Formel 1 - Portimao - Speedvergleich - Geschwindigkeiten xpb/ams
Carlos Sainz - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Daniel Ricciardo - GP Portugal 2020 41 Bilder

Exklusiver GPS-Vergleich der F1-Teams in Portimao

Exklusiver GPS-Vergleich in Portimao Warum war der Mercedes am schnellsten?

Mercedes hatte meistens das schnellste Auto im Feld. Doch wo genau gewann Mercedes seine Zeit, und wo verloren die Gegner? Wir durften die GPS-Messungen für die Qualifikationsrunden in Portimão einsehen. Sie zeigen, wie schnell moderne Formel-1- Autos wirklich sind.

In grauer Vorzeit war da ein großes schwarzes Loch. Die Rundenzeit war der einzige Anhaltspunkt. Der Topspeed wurde anhand der Motorleistung und der Getriebeübersetzung hochgerechnet. Wie sie zustande kam, wusste keiner. Erst langsam wurden Rennautos gläsern. In einem ersten Schritt wusste man über sich selbst Bescheid. In einem zweiten auch über alle anderen.

In den 1980er-Jahren führte die FIA Speedmessungen an vier Stellen der Strecke ein. Damit wurden Sektorzeiten von allen für alle transparent. Und die Geschwindigkeiten an diesen vier Stellen, die aber fast ausnahmslos auf Geraden platziert waren. Mit Einführung der Telemetrie und Datenerfassung wurde das eigene Rennauto transparent. Das Team konnte nun die Geschwindigkeiten seiner Fahrer über die gesamte Rennstrecke verfolgen, hatte schwarz auf weiß, wann die Fahrer Gas gaben und wo sie bremsten.

Max Verstappen - Red Bull - GP Portugal 2020 - Portimao
Wilhelm
In der Zielkurve ist Verstappen vier km/h langsamer als die Mercedes.

F1-Autos gläsern dank GPS

Der letzte Schritt auf dem Weg zur totalen Überwachung hielt in den 2000er-Jahren mit der zivilen Nutzung der GPS-Ortung Einzug. Heute lässt sich die Position eines Rennautos zu jeder Zeit zentimetergenau bestimmen. Und damit weiß auch jeder nicht nur über sich selbst, sondern auch über die Konkurrenz Bescheid. Obwohl alle dieselben Daten haben, halten die Teams ihre Auswertungen unter Verschluss. Der alte Geheimhaltungsreflex, sie wissen schon.

Meist werden die in Fieberkurven visualisierten Rundenzeiten übereinandergelegt, um die Teamkollegen untereinander zu vergleichen – eigene Fahrer mit den direkten Gegnern oder dem Trainingsschnellsten. Die sogenannten Overlays werden gehütet, als läge darin der Schlüssel zum Sieg. Dabei würde es keinen schneller oder langsamer machen, wenn die Öffentlichkeit einen Einblick gewänne, wer auf wen Zeit verliert oder gewinnt. Oder was die schnellsten Autos der Welt tatsächlich leisten.

Wir haben ein Team überzeugt, den Schleier zu lüften und uns an seinen Daten teilhaben zu lassen. Die Stunde der Wahrheit schlug bei der Qualifikation zum GP von Portugal. Grundlage ist die jeweils schnellste Qualifikationsrunde aller zehn Teams.

GP Portugal - Portimao - GPS-Vergleich - Mercedes - Red Bull
ams
Mercedes vs. Red Bull in Portimao: Die türkisfarbige Fieberkurve ist der Mercedes, die blaue der Herausforderer - beide auf ihrer jeweils schnellsten Trainingsrunde.

Selektive Rennstrecke als Maßstab

Warum Portimão? Weil die 4,653 Kilometer lange Strecke mit ihren 15 Kurven und dem ständigen Auf und Ab die Spreu vom Weizen trennt. Weil der Kurs alles zu bieten hat, was man für einen aussagekräftigen Vergleich zwischen den einzelnen Autos braucht: eine 969 Meter lange Zielgerade, Kurven mit Radien zwischen 18 und 160 Metern und Geschwindigkeiten zwischen 75 und 275 km/h, mit Steigungen von 6,2, Gefällstrecken von 12,0 Prozent. Und weil das Autodrom an der Algarve für alle Neuland darstellte.

Alte Daten von den Testfahrten 2009 waren wertlos, neue gab es nicht. Der Asphalt war erst zwei Monate vorher frisch verlegt worden. Alle kamen gleich schlecht oder gleich gut vorbereitet auf die 75. Strecke, die es in den GP-Kalender geschafft hat.

Der neue Streckenbelag war so glatt, dass die Reifen bei vielen Autos erst in der vierten fliegenden Runde ihr Arbeitsfenster erreichten. Deshalb spielte es keine Rolle, welche Reifenmischung gewählt wurde. Valtteri Bottas erzielte die Tagesbestzeit mit Medium-Reifen. Der Finne stand trotzdem nicht auf der Pole-Position. Er war die Zeit von 1.16,466 Minuten im zweiten Qualifikationssegment gefahren.

Im Q3 war er auf der weicheren Gummimischung drei Zehntel langsamer. Max Verstappen drehte seine persönlich schnellste Runde sogar schon in der ersten K.-o.-Runde. Das ist ein Indiz dafür, dass die Strecke trotz mehr Gummiauflage nicht wie sonst üblich schneller wurde. Sie erlaubt somit einen repräsentativen Vergleich aller Fahrzeuge. Wer im Q1 oder Q2 ausgeschieden ist, hatte keinen Nachteil.

Formel 1 - Portimao - Speedvergleich - Geschwindigkeiten
ams
Das sind die Geschwindigkeiten jedes Autos in jeder der 15 Kurven.

Jedes Zehntel kostet 14,5 Millionen Euro

Die Startaufstellung und die Abstände zwischen den einzelnen Autos bestätigten das Bild der elf Rennen davor. Mercedes war in seiner besten Runde 0,413 Sekunden schneller als Red Bull. Ferrari fehlten schon über sechs Zehntel, Racing Point und McLaren sieben, AlphaTauri neun und Renault eine Sekunde. Die Schlusslichter Williams, Alfa Romeo-Sauber und Haas lagen zwischen 1,4 und 1,9 Sekunden zurück. Wenn man sich jetzt vor Augen führt, dass der Mercedes W 11 mit einem Budget von 401 Millionen Euro gebaut wurde und der Haas F1 VF-20 am anderen Ende der Fahnenstange mit 125 Millionen, dann kostet jedes Zehntel Differenz 14,5 Millionen Euro.

Es gab nur zwei kleine Ausreißer im Vergleich zu den Rennen davor. Ferrari verkaufte sich mit dem vierten Startplatz von Charles Leclerc über Wert. Teil drei der Aerodynamik-Offensive zeigte zwar Wirkung, doch in Portimão halfen auch andere Faktoren gnädig mit – der glatte Asphalt, moderate Temperaturen und ein Volllastanteil von nur 72 Prozent. Bei nur einer langen Gerade ging Ferraris schwachbrüstiger Motor nicht so in die Rundenzeit ein wie auf den Power-Strecken.

Deshalb stellten die Ingenieure auch die Flügel steil in den Wind. Wenn schon langsam auf der Geraden, dann gleich richtig. Der gewonnene Abtrieb kompensierte das Topspeed-Manko 15 Mal in den Kurven. Renault ging den umgekehrten Weg und fiel auf die Nase. Die Reifen kamen nie richtig in den Wohlfühlbereich. Eigentlich ist der R.S.20 ein besseres Rennauto.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Portugal 2020 - Portimao
F1/FIA
Der Mercedes W11 hat praktisch keine Schwachstelle: schnell auf den Geraden, und schnell in jedem Kurventyp.

Einen ersten Anhaltspunkt über die Qualitäten der Autos geben die Sektorzeiten. Im ersten Abschnitt liegen die meisten schnellen Kurven. Da führt Mercedes mit 22,221 Sekunden nur knapp vor McLaren mit 22,263 und Red Bull mit 22,266 Sekunden. Der Mittelsektor verlangt mit drei langsamen Kurven den meisten mechanischen Grip. Mercedes hat mit 29,262 Sekunden das schnellste Auto vor Red Bull mit 29,371 und Ferrari mit 29,465 Sekunden.

Die letzten 1,5 Kilometer bieten von allem etwas – zwei schnelle, zwei langsame Kurven und den größeren Anteil der Zielgeraden. Auch da bestimmt Mercedes das Tempo und liegt mit 24,923 Sekunden vor Red Bull mit 25,064 und Ferrari mit 25,101 Sekunden. So ist die Überlegenheit der Silberpfeile schnell erklärt: Sie können alle Disziplinen ziemlich gut. Und der W11 ist ein Auto, das seinen Fahrern Vertrauen schenkt. Das Delta zwischen der Idealzeit, also der Addition aller Sektorbestwerte und der tatsächlich schnellsten Runde, liegt bei nur 0,060 Sekunden.

Topspeed? Ein Mercedes-Motor hilft

Bei McLaren und Racing Point ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ähnlich klein. Das spricht dafür, dass die Autos einfach zu fahren sind. In einem Red Bull, Ferrari oder Renault war es offenbar schwerer, alle schnellsten Sektoren in eine Runde zu packen. Idealzeit und Realzeit laufen zwischen 0,178 und 0,257 Sekunden auseinander.

Genug Mathematik. Fahren wir mit Valtteri Bottas, Max Verstappen, Charles Leclerc, Carlos Sainz, Sergio Pérez, Daniel Ricciardo, Pierre Gasly, George Russell, Kimi Räikkönen und Romain Grosjean auf ihrer jeweils schnellsten Runde mit. Die beiden Geraden auf dem Kurs zeigen, dass man für einen guten Topspeed nicht unbedingt einen Mercedes-Motor haben muss, aber es hilft. Man darf nur keinen Ferrari-Motor fahren. Die Mercedes-Werksautos führen mit 327 km/h am Ende der Zielgeraden die Reihenfolge mit deutlichem Abstand an. Auf der kürzeren Gegengerade teilen sie sich mit 290 km/h Platz eins mit McLaren-Renault und AlphaTauri-Honda. Ferrari geht auf der Zielgeraden mit allen drei Autos unter. Alfa-Sauber ist mit 319 km/h der Schnellste, gefolgt vom Werksauto mit 317 km/h und Haas F1 mit 316 km/h.

Vier Kurven problemlos voll

Im zweiten Schritt stehen die schnellen Kurven im Blickpunkt. Die Kurven 6, 9, 12 und 15 kann man vergessen, auch wenn sie über Kuppen und durch Senken führen. Sie gehen für alle problemlos voll. Die Geschwindigkeit dort ist bestenfalls ein Indikator für das Beschleunigungsvermögen der Autos. Die Streuung zwischen den Besten und den Schlechtesten fällt mit fünf bis sieben km/h deshalb relativ gering aus.

An allen vier Streckenabschnitten liegt ein Auto mit Mercedes-Motor vorn: in Kurve 6 ein Racing Point, in den Kurven 9 und 12 der schwarz lackierte Silberpfeil, in der Zielkurve ein Racing Point und ein Mercedes gleichauf. Auch hier schneiden Autos mit Ferrari-Motor schlecht ab: Haas ist zwei Mal, Alfa-Sauber ein Mal das Schlusslicht.

Das liegt weder am Auto noch am Fahrer, obwohl die letzte Kurve vor der Zielgerade aus Sicht des Zuschauers höchst spektakulär ist. Die Fahrer lenken mit 267 bis 274 km/h blind über eine Kuppe in einen weitläufigen Rechtsbogen ein, der steil nach unten führt und etwas nach außen hängt. Kein Lupfen, kein Korrigieren, kein nichts. Als würde eine unsichtbare Gewalt die Autos mit der Straße verzahnen.


Die Kurven 1, 2, 7 und 10 sind anders. Hier macht neben dem Auto auch der Fahrer den Unterschied. Die erste Kurve bestimmt die zweite mit. Verstappen ist hier der König. Hinter Kurve 7 liegt der Bremspunkt für Kurve 8. Russell im Williams und Ricciardo im Renault schenken Geschwindigkeit in der schnellen Kurve her, um sich besser für Kurve 8 zu positionieren, die nur noch im dritten Gang gefahren wird.

Nur Mercedes, Red Bull und McLaren sind in beiden Ecken schnell. Eine echte Prüfung ist Kurve 10. Bremsen, runterschalten und einlenken: alles unter Querbeschleunigung. Auf der Anfahrt zu dem Rechtsbogen sieht der Fahrer den Ausgang nicht. Bottas flog mit 218 km/h über den Hügel, Verstappen mit 215 km/h. Alle anderen fallen deutlich ab. Hier kann man richtig Zeit verlieren, wie die 201 km/h von Ricciardo zeigen. Dafür ist der Australier in der folgenden Dritter-Gang-Kurve mit 139 km/h der Schnellste, vor Verstappen mit 137 km/h und Bottas mit 135 km/h.

Daniel Ricciardo - Renault - GP Portugal 2020 - Portimao
xpb
Portimao ist der ideale Gradmesser: Es geht hoch und runter, durch langsame bis schnelle Kurven.

Größter Zeitgewinn in langsamen Kurven

Die meiste Zeit gewinnt oder verliert man erfahrungsgemäß in langsamen Kurven, die in Portimão zwischen 80 und 140 km/h liegen. Zieht man die Quersumme über die Kurven 3, 5, 8, 11, 13 und 14, dann haben je zweimal Mercedes und Ferrari die Nase vorn, Red Bull und Renault je einmal. Dafür haben Racing Point, McLaren, AlphaTauri, Alfa-Sauber, Williams und Haas da ihre Probleme. Das deckt sich auch mit den anderen Rennstrecken im Kalender: Mercedes ist überall der Klassenprimus, Red Bull mit Respektabstand die Nummer zwei. Dahinter wird das Bild unscharf, weil die Unterschiede nur noch im Zehntelbereich liegen.

Ursprüngliche Schwächen und Stärken wurden durch Entwicklungsarbeit im Verlauf der Saison angeglichen, wie Renault-Technikchef Marcin Budkowski erklärt: "McLaren war von Anfang an gut in schnellen Kurven und weniger gut in langsamen, und bei uns ist es umgekehrt. So langsam gleichen wir uns aber an. Wenn du dein Auto in schnellen Kurven etwas besser machst, zahlst du in den langsamen einen Preis."

Formel-1-Autos seien erdgebundene Flugzeuge, hat ein schlauer Kopf einmal gesagt. Was sie wirklich können, zeigt am besten der Vergleich mit einem Straßenfahrzeug. Walter Röhrl kam in einem 385 PS starken Porsche Cayman GT4 mit Semislicks auf eine Rundenzeit von 2.03,88 Minuten. Auf die schnellste Formel-1- Runde fehlen dem Porsche somit 47,4 Sekunden.

Die Unterschiede zeigen sich vor allem in den schnellen Kurven, in denen die Formel-1-Autos ihren Abtrieb und ihr Hybridantrieb seine Muskeln spielen lässt. Das Duell in der ersten Kurve verliert der Porsche mit 232 zu 115 km/h, in der letzten mit 274 zu 164 km/h. Dort, wo Röhrl am Lenkrad zaubern muss, fahren Lewis Hamilton und Kollegen wie an einer Schnur gezogen. In langsamen Passagen wie Kurve 5 fällt der Unterschied mit 81 zu 58 km/h nicht ganz so dramatisch aus, nur um in mittelschnellen Abschnitten wie Kurve 14 mit 136 zu 80 km/h schon wieder anzusteigen. Führen beide Autos gleichzeitig los, hätte der Porsche das Formel-1-Auto schon in der dritten Runde im Rückspiegel.

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