Ferrari wirft Pole Position weg

„Hamiltons Zeit nicht unschlagbar“

Sebastian Vettel - GP Singapur 2018 Foto: Wilhelm 68 Bilder

Sebastian Vettel war nach dem Singapur-Qualifying angefressen. Eigentlich ist es seine Strecke. Doch auf der Pole Position steht Lewis Hamilton. Weil Ferrari im Ablauf der Qualifikation zu viele Fehler unterliefen.

Genau das durfte nicht passieren. Ferrari ging als Favorit in die Qualifikation zum GP Singapur und verließ als Verlierer den Platz. Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen starten nur von den Plätzen 3 und 5. Zu allem Überfluss fuhr Vettels WM-Gegner Lewis Hamilton auf die Pole Position. Hamilton gab zu: „Im dritten Training fehlte uns eine halbe Sekunde auf Ferrari. Ich hätte nie gedacht, dass wir das noch aufholen können.“

Drei Stunden später hatte Hamilton mit 1.36,015 Minuten eine Zeit markiert, die für den Rest des Feldes außer Reichweite lag. Vettel war 0,613 Sekunden langsamer. Der Ferrari-Pilot sagte aber sofort: „Dieser Abstand gibt nicht das wahre Bild wieder. Ich will Lewis nichts wegnehmen. Er ist eine fantastische Runde gefahren. Aber seine Zeit war nicht unschlagbar.“

Während Hamilton die perfekte Runde gelang, büßten die Ferrari-Piloten für viele taktische Fehler des Teams. „Wir hatten kein reibungsloses Training. Es lief nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Ich kam nie richtig in meinen Rhythmus. Andere haben einen besseren Job gemacht“, zog Vettel frustriert Bilanz.

Keine Chance mit Ultrasofts im Q2

Vettel stand der Ärger ins Gesicht geschrieben. Auf dieser Strecke kann man nur um die Bestzeit fahren, wenn alle Abläufe reibungslos klappen. Der Fahrer braucht in dieser Bobbahn mit Mauern Vertrauen, wenn er ans Limit gehen soll. Und dazu muss er seine Reifen in der Aufwärmrunde so präparieren, dass er gleich im ersten Sektor Grip aufbaut, in den vielen 90-Grad-Kurven im letzten Abschnitt aber nicht einbricht. Hamilton und Mercedes ist das perfekt gelungen. Der Engländer packte seine drei Sektorbestzeit in die eine entscheidende Runde.

Sebastian Vettel - GP Singapur 2018 Foto: sutton-images.com
Der Versuch, sich mit Ultrasoft-Reifen für das Q3 zu qualifizieren, war zum Scheitern verdammt.

Vettel wollte bei der Analyse des Trainings nicht ins Detail gehen. Er ist keiner, der öffentlich sein Team kritisiert. Doch Ferraris Versäumnisse waren diesmal auch von außen sichtbar. Es begann bereits mit der Reifenwahl. Ferrari hatte wie Mercedes für die Qualifikation nur vier Garnituren Hypersoft-Reifen übrig. Damit die Fahrer Vertrauen aufbauen können, will man die idealerweise für je zwei Versuche im Q2 und Q3 aufheben. Deshalb schickte Mercedes seine Fahrer im Q1 auf Ultrasoft-Sohlen auf die Strecke. Nicht ohne Risiko. Der Ultrasoft-Reifen war 1,6 Sekunden langsamer. Hamilton rutschte bis auf Platz 13 ab. Zwei Zehntel langsamer, und er wäre aus dem Q1 geflogen.

Da bereits hätte Ferrari erkennen können, dass es im Q2 auch mit dem schnellsten Auto auf Ultrasoft-Gummis nicht mehr zum Weiterkommen reichen würde. Selbst Hamilton wunderte sich: „Ich nehme mal an, dass sie wie wir nicht genug Hypersoft-Reifen hatten. Nach unserer Erfahrung war es zu optimistisch zu glauben, im Q2 mit den Ultrasofts durchzukommen.“

Ferrari versuchte es trotzdem. Beide Fahrer mussten ihre Ultrasoft-Runden vorzeitig abbrechen und zur ungünstigsten Zeit mitten im Verkehr mit den Hypersoft-Reifen den Aufstieg ins Q3 sicherstellen. Im Rückblick wäre es besser gewesen, man hätte sich das Ultrasoft-Experiment geschenkt und sich auf eine saubere Hypersoft-Runde konzentriert.

Ferrari hört nicht auf Vettel

Sebastian Vettel - GP Singapur 2018 Foto: Wilhelm
Vettel muss die Kohlen am Sonntag aus dem Feuer holen.

Dann hätten Vettel und Räikkönen im Q2 auch mehr Erfahrung über ihre Aufwärmrunden sammeln können. Die sind in Singapur entscheidend. Es gibt keine Regel, wie man die Reifen für die schnelle Runde konditionieren soll. Das ist von Auto zu Auto verschieden. Red Bull muss die Reifen härter rannehmen als Mercedes, weil das Auto grundsätzlich seine Reifen mehr schont. Ferrari liegt mittendrin. Doch dann timten die Ingenieure die beiden Q3-Runden so unglücklich, dass die Fahrer die Runde aus den Boxen nicht so fahren konnten, wie sie wollten.

Vettels Funkspruch, dass die Mercedes-Piloten ihre Reifen viel langsamer anfahren und man deshalb vor ihnen auf die Strecke gehen sollte um sie später nicht überholen zu müssen, fand am Kommandostand offenbar nicht viel Gehör. Der WM-Zweite musste mehrere Autos überholen und dann wieder Luft zum Vordermann schaffen, um vor sich endlich freie Bahn zu haben. Das war mit Rücksicht auf den perfekten Reifengrip alles andere als ideal. Vettel sprach am TV-Mikrofon von einem „Mini-Rennen“ in der Aufwärmphase, was den Pirelli-Sohlen natürlich nicht zuträglich war.

Wir haben uns von der Zeitnahme die Sektorzeiten der OUT-Runden besorgt. Die Zeiten aus Sektor 1 sind nicht aussagekräftig, weil in ihm die Standzeit in den Boxen enthalten ist. Die Zeiten der zwei anderen Sektoren dagegen zeigen klar die unterschiedliche Herangehensweise der Teams.

Outlap-Vergleich

Fahrer Sektor 2 Sektor 3
Vettel Q3 Versuch 1 47,991 s 60,120 s
Vettel Q3 Versuch 2 53,107 s 57,346 s
Hamilton Q3-Versuch 1 55,518 s 54,289 s
Hamilton Q3-Versuch 2 55,941 s 53,699 s
Verstappen Q3-Versuch 1 47,658 s 51,137 s
Verstappen Q3-Versuch 2 47,564 s 46,186 s

Hamiltons OUT-Runden im ersten und zweiten Versuch sind gleichmäßig. Das spricht dafür, dass er sie genauso gefahren ist, wie er es wollte. Bei Vettel sieht man starke Schwankungen. Sein zweiter Sektor im ersten Versuch ist zu schnell, was er im zweiten Versuch korrigiert. Im dritten Sektor war es umgekehrt. Vettel büßte auf seinen schnellen Runden mit nachlassenden Reifen. Je länger die Runde dauerte, desto mehr Zeit verlor er auf Hamilton und Verstappen. Vier Zehntel im zweiten, drei Zehntel im dritten Sektor.

Noch ist nichts verloren. Die Konstellation Hamilton vor Verstappen ist aus Sicht des Ferrari-Piloten gar nicht so schlecht. Man hat am Start in Singapur Verstappen lieber vor als hinter sich. Der Red Bull-Pilot kann ohne Rücksicht auf Verluste fahren. Soll sich Hamilton mit dem Holländer herumärgern. Das Rennen bietet diesmal auch taktische Möglichkeiten. Für die Fahrer, die auf Ultrasoft-Reifen starten, ist ein Einstopp-Rennen nicht in Stein gemeißelt.

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