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Haas - Barcelona F1 Test 2020
McLaren - Barcelona F1 Test 2020 10 Bilder

Unterboden-Einschnitt kostet Abtrieb

Autos 2020 schneller als 2021

Weniger Windkanalzeit, homologierte Teile, Einschnitte am Aerodynamik-Konzept für 2021 und die Regelrevolution 2022: Auf die Teams warten anstrengende Monate. Und sie müssen die schwere Entscheidung treffen, wie sie die Ressourcen verteilen.

Der Rahmen ist gesteckt. Jetzt sind die Ingenieure dran. Sie müssen ihre 2020er Autos entwickeln, mit den neuen Regeln der Homologation und zum Unterboden klarkommen und die Weichen für die neuen Formel 1-Autos ab 2022 stellen. Das klingt nach einer Herkulesaufgabe – ist es auch.

Corona hat alles durcheinandergewirbelt: den Rennkalender und die Entwicklungspläne der Teams. In einem normalen Jahr würden sie sich im Juli bereits vermehrt mit dem Auto für die kommende Saison beschäftigen. Doch 2020 ist alles anders. Denn bis Juli hat noch nicht ein einziges Rennen stattgefunden.

Bei Verstoß schwere Konsequenzen

Statt auf der Strecke gegeneinander zu kämpfen, führen die zehn Rennställe Fernduelle in den jeweiligen Fabriken. Die Frage lautet, wer sich am besten auf die neuen Richtlinien einstellt. Und wer die effektivsten Pläne für die Weiterentwicklung der Autos entwirft. Doch dafür müssen die Ingenieure der Teams erst einmal das Regelwerk durchblicken, das ein ganz anderes ist, als vor dem eigentlich angedachten Saisonstart in Melbourne im März.

Um Kosten zu sparen, friert die Formel 1 weite Teile des Autos nach und nach ein: Chassis, Getriebe, Aufhängungen und Benzinsystem zum Beispiel. Hauptsächlich die mechanischen Komponenten. Nur zwei Ausnahmen sind gestattet. Um diese Bereiche zu entwickeln, können die Teams sogenannte Entwicklungstoken einsetzen.

Andy Green - Racing Point - 2019
xpb
Racing Point-Technikdirektor Andy Green hat eine eigene Arbeitsgruppe zum besseren Verständnis der Reglement-Änderungen gebildet.

Doch wie üblich sind die Regeln kompliziert geschrieben, um sämtliche Schlupflöcher zu schließen. So kompliziert sogar, dass sie den Teams schwere Kopfschmerzen bereiten. Racing Point hat extra eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um die veränderten Regularien zu überreißen und eigene Fehler auszuschließen.

Technikchef Andy Green erklärt: "Ich halte das neue System für ein gutes. Doch es musste sehr schnell eingeführt werden. Wir hatten bisher wenig Zeit, alles zu überprüfen. Die Thematik der Homologation ist es sehr komplex für uns und die FIA. Es ist ein neues System, mit dem vorher keiner gearbeitet hat. Wir binden große Ressourcen, um alles zu verstehen. Eine Arbeitsgruppe wird sich damit bis Ende 2021 auseinandersetzen. Wir wollen sicherstellen, nicht unbeabsichtigt gegen die Regeln zu verstoßen. Denn das hätte drastische Konsequenzen. Es sind Technikregeln. Wer dagegen verstößt, kann vom Rennwochenende ausgeschlossen werden."

Update zur Saisonmitte

Die Homologation ist der eine Teil, der die Ingenieure beschäftigt. Der andere ist die Aerodynamikentwicklung, die weiter frei bleibt. Racing Point wird zum Start in Österreich mit dem Paket anrücken, das für Melbourne in der Pipeline war. Ein weiteres Upgrade soll zur Saisonmitte folgen. Also im August. "Es ist das Update, was wir ursprünglich für das fünfte Rennen vorgesehen hatten, also Barcelona im Mai", verrät Green. Und dann wird es noch ein Spezialpaket für die Highspeedstrecken in Spa und Monza geben.

Racing Point - Formel 1 - GP Australien - Melbourne - 11. März 2020
Motorsport Images
Bei Racing Point wird es 2020 wohl nur ein großes Upgrade-Paket geben.

Das könnte es für 2020 bereits gewesen sein. "Wir müssen unsere Ursprungspläne einer großen Überprüfung unterziehen. Wir wissen nicht, welche Rennen nach Spa und Monza kommen werden. Deshalb können wir schwer planen, was wir brauchen", sagt Green. Hinzu kommt, dass die Teams 2021 ein großer Einschnitt erwartet.

Da Reifenlieferant Pirelli für die nächste Saison keine neuen Reifen bauen wird, reagiert die FIA mit einer Aerodynamikanpassung. Die Teams müssen den Unterboden vor den Hinterrädern kastrieren. Das ist der Teil, der mit Slots und Finnen gezielt Luftwirbel erzeugt, um die schädlichen Luftturbulenzen der walkenden Hinterreifen vom Eindringen in den Diffusor abzuhalten.

Auto 2021 neu ausbalancieren

Simulationen der Formel 1 ergaben, dass dadurch die Reifen effektiv vor zu hohen Kräften geschützt werden können. Es hätte keinen Sinn gemacht, für das Übergangsjahr 2021 eine neue Pirelli-Konstruktion zu entwickeln. Die Formel 1 wird ein Jahr später ohnehin von 13 auf 18 Zoll Räder umstellen.

Mit dieser Maßnahme werden die Autos stark an Abtrieb verlieren. Green rechnet damit, dass die 2021er Autos durch die verordneten Änderungen am Unterboden langsamer sein werden als die 2020er Modelle. "Es gibt ansonsten zwar keine Einschränkungen bei der Aerodynamikentwicklung. Doch es würde mich schwer wundern, sollte es ein Team schaffen, den Abtriebsverlust zu kompensieren. Ich denke, wir werden den Leistungszenit der Autos 2020 und nicht 2021 sehen."

McLaren - Barcelona F1 Test 2020
Stefan Baldauf
Der Bereich um die Hinterräder ist für die Aerodynamiker von entscheidender Bedeutung.

Die Einschnitte am Unterboden mögen sich für Laien klein anhören, ziehen aber einen ganzen Rattenschwanz mit sich. Im Prinzip werden die Teams ihre Autos von vorn bis hinten anpassen müssen, um die Verluste zu begrenzen. "Wir müssen das Auto neu ausbalancieren", sagt Green. Wenn hinten Abtrieb fehlt, muss entsprechend nachjustiert werden. Sonst klebt zwar die Front, dafür übersteuert aber maßlos das Heck.

Ab Januar voll auf 2022

Green glaubt nicht, dass gewisse Fahrzeugkonzepte unter den Einschränkungen stärker leiden werden als andere. Autos, die im Heck wenig angestellt sind, wird es seiner Meinung nach genauso treffen wie Autos mit ausgeprägter Anstellung.

"Unsere Simulationen sagen, dass es beide Konzepte schwer trifft. Klar ist, dass Autos mit sehr viel Abtrieb proportional mehr verlieren werden als welche mit wenig. Das sollte das Feld näher zusammenführen. Andererseits werden die Top-Teams weiter vorne bleiben, weil sie sich darauf noch mit ihrer gewohnten Arbeitsweise vorbereiten können." Und ohne Budgetdeckel, der erst ein Jahr später greift.

Die große Änderung wird bei Racing Point dazu führen, sich früh mit der Aerodynamik für 2021 zu beschäftigen. Bis zum Januar. Dann dürfen die Teams wieder im Windkanal und CFD das Auto für 2022 weiterentwickeln. Und weil die Entwicklungszeit begrenzt ist, werden sich ab dann alle vermehrt auf die völlig neue Fahrzeuggeneration stürzen.

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