F1-Tagebuch GP Österreich 2018

Hinterm Puff links

Tagebuch - Formel 1 - GP Österreich 2018 Foto: ams 16 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 9 berichtet Bianca Leppert darüber, was hinter den Kulissen beim GP Österreich los war.

Der Grand Prix von Österreich ist das zweite Rennen in meinem individuellen Formel-1-Kalender. Und zugleich das zweite Rennen, das zum Triple-Marathon Frankreich-Österreich-England gehört. Für die Logistiker ein brutaler Aufwand. Sowohl körperlich als auch mental. Da habe ich es weitaus bequemer. Statt auf vier Rädern beginnt mein Ausflug in die idyllische Steiermark auf Schienen. Kollege Michael Schmidt sammelt mich auf der Durchreise am Bahnhof in seiner früheren Heimat Landshut ein. Von dort geht es über Passau Richtung Spielberg. Die Holländer stimmen uns bereits ein: Sie parken ihr Auto mit Anhänger im Max Verstappen-Design an der Raststätte neben uns.

Deutschland scheidet aus der Fußball-WM aus

Ausnahmsweise müssen aber nicht die Holländer beim Fußball ganz stark sein, sondern wir Deutschen. Bei unserem Abendessen im Bachwirt in Knittelfeld, einem unserer Stammlokale beim Grand Prix in Spielberg, erfahren wir, dass Deutschland das Spiel gegen Korea verloren hat und damit ausgeschieden ist. Ich bin kein großer Fußball-Fan und daher nicht enttäuscht. Doch irgendetwas scheint in der Luft zu liegen, schließlich begrüßt uns am Donnerstagmorgen ein weinender Himmel über dem Red-Bull-Ring. Mit 12 Grad Celsius fühlt man sich fast schon wie im Winter.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um Technik-Upgrades zu fotografieren. Doch Mercedes zeigt so eine große Verwandlung am Auto, dass ich fast den ganzen Tag damit beschäftigt bin, die Details ablichten zu können. Dabei kommt es auf das richtige Timing an. Treibt man sich nämlich gerade vor einer anderen Garage herum, wenn bei Mercedes das Auto für die technische Abnahme heraus geschoben wird, heißt es: Füße in die Hand nehmen und sprinten! Besonders die neuen Seitenkästen fallen am Silberpfeil als erstes ins Auge.

Eselsbrücke für die Navigation

Immerhin kommen wir nach der Bastelei der ersten Fotoshow rechtzeitig von der Strecke weg. Den Weg in den neun Kilometer entfernten Ort, wo wir übernachten, kann ich mir aber auch bei meinem zweiten Österreich-Rennen noch nicht merken. Wobei, eine Eselsbrücke gibt es da: Hinterm Puff links. Genau hinter einem Stundenhotel darf man die Abzweigung nämlich nicht verpassen. Logo, dass wir uns das gut merken können.

Um 21 Uhr sind wir mit den Kollegen im Lokal KuK zum Essen verabredet. Das ist nur drei Minuten zu Fuß von unserer Pension weg, deren Name sozusagen Programm ist: Schlummerburg. Ich schlafe vorzüglich in dem kleinen 80 Zentimeter breiten Bett. Auch wenn die Ausstattung eher, sagen wir mal, an einen Smart so ganz ohne Extras erinnert. Wobei die Teams teilweise auch nicht nur in 5-Sterne-Häusern nächtigen. Im Restaurant KuK, zu dem einige Gästezimmer gehören, sehen wir einige Ferrari-Angestellte.

Tagebuch - Formel 1 - GP Österreich 2018 Foto: ams
Traditionelle Kost darf in Österreich nicht fehlen!

Den Ton gibt am Freitag in den Trainings aber Mercedes an. In beiden Sitzungen dominieren Lewis Hamilton und Valtteri Bottas. Nicht unbedingt günstig für Sebastian Vettel, der bereits am Donnerstag von den Medien gegrillt und gefragt wird, ob er nicht zu viele Fehler mache. Eine Anspielung auf den Startcrash in Paul Ricard ein paar Tage zuvor. Seine Antwort: „Wo gehobelt wird, fallen Späne.”

Bekanntschaft mit dem Bürgermeister

Dieses Motto könnte sich auch Kollege Schmidt ans Revers heften. Nach dem Abendessen kehren wir wieder im KuK ein. Dort machen wir Bekanntschaft mit dem Bürgermeister. Die Prominenz lässt man natürlich nicht einfach so sitzen und deshalb wird es etwas später. So spät, dass ich Michael am Samstagmorgen zunächst beim Frühstück vermisse. Wer ihn kennt, weiß aber, auf ihn ist Verlass. Nur einmal war ich in meinen acht Jahren Formel 1 mit ihm auf mich allein gestellt: Als er den Grand Prix von Japan nach einem Fahrradunfall auslassen musste. Logo, seitdem steht der Drahtesel rum und verstaubt. Schließlich viel zu riskant. Da ist die Formel 1 Kindergarten dagegen.

Der Samstag steht ganz im Zeichen der Strafen. Sebastian Vettel bekommt eine, weil er im zweiten Abschnitt des Trainings Carlos Sainz behindert hat. Statt Platz drei steht nur noch Platz sechs zu Buche. Gelinde formuliert: Suboptimal. Ein ähnliches Schicksal ereilt einen unserer Kollegen, mit dem wir beim Abendessen im Lokal Liebmann sitzen. Die Dorfpolizei ist offenbar sehr aktiv während des Formel-Grand-Prix und verteilt wegen Falschparkens eine Organstrafverfügung. Wir lernen: Das ist nichts anderes als ein Strafzettel. Man sagt in Österreich auch gerne “Orgerl” dazu.

Auf diesen Schock hat sich unsere Runde den Marillenschnaps redlich verdient. Der wird uns von der Wirtin ausgegeben, denn Schmiddi kommt schon seit seiner Studentenzeit in dieses Lokal und ist bekannt. Wann wohl die Einbürgerung folgt? Falls Sie sich übrigens fragen, warum wir hier viel von Restaurantbesuchen erzählen und denken, wir sollten besser einen Gastro-Guide rausgeben: Neben der Arbeit an der Strecke sind das unsere Highlights des Tages, für Sightseeing und Co. bleibt logischerweise keine Zeit.

Tagebuch - Formel 1 - GP Österreich 2018 Foto: ams
Keine Frauen in der Formel 1? Quatsch! Meine Kolleginnen und ich.

Piquet nicht aufzufinden

Der Wecker klingelt am nächsten Morgen schon zeitig, denn um 9 Uhr will Michael an der Strecke sein, um sich mit Nelson Piquet zu treffen. Sein Sohn fährt in der GP3. Doch Michael verpasst ihn. Ohnehin ist der Ausflug ins Fahrerlager der Rahmenserien schon fast abenteuerlich, ja sozusagen Niemandsland – normalerweise sind wir nicht aus dem Formel-1-Dunstkreis herauszulocken. Ich bin aber öfter mal nebenan beim Porsche Supercup zu Besuch – erstens schreibe ich ja auch über den GT-Sport und zweitens ist mein Freund zufällig an diesem Wochenende dort als Coach im Einsatz.

Das Formel-1-Rennen bietet dann fast so viel Chaos wie bei meinem ersten Einsatz in Aserbaidschan. Max Verstappen, der sogar ein eigenes Fan-Dorf in Spielberg bekommen hat, gewinnt vor Kimi Räikkönen und Sebastian Vettel. Die Holländer auf den Tribünen sind außer sich. Nur bei Mercedes herrscht bedröppelte Stimmung. Nach dem Ausscheiden von Valtteri Bottas verschläft man, Lewis Hamilton während der Virtual Safety Car-Phase an die Box zu holen. Strategie-Ass James Vowles entschuldigt sich daraufhin sogar persönlich am Funk bei Hamilton. Am Ende scheidet der Brite aber ohnehin aus – zum ersten Mal seit Malaysia 2016.

Neues Heft
Top Aktuell F1-Tagebuch - GP Japan 2018 - Suzuka F1-Tagebuch GP Japan Saisonhighlight mit Ferrari-Pannen
Beliebte Artikel F1-Tagebuch - GP Frankreich 2018 F1-Tagebuch GP Frankreich Public Viewing im Sauber-Motorhome F1-Tagebuch - GP Kanada 2018 F1-Tagebuch GP Kanada Sieg unter falscher Flagge
Anzeige
Sportwagen Jaguar Land Rover Fahrdynamik Advertorial Auf Knopfdruck: Sport Mehr Fahrspaß durch Technik Porsche 911 (992) Cabrio Erlkönig Erlkönig Porsche 911 Cabrio (992) Offener Elfer startet 2019
Allrad Toyota RAV 4 2018 New York Sitzrobe Toyota RAV4 (2018) SUV-Neuauflage ab 29.990 Euro Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker