Max Verstappen - Valtteri Bottas - Formel 1 - GP Steiermark 2020 - Spielberg - Rennen xpb
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Steiermark 2020 - Spielberg - Rennen
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Taktikcheck GP Steiermark: Hat Verstappen zu früh gestoppt?

Taktikcheck GP Steiermark Hat Verstappen zu früh gestoppt?

Beim zweiten Grand Prix des Jahres spielte das Timing der Boxenstopps keine große Rolle. Positionswechsel wurden zum Großteil auf der Strecke erkämpft. Aus taktischer Sicht ergaben sich zwei Fragen. Hat Max Verstappen zu früh und Kimi Räikkönen zu spät gestoppt.

Der Grand Prix der Steiermark war ein Rennen mit freier Reifenwahl. Der Regen am Samstag befreite die Fahrer davon, mit dem Reifensatz zu starten, mit dem sie sich qualifiziert hatten. Das Ergebnis war auch nicht viel anders als sonst. Nur sechs Fahrer schwammen gegen den Strom. Das ist ungefähr die Quote, die wir auch bei einem normalen GP-Wochenende sehen. Daniel Ricciardo, Sebastian Vettel, Daniil Kvyat, Kimi Räikkönen, Antonio Giovinazzi und Nicholas Latifi starteten antizyklisch auf Medium-Reifen.

Hat es sich gelohnt? Für Ricciardo nicht. Der Renault profitierte nicht wie erhofft von den Soft-Reifen im zweiten Stint. Ricciardo rückte zwar schon in der 32. Runde auf Platz 5 vor, doch nur zehn Runden später fuhr der Australier trotz des vermeintlichen Reifenvorteils nur noch mit dem Blick in den Rückspiegel. In den letzten Runden verlor er noch drei Plätze. Daniil Kvyat hat von der alternativen Taktik profitiert. Der Alpha Tauri-Pilot startete auf dem 13. Platz und kam als Zehnter ins Ziel.

Die harten Reifen garantierten stabile Rundenzeiten bis zum Schluss und gaben ihm am Ende den Speed, die Gruppe mit den Ferrari-Kunden auf Distanz zu halten. Besonders Kimi Räikkönen hätte ihm gefährlich werden können. Der Finne wickelte mit großem Abstand als Letzter seinen Boxenstopp ab und fuhr auf den Soft-Gummis. Doch dadurch fiel der Iceman auch wieder ans Ende einer Kampfgruppe mit seinem Teamkollegen und den Haas-Piloten. Sich da durch zu kämpfen, kostete 15 Runden Zeit. Da war Kvyat schon über alle Berge.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Steiermark 2020 - Spielberg - Rennen
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Max Verstappen klagte über den fehlenden Speed seines Red Bull-Honda.

Flügelwechsel zu riskant

Das zweite Rennen des Jahres war aus Sicht der Strategen eine übersichtliche Angelegenheit. Nur drei der 17 Fahrer im Ziel wählten eine Zweistopp-Strategie. Bei Carlos Sainz und Max Verstappen war der zweite Stopp vom Ziel getrieben, im Schlussspurt mit frischen Reifen auf den Extra-Punkt der schnellsten Runde loszugehen. Luft nach hinten war genug. Pierre Gasly wechselte aus Verzweiflung zwei Mal die Reifen. Sein Auto war so störrisch wie der Ferrari von Sebastian Vettel im ersten Rennen. McLaren hatte mit seinem Plan Erfolg. Erneut ging die schnellste Runde nach Woking.

Verstappen rannte vergeblich an. Er fiel bei nur noch drei verbleibenden Runden in den Vierkampf der Alfa Romeo und Haas. Und ihn bremste ein zerfledderter Frontflügel. Red Bull überlegte kurz einen Flügelwechsel, verwarf ihn aber. Bei 29,3 Sekunden Vorsprung auf Alexander Albon erschien den Strategen das Vorhaben zu riskant. Man verliert schon bei einem normalen Boxenstopp 22,3 Sekunden. Red Bull-Teamchef Christian Horner ergänzte: "Wir haben auch erst beim Boxenstopp gesehen, wie groß das Ausmaß des Schadens war. Das war zu spät für eine Entscheidung."

Bei Einstopp-Rennen entscheidet das Timing des Reifenwechsels über die Positionen. Das Fenster erstreckte sich diesmal von Runde 24 bis Runde 44. Max Verstappen kam als Erster, Kimi Räikkönen als Letzter zum Service. Ein Blick in die Rundentabelle zeigt beim Vergleich vorher mit nachher, dass die Boxenstopps wenig mit dem Ausgang des Rennens zu tun hatten. Carlos Sainz verlor drei Positionen, aber nicht weil er zum falschen Zeitpunkt gestoppt hatte, sondern weil der Spanier 7,2 Sekunden in der Boxengasse liegen ließ. Links hinten klemmte es. Davon profitierten Daniel Ricciardo, Sergio Perez und Lance Stroll.

Im hinteren Feld gewann Kevin Magnussen zwei Plätze, Romain Grosjean einen, während Antonio Giovinazzi einen herschenkte. Aus dem Trio stoppte Magnussen als Erster und Giovinazzi als Letzter. Das lässt den Schluss zu, dass der frühere Boxenstopp von Vorteil war, wenn man sich eine möglichst kurze Restlaufzeit gönnte. Magnussen ließ sich immerhin bis zur 31. Runde Zeit. Alfa Romeo wartete mit Giovinazzi acht Runden länger.

Eine Frage der Perspektive

Das bringt uns zur Kernfrage des Rennens. Hat Max Verstappen zu früh gestoppt? Der Holländer meinte mürrisch, dass es völlig egal sei, welche Taktrik man gegen diese Mercedes fahre, sie gehe sowieso nicht auf. Ihn interessiert nur der Sieg. Der frühe Stopp sicherte ihm zunächst den zweiten Platz hinter Lewis Hamilton, aber er kostete ihn auf lange Sicht diese Position gegen Valtteri Bottas. Der Finne hatte im Finale die frischeren Reifen. Der Unterschied betrug zehn Runden. Fünf Runden vor Schluss war Verstappen fällig. Was dem Spielberg-Sieger der vergangenen beiden Jahre ziemlich egal war. Zweiter oder Dritter ist aus seiner Sicht gleichbedeutend mit einer Niederlage.

Sollte Red Bull je den Rückstand auf Mercedes aufholen, könnten diese drei Punkte Unterschied aber noch einmal wichtig werden. Die Antwort auf die Frage, ob der frühe Stopp richtig war, hängt also von der Perspektive ab. Wenn man nur auf Sieg fährt, dann ja. Red Bull musste anders taktieren, um Mercedes zu zwingen, ihren Plan zu ändern. Mercedes hat ab Runde 20 damit gerechnet, dass Red Bull den ersten Zug macht. Der Undercut brachte in Spielberg bei einer Runde Differenz 1,4 Sekunden.

Als Verstappens Vorsprung auf Bottas auf 1,8 Sekunden schrumpfte, zog Red Bull die Reißleine. Horner ist überzeugt: "Sonst hätte Mercedes mit Bottas den Undercut versucht." Das bestimmte auch die Taktik von Bottas. "Nach dem Stopp von Max war klar, dass wir das Gegenteil machen und Valtteri lang fahren lassen", erklärten die Mercedes-Strategen.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Steiermark 2020 - Spielberg - Rennen
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Lewis Hamilton wickelte seinen einzigen Reifentausch früher ab als geplant.

Früherer Stopp für Hamilton

Verstappens früher Stopp zwang dagegen Hamilton dazu, früher Reifen zu wechseln als es im Marschplan stand. Er hätte bei seinem Vorsprung zwar theoretisch acht Runden Zeit gehabt, auf Verstappen zu reagieren, doch als der Weltmeister auf eine Gruppe Hinterbänkler auflief, wurde Mercedes die Nummer zu heiß. Die Strategen holten den Spitzenreiter an die Box. Red Bulls Störfeuer verpuffte. Verstappens Undercut um drei Runden verkürzte den Rückstand nur von 5,6 auf 4,9 Sekunden. Die Mercedes sind einfach zu schnell, um sie damit aus der Reserve zu locken.

Hätte Red Bull den WM-Titel im Visier gehabt, dann war die Entscheidung falsch. Denn sie spielte Bottas im Finale die besseren Karten in die Hand. In der 36. Runde war Verstappens Vorsprung auf den zweiten Mercedes mit 8,3 Sekunden noch ziemlich komfortabel. Das blieb auch bis zur 55. Runde so. Erst dann wirkte sich der Reifenfaktor nachteilig für Verstappen aus.

Der Mercedes-Kommandostand merkte sofort, dass das Pendel kippte. Deshalb kam prompt der Funkspruch an Bottas: "Wenn du so weiterfährst, holst du Max in der letzten Runde ein." Dass es früher passierte, lag daran, dass der Red Bull mit der Startnummer 33 Abtrieb verlor. Verstappen beschädigte sich bei einem Ritt über die Randsteine in Kurve 9 den Frontflügel. Und der Heckflügel verlor Teile. Allerdings fuhr auch Bottas mit einem Handikap. Ein Deflektor im Heck nahm Schaden, als der erste Saisonsieger in das Gewitter des Duells Gasly gegen Giovinazzi geriet.

20 Überholmanöver mehr

Diesmal wurden die Positionen auf der Rennstrecke ausgefochten. Mit 47 Überholmanövern war deutlich mehr Betrieb als noch vor einer Woche. Da wurden lediglich 27 Positionswechsel auf der Strecke gezählt. Die aktivste Rolle spielten Sergio Perez mit sieben Überholmanövern, Kimi Räikkönen mit sechs und Lando Norris und Lance Stroll mit je fünf. Perez fuhr innerhalb von 48 Runden von Platz 17 auf Rang 5. Der Mexikaner schloss wie der Wirbelwind auf Alexander Albon auf, biss sich an dem Red Bull dann aber fest. Drei Runden vor Schluss kam es in Kurve 4 zur Kollision. Für Perez mit Folgen. Der Frontflügel hing danach auf Halbmast.

Der Racing Point-Pilot verlor in den letzten drei Runden 16 Sekunden und geriet noch in die Fänge von Norris, Stroll und Ricciardo. Perez rettete sich mit der Winzigkeit von 0,066 Sekunden vor seinem Teamkollegen als Sechster über die Linie. Ohne die Episode mit Albon hätte es Perez auf Platz 4 geschafft. "Ich musste es versuchen. Es gab nur die eine Chance." Der Speed des Racing Point-Piloten erschreckte die Konkurrenz. "Perez ist drei bis vier Zehntel schneller als wir gefahren", staunten die Mercedes-Strategen. Aber auch Albon war in der zweiten Rennhälfte ernsthaft schnell. Wie eigentlich immer. Der Thailänder muss sich im ersten Teil des Rennens verbessern, wenn noch viel Gewicht an Bord ist.

Der Star der letzten Runden war wie in der Vorwoche Lando Norris. Überhaupt war der Rennverlauf aus Sicht des 20-jährigen Engländers eine Kopie des ersten Rennens. Zunächst einmal ging die Reise rückwärts, was auch daran liegt, dass die McLaren mit vollen Tanks schwer zu fahren sind. McLaren ließ Norris lange auf der Strecke, um die Restdistanz auf den Medium-Reifen auf 32 Runden zu beschränken. Damit hatte der WM-Dritte im Finale von allen direkten Konkurrenten die frischesten Reifen. Bis zur 60. Runde versteckte sich Norris auf Platz 9. Dann warf er den Turbo an.

Zuerst winkte ihn Teamkollege Sainz auf Befehl des Kommandostands vorbei. Der Spanier hatte nach dem verpatzten Boxenstopp die Reifen in den ersten Runden zu stark beansprucht und zu viel Saft aus der Batterie gezogen. Davon erholte er sich nie mehr. In der vorletzten Runde war Ricciardo fällig. Die Soft-Reifen funktionierten am Renault nicht wie gewünscht. Als sich die Racing Point-Fahrer untereinander in die Quere kamen, schnupfte sie Norris gleich beide auf. Die ersten beiden Rennen des Jahres haben vor allem eines gezeigt. Dieser Norris hat als Rennfahrer über den Winter einen riesigen Sprung gemacht. Und jetzt kommt auch noch das Selbstvertrauen dazu.

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