Lewis Hamilton - Mercedes - GP Singapur 2018 Wilhelm
Vettel vs. Verstappen - GP Singapur 2018
Lewis Hamilton - GP Singapur 2018
Esteban Ocon - GP Singapur 2018
Lewis Hamilton - GP Singapur 2018
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Taktikcheck GP Singapur 2018

Ferrari zum Risiko gezwungen

Sebastian Vettel verlor den GP Singapur bereits im Training. Der dritte Startplatz zwang Ferrari zum Risiko. Ein früher Boxenstopp war die einzige Chance, Lewis Hamilton zu knacken. Der Undercut ist gescheitert, weil Hamilton perfekt mit seinem Tempo gespielt hat.

Überholen in Singapur ist so schwer wie in Monte Carlo. Insgesamt gab es nur 13 Positionswechsel auf der Strecke. Sebastian Vettels Angriff auf Max Verstappen gleich in der Startrunde, war eines der wenigen erfolgreichen Manöver. Wer Plätze gewinnen wollte, musste es über die Taktik tun. Somit drängte Vettels dritter Startplatz Ferrari in die Defensive. Die einzige Chance war ein Undercut. Die Meinungen darüber, wie stark er sein würde, gingen weit auseinander. Die einen sprachen von drei Sekunden, die anderen von fast null.

Alles hing davon ab, um wie viel schneller ein frischer Ultrasoft-Reifen im Vergleich zu einem gebrauchten Hypersoft-Reifen sein würde. Das frühe SafetyCar half den Hypersoft-Gummis. Ihnen wurden drei Runden geschenkt, die Fahrer mussten sie nicht gleich in einem frühen Stadium vergewaltigen. Mercedes wusste, dass Ferrari die erste Gelegenheit zum Undercut nutzen würde. Hamilton musste drei Dinge sicherstellen, um ihn erfolgreich abzuwehren.

Formel Schmidt - GP Singapur 2018
Was läuft bei Ferrari schief?
14:51 Min.

Erstens: Vettel so früh wie möglich an die Box locken, damit er im zweiten Teil des Rennens mit seinen Ultrasoft-Reifen möglichst lange leiden muss. Zweitens: Am Anfang so langsam wie möglich fahren, damit im Feld nur kleine Lücken entstehen, in die Ferrari Vettel reinfallen lassen kann. Drittens: Kurz vor Vettels Undercut das Tempo anziehen, damit der frühere Boxenstopp an Wirkung verliert.

Hamilton bummelt erst, dann zieht er an

Mercedes und Hamilton haben es auf eine geniale Weise geschafft, alle drei Aufgaben zu kombinieren. Vettel wurde früh in die Box gelockt, und er lief auf ein Auto auf, dass seinen Undercut zerstörte. Der Ultrasoft war für den Ferrari-Piloten Pflicht. Vettel brauchte einen Reifen, der schnell Grip entwickelt. Hamilton konnte eine Runde später ohne Sorge Soft-Reifen aufziehen lassen. Zur Abwehr von Vettel war die IN-Runde auf den Hypersoft-Reifen wichtig, nicht die OUT-Runde. Und die war 1,3 Sekunden schneller als die von Vettel eine Runde davor.

Vettel vs. Verstappen - GP Singapur 2018
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Ferrari hatte für seinen Plan den ersten möglichen Zeitpunkt gewählt. Zwischen Serio Perez und Romain Grosjean war eine Lücke von 8,5 Sekunden aufgegangen, und der Vorsprung auf Grosjean wuchs gerade auf das Maß an, um vor dem HaasF1 wieder auf die Strecke zu gehen. Vettels OUT-Runde war gut, wenn man sie mit Hamilton vergleicht. Glatte 4 Sekunden schneller. Doch zum Vorbeikommen reichte sie nicht, weil der Ferrari danach schneller auf den Force India von Perez auflief als gedacht.

Der Schlüssel zum Erfolg aber war das Reifenmanagement von Hamilton. Elf Runden lang bummelte der Mercedes-Pilot mit 1.47er Zeiten herum. Das hielt das Feld zusammen. Sogar Sergio Perez konnte das Tempo der Spitze mitgehen. Erst Romain Grosjean musste abreißen lassen. Das erkannte auch Mercedes. Es war klar, dass Ferrari auf diese Lücke spekulierte, und die Strategieprogramme von Mercedes rechneten aus, wann Vettels Vorsprung auf den HaasF1 so groß sein würde, dass er den Boxenstopp wagen konnte. Drei Runden davor bekam Hamilton den Befehl das Tempo anzuziehen.

Vettels Undercut ging aus zwei Gründen schief

Der WM-Spitzenreiter legte los wie die Feuerwehr: Von 1.47,8 Minuten auf 1.45,5 Minuten, 1.44,9 Minuten und 1.44,4 Minuten. Vettel konnte den Speed nicht mitgehen. Das brachte Ferrari in Zugzwang. Als Hamiltons Vorsprung in der 13. Runde auf 2,2 Sekunden angewachsen war, bekam Vettel den Befehl zum Boxenstopp. Bis er eine Runde später in die Boxengasse einbog, war der Rückstand schon auf 3,5 Sekunden angewachsen. Hamiltons Tempoverschärfung war nicht ganz ohne Risiko. Es hätte auch sein können, dass die Hypersoft-Reifen schon nach zwei Runden schneller Fahrt einbrechen. Oder dass Vettel auf den Ultrasoft-Reifen schneller kontert als erhofft.

Die Mercedes-Ingenieure geben zu: „Ein paar Unsicherheitsfaktoren waren mit in der Rechnung. Dieser Hypersoft ist ein wundersamer Reifen. Wenn er einbricht, steckst du in Schwierigkeiten. Er bietet aber oft am Ende seines Stints überraschend viel Grip. Wenn der Fahrer ihn vorher gut behandelt. Da hat Lewis einen außergewöhnlichen Job gemacht.“ Das wusste auch Vettel. Als ihn sein Kommandostand fälschlicherweise informierte, Hamiltons Reifen seien am Ende, gab er zurück: „Das glaube ich nicht.“ Vettel sah erste Reihe Mitte, wie sein WM-Gegner die Reifen streichelte. Dass er dann Hamilton nicht folgen konnte, als der den Hammer auspackte, war ein Beweis dafür, dass der Mercedes in Singapur besser funktionierte als erwartet und der Ferrari seine Vorschusslorbeeren auf dieser Strecke nicht halten konnte.

Lewis Hamilton - GP Singapur 2018
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Ferraris Undercut ging aus zwei Gründen schief. Hamiltons Polster war groß genug. Und Perez kostete Vettel weitere 3,5 Sekunden. Genug, um auch noch hinter Max Verstappen zu fallen, der mit vier 1.45er Runden am Stück Vettels Zeitverlust ausglich. Vettel machte seiner Mannschaft keinen Vorwurf: „Wir mussten etwas anderes probieren. Ich wusste, dass ich eine Mega OUT-Runde brauchte, damit der Undercut aufgeht. Ich habe Zeit hinter einem anderen Auto verloren, und dabei wurden auch noch die Bremsen zu heiß. Wir hatten einfach nicht genug Speed.“

Das war der Punkt. Ferrari wurde seiner Favoritenrolle nicht gerecht. Vergessen wir Hamiltons Traumrunde im Training. Valtteri Bottas war näher an den Ferrari dran als im letzten Jahr. Mercedes hatte ganz offensichtlich erfolgreich an seinen Schwächen auf dieser Strecke gearbeitet. Und der Ferrari von 2018 ist nicht mehr der Ferrari von 2017. Im letzten Jahr konnten die roten Autos auf langsamen Strecke glänzen, weil der SF70-H auf maximalen Abtrieb ausgelegt war. Auf Kosten eines hohen Luftwiderstands. Der aktuelle Ferrari ist ein viel besserer Allrounder mit effizienterem Abtrieb und deshalb auch in Silverstone stark. Gleichzeitig hat man auf Strecken wie Singapur etwas hergeschenkt.

Start mit Ultrasoft-Reifen besser?

Es ist nur eine Hypothese, aber man sollte sie durchspielen. Was wäre passiert, wenn Ferrari sich im Q2 mit den Ultrasoft-Reifen hätte qualifizieren können? Fernando Alonso zeigte im Mittelfeld, dass der Start auf den härteren Reifen im Vergleich zur direkten Konkurrenz ein Matchwinner war. Sollte das gleiche nicht auch an der Spitze gelten? Die Mercedes-Strategen zweifeln. „Seb wäre dann wahrscheinlich nach dem Start hinter Verstappen hängengeblieben. Wir hätten einen größeren Vorsprung auf Seb herausfahren können und hätten unseren ersten Stint verlängert. Ricciardo hat gezeigt, dass man mit den Hypersofts 27 Runden fahren konnte.“

Und was, wenn es Vettel mit den Ultrasofts doch an Verstappen vorbei geschafft hätte? Auch das hätte nur sehr unwahrscheinlich funktioniert. „Lewis wäre etwas länger auf der Strecke geblieben, hätte dann auf Ultrasoft statt auf Soft gewechselt. Dann hätte er mit frischen Ultrasofts gegen Vettels alte Ultrasofts genug Zeit gutmachen können, um nach Vettels Boxenstopp wieder vorne zu sein. Es wäre aber sicher knapp geworden“, werfen die Ingenieure ein. Außerdem ist Alonsos Rennen kein guter Vergleich. „Er hat davon profitiert, dass seine Gegner nach ihrem Boxenstopp hinter Sirotkin gefallen sind.“

Mercedes-Teamchef Toto Wolff fragte seine Strategen nach dem Rennen, wie komfortabel sie mit der Wahl des Soft-Reifens für den zweiten Stint waren. Die gaben zu, dass es eine enge Entscheidung war. „Wir haben als eines der wenigen Teams im ersten Training am Freitag einen Longrun auf dem Soft-Reifen probiert. Obwohl die Temperaturen da höher waren als im Rennen, konnten wir genug Informationen über den Soft-Reifen herauslesen. Es war klar, dass der Soft-Reifen in der zweiten Rennhälfte über eine lange Distanz schneller ist. Das einzige Risiko war die OUT-Runde.“

Das Rennen fand erst ab Platz 7 statt

Der Marina Bay Circuit ist mit den aktuellen Autos und Reifen keine Strecke für spannende Rennen mehr. Die Geraden sind zwar länger und breiter als in Monte Carlo, das Überholen ist aber genauso schwer. Die Reihenfolge der ersten sechs Fahrer beim Start war identisch mit dem Zieleinlauf. Daniel Ricciardo fuhr mit weicheren und frischeren Reifen zwei Sekunden pro Runde schneller als Kimi Räikkönen und Valtteri Bottas und kam trotzdem nicht vorbei. So konnte Red Bull-Teamchef Christian Horner mit Recht behaupten. „Wäre Max in dem einen Moment, als Lewis von Überrundeten aufgehalten wurde, in Führung gegangen, hätte er sie auch verteidigt.“

Die Reihenfolge änderte sich erst ab Platz 7. Was wieder einmal zeigt, was für eine Zweiklassengesellschaft die Formel 1 geworden ist. Egal, welche Taktik vorne gefahren wird, der Abstand zu den Verfolgern ist beim ersten Boxenstopp bereits so groß, dass sie unter sich bleiben. Mercedes, Ferrari und Red Bull müssen nur auf sich schauen.

Nico Hülkenberg - GP Singapur 2018
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Hinten im Feld gelten andere Gesetze. Und so kamen Fernando Alonso, Carlos Sainz und Charles Leclerc von den Startplätzen 11, 12 und 13 auch nach vorne in die Punkteränge 7, 8 und 9. Sie schwammen mit Ultrasoft-Reifen am Start gegen den Trend. In den Top Ten zu starten war diesmal eine Strafe. Sergio Perez, Romain Grosjean Nico Hülkenberg mussten auf Hypersoft-Reifen losfahren und waren zu frühen Boxenstopps in den Runden 17, 16 und 15 gezwungen. Damit fielen sie weit ins Feld und mussten lange Distanzen mit ihren Ultrasoft-Reifen zurückzulegen. An Tempo machen war nicht zu denken.

Der Bremsklotz der Hypersoft-Starter hieß Sergey Sirotkin. Perez rannte 17 Runden lang gegen die Bastion an und verlor dann die Nerven. Da war die Schlacht gegen Alonso, Sainz und Leclerc längst verloren. Die hatten ein genug großes Polster aufgebaut, um nach ihren späten Boxenstopps in den Runden 37 und 38 vor Hülkenberg ins Rennen zurückzukehren. Selbst ohne Sirotkin wäre es schwierig geworden, die antizyklisch mit Ultrasoft-Reifen gestarteten Fahrer aufzuhalten. „Die Gruppe um Sainz war mit den älteren Ultrasoft-Reifen eine Sekunde schneller als ich auf frischen. Ich hatte noch 40 Runden vor der Brust und musste mir die Körner einteilen“, erklärte Hülkenberg.

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