Daniel Ricciardo - Renault - GP China 2019 - Qualifying xpb

Viele Opfer im Stau

„Die Paranoia der Ingenieure“

In der letzten Minute des Trainings bildete sich ein langer Stau. Plötzlich Panik. Den Fahrern lief die Zeit davon, vor Torschluss über die Ziellinie zu kommen. Die einen suchten Windschatten, die anderen Abstand, und wieder andere überholten. Vier Fahrer blieben auf der Strecke.

Noch 40 Sekunden. Auf der langen Gerade sah es in der letzten Minute des Q3 aus wie in einer Startrunde. Zehn Autos reihten sich hintereinander auf. Ganz vorne die zwei Mercedes, dann der Ferrari von Charles Leclerc, dann Max Verstappen im Red Bull. Plötzlich wurde es unruhig am Funk. Sebastian Vettel, Daniel Ricciardo und Pierre Gasly bekamen von ihren Ingenieuren die Warnung: „Beeilt euch. Es wird knapp über die Linie.“ Vettel erfuhr, dass er nur noch 10 Sekunden in der Hinterhand habe.

In so einem Moment gilt kein Gentlemen‘s Agreement mehr, das Fahrer und Teams sich einmal gegeben haben. In den letzten Kurven der Aufwärmrunde greift man nicht mehr den Gegner an. Jeder soll optimal in seine schnelle Runde starten können. Vettel entschuldigte sich: „Ich lag am Ende des Zuges. Als mir meine Box gesagt hat, wie wenig Polster ich noch habe, musste ich handeln. Da denkst du nur noch an dich selbst.“ Vettel ging an beiden Renault, an Pierre Gasly und am Schluss auch noch an Max Verstappen vorbei. Teamchef Mattia Binotto ärgerte sich: „Vettel konnte in der Vorbereitungsrunde nicht das Tempo fahren, dass wir für eine optimale Runde brauchen. Das hat Seb Zeit gekostet.“

Der Holländer wurde gleich darauf auch noch von den beiden Renault geschluckt. Verstappen beschwerte sich am Funk über die unfaire Fahrweise seiner Kollegen, gab aber eine Stunde später mit besserer Sicht auf die Dinge zu: „Mein Ingenieur hat mich zu spät gewarnt. Ich wusste nicht, dass es so eng ist. Meinem Gefühl nach war noch 20 oder 30 Sekunden Luft. Hätte ich es gewusst, hätte ich auch überholt.“ Für Verstappen war das Missverständnis mit seinem Kommandostand fatal. Er war der erste von vier Fahrern, die es nicht mehr rechtzeitig über die Ziellinie schafften. Seinem Teamkollegen Pierre Gasly und den beiden HaasF1-Piloten Kevin Magnussen und Romain Grosjean passierte das gleiche Missgeschick.

Max Verstappen - Red Bull - GP China - Shanghai - Samstag - 13.4.2019
Wilhelm
Max Verstappen fluchte nach der Qualifikation.

Verstappen suchte Windschatten

Verstappen ärgerte sich, weil er bei optimaler Vorbereitung seiner schnellen Runde die Ferrari im Kampf um Platz 3 hätte schlagen können. Red Bull-Sportchef Helmut Marko meinte kritisch: „Ein bisschen ist Max auch selbst schuld. Er wollte unbedingt einen Windschatten von einem Mercedes oder Ferrari haben. Dabei sollte er wissen, dass diese Nummer mit dem Windschatten nie funktioniert. Das ist wie Lotteriespiel. Entweder bist du zu weit weg vom Vordermann und profitierst nicht auf der Gerade, oder du bist zu nah dran und kriegst zu viel schlechte Luft in den Kurven.“

Als auch noch die beiden Renault am Red Bull vorbeizogen, versuchte Verstappen den Abstand zu vergrößern. Das kostete noch mehr Zeit. „Du musst die Runde mit mindestens vier bis fünf Sekunden Abstand beginnen, sonst verlierst du zu viel Abtrieb.“ Verstappen verfehlte die Flagge um zwei Sekunden. Doch warum hat man sich überhaupt so viel Zeit gelassen mit der letzten, entscheidenden Ausfahrt? Verstappen: „Idealerweise willst du eine Sekunden vor der Zielflagge mit genug Abstand zum Fahrer vor dir über die Linie gehen.“ Marko zweifelt: „Das ist die Paranoia der Ingenieure. In den letzten 30 Sekunden wird die Strecke vielleicht noch ein halbes Tausendstel schneller.“

Haas findet keinen Slot

Die Haas-Piloten hatten eine andere Story zu erzählen. Sie waren von Anfang an die letzten Passagiere in dem Zehner-Pulk. Teamchef Guenther Steiner erklärt warum: „Wir haben von allen die vorderste Box. Nachdem die Mercedes als erste auf die Strecke gegangen sind, hatten wir keinen Slot mehr, uns dazwischen zu drängeln. Seit wir in Melbourne bestraft wurden, weil wir eines unserer Autos einem anderen in den Weg geschickt haben, sind wir übervorsichtig.“ Haas rechnete auch nicht damit, dass die Aufwärmrunde so langsam werden würde. „Ab der Hälfte der Runde haben alle angefangen, Platz nach vorne zu schaffen. Das hat einen Stau verursacht, und dann lief uns am Ende des Feldes die Zeit weg.“

Die Ingenieure versäumten es, die Fahrer zur Eile zu treiben. Steiner nimmt sie in Schutz. „Wenn wir in der Aufwärmrunde überholen wie Vettel, kriegen wir garantiert eine Strafe. Das können wir nicht riskieren.“ Am Ende konnten die Amerikaner mit Platz 9 und 10 leben, obwohl die Fahrer der Meinung waren, sie hätten die Zeiten der Renault-Piloten angreifen können. „Wir sind froh, dass wir überhaupt ins Q3 kamen und unsere Reifenprobleme gelöst haben. Am Freitag sah es noch so aus, als wäre spätestens im Q2 für uns Endstation“, atmete Steiner auf.

Ricciardo gerade noch über die Linie

Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo hatten Glück. Hülkenberg tappte wie Verstappen im Dunkel: „Ich wusste nicht Bescheid, dass es so knapp war. Da ich mitten im Feld lag, wollte ich es eher ruhig angehen lassen. Für uns sind langsame Aufwärmrunden besser. Die Ferrari gehen da härter rein. Als sich dann alles gestaut hat und Vettel mit dem Überholen anfing, dachte ich mir: Das spitzt sich jetzt zu. Du musst die Flucht nach vorne antreten.“ Hülkenberg überholte erst seinen Teamkollegen, dann auch noch Verstappen. Ricciardo schwamm in seinem Sog mit und ging vor der Zielkurve an Verstappen vorbei. „Hätte ich es nicht gemacht, hätte es mich erwischt. Als ich über die Linie bin, sah ich im Augenwinkel, wie die Ampel auf Rot geschaltet hat.“

Während Hülkenberg sich durch die hektische Aufwärmrunde nicht beeinträchtigt fühlte, weil die Überholmanöver alle in langsamen Passagen stattfanden, glaubt Ricciardo, dass ihn die Nummer mit Verstappen vielleicht eine Kleinigkeit gekostet haben könnte. „Ich bin ein bisschen quer aus der letzten Kurve und nicht mit optimalem Speed auf die Zielgerade gekommen.“ Es hätte aber schlimmer kommen können, meinte der Australier: „Wäre die erste Kurve ein Haarnadel, hätte ich bestimmt nicht das beste Vertrauen gehabt, auf der letzten Rille zu bremsen. Aber in Shanghai ist die erste Kurve sehr schnell. Da kriegen die Reifen sofort Temperatur.“

GP China 2019: Die Bilder der Qualifikation

Alexander Albon - Toro Rosso - GP China - Shanghai - Samstag - 13.4.2019
Alexander Albon - Toro Rosso - GP China - Shanghai - Samstag - 13.4.2019 Valtteri Bottas - Mercedes - GP China - Shanghai - Samstag - 13.4.2019 Valtteri Bottas - Mercedes - GP China - Shanghai - Samstag - 13.4.2019 Fans - GP China - Shanghai - Samstag - 13.4.2019 35 Bilder
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