Red Bull - Formel 1 - GP Monaco - 2021 xpb
Formel 1 - Windkanalmodell - 2021
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Formel 1 - Windkanalmodell - 2021 26 Bilder

F1-Entwicklung: Red Bull & Mercedes in WM-Falle

Was ist der perfekte Umstieg auf 2022? Red Bull und Mercedes in der WM-Falle

GP Aserbaidschan

Es ist eine besondere Saison. Die Entwicklung der aktuellen Autos schläft früher ein als sonst. Das 2022er ist radikal anders, aber technisch weniger anspruchsvoll. Die Frage nach dem richtigen Absprung ist so schwierig wie nie. Besonders unter dem Druck des Kostendeckels.

Haas hat als erstes Team die Reißleine gezogen. Der US-Rennstall opferte nur zwei Windkanalsitzungen zu Beginn des Jahres, um die Daten des 2021er Autos mit der Rennstrecke abzugleichen. Ansonsten liefen alle Räder voll für 2022. Red Bull und Mercedes werden möglicherweise die letzten Teams sein, die sich vom 2021er Modell verabschieden. Einen möglichen WM-Titel wirft man nicht so einfach weg. Was heute hilft, kann sich morgen rächen.

Alle außer Haas betrieben zu Saisonbeginn noch eine Art Parallelentwicklung, wobei das 2022er Autos mit jeder Woche mehr Überhand gewann. Auch Alfa Romeo hat sich mittlerweile von der Entwicklung des aktuellen Autos verabschiedet, wie Teamchef Fred Vasseur verrät: "Wir sind nicht meilenweit vom Haas-Ansatz entfernt. Auch wir haben am 1. Januar mit dem neuen Auto begonnen und uns zwischendrin noch mal eine oder zwei Wochen mit dem 2021er Auto beschäftigt. Das ist jetzt abgeschlossen."

Alle anderen befinden sich im Augenblick im Übergang. Alpha Tauri-Teamchef Franz Tost machte den Moment "im Juni oder Juli" vom Fortgang der Saison abhängig. So wollten es ursprünglich alle Teams im Mittelfeld handhaben. Doch nach fünf Rennen ist ziemlich klar, wie der Hase läuft. Die Gruppe hinter den beiden WM-Aspiranten hat sich geteilt. Ferrari und McLaren, dann der Rest. Das hat auch Einfluss auf die Planung.

Viele Neuheiten, die wie bei Alpine, McLaren oder Aston Martin jetzt noch ans Auto kommen, wurden im Windkanal längst abgesegnet. Bei Ferrari gibt es schon seit April keinen festen Entwicklungsplan für den SF21 mehr. Wenn einer eine Idee hat, die sich lohnt, wird sie umgesetzt. Doch wer hat die Nerven, das 2021er Auto jetzt schon auf Eis zu legen?

Haas - Formel 1 - GP Monaco - 23. Mai 2021
Motorsport Images
Haas fährt dem Feld 2021 hinterher. Die Entwicklungsabteilung konzentriert sich auf das 2022er Projekt.

Haas-Modell keine Erfolgsgarantie

Alpine-Technikchef Marcin Budkowski erklärt das Dilemma, in dem sich alle befinden. "Die Gewinne im Windkanal mit den 2022er Autos sind im Moment riesig, die am 2021er Auto verhältnismäßig klein mit abnehmendem Gegenwert. Da müssen sich alle die Frage stellen: Wie viel willst dur für 2022 aufgeben, um ein paar Zehntel jetzt noch zu gewinnen? Du kannst es dir einfach nicht leisten, spät auf das 2022er Auto umzusteigen."

Einigen Teams fällt es nach Verlauf der ersten fünf Rennen leichter, eine Entscheidung zu treffen als anderen. Zwischen Red Bull und Mercedes geht es um den Titel. Zwischen McLaren und Ferrari um Platz drei. Da kann das eine Upgrade mehr den Unterschied ausmachen. Alpine, Aston Martin, Alpha Tauri und Alfa Romeo wissen schon jetzt, dass sie bestenfalls noch um den fünften Platz fahren. Den Entwicklungsschritt, der 60 WM-Punkte aufholt, gibt es nicht. Und wenn, dann kostet er zu viel Zeit und zu viel Geld. "Du bestrafst dich dann nicht nur für 2022, sondern auch für die Folgejahre. Die Basis dafür legst du jetzt", sieht Aston Martin-Teamchef Otmar Szafnauer ein.

Haas-Teamchef Guenther Steiner müsste eigentlich jedes Mal jubeln, wenn einer seiner Gegner das 2021er Modell noch einmal in eine Windkanalschleife schickt. Das vergrößert seinen Entwicklungsvorsprung für 2022. Tatsächlich ist es dem Südtiroler egal. "Mich kümmert nicht, was die anderen machen. Wir haben einen Plan, den jeder im Team kennt und der gewisse Opfer in dieser Saison mit sich bringt. Aber alle tragen ihn mit. Wir haben zwar einen Zeitvorsprung, aber das ist keine Garantie. Wir müssen auch was daraus machen."

Jenson Button - Brawn GP001 - GP England - Silverstone - Donnerstag - 11.07.2019
Motorsport Images
BrawnGP überrumpelte 2009 das Establishment der Formel 1.

Wiederholung des BrawnGP-Märchens?

Sebastian Vettel kann sich nicht vorstellen, dass sich die Story von BrawnGP so einfach wiederholen lässt. Ross Brawn stieg 2008 schon im Mai aus der Entwicklung des aktuellen Autos aus, das damals noch unter dem Banner von Honda antrat, um sich voll um den Nachfolger zu kümmern. Auch damals stand ein völlig neues Reglement vor der Tür. Das Märchen wurde wahr. Die Honda-Erben holten in Eigenregie den WM-Titel. Dabei hätte es das Team eigentlich gar nicht mehr geben sollen, weil Honda ausgestiegen war.

Nach Ansicht von Vettel werden die 2022er Autos technisch nicht mehr so anspruchsvoll sein wie die aktuellen. Viele aerodynamische Flächen sind glattgebügelt, Flügel viel einfacher geformt, Leitbleche nahezu verboten. "Das verringert die Chance, dass du viel gegenüber den anderen rausholen kannst", glaubt Vettel. "Am Anfang ist die Lernkurve sicher wahnsinnig steil. Sie wird aber schnell abflachen. Weil man weniger Möglichkeiten hat, Rundenzeit zu finden."

Wenn man sich so umhört, dann rechnen die Experten damit, dass die nächstjährigen Autos am Anfang um drei Sekunden langsamer sein werden. Je eine Sekunde geht dabei auf das Konto von Aerodynamik, die Niederquerschnittsreifen und das signifikant höhere Gewicht. Die Windkanalarbeit verändert sich. "Es dauert länger von Sitzung zu Sitzung. Heute hast du viel im Detail verändert. In der Zukunft werden es große Flächen sein", prophezeit Steiner.

Ein Hemmschuh für die Teams sind der Kostendeckel und die reduzierten Windkanalzeiten. Die Ingenieure können nun nicht mehr alles ausprobieren, was ihnen in den Sinn kommt. Und es gibt neben dem eingeschränkten Entwicklungsspielraum noch andere Zwänge, die das Team auf Trab halten. "Die Budgetdeckelung drängt uns dazu, unsere Effizienz zu verbessern. Wir stellen uns jetzt bei jedem Teil die Frage, wie wir es billiger produzieren oder länger nutzen können. Das beginnt schon beim Design. Wir beleuchten auch die Prozesse und die Bereiche, in denen wir mehr oder weniger sparen", erklärt Budkowski.

Frederic Vasseur - Alfa Romeo - Mattia Binotto - Ferrari - Bahrain 2019
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Frederic Vasseur und Mattia Binotto: Kleine wie große Teams suchen nach dem passenden Absprung für 2022.

Budgetdeckelung als zusätzliche Last

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto nennt die Budgetdeckelung die größte Herausforderung für die Teams seit Jahren. "Es ist ein kompletter Kulturwechsel. Ein großes Team wie Ferrari mit so vielen Ressourcen, muss Prioritäten setzen, überall effizient sein, Dinge aufspüren und benennen, auf die man verzichten kann." Nicht nur die Topteams arbeiten unter neuen Zwängen. "Wer den Budgetdeckel nicht schafft, ist durch sein individuelles Budget begrenzt. Im gewissen Sinne arbeitet jedes Team mit einem Kostendeckel", resümiert Budkowski. Mit einem entscheidenden Unterschied. "Budgets dieser Größenordnung sind unser Garten, in dem wir uns auskennen. Andere müssen sich erst einmal anpassen", freut sich Vasseur.

Auch wenn die zwei zusätzlichen Rennen und die zwei abgesagten Grand Prix in Kanada und der Türkei den Teams 4,8 Millionen Dollar extra Luft geben, ist die Lage für die Topteams angespannt. Da kann dann schon ein Unfall mit Totalschaden wie bei Mercedes oder der Umbau des Heckflügels um den neuen Regeln zu genügen wie bei Red Bull zum Problem werden. Mercedes rechnete mit Unfallschäden von einer Million, Red Bull mit zusätzlichen Entwicklungskosten von der Hälfte.

Budkowski warnt, dass noch andere Teams ein Unfallproblem bekommen könnten, das an anderer Stelle Sparmaßnahmen verlangt: "Bei einem großen Crash tut es besonders weh, dass es hauptsächlich neue Teile waren, die sonst wahrscheinlich noch lange im Einsatz gewesen wären. Das schlimmste ist ein Unfall mit lauter neuen Teilen am Ende des Jahres. Dann hast du kaum noch Luft zu Reagieren."

Es liegt an jedem selbst, wie viel Spielraum er nach oben sich lässt. Kleine Teams haben deshalb von neuen Teilen immer wenig Einheiten gebaut, während es den großen egal war. Mercedes, Red Bull und Ferrari werden lernen müssen wie kleine Teams zu denken. Ab 2022 trifft es auch Teams wie McLaren und Alpine. Budkowski: "Wenn der Kostendeckel runterkommt, werden auch wir Opfer bringen müssen."

Opfer, die auch die Fahrzeugentwicklung betreffen. Für Vasseur ein Hoffnungsschimmer: "Die großen Teams müssen sich gerade neu organisieren und unter diesem Zwang ein komplett neues Auto bauen. Das sind zwei Aufgaben auf einmal und damit eine große Herausforderung."

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