Sebastian Vettel - Aston Martin - GP Steiermark 2021 - Spielberg Wilhelm
Pierre Gasly - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
Verstappen, Sainz & Leclerc - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
Max Verstppen - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
Impressionen - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021 50 Bilder

Taktikcheck GP Steiermark: Mercedes ohne Chance

Taktik-Check GP Steiermark Vettel mit falschen Startreifen

Die Schwachstelle Gerade schränkt Mercedes taktisch gegen Red Bull ein. In der zweiten Hälfte des Feldes haben viele Teams wieder einmal die Qualitäten des harten Reifens unterschätzt. Charles Leclerc zeigte unfreiwillig, wie gut diese Wahl war.

Nach dem GP Frankreich wurde bei Mercedes vorwärts und rückwärts gerechnet, warum man das Rennen verloren hatte. Es war in der Tat nicht ganz einfach. Selbst der Weltmeister musste alle Analysewerkzeuge bemühen, um herauszufinden, wo der kleine Unterschied zu Red Bull lag. Nach dem ersten der beiden Österreich-Rennen war die Antwort einfach. Aus den Aussagen von Teamchef Toto Wolff, Lewis Hamilton und den Ingenieuren ließ sich ein gemeinsames Fazit herausdestillieren: "Wir hatten keine Chance. Red Bull war zwei Zehntel pro Runde schneller."

Tatsächlich waren es sogar 0,25 Sekunden. Auf eine Runde und über die Distanz. Bevor Hamilton in der 69. Runde zu seinem zweiten Reifenwechsel an die Box ging, lag er 17,164 Sekunden hinter Max Verstappen. Der Großteil der Zeit ging wieder einmal auf den Geraden verloren. Das schränkte Mercedes taktisch ein. Ein Zweistopp-Rennen kam praktisch nicht in Frage. "Wir hätten die Red Bull auf der Gerade nicht überholen können", bedauerten die Strategen.

Verstappen, Hamilton & Bottas - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
Motorsport Images
Mercedes hat ein Problem: Red Bull hat das schnellere Paket.

Der Luxus des schnelleren Autos

Mercedes gibt es unumwunden zu: Red Bull hatte auf seiner Hausstrecke das schnellere Paket. Der Honda-Motor ist eine Rakete. Der RB16B wurde in den letzten drei Rennen ständig weiterentwickelt. In Spielberg brachten fünf Vans neue Teile. Bei Mercedes herrscht seit Baku praktisch Stillstand. Das ergibt im Zusammenspiel einen Vorteil für Red Bull. Das Streckenlayout des Red Bull-Ring begünstigte ihn.

Hamilton hätte keine Taktik der Welt an die Spitze gebracht. Der Weltmeister erkundigte sich in regelmäßigen Abständen bei seiner Box, ob es nicht irgendeinen Hoffnungsschimmer gibt. Einen höheren Reifenverschleiß auf der Seite des Gegners. Oder Regen. Renningenieur Pete Bonnington musste bedauern. Nicht einmal in der Reifennutzung konnte Mercedes punkten. Verstappen hatte an der Spitze die Ruhe, sich die Reifen so einzuteilen, wie er es wollte. Hamilton dagegen fuhr dauernd am Anschlag.

Selbst die schnellste Runde wurde für Mercedes zur Zitterpartie. Es gab nur einen möglichen Zeitpunkt zum zweiten Boxenstopp, um Verstappen an einem Konter zu hindern. Doch für die eine freie Runde auf den Soft-Reifen musste erst einmal eine Lücke im Feld gefunden werden. Die gab es praktisch nicht. Hamilton ging die letzten vier Runden vor dem Stopp nicht nur vom Gas, um seine Batterien aufzuladen, sondern auch, um nach dem Boxenstopp eine freie Strecke vor sich zu haben. An Mick Schumacher musste er dann doch noch vorbei. Er erledigte es vor Kurve 9.

Am besten zeigte sich das neue Kräfteverhältnis im Duell Valtteri Bottas gegen Sergio Perez. Bottas ging zwar als Sieger hervor, doch Perez hatte den besseren Speed. Ein missglückter Boxenstopp mit 4,2 Sekunden Standzeit bestrafte den Mexikaner. Einmal hinter dem Mercedes blieb Red Bull nur noch die Wahl, die Verstappen-Taktik von Paul Ricard auszupacken. Eine Runde mehr, und sie wäre aufgegangen. Perez fehlten im Ziel nur 0,5 Sekunden, und Bottas kämpfte mit Reifen, die sich auflösten. "Das war zum Schluss mehr eine Rallye als ein Grand Prix."

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
Wilhelm
Hamilton behauptet sich in der Startrunde gegen Lando Norris im McLaren und Sergio Perez im Red Bull.

Perez-Taktik mit Soft-Reifen am Start falsch

Red Bull hätte mit Perez gar nicht in diese Zwangslage kommen müssen. "Rückblickend war es ein Fehler mit den weichen Reifen zu starten. Anfangs kam ich von Valtteri nicht weg, weil wir zehn Runden hinter Norris festhingen. Am Ende des ersten Stints hatte er mit seinen Medium-Reifen einen Vorteil." So konnte Perez nie ein sicheres Polster aufbauen, um einen Undercut abzuwehren. In Runde 25 lag Red Bulls Nummer 2 nur noch 1,8 Sekunden vor Bottas. Mit fallender Tendenz. Da zog der Red Bull-Kommandostand selbst die Reißleine und antizipierte den drohenden Undercut von Bottas.

20 Runden lang war der Abstand zwischen Bottas und Perez auf zwei bis drei Sekunden eingefroren. Obwohl er in Runde 53 auf 1,6 Sekunden schrumpfte, setzte Red Bull auf einen zweiten Stopp. Perez verteidigt seine Strategen: "Wir hatten ein bisschen Sorge wegen dem Reifenverschleiß. Deshalb war es richtig, es zu versuchen. Wir hatten ja nichts zu verlieren. Die Lücke hinter uns war genügend groß."

Es war eine knappe Angelegenheit bei der Red Bull darauf setzte, dass Bottas mit den alten Reifen mehr Zeit beim Überrunden verliert als der eigene Fahrer. "Tatsächlich haben mich die Nachzügler den dritten Platz gekostet. Ich habe da zu viel Zeit verloren", bedauert Perez. Das Strategie-Programm von Mercedes hatte genau diesen Umstand mit eingerechnet. Die Prognose sagt, dass der Medium-Reifen im Verkehr überproportional viel an seiner Lebenszeit verliert.

Charles Leclerc - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
Wilhelm
Ferrari schwächelte in der Qualifikation, war dafür mit seinem Setup aber im Rennen schnell.

Ferrari-Setup zahlte sich am Sonntag aus

Hinter dem Spitzenquartett fuhr Lando Norris ein einsames Rennen. Der fünfte Platz für den McLaren-Piloten war nie in Gefahr. Carlos Sainz im besser platzierten Ferrari lag nach 30 Runden 16 Sekunden zurück. Der Spanier schlug seine direkten Gegner Fernando Alonso und Yuki Tsunoda durch einen extremen Overcut. Und er profitierte von der freien Reifenwahl. Auf den Medium-Reifen konnte Sainz 15, respektive 14 Runden länger fahren als seine Gegner und war dabei auf den alten Reifen noch schneller als Alonso und Tsunoda auf den frischen harten Sohlen.

Ferraris Neuzugang spielten zwei Dinge in die Karten. Er fand eine freie Strecke vor sich. Alonso und Tsunoda hatten den Aston Martin von Lance Stroll vor der Nase. Und es zahlte sich aus, dass Ferrari das Setup seines SF21 voll auf Reifenschonen ausgelegt und damit lieber ein paar Startplätze riskiert hat. Nach der Reifen-Pleite von Paul Ricard wollte man kein zweites Mal in die Falle tappen. Die Streckencharakteristik half mit. Auf dem Red Bull-Ring leiden die Hinterreifen. Ferraris Problem liegt hauptsächlich auf den Strecken, auf denen die Vorderreifen gefordert sind.

Die Aufholjagd von Leclerc

Die richtige Fahrzeugabstimmung machte auch eine der besten Aufholjagden der letzten Jahre möglich. Charles Leclerc musste nach der Kollision mit Pierre Gasly in der Startrunde zum Frontflügelwechsel an die Box. Danach hatte er 32,4 Sekunden Rückstand auf die Spitze, 20,1 Sekunden auf einen Punkteplatz und obendrein 17 Konkurrenten vor der Nase.

Am Ende durfte Leclerc über sechs Punkte jubeln. "Ab der zweiten Runde war es eines meiner besten Rennen." Der Monegasse überholte auf dem Weg zu Platz 7 Mick Schumacher, Nikita Mazepin, Antonio Giovinazzi, Esteban Ocon, Kimi Räikkönen, ein zweites Mal Giovinazzi, Sebastian Vettel, Yuki Tsunoda, Fernando Alonso und Lance Stroll. Leclerc ging an seinen Konkurrenten nicht wegen eines überragenden Topspeeds vorbei. Er überholte sie alle auf der Bremse in den Kurven 3 und 4.

Leclerc hatte das nötige Rundenzeit-Delta, um einen nach dem anderen aufzuschnupfen. Und er hatte zu jeder Zeit die richtigen Reifen an Bord. Der unfreiwillige Stopp am Ende der ersten Runde erlaubte es ihm, die Soft-Reifen gegen die harte Mischung einzutauschen, die er in der 37. Runde durch Medium-Gummis ersetzte. Die harten Sohlen waren mit vollen Tanks genau die richtige Wahl. Kimi Räikkönen hatte sie als einziger im Feld vom Start weg aufgezogen und hätte mit dieser Taktik vom 18. Startplatz fast noch WM-Punkte geholt.

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Steiermark - Spielberg - 27. Juni 2021
xpb
Sebastian Vettel verpasste in Österreich die Top 10.

Vettel mit harten Reifen besser bedient

Mit Räikkönens Rennen als Vorlage ist es unverständlich, dass alle anderen Fahrer außerhalb der Top Ten mit den Medium-Reifen losgeschickt wurden. Diese Taktik hat nur Sainz in die Punkteränge gebracht, aber der Spanier hatte auch ein überragendes Auto. Fernando Alonso bestätigte: "Mit einem Alpine, Aston Martin und Alpha Tauri war es entscheidend, von Anfang an in den Top Ten zu fahren. Unsere Autos hatten nicht den Speed, aus eigener Kraft Plätze gutzumachen."

Sebastian Vettel, Daniel Ricciardo und Esteban Ocon mussten hinterher zugeben, dass der harte Reifen zum Start besser gewesen wäre. Weil er schneller war und beim Timing des Boxenstopps mehr Freiheiten ließ. Vettel kam in Runde 27 zu früh, Ricciardo in Runde 41 zu spät, und Ocon wurde mit Runde 36 auch nicht glücklich. Keiner von ihnen konnte auf dem Medium-Reifen das Tempo machen, das Leclerc auf den harten Reifen anschlug. Im Gegenteil: Sie hatten alle den viel weiter hinten gestarteten Räikkönen im Rückspiegel.