurchfahrt wurde aufgeklärt, wie es dazu kommen konnte. Es gab in der Kommunikation zwischen den lokalen Marshals offenbar ein kleines Missverständnis, das dazu führte, dass die kanadische Schönheit das Rennen zu früh abwinkte. „Frau Harlow trifft keine Schuld“, gab Rennleiter Charlie Whiting etwas zerknirscht zu.

Ansonsten war Kanada wieder eine Reise wert. Wie immer verwandelte sich die Stadt am Grand-Prix-Wochenende in eine große Party. Leider sorgen die vielen Besucher auch für stetig steigende Hotel-Preise. Wir müssen praktisch jedes Jahr in Sachen Komfort und Lage eine Stufe runter gehen, weil die Tarife durch die Decke gehen. So bezahlt man zum Beispiel für ein normales Drei-Sterne-Best-Western-Hotel in Downtown 1.600 Euro für fünf Nächte. Motorsport-Journalismus ist leider teuer. Ohne die nervigen Werbe-Banner auf unserer Webseite hätten wir den Betrieb schon einstellen müssen. Da kann ich nur um das Verständnis unserer Leser werben. Denn selbst auf einem Mittelplatz – wie natürlich auch beim Rückflug – fliegt es sich besser, als gar nicht zu fliegen.

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