Ross Brawn - F1 - Mattia Binotto - Ferrari Motorsport Images
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Die Formel 1-Zukunft kann beginnen

Warum hat Ferrari kein Veto eingelegt?

Der FIA-Weltrat hat das Formel 1-Reglement für 2021 einstimmig abgesegnet. Ferrari gab überraschenderweise seinen Widerstand auf. Damit brach die Front der Gegner der neuen Regeln in sich zusammen. Doch wie ist es FIA und F1-Management gelungen, das Traditionsteam im letzten Augenblick auf seine Seite zu ziehen?

Es war eine Entscheidung in letzter Minute. Einen Tag vor der Frist am 31. Oktober segnete der FIA-Weltrat das neue Formel 1-Reglement für 2021 ab. Das 26-köpfige Gremium votierte einstimmig dafür. Auch Ferrari machte den Weg frei für das lange umstrittene Reglement. Dabei hatte es bis zuletzt so ausgesehen, als wäre Maranello im Club der Skeptiker. Der Traditionsrennstall hätte zwar theoretisch noch fünf Tage Zeit gehabt, von seinem Vetorecht Gebrauch zu machen, doch auch diese Frist verstrich ungenutzt. Man stimmt nicht einmal dafür und dann wieder dagegen.

Ferraris Votum war eine faustdicke Überraschung. Noch bei der letzten Sitzung der Teams mit der FIA und dem F1-Management entstand der Eindruck, dass die drei Topteams Ferrari, Mercedes und Red Bull, sowie ihre Satelliten Haas, Racing Point und Toro Rosso die neuen Regeln ablehnen. Bei einer internen Abstimmung unter den Teams zählte Ferrari zu den Bewahrern alter Besitzstände. Auch Teamchef Mattia Binotto hatte das Regelwerk immer wieder als zu restriktiv kritisiert. Die Topteams waren zudem mit der Geldverteilung nicht zufrieden. Sie waren der Meinung, ihnen stünde mehr Geld zu. Ihre Taktik war es, den Regelfindungsprozess so lange hinauszuzögern, dass gar nichts passiert.

Mit Ferraris Kehrtwende wurde den Widerständlern der Wind aus den Segeln genommen. Nur mit Ferrari zusammen hätten Mercedes und Red Bull einen Hebel gehabt, die Regeln weiter hinauszuzögern. Die einstigen Mitstreiter haben schnell reagiert. Beide unterstützen jetzt das 2021er Projekt, mit der Einschränkung, dass man im Detail noch nachbessern müsse. Formel 1-Sportdirektor Ross Brawn hat kein Problem damit: „So war es immer gedacht. Was jetzt auf dem Papier steht, ist ein Startpunkt. Wenn wir Möglichkeiten zur Verbesserung sehen, werden wir sie einfließen lassen.“

Christian Horner - Red Bull - GP USA 2019 - Austin
Motorsport Images
Auch Red Bull und Mercedes haben ihren Widerstand gegen das 2021er Reglement aufgegeben.

Red Bull und Mercedes bleiben dabei

Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko bestätigte auf Anfrage, dass der Salzburger Getränkekonzern der Formel 1 treu bleiben werde, vorausgesetzt Honda setzt sein Engagement fort. Man sei sich mit dem japanischen Motorenpartner im Prinzip einig, aber eine endgültige Entscheidung aus Tokio wird erst zum Saisonfinale in Abu Dhabi erwartet. „Ferraris Reaktion hätte uns nicht überraschen sollen. Ferrari hat schon immer sein eigenes Ding gemacht“, bemüht der Grazer die Geschichtsschreibung. „Wir von Red Bull werden die Situation akzeptieren, wie sie ist. Wir haben zwei Teams, eine Rennstrecke und ein Rennen. Das sind Investitionen, die du nicht einfach so wegwirfst.“

Auch Mercedes wird 2021 an Bord bleiben, außer im Vorstand ändert sich noch kurzfristig die politische Großwetterlage. Aber das hätte nichts mit den 2021er Regeln zu tun. Teamchef Toto Wolff sagte in Austin: „Die neuen Regeln bedeuten zunächst einmal eine Abkehr von der Hightech-Formel, die wir heute haben. Ich bin aber zuversichtlich, dass uns zusammen mit der FIA und dem Formel 1-Management noch ein gutes Feintuning der Regeln gelingt. Wir nehmen die Herausforderung an.“

Pat Symonds, einer der Väter des neuen Technik-Reglements, wundert sich, warum Mercedes so lange Widerstand geleistet hat: „Mercedes ist das beste Team. Sie haben die besten Ingenieure. Ihnen kann gar nichts Besseres passieren als ein Neubeginn. Gerade jetzt, wo die Gegner aufschließen. Die neuen Regeln sind für Mercedes eine Chance wieder einmal zu zeigen, dass sie schneller auf neue Regeln reagieren können als andere.“ Wie gut der Serien-Weltmeister aufgestellt ist, zeigt die Tatsache, dass Mercedes als erstes Team ein 2021er Modell in den Windkanal gestellt hat.

Die kleinen Teams, die mit den großen Wölfen mitheulen mussten, sind erleichtert, dass die Zeit der Ungewissheit vorbei ist. „Die Regeln sind jetzt da, und wir müssen mit ihnen arbeiten“, stellt HaasF1-Teamchef Guenther Steiner fest. „Es bringt nichts mehr zu lamentieren und zu sagen, dieses ist schlecht und jenes falsch.“ Auch Frédéric Vasseur atmet auf: „Endlich können wir planen. Irgendwann muss man zu einem Punkt kommen und entscheiden.“ Claire Williams sieht in den neuen Regeln eine Chance, ihren angeschlagenen Rennstall zu retten: „Jedem muss klar sein, dass die Formel 1 von den Kosten her einfach nicht mehr tragbar ist. Deshalb unterstützen wir alle Beschlüsse, die vom Weltrat abgesegnet wurden.“ Franz Tost von Toro Rosso meinte: „Der Sport hat eine Kostenkontrolle und eine gerechtere Geldverteilung gebraucht.“

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2021 wird die Formel 1 einen Neustart erleben.

Bernies Rat gefolgt

Die Formel 1-Chefs haben im Tauziehen um die Macht offenbar Bernie Ecclestones altes Rezept kopiert, das schon bei den Regelstreitigkeiten 2004, 2009 und 2013 funktioniert hat: „Hol dir Ferrari, und du kriegst den Rest.“ Ferrari-Teamchef Mattia Binotto erklärt, warum Ferrari seinen Widerstand aufgegeben hat: „Wir glauben es ist der richtige Moment für einen Neustart. Unser Sport muss nachhaltig werden. Es ist ein Anfang. Es war das beste Ergebnis, das wir bekommen konnten. Jetzt müssen wir alle daran arbeiten, das Paket zu verbessern. Die Teams werden jetzt beginnen, die Arbeit am 2021er Auto zu intensivieren. Dabei werden wir auf Schwachstellen stoßen und versuchen, diese zusammen mit der FIA und dem F1-Management auszubügeln.“

Das ist die offizielle Version. Im Fahrerlager hört man viele Versionen, warum Ferrari doch noch umgefallen ist. Wahrscheinlich steckt an allen Theorien ein Funken Wahrheit. Toto Wolff und Frédéric Vasseur vermuten: „Es wäre ein großer Schritt gewesen dagegen zu stimmen.“ Was sie nicht sagen: Gegen etwas zu stimmen, das eigentlich Sinn macht. Ferrari hätte sich schwer getan in der Öffentlichkeit zu vertreten, dass man nicht sparen will und dass man gegen mehr Chancengleichheit ist. Zumal man damit auch seine Kundenteams riskiert hätte. Ferrari wurde auch klar, wie fragil das Formel 1-Konstrukt ist. Mit einem Veto hätte man es zum Einsturz bringen können. Die drei großen Autokonzerne haben noch kein grünes Licht gegeben. Red Bull und Toro Rosso hängen von Hondas Zusage ab. Williams ist finanziell am Limit. Die Besitzer von HaasF1 und Sauber sind frustriert, weil sie keine Chance zum Aufstieg sehen.

Man hat wohl auch bei Ferrari erkannt, dass Mercedes und Red Bull bei der Aerodynamik Vorteile haben, die man am besten dadurch egalisiert, indem die aerodynamische Plattform einfacher wird. Nichts käme Ferrari mehr gelegen, wenn Fahrer und Motor wieder mehr zählen. Maranello hat genug Geld in der Kriegskasse, sich die teuersten Fahrer zu leisten. Und man verfügt zur Zeit über den besten Motor. Es mag auch die Sorge mitgeschwungen haben, dass sich die FIA bei einem Veto doch ein bisschen mehr für den Power-Vorteil des Ferrari V6-Turbo interessiert hätte.

Am Ende sind die FIA und Liberty ihrem wichtigsten Team in einigen Punkten noch entgegen gekommen, um es in ihr Boot zu ziehen. Auch die neue Geldverteilung lässt Ferrari am besten dastehen. Fünf Prozent von der Gesamtausschüttung fließen schon vor der Verteilung nach Maranello. Dazu der Titelbonus, der nach derzeitigem Stand rund 15 Millionen Dollar extra bringt. Schließlich kommt noch ein dreistelliger Millionenbetrag aus der großen Basisausschüttung. Ferrari hat sein hart umkämpftes Veto-Recht in einer abgeschwächten Form behalten. „Wir haben die historische Bedeutung des Teams honoriert“, heißt es dazu aus dem Formel 1-Hauptquartier vielsagend. Außerdem versprachen die Regelhüter bei der letzten Entwicklungsschleife des 2021er Modells einige Freiheiten, die zunächst nicht im Plan standen. Bei der Nase, den Seitenkästen, den Kanälen unter dem Auto und dem Frontflügel.

Lieber ein niedrigeres Budget-Limit

Das Aufatmen im Fahrerlager von Austin war gut zu hören. Vielleicht nicht so laut bei den Rebellen, aber am Ende werden auch sie froh sein, dass der Zug weiter rollt und nicht abgebremst wird. Renault-Teamchef Cyril Abiteboul feierte das Abkommen: „Viele haben vorher offenbar nicht kapiert, auf welch wackligen Füßen die Formel 1 steht. Deshalb ist das ein Meilenstein. Ein Neustart und ein Kompromiss. Einige Leute hätten die Regeln gerne ein bisschen freizügiger gesehen, andere die Budgetdeckelung etwas niedriger. Aus Sicht von Renault ist es ein guter Schritt zu einem nachhaltigen Sport.“

McLaren-Chef Zak Brown pflichtet bei: „Es war ein guter Tag für die Formel 1. Es hat die Teams auch enger zusammengeschweißt. McLaren hätte sich die Budgetdeckelung etwas aggressiver gewünscht, aber es ist wenigstens ein Anfang. Die ursprüngliche Summe von 150 Millionen Dollar war besser. Ich finde, wir hätten die Fahrergehälter mit in den Kostendeckel integrieren sollen. Sie machen wie das Auto den Unterschied in der Rundenzeit aus. Damit wäre den Teams die Entscheidung aufgezwungen worden, in was sie wie viel Geld stecken. Die Budgetdeckelung soll ja eigentlich die Leute belohnen, die ihr Geld am effizientesten ausgeben.“ Bei der Budgetdeckelung ist nicht das letzte Wort gesprochen. Im Reglement steht, dass die FIA die Summe ab 2024 ändern kann. Bei der neuen Machtverteilung bei Abstimmungen dürfte es den großen Teams schwer fallen, sich dagegen zu wehren.

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