Hamilton & Bottas - GP Russland 2018 Wilhelm
Hamilton & Bottas - GP Russland 2018
F1-Tagebuch - GP Russland 2018 - Sotschi
F1-Tagebuch - GP Russland 2018 - Sotschi
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F1-Tagebuch GP Russland 2018

Wieder ein Pokal an Mercedes

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel-1-Wochenende. In Folge 16 berichtet Michael Schmidt darüber, was hinter den Kulissen beim GP Russland so los war.

Der GP Russland beginnt für uns immer mit Papierkram. Das Journalistenvisum verlangt einen Stapel Dokumente. Jedes Mal eine schweißtreibende Arbeit, bis man alles zusammen hat. Dafür geht die Bearbeitung des Visums erstaunlich schnell. In weniger als einer Woche ist der Pass zurück. Mit strikten Einreiseregeln. Wir dürfen nur einen Tag früher ins Land als wir müssen und dürfen höchstens einen Tag länger bleiben.

Kein Problem. So sehr zieht es uns auch nicht nach Sotschi, dass wir dort unseren Urlaub verbringen müssten. Dabei ist die Schwarzmeerküste bestimmt schön. Und die Innenstadt von Sotschi auch. Ich habe nur beides nie gesehen. Seit ich 2014 zum ersten Mal in Putins Sommerresidenz gereist bin, kam ich zu unchristlicher Zeit um drei Uhr morgens an und bin zu genauso nachtschlafener Zeit um vier Uhr morgens wieder abgereist.

Lada-Taxifahrer dreht auf

Der Flug führt uns wieder über Istanbul. Wir wechseln noch auf dem alten Atatürk-Flughafen den Flieger. Der neue wird uns aber schon auf den Flug von Stuttgart nach Istanbul großzügig angekündigt. Es soll der größte der Welt werden. Hoffentlich nicht mehr so hektisch wie der alte. Die Fahrt nach der Landung zum Gate dauert gefühlt fast so lang wie der Flug. Wir drehen eine Ehrenrunde um den gesamten Airport. Von Istanbul nach Sotschi geht es in eineinhalb Stunden quer über das schwarze Meer.

Als wir in Russland ankommen, regnet es. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel und umgekehrt findet immer im Dunklen statt. Nachdem wir nach unserer kleinen Weltreise endlich um fünf Uhr morgens im Hotel zusammen mit der Sauber-Truppe einchecken, brauchen wir dringend ein Bier. Die Hotel-Kneipe hat noch auf, wurde aber ins Freie gelegt. Bei kühlen 10 Grad bestellen wir Bier in Plastikbechern. Oder zwei. Als wir endlich die Zimmer beziehen, geht schon die Sonne auf.

F1-Tagebuch - GP Russland 2018 - Sotschi
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Unsere Hotelanlage in Sotschi.

Nach fünf Jahren kennen wir nur den Olympiapark und das Hotel, das früher mal das Olympische Dorf war. Und ein Restaurant namens La Luna, in das wir jeden Abend zum Essen gehen. Ein bisschen einfallslos, gebe ich zu, aber es ist halt der beste Laden in der Gegend, und er hält auch russische Küche parat. Das Lokal erstreckt sich über drei Etagen. In der Mitte tanzt der Bär. Die Russen mögen auch während des Essens laute Musik. Eine Live-Band wirft sich so ins Zeug, dass es mit der Unterhaltung schwierig wird.

Die Fahrt dorthin legen wir im Taxi zurück. Es ist jedes Mal ein Gefeilsche um den Preis. Das Angebot erstreckt sich von 200 bis 500 Rubel. Dafür bekommt man auch etwas geboten, zumindest wenn man Anhänger zügiger Autofahrten ohne große Verkehrsregeln ist. Einer der Taxifahrer legt sich bei der Heimfahrt so ins Zeug, als ob er uns beweisen wollte, dass er besser als Sergey Sirotkin ist. Die Kollegen von der ARD haben einen Chauffeur aufgetan, der einen antiken Lada mit großem Ehrgeiz um die Kreisverkehre und die Kurven treibt. Es braucht ein paar Bier und Vodka, um Vertrauen in den Fahrer zu gewinnen.

Reibereien bei Ferrari

An der Rennstrecke geht das Ferrari-Drama weiter. Mercedes ist wie in Singapur eine halbe Sekunde schneller. Ferrari murkst mit der Abstimmung herum, muss hinten den Abtrieb erhöhen, weil die Hinterreifen nicht die ganze Runde schaffen. Mercedes sieht an den GPS-Messungen, dass Ferraris rätselhafter Leistungsschub auf den Geraden fehlt. Und die Motoren produzieren beim Beschleunigen auch nicht mehr dieses seltsame Geräusch, das auf ein Abblasen des Ladedrucks über das Wastegate-Ventil schließen ließ.

Mutmaßungen, Ferrari halte sich mit dem Energiemanagement zurück, aus Angst davor, die FIA könnte etwas Verbotenes entdecken, können nicht erhärtet werden. Dafür sickert durch, dass es Reibereien zwischen Teamchef Maurizio Arrivabene und Technikdirektor Mattia Binotto geben soll. Binotto fehlt in Russland. Arrivabene läuft mit grimmigem Blick durch das Fahrerlager.

Bei Red Bull fragt man sich, ob es klug war, die Motorstrafen in Sotschi zu nehmen. Die Autos sind trotz Power-Strecke schneller als erwartet. Helmut Marko verrät warum: „Wir haben einige fehlgeleitete Aerodynamikentwicklungen korrigiert.“ Scheint eine Krankheit in diesem Jahr zu sein. Zwei Rennen später kommt Ferrari zu dem gleichen Schluss.

Start - GP Russland 2018
sutton-images.com
Ferrari hat keine Chance gegen die geschickt agierenden Mercedes.

Jetzt muss Vettel erst einmal den Weg vorbei an den Mercedes finden. Doch die Blocken den Ferrari-Piloten geschickt ab und führen das Rennen in der Formation Bottas-Hamilton an. Vettel aber lässt sich nicht abschütteln. Der Undercut gegen Hamilton gelingt, hält aber nicht lange vor. Eine Runde später geht der Engländer vorbei. Auf der Zielgerade kann ihn Vettel noch abwehren, in der Omega-Kurve nicht mehr. Die Batterie ist platt, und Hamilton hat leichtes Spiel.

Im Gegensatz zum Vorjahr mit nur einem Überholmanöver entwickelt sich ein munteres Rennen. Diesmal werden 31 Überholmanöver gezählt. Eines ist gesteuert. Bottas muss Hamilton vorbeilassen, um dem Chefpiloten Rückendeckung gegen Vettel zu geben. Die Stallregie ruft die Kritiker auf den Plan. Toto Wolff steht im Kreuzfeuer der Puristen, die Bottas als Opfer eines ferngesteuerten Rennens sehen. Der Österreicher schlägt sich glänzend. Offenheit ist die beste Verteidigung. Bei Ferrari hätte man vermutlich dementiert, dass Stallregie im Spiel war und alles nur noch schlimmer gemacht.

Wir notieren noch, dass Wladimir Putin diesmal in Runde 37 auftaucht. Schon wieder übergibt er einem Mercedes-Pilot den Siegerpokal. Während die Teams nach dem Rennen aus dem Fahrerlager flüchten, beginnt für Kollege Haupt und mich eine lange Nacht. Kurz vor Mitternacht sind wir fertig. Dann zurück ins Hotel, das deponierte Gepäck holen, auf unseren Fahrer Vladimir (nein, nicht Putin) warten und ab zum Flughafen. Dort noch eine Pizza, bevor wir in den randvollen Flieger nach Istanbul steigen. Um 10 Uhr morgens sind wir zurück am Stuttgarter Flughafen. Eine halbe Stunde später holt uns der Büroalltag ein.

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