Sergio Perez - Racing Point - GP Sakhir 2020 - Bahrain xpb
Sergio Perez - Racing Point - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
Sergio Perez - Racing Point - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
Charles Leclerc - Ferrari - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
Sergio Perez - Racing Point - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen 51 Bilder

Taktikcheck GP Sakhir 2020: Strategie der Podest-Fahrer

Taktikcheck GP Sakhir 2020 Ein Stopp der Schlüssel zum Sieg

Viele wollten beim zweiten Bahrain-Grand Prix ein Einstopp-Rennen fahren. Nur drei haben es konsequent durchgezogen, und alle drei standen auf dem Podium. Mercedes hätte sich viel Ärger erspart, hätte man auf die Reifenwechsel unter Safety Car verzichtet. Manchmal kann zu große Überlegenheit hinderlich sein.

Der Plan ging auf. Die Mini-Rennstrecke mit Rundenzeiten von 55 Sekunden sollte für Chaos und viele Überholmanöver sorgen. Das Chaos kam wie bestellt, die Überholmanöver nicht so wie erwartet. Man hatte sich das aber alles ganz anders ausgemalt, als es in Realität dann passiert ist. Bis zur 61. Runde lief das Rennen ganz normal ab. Zwei Mercedes führten mit weitem Abstand vor dem Feld. Die Überraschung bestand darin, dass George Russell seinen wesentlich erfahreneren Teamkollegen Valtteri Bottas kontrollierte wie es sonst nur Lewis Hamilton tut.

Das Verfolgerfeld kreiste dicht gedrängt um den Outer Circuit von Bahrain, doch es gab weniger Platzwechsel als uns prophezeit wurden. In der Woche davor wurde auf dem großen Kurs 38 Mal überholt. Diesmal waren es 42 Überholmanöver. Was mehrere Gründe hatte. Es bildeten sich lange Schlangen, was jedem außer dem Spitzenreiter DRS in die Hände spielte. Die Teams reduzierten den Abtrieb um eine Stufe, was das Hinterherfahren schwieriger machte. "Auf dem großen Kurs konnte ich leichter am Vordermann dranbleiben als diesmal", klagte Bottas.

Esteban Ocon - Renault - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
F1/FIA
Esteban Ocon feierte mit Renault sein erstes Formel 1-Podest.

Renault splittet Strategie

Das Rennen wäre vermutlich mit dem Stand der 54. Runde zu Ende gegangen, hätte nicht Jack Aitken in der Zielkurve Kontakt mit der Leitplanke gehabt und Frontflügelteile auf der Zielgerade verstreut. Die Rennleitung reagierte zunächst mit dem VSC-Signal und später mit einem echten Safety Car. Das zog alle Zweistopper und all jene, die noch zweifelten, welche Taktik die bessere ist, in die Box. McLaren und Alpha Tauri hatten von Anfang an mit zwei Boxenstopps geplant. Renault splittete die Strategie, um sich mit Daniel Ricciardo vor einem Undercut von Carlos Sainz, Daniil Kvyat und Pierre Gasly zu schützen. Esteban Ocon blieb auf der Strecke.

Man muss sich nur das Boxenstopp-Chart anschauen, und schon weiß man, welche Strategie zum Erfolg führte. Die drei Herren auf dem Podium waren allesamt mit einem Reifenwechsel unterwegs. Alle anderen mit zwei. Noch Fragen? Lassen Sie sich bei Sergio Perez nicht verwirren. Der Sieger des vorletzten WM-Laufs wechselte zwar zwei Mal die Reifen, was aber tatsächlich nur ein Stopp war. Racing Point nutzte die frühe Safety Car-Phase wegen der Kollision zwischen Leclerc, Perez und Verstappen dazu, die Soft-Reifen am Auto mit der Startnummer 11 loszuwerden. Perez war nach Leclercs Rammstoß ohnehin Letzter. Er hatte nichts zu verlieren.

Der Reifenflüsterer aus Mexiko sah lange gar nicht wie ein möglicher Sieger aus. Im ersten Stint steckte er ewig in dem DRS-Zug fest, der zuerst von Carlos Sainz und später von seinem Teamkollegen Lance Stroll angeführt wurde. Perez war schon froh, dass er mit der Gruppe überhaupt Schritt halten konnte. Kurz vor dem ersten Re-Start hatte er sich beim Aufwärmen der Reifen den linken Vorderreifen eckig gebremst. "Ich wollte schon an die Boxen kommen, weil die Vibrationen so schlimm waren, dass ich das Lenkrad kaum noch halten konnte. Mein Team sagte mir, dass ich draußen bleiben soll. Als ich dann die Reifen endlich los war, fühlte sich mein Auto wie eine Limousine an."

Pierre Gasly - Alpha Tauri - GP Sakhir 2020 - Bahrain
Wilhelm
Überholen war auf der Kurzanbindung schwerer als auf dem langen Kurs.

Mercedes plant Einstopp-Rennen

Während die Zweistopper sich in den Runden 27 bis 29 aus dem Zug hinter den beiden Mercedes ausklinkten, warteten Perez, Stroll, Ocon und Albon bis zu den Runden 41 bis 47. Da hatten Sainz, Kvyat, Ricciardo und Gasly bereits bis auf fünf Sekunden wieder zu der Gruppe aufgeschlossen. Das war auch die Phase des Rennens, in der die Mercedes-Piloten ihre Medium-Reifen gegen die harte Mischung eintauschten. "Mit dem klaren Ziel eines Einstopp-Rennens", bestätigten die Strategen. Die Taktik konnte also nicht so falsch sein.

Die VSC-Phase wegen dem liegengebliebenen Williams von Nicholas Latifi war für die einen eine Strafe, für die anderen ein Geschenk. Auf jeden Fall verleitete sie die Zweifler zu einem vermeintlich halb geschenkten Reifenwechsel. Für Gasly lief es maximal schlecht. Er wickelte seinen zweiten Boxenstopp vor dem VSC-Signal ab. Kvyat kam mit ihm an die Box. Sainz und Ricciardo erwischten das Ende davon. Der Zeitgewinn hielt sich in Grenzen. Zwischen zwei und vier Sekunden. Er erwies sich schon acht Runden später als irrelevant, weil das Safety Car die Positionen zusammenschieben sollte. Jack Aitken hatte es mit seinem Unfall in der Zielkurve ausgelöst.

Der zweite Boxenstopp hatte der Gruppe Sainz-Ricciardo-Kvyat-Gasly zwar weniger Zeit gestohlen als normal, aber er hatte sie auch Positionen gekostet. Das Quartett Ocon-Perez -Stroll-Albon lag nun wieder vor ihnen. Mit Reifen, die 25 Runden älter waren. Da lag bei der Safety Car-Phase schon die Versuchung nahe, sich einen Gratis-Boxenstopp zu genehmigen. Er hätte den Reifennachteil getilgt, aber wieder Plätze gekostet. Die man auf der Strecke nach dem Re-Start erst einmal wieder gutmachen hätte müssen.

Nur Albon ist darauf reingefallen. Red Bull hätte wissen müssen, dass Überholmanöver ein Gewaltakt sind. Mit dem Red Bull, der auf der Gerade eine Schnecke war, gleich doppelt. Das Delta dazu lag bei acht Zehntel. In dem dichtgedrängten Verfolgerfeld hatte nur einer den Speed, auch auf der Strecke Plätze gutzumachen, und das war Perez.

Sergio Perez - Racing Point - GP Sakhir 2020 - Bahrain
Motorsport Images
Sergio Perez fuhr im Racing Point mal wieder ein bärenstarkes Rennen. Das zehnte Podium der Karriere ist gleichbedeutend mit dem ersten Sieg.

Perez wollte kein zweites Imola

Bei Racing Point wurden Erinnerungen an Imola wach. Da hatte man Perez ein Podium gekostet, weil man sich für den Endspurt unbedingt mit frischen Reifen eindecken wollte. "Wir haben daraus gelernt und schon vor dem Rennen abgemacht: Sollte es noch einmal eine ähnliche Situation geben, bleiben wir draußen. Meine harte Reifen waren noch gut", berichtete Perez. Stroll und Ocon hängten sich an die Taktik an. Auch sie hätte ein zweiter Stopp weit zurückgeworfen. Red Bull sprang mit Alexander Albon auf den falschen Zug auf. Der Stopp in der Safety Car-Phase warf den Thailänder hinter Sainz, Ricciardo, Kvyat und Gasly. Albon machte im Finale nur noch zwei der vier verlorenen Plätze gut.

Perez musste sich seine Meriten auf der Strecke verdienen. Der Schlüssel zum Sieg waren die beiden Überholmanöver gegen Ocon und Stroll in den Runden 56 und 57. Auch nach dem Re-Start war Perez nicht zu halten. Er nahm Ocon bis ins Ziel noch 10,5 Sekunden ab. Ocon hatte Stroll zwar im Rückspiegel, aber jederzeit unter Kontrolle. Er hielt den Kanadier meistens außerhalb des DRS-Bereichs. Bei Renault zeigte sich am besten, welche Strategie an diesem Tag zielführend war. Ricciardo startete vier Plätze vor Ocon und kam zwei Positionen hinter ihm ins Ziel. Der Platztausch fand in der 55. Runde statt. Da bekam Ricciardo seinen dritten Reifensatz.

George Russell - Mercedes  - GP Sakhir 2020 - Bahrain - Rennen
Motorsport Images
Mercedes versaute sich den Doppelsieg in der Boxengasse.

Gestörter Funkverkehr bei Mercedes

Kommen wir zu Mercedes. Der neunte Doppelsieg des Jahres war zum Greifen nah. In der 61. Runde führte George Russell 5,2 Sekunden vor Valtteri Bottas und 42,7 Sekunden vor dem Verfolgerpulk mit Perez an der Spitze. Russells harte Reifen waren zu dem Zeitpunkt 16 Runden alt, die von Bottas hatten zwölf Runden auf der Lauffläche. Kein Problem bei 26 Runden Restdistanz. Der spätere Sieger Perez hatte zwischen den beiden Mercedes-Piloten seine Reifen gewechselt, und er war wild entschlossen damit auch das Rennen zu Ende zu fahren.

Bei Mercedes war intern bereits vor dem Rennen besprochen worden, dass man bei einem späten Safety Car bei einem so komfortablen Vorsprung einen Sicherheitsstopp einlegen würde. Ganz einfach, um sich mit frischeren und weicheren Reifen für einen Re-Start abzusichern. Für beide Fahrer lagen noch jeweils drei angefahrene Garnituren Medium-Reifen in der Garage. Der eine Satz vom Start und zwei weitere, die am Samstag gefahren worden waren. "Es war ein ganz normaler Vorgang, den wir schon viele Male so praktiziert haben", erklärte der Chefstratege des Teams.

Ganz normal war er dann doch nicht. Als die VSC-Phase in ein echtes Safety Car umgewandelt wurde, lagen Russell fünf und Bottas zehn Sekunden von der Boxeneinfahrt entfernt. Teammanager Ron Meadows informierte die beiden Reifen-Crews. Mercedes kommuniziert mit Farben. Rot steht für Russell, blau für Bottas. Dann passierte folgendes: "Die Prozedur machen wir seit zwölf Jahren so. Die Nachricht lautete: standby red, standby blue. Die rote Seite hat nicht gehört, dass sie die Reifen bereithalten soll, weil es ein Problem mit dem Funk gab. Alles was in der Garage ankam war: Standby blue." Das Problem lag nach Auskunft der Sportkommissare an sich überlagernden Funksprüche. Russell sprach zur selben Zeit mit dem Kommandostand.

Das bedeutete, dass Reifen in der Boxengasse fehlten. Die Hinterreifen für Russell lagen nur am Platz, weil einige Mercedes-Mechaniker gesehen hatten, dass die Nachbar-Box ihre Leute nach vorne schickte. Sie folgten einfach dem Herdentrieb. Die Männer mit den Vorderreifen dagegen warteten auf ihren Einsatzbefehl. Dafür waren aber die Reifenbereitsteller für das Bottas-Auto nach vorne gerückt. Sie hatten ihren Aufruf ja gehört. "So bekam George vorne die falschen Reifen. Es waren die von Valtteri. Wir haben es aber erst wirklich realisiert als Valtteri zum Service kam."

George Russell - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain
Wilhelm
George Russell verpasste unverschuldet seinen ersten GP-Sieg.

Reifenkoordinator schöpft Verdacht

Tatsächlich kam der erste Verdacht schon auf, als Russell abgefertigt wurde, wie der erste Mann am Mercedes-Schaltpult erzählte. "Unser Reifenkoordinator hat mich gewarnt: Wir haben hier ein Problem. Ich habe ihm geantwortet, dass es der falsche Moment ist, zu diskutieren. Der erste Stopp war nicht mehr aufzuhalten. Als George abfuhr, wurde mir gesagt, dass er möglicherweise auf den falschen Reifen losgefahren ist. Mit Valtteris Vorderreifen und seinen eigenen Hinterreifen. Wir hatten aber noch keine Bestätigung."

Die kam, als am Bottas-Auto vier Medium-Reifen steckten, die aber offensichtlich nicht alle ihm gehörten. Insgesamt lagen nämlich sechs Reifen herum, zwei von Russell, vier von Bottas. "Es war schwierig auf die Schnelle festzustellen zu wem und zu welchem Satz sie gehörten. Als Notlösung haben wir Valtteri die harten Reifen wieder gegeben, die wir ihm gerade abgenommen hatten. Wir wollten, dass er so schnell weiterfahren konnte wie möglich. Jede Sekunde, die du da verschenkst, bedeutet eine Position. Im Rückblick wäre es besser gewesen, die Medium-Reifen auszusortieren und weitere 20 Sekunden herzuschenken. Dann hätte Valtteri wenigstens kämpfen können. Diese harten Reifen waren ziemlich armselig. Alle anderen auf Medium-Reifen waren beim Re-Start viel besser dran."

Um einer Strafe zu entgehen, musste Russell eine Runde später erneut an die Boxen geholt werden. "Wir haben ihm einen anderen Satz Medium mitgegeben, einen der noch unberührt und nicht gemischt war." Trotzdem stand noch das Damoklesschwert einer Strafe im Raum. Das lag im Ermessensspielraum der Sportkommissare. "In den Regeln steht nichts, dass es eine Strafe geben muss, wenn Reifensätze unter den Fahrern vertauscht werden. Nur wenn du einen Satz mit unterschiedlichen Mischungen fährst. So wie Bottas vor ein paar Jahren im Williams in Spa", hieß es bei Mercedes.

Insgesamt verlor Russell mit seinen zwei Stopps 53,489 Sekunden, Bottas mit seinem doppelten Reifentausch 52,874 Sekunden. Es reicht immer noch für die Plätze 4 und 5 im Konvoi. Während Bottas mit seinen harten Reifen immer weiter nach hinten durchrutschte, blies Russell zur Attacke, überholte Bottas, Stroll und Ocon und nahm Kurs auf Perez. Bis ihn ein Reifenschaden links hinten stoppte und ein viertes Mal an die Boxen zwang.

Die Aussagen gehen auseinander, ob der Engländer den Racing Point noch überholt hätte. Nach Hochrechnungen von Mercedes wäre es zwei Runden vor Schluss zum Zusammenschluss gekommen. "Er hat auf Perez selbst mit einem schleichenden Plattfuß aufgeholt. Von 3,4 auf 2,3 Sekunden. Im Schnitt war er vier Zehntel schneller. Es wäre schwer geworden, aber er mit Hilfe von DRS hätte er es geschafft." Perez ist anderer Meinung. "Das Speed-Delta hätte nicht ausgereicht, mich zu überholen, auch mit Hilfe von DRS nicht."

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