Alexander Albon - Red Bull - GP Spanien 2020 - Barcelona xpb
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Spanien 2020 - Barcelona
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Spanien 2020 - Barcelona
Impressionen - GP Spanien 2020 - Barcelona
Racing Point - Startaufstellung - GP Spanien 2020 - Barcelona 56 Bilder

Taktikcheck GP Spanien 2020: Albon für Verstappen geopfert

Taktikcheck GP Spanien 2020 Albon für Verstappen geopfert

Aus Angst vor einem weiteren Reifendrama war Vorsicht oberstes Gebot. Bis zum letzten Boxenstopp fuhren alle so schnell wie möglich langsam. Die Reifenproblematik war der Grund, warum Valtteri Bottas keine Chance gegen Max Verstappen hatte.

Barcelona zählt zu den Rennstrecken, die meistens langweilige Rennen produzieren. Das liegt am Streckenlayout. Es fordert die Reifen und macht Überholmanöver zur Geduldsprobe. Um überhaupt eine Chance zu haben, den Vordermann am Ende der Zielgerade auszubremsen, muss man eineinhalb Sekunden pro Runde schneller fahren können. Das ist aber nur schwer möglich, wenn alle panisch auf ihre Reifen achten und zwei Sekunden langsamer fahren als sie könnten. Keiner will nah auf den Vordermann aufschließen, selbst wenn er dazu in der Lage wäre. Drei schnelle Runden am Stück zur falschen Zeit, eine missglückte Attacke, und schon sind die Reifen beim Teufel.

Diesmal war noch mehr Vorsicht angesagt als sonst. Die Vorgeschichte diktierte den Teams die Taktik. Keiner wollte nach Silverstone ein weiteres Reifendrama erleben. Noch dazu bei Asphalttemperaturen von bis zu 50 Grad. Nur ein Safety Car an unpassender Stelle hätte die konservative Gangart der Teams aufbrechen können. Dann hätte es vielleicht den ein oder anderen Pokerspieler gegeben, der im Risiko seine Chance gesehen hätte. Dass es am Ende doch 26 Überholmanöver gab, lag daran, dass die Teams unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, das Risiko für die Reifen zu minimieren. Sechs Fahrer waren mit einer Einstopp-Strategie unterwegs. Bei Sebastian Vettel und Sergio Perez wurde sie erst während des Rennens geboren.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Spanien 2020 - Barcelona
F1/FIA
Nach gewonnenem Start zwang Hamilton seinen Verfolgern das Tempo auf.

Abtrieb beste Lebensversicherung

Für Mercedes war die Taktik klar. Nach den Erfahrungen von Silverstone ging das Weltmeister-Team keine Experimente ein. Die Autos wurden auf maximalen Abtrieb getrimmt und so ausbalanciert, dass Vorderreifen und Hinterreifen im Gleichgewicht waren. Ein Zweistopp-Rennen war Pflicht, auch wenn sich während des Rennens herausstellte, dass zumindest Lewis Hamilton auch ein Einstopp-Rennen hätte fahren können. Dazu hätte er aber den harten Reifen gebraucht, und von dem ließen alle mit einer Ausnahme die Finger. Die harte Mischung war einfach zu langsam.

Hamilton hatte an der Spitze leichtes Spiel. Er bummelte zehn Runden lang herum, um im ersten Stint auf jeden Fall die vereinbarte Mindestdistanz abzuspulen. Max Verstappen konnte sich nur so lange in seinem Windschatten halten, bis Hamilton das Tempo anzog. Dann fuhr ihm der Weltmeister mühelos davon. In neun Runden um 7,7 Sekunden. Überraschende Erkenntnis. Am Red Bull brachen die Reifen eher ein als am Mercedes. Diesmal war der überlegene Abtrieb keine Strafe, sondern die beste Lebensversicherung.

Verstappen bettelte schon in Runde 18 um einen Reifenwechsel, bekam ihn aber erst drei Runden später. Das regte den WM-Zweiten furchtbar auf. "Ich verliere zu viel Zeit. Es ist mir egal, ob ich hinter die Racing Point falle. Mit frischen Reifen überhole ich die im Handumdrehen." Helmut Marko erwiderte spitz: "Max soll sich ums Fahren kümmern. Wir machen die Strategie."

Red Bull zögerte den Stopp aus zwei Gründen hinaus. Zuerst brauchte man das Boxenstopp-Fenster zu den beiden Racing Point. Das ging erst in Runde 21 mit 22 Sekunden Vorsprung auf Lance Stroll auf. Zweitens wollte Red Bull sehen, wie sich Alexander Albon auf den harten Reifen schlug. Der Thailänder wurde als Testdummy für Verstappen eingesetzt. Deshalb war er auch der einzige, der einen Stint auf den harten Reifen fahren musste.

Da Albon in den Verkehr fiel, gab es für die Ingenieure keinen Anhaltspunkt darüber, ob der harte Reifen nicht vielleicht doch die Lösung für ein Einstopp-Rennen sei. Verstappen bekam beim Stopp wie Hamilton den Medium-Reifen. Damit war das Rennen für den Holländer gelaufen. Wer im langsameren Auto sitzt und auch noch die gleiche Taktik wie der Sieger fährt, kann nicht gewinnen.

Mercedes hätte Hamilton bei dem klaren Vorsprung auf Verstappen noch länger auf der Strecke halten können. Es nicht getan zu haben zeigt, dass man an ein Einstopp-Rennen nie geglaubt hat, dass mit Runde 23 das Marschziel des ersten Reifensatzes erreicht war und dass man sich gegen ein Safety Car absichern wollte. Verstappen kam auch zum zweiten Reifenwechsel früher als die Mercedes an die Box. Diesmal nicht weil seine Reifen schlapp gemacht hätten. Red Bull wollte einem Undercut-Versuch von Valtteri Bottas vorbeugen. Der Finne war mit 1,6 Sekunden Abstand gefährlich nahe gerückt.

Start - GP Spanien 2020 - Barcelona
xpb
Am Start verlor Bottas gleich zwei Positionen.

Start kostete Bottas Platz 2

Während das Rennen von Hamilton aus Sicht des Kommandostandes reine Routine war und nur dadurch gestört wurde, dass der Weltmeister sich entgegen der Abmachungen für den letzten Stint lieber einen Medium-Reifen als die weiche Mischung ausbat, mussten die Strategen bei Valtteri Bottas viel Denkarbeit investieren, wie sie den Finnen vielleicht doch noch an Verstappen vorbeibringen könnten. Das Rennen von Bottas war eigentlich schon nach 615 Metern gelaufen. Der WM-Dritte kam schlecht aus den Startlöchern und versäumte es, sich dann auch noch in Hamiltons Windschatten zu ducken und von ihm in die erste Kurve ziehen zu lassen. Das öffnete Verstappen und Stroll die Tür, um an dem zweiten Mercedes vorbeizuziehen.

Der vierte Platz nach der ersten Runde war deshalb so fatal für Bottas, weil er nun gezwungen war, in den Phasen zu attackieren, in denen er mit Rücksicht auf die Reifen eigentlich nicht hätte attackieren sollen. Als er in der fünften Runde endlich an Stroll vorbei war, lag er bereits 2,4 Sekunden hinter Verstappen. Zehn Runden später waren es immer noch 2,1 Sekunden. Bottas musste immer wieder Abkühlrunden einlegen, um die Reifen nicht aus ihrem Fenster zu fahren.

Als die Schere bis zur 19. Runde auf 2,5 Sekunden aufging, durfte er noch nicht einmal von einem Undercut träumen. Verstappens Problem war auch das Problem von Bottas. Mercedes wollte erst aus dem Boxenstopp-Fenster der Racing Point fahren, bevor man einen Undercut wagen konnte. Red Bull dachte natürlich genauso und saß deshalb am längeren Hebel.

Der spätere erste Boxenstopp handelte Bottas noch mehr Rückstand ein. Verstappen ging mit einem Plus von 4,1 Sekunden in den zweiten Stint. Wieder war Bottas gezwungen, viel zu früh im Leben der Reifen schnelle Runden zu fahren. Bis zur 29. Runde hatte er den Rückstand wieder auf 1,6 Sekunden verkürzt. Doch dafür waren auch seine Reifen platt und brauchten eine Verschnaufpause. Als er in Runde 35 einen zweiten Zwischenspurt einlegte, reagierte Red Bull in dem Moment, als der Mercedes mit der Startnummer 77 in das Undercut-Fenster rückte. Damit war auch die letzte Überholmöglichkeit verstrichen. Der dritte Boxenstopp von Bottas für weiche Reifen diente nur der Schadensbegrenzung. Der glücklose Finne sollte wenigstens noch den Extra-Punkt für die schnellste Runde holen.

Sergio Perez - Racing Point - GP Spanien 2020 - Barcelona
xpb
Racing Point war in Barcelona die dritte Kraft hinter Mercedes und Red Bull.

Racing Point mit zwei Strategien

Racing Point spielte zwei Karten. Lance Stroll fuhr mit zwei Stopps über die Distanz, Sergio Perez mit einem. Der Mexikaner ist der bessere Reifenstreichler. Das Team entschied erst nach dem ersten Boxenstopp, die Strategien zu splitten. Selbst Perez meinte, dass sein zweiter Stint über 36 Runden mit dem Medium-Reifen am Limit gewesen sei. Im direkten Vergleich war das Einstopp-Rennen schneller. Perez kam 2,3 Sekunden vor seinem Teamkollegen ins Ziel. Erst mit der Fünfsekunden-Strafe für Ignorieren der blauen Flaggen drehte sich das in einen 2,7 Sekunden-Rückstand um. Strolls Pech war, dass er durch seinen zweiten Boxenstopp hinter Sebastian Vettel fiel und ausgerechnet vor dem Angriff auf den Ferrari Platz für Hamilton Platz machen musste. Die ganze Episode kostete ihn 2,5 Sekunden.

Auch Ferrari ließ sich die Strategie offen und holte beide Fahrer in der 29. Runde an die Box. Bei 8,1 Sekunden Differenz hatte die rote Crew komfortabel Zeit für einen Doppelstopp. Das Timing war ideal, um beide Karten zu spielen. Die Reifenwahl zeigte aber bereits, was Ferrari mit seinen Fahrern plante. Charles Leclerc spekulierte von Anfang an auf ein Einstopp-Rennen. Deshalb bekam er einen frischen Satz Medium. Bei Sebastian Vettel hatte man zunächst eher zwei Stopps im Sinn. Obwohl noch eine frische Garnitur Soft-Reifen in der Garage lag, bekam er einen gebrauchten Satz der weichsten Mischung. Der fabrikneuen roten Reifen waren für den letzten Stint vorgesehen.

Es gab aber keinen letzten Stint. Leclerc fiel mit einem Elektrikproblem aus. Er wäre nach Berechnungen von Ferrari Vierter geworden. Vettel bekam während der Fahrt mehr und mehr das Gefühl, dass er mit diesem Satz die Restdistanz von 36 Runden schaffen könnte. Das war nur dem Kommandostand noch nicht ganz klar. Der forderte Vettel in der 45. Runde auf, Tempo zu machen. Doch wozu? Ein zweiter Stopp, der für Runde 50 geplant war, hätte Vettel auf jeden Fall an das Ende der Schlange mit Stroll, Sainz, Albon, Gasly, Norris, Ricciardo und Kvyat geworfen. Also auf Platz 12. Von dort wäre es auch mit frischen Soft-Reifen schwer geworden, wieder nach vorne zu kommen. Mit Ausnahme des Einstoppers Ricciardo hatten alle in diesem Pulk Reifen mit relativ geringer Laufzeit. Sie hatten ihren dritten Satz Reifen in den Runden 39 bis 45 abgeholt.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - Qualifying - Samstag - 15. August 2020
Wilhelm
Der weiche Reifen rettete Vettel den siebten Platz.

Vettel flüchtet nach vorne

Zum Glück für Ferrari fügte der kurze Zwischenspurt Vettels Reifen keinen großen Schaden zu. In Runde 51 sah auch der Kommandostand ein, dass ein zweiter Boxenstopp Vettel höchstwahrscheinlich aus den Punkterängen geworfen hätte. Deshalb fragte man beim Fahrer vorsichtig an, ob Durchfahren eine Option sei. Vettel hatte für sich selbst längst beschlossen, dass es möglich ist. Ihm blieb nur die Flucht nach vorne. "Wir hatten nichts zu verlieren und konnten das Risiko eingehen."

Es lohnte sich. Nur noch Stroll und Sainz kamen an ihm vorbei. Die hätte er auch nicht halten können, hätte er von Anfang an konsequentes Reifenmanagement betrieben. "Die schnellen Runden dazwischen hatten auf das Ergebnis kein Einfluss." Teamchef Mattia Binotto gab dem Dialog zwischen Fahrer und Box, der nach außen fast wie ein Slapstick wirkte, die Absolution: "Wir sprechen offen am Funk, da sieht man manchmal unglücklich aus. Doch über die Kommunikation kamen wir zur besten Strategie."

Ein Einstopp-Rennen war nicht per Definition ein guter Plan. Er funktionierte bei Perez und Vettel, nicht aber bei Ricciardo, Ocon und Magnussen. Renault machte den Fehler, Daniel Ricciardo zu lange auf der Strecke zu halten, um die Restdistanz auf dem Soft-Reifen zu verkürzen. Ricciardo kam sechs Runden nach Vettel an die Box. In diesen sechs Runden verlor der Australier 8,8 Sekunden auf seinen ehemaligen Teamkollegen. Im Ziel lag Ricciardo nur 3,3 Sekunden hinter dem Ferrari. Der Renault-Pilot hatte den Speed, doch er hatte am Ende auch Alexander Albon, Pierre Gasly und Lando Norris vor der Nase.

Auch für Esteban Ocon zahlte sich der späte Stopp in Runde 34 nicht aus. Er fuhr vorher am Ende des Mittelfeldes und nachher auch. Schlimmer noch. Ocon geriet nach seinem Boxenstopp in die Gruppe mit den beiden Alfa Romeo und Kevin Magnussen. Er brauchte 20 Runden, bis er sich dort rauskämpfte. Kevin Magnussen verlor im direkten Vergleich mit Zweistopper Kimi Räikkönen. Der Finne machte den zusätzlichen Boxenstopp mit Rundenzeiten wieder wett, die 1,5 Sekunden unter denen von Magnussen lagen.

Bei den Zweistoppern spielte der Zeitpunkt der Reifenwechsel keine Rolle. Albon lag das ganze Rennen über vor Gasly und Norris. Dabei stoppte der Red Bull-Pilot beim zweiten Mal in der 40. Runde, Gasly in Runde 42, und Norris in Runde 44. Nach dem Start lag Albon noch vor dem zweiten McLaren von Carlos Sainz. Die Position kostete ihn das Experiment mit den harten Reifen. Aber wenn es darum geht, Max Verstappen in seinem einsamen Kampf gegen die Mercedes in die bestmögliche Position zu versetzen, spielt die Platzierung des Wasserträgers keine Rolle.

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