Sebastian Vettel - GP Steiermark - Österreich - 2020 Wilhelm
Mercedes - GP Steiermark - Österreich - 2020
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Red Bull - GP Steiermark - Österreich - 2020
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Motor-Misere in Maranello

Ferrari in der Upgrade-Falle

Ferrari verlor am Red Bull-Ring eine Sekunde auf die Konkurrenz. Einen Großteil davon auf den Geraden. Und davon wiederum einen Großteil wegen des Motors. Dieser Rückstand wird Ferrari bleiben. Nicht nur wegen des Entwicklungsstopps bis Ende der Saison.

Mitleid kommt in der Formel 1 nicht vor. Höchstens Schadenfreude. Und doch konnte sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff über den Niedergang des einstigen WM-Gegners Ferrari nicht so recht freuen. "Die Formel 1 braucht ein starkes Ferrari-Team."

Doch das kann dauern. Ferrari ist ins Mittelfeld abgerutscht und macht im Moment nicht den Eindruck, schnell wieder den Weg aus der Krise zu finden. Selbst wenn Maranello gute Ideen hätte, die Brandherde zu löschen. Die Sparpläne der FIA verhindern in den nächsten 17 Monaten jeden Quantensprung.

So wurde die Corona-Krise auch eine Ferrari-Krise. Der Weltverband musste zur Rettung der Königsklasse drastische Sparmaßnahmen treffen. Sie retten einigen Teams vielleicht die Existenz, doch die Kehrseite der Medaille ist, dass sie auch das Kräfteverhältnis einfrieren. Ein oder zwei Positionen rauf oder runter sind möglich, größere Sprünge schon schwierig.

Die Entwicklung des Verbrennungsmotors, des Turboladers und der MGU-H liegt bis Ende des Jahres auf Eis. Auch die Spezifikationen von Benzin und Öl sind bis Ende 2020 festgeschrieben. Also exakt die Bereiche, in denen man in großem Stil Leistung gewinnen kann. Nur bei der MGU-K, der Batterie und der Leistungselektronik ist in den nächsten fünf Monaten ein Upgrade erlaubt. Das aber sind nicht Ferraris Baustellen.

Die Aufholjagd beim Chassis wird ebenfalls durch restriktive Eingriffe in die Entwicklung erschwert. Der Weltverband veröffentlichte eine Liste von 77 Komponenten, die bis Ende 2021 homologiert werden mussten. Davon durften sich die Teams individuell ein großes oder zwei kleine Teile als Ausnahme herauspicken.

Wer das Konzept seines Autos auf den Kopf stellen will, zum Beispiel eine neue Nase und ein neues Getriebe braucht, kommt schon in Konflikt mit dem Reglement. Aerodynamische Oberflächen bleiben zwar frei, doch dafür sind die Windkanalzeiten drastisch beschränkt. Sie liegen den Rest des Jahres 19 Prozent unter den alten Nutzungszeiten, in der kommenden Saison sogar 28 Prozent.

Charles Leclerc - GP Steiermark - Österreich - 2020
Wilhelm
Auf Power-Strecken wie Spa-Francorchamps oder Monza wird Ferrari richtig leiden müssen.

Prunkstück wird zum Problemkind

Ferrari verlor am Red Bull-Ring rund eine Sekunde auf Mercedes, sechs Zehntel auf Red Bull und zwischen zwei und vier Zehntel auf seine neuen Mitbewerber. Im Renntrim schrumpfen die Abstände leicht.

Nach Aussage von Teamchef Mattia Binotto verteilt sich der Rückstand zu 70 Prozent auf die Geraden und zu 30 Prozent auf die Kurven. Schuld am Zeitverlust in den Vollgaspassagen trägt hauptsächlich der Motor, was schon dadurch bewiesen ist, dass es den Ferrari-Kunden Alfa Romeo und Haas genauso geht. Der Luftwiderstand der Autos spielt also nur eine geringe Rolle.

Der Motor war einmal Ferraris Prunkstück. 2018 und 2019 setzte der Sechszylinder aus Maranello die Maßstäbe. Die Konkurrenz glaubt, weil Ferrari gemogelt hat. Für sie sind die offensichtlichen Motorprobleme bei Ferrari der ultimative Beweis dafür. Teamchef Binotto behauptet trotzdem: "Es lag kein klarer Bruch der Regeln vor. Sonst hätte man uns disqualifiziert."

Gehen wir einmal davon aus, das stimmt. Dann muss man sich zwei Fragen stellen: Wenn alles legal war, warum hat Ferrari dann über den Winter überhaupt einen komplett neuen Motor samt Turbolader und MGU-H gebaut? Die Überlegenheit war so groß, dass eine kontinuierliche Entwicklung auf einer exzellenten und nach Aussage von Ferrari legalen Basis mit weniger Risiken behaftet gewesen wäre.

Und selbst wenn Ferrari jetzt behaupten würde, noch einmal einen großen Schritt geplant zu haben, warum hat man dann nicht nach den Testfahrten reagiert? Da war das Ausmaß des PS-Verlusts und des Rückstands auf die Konkurrenz bereits abzusehen.

Wäre der 2019er Motor legal gewesen, hätte man ja durchaus auf einige seiner guten Features zurückgreifen können. Es nicht getan zu haben ist praktisch ein Eingeständnis dafür, dass man damit nie mehr durchgekommen wäre. Weil es in den Augen der FIA nicht regelkonform war und ist.

Sebastian Vettel - GP Steiermark - Österreich - 2020
Wilhelm
Die Anzeichen, dass Ferrari in der Vergangenheit beim Motor geschummelt hat, verdichten sich.

Zwei Jahre in falsche Richtung entwickelt

Es gibt noch eine weitere Ungereimtheit. Nach der Absage von Melbourne ging das Entwicklungsfenster noch einmal für 110 Tage auf, weil die für den Saisonauftakt versiegelten Motoren offiziell nie im System waren. Mercedes und Honda haben die Zeit für Nachbesserungen genutzt. Ferrari nicht.

Das lässt zwei Schlüsse zu. Der Umfang der notwendigen Entwicklungsschritte ist zu groß, als dass man das in drei Monaten abzüglich sechs Wochen Fabrikschließung hätte schaffen können. Und Ferraris Motoreningenieure haben im Moment gar keinen rechten Plan, wie das Problem zu lösen ist.

Im Winter haben sie die Lösung auf jeden Fall noch nicht gehabt. Ein Indiz dafür wäre, dass Ferrari kein Veto gegen den Entwicklungsstopp bei den Motoren eingelegt hat. Diese Sparmaßnahme betraf nur die vier Hersteller, nicht die Teams. Die Möglichkeit, einmal im Rest des Jahres zu reagieren, hätte weder Mercedes, noch Renault und Honda aus der Bahn geworfen.

Die Theorie der Gegner sieht so aus: Wer sich zwei Jahre lang darauf verlassen kann, mit illegalen Methoden Leistung zu gewinnen, der vergisst am Ende, wie man legal Leistung gewinnt. Lasst es uns etwas höflicher formulieren. Ferrari wird vorgeworfen, seinen Leistungsvorsprung der letzten beiden Jahre dadurch gewonnen zu haben, dass man in bestimmten Situationen mehr Benzin eingespritzt hat als die erlaubten 100 Kilogramm pro Stunde.

2018 soll das dadurch passiert sein, dass man hinter dem Durchflussmengensensor im Leitungssystem einen Akkumulator installiert hatte, in dem Kraftstoff für die entscheidenden Momente gebunkert wurde.

Als andere Motorenhersteller diesen Trick in der Grauzone des Reglements kopierten, mauerte die FIA dieses Schlupfloch durch eine Regeländerung zu. Es wurde genau spezifiziert, wie viel Benzin hinter der Messstelle bereitgehalten werden durfte, um den zuverlässigen Betrieb des Motors zu garantieren.

Charles Leclerc - GP Steiermark - Österreich - 2020
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Es wird schwer für Ferrari den Rückstand in Sachen Top-Speed noch aufzuholen.

Im letzten Jahr soll Ferrari den Durchflussmengensensor durch gezielte Störungen des Messsignals ausgetrickst haben. Der Motor bekam mehr Sprit als erlaubt, während der Sensor meldete: Alles im grünen Bereich.

Dafür musste man im Rennen mehr Benzin im Tank verstauen als angegeben. Als Ferrari in Abu Dhabi 2019 erwischt wurde, weil sich zwischen Tankfüllung und Datenblatt eine Differenz von 6,6 Litern ergab, sahen sich die Gegner ein weiteres Mal in ihrem Verdacht bestätigt. Ferrari argumentierte mit Messfehlern.

Effizienz-Defizit aufholen

Nehmen wir einmal an, Ferrari hätte wirklich die 100 kg/h-Regel geknackt, mit welchen Tricks auch immer. Dann wäre es nur logisch, dass die Ingenieure den Motor in eine komplett andere Richtung entwickeln als bei einem regelkonformen Betrieb.

Dabei kann man nur Fortschritte erzielen, wenn man effizienter verbrennt. Also gleiche Leistung bei weniger Benzinverbrauch, oder mehr Power beim gleichem Spritkonsum. Es kommt am Ende aufs Gleiche raus. Im Rennen wird man die erste Variante wählen, weil es Gewichtsvorteile bringt, im Power-Modus für die Qualifikation die zweite, weil da nur Rundenzeit zählt.

Wer den Zauberstab hat, mehr zu verbrennen, bekommt die Leistung quasi gratis. Der muss sich um Effizienz nicht kümmern und Brennräume, Verbrennung und Turboladerabstimmung auf einen möglichst geringen spezifischen Verbrauch optimieren. Der macht eher das Gegenteil.

In diesem Fall hätte Ferrari zwei Jahre legale Motorenentwicklung verschlafen. Das wäre bitter. Jeder weiß, wie rasant sich die Technik in zwei Jahren entwickelt. Das holt man nicht einfach so mit einem Upgrade über den nächsten Winter auf.

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