Charles Leclerc - Ferrari - GP Singapur 2019 Motorsport Images
Charles Leclerc - Ferrari - GP Singapur 2019 - Qualifying
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Charles Leclerc - Ferrari - GP Singapur 2019 - Qualifying
Charles Leclerc - Ferrari - GP Singapur 2019 - Qualifying 30 Bilder

Ferrari überrascht sich und alle anderen

Darum kann der SF90 plötzlich langsame Kurven

Ferrari startet den GP Singapur von der Pole-Position und Platz drei – und verblüffte sich und die Konkurrenz. Eigentlich schmecken dem SF90 keine langsamen Strecken. Doch Ferrari hat sich in vielen Punkten verbessert, die Konkurrenz nicht auf ihrem höchsten Level operiert.

Darauf haben wohl nicht einmal die größten Ferrari-Fans gewettet. Charles Leclerc auf Pole-Position, Sebastian Vettel auf Startplatz drei. Auf einer Strecke, die auf dem Papier wie maßgeschneidert ist für Mercedes und Red Bull. Langsame Kurven sind eigentlich Gift für das rote Auto. In Singapur gibt es fast nur solche. Doch Ferrari überraschte sich selbst – und die Konkurrenz.

Fünfte Saisonpole für Leclerc

Der Routinier musste dem Youngster im Team mal wieder den Vortritt lassen. Leclerc brauste zum dritten Mal in Serie auf die Pole-Position. Der letzte Schuss saß. Der 21-Jährige stellte die fünfte Karriere-Pole in 1:36.217 Minuten sicher. 0,191 Sekunden vor Mercedes-Pilot Lewis Hamilton und 0,220 Sekunden vor Teamkollege Vettel.

Dabei hatte nach den ersten Runden von Q3 noch alles für den viermaligen Weltmeister gesprochen. Da hängte Vettel den elf Jahre jüngeren Teamkollegen um über drei Zehntelsekunden ab. „Ich war auf meiner Outlap zu nah an Lewis. Das hat die Reifenvorbereitung beeinträchtigt. Deshalb war die Runde nicht gut“, entschuldigte Leclerc.

Dann zeigte der Monegasse, dass er trotz des jungen Alters bereits jetzt ein eiskalter Vollstrecker ist. Unter maximalem Druck entriss er dem Teamkollegen den besten Startplatz, während Vettels zweiter Versuch misslang. Leclerc zauberte: „Es war eine verrückte Runde. Ich sah mich ausgangs Kurve drei und elf bereits in der Mauer. Irgendwie habe ich das Auto instinktiv gerettet, und dabei kaum Zeit verloren.“

Vettel mit zu vielen kleinen Fehlern

Auf der anderen Seite der Garage war es anders herum. Nach Fehlern in Kurve drei, neun und 18 blies Vettel seine letzte Attacke ab. Zu diesem Zeitpunkt war die Strecke am schnellsten. Vettel fühlte, dass ihm die Pole-Position entglitten war.

„Ich hatte die Rundenzeit drin. In meiner ersten Runde habe ich etwas Zeit im zweiten Sektor verloren, und ziemlich viel im letzten Sektor. Ich wusste, wo ich ansetzen musste. Leider hat es nicht geklappt. Nach meinem Fehler in Kurve drei musste ich ins Risiko gehen. Ich musste verlorenen Boden gutmachen. Dabei habe ich es übertrieben.“ Die Analyse der Sektoren bestätigt Vettels Aussagen. Allein im letzten Streckenabschnitt büßte er in seinem ersten Versuch 0,135 Sekunden auf den Teamkollegen ein. Es mag damit zusammenhängen, dass der WM-Fünfte noch immer nicht das maximale Vertrauen in sein Auto hat, deshalb hier und da mal mehr rutscht als Leclerc.

Die nächste Trainingsniederlage dürfte Vettel schmerzen. Andererseits kann er aus der Qualifikation womöglich neues Selbstvertrauen ziehen. Immerhin schrumpfte sein Rückstand auf Leclerc verglichen mit dem dritten Training um vier Zehntelsekunden. Am frühen Samstagabend Singapur-Zeit hatte es danach ausgesehen, als sei Ferrari in Singapur ein Einmann-Team. Als sei einzig Leclerc in der Lage, in einem roten Auto die Mercedes herauszufordern.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Singapur 2019
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Sebastian Vettel musste sich einmal mehr hinter dem Teamkollegen anstellen. Startplatz drei macht ihm trotzdem Hoffnung.

Besseres Verständnis plus Upgrades

Belgien und Italien waren Ferrari-Strecken. Auf Strecken mit einem Volllastanteil von über 80 Prozent zerrte der erfolgreichste Rennstall der Formel 1-Geschichte von seiner überlegenen Motorleistung. Die Siege waren auf den Ferrari-V6 und Leclerc zurückzuführen. Belgien und Italien: Das waren Strecken, auf denen Ferrari gewinnen musste. Anders als Singapur, wo die Fahrer auf nur knapp 60 Prozent der Runde auf dem Gas stehen.

Selbst nach der Bestzeit im dritten Training traute Ferrari der eigenen Stärke nicht. Wie kann es sein, dass man in Ungarn verprügelt wurde, und in Singapur aufblüht? „Erst nach Q1 habe ich verstanden, dass ich heute eine Chance auf Pole habe“, sagte Leclerc. „Meine Referenz war Q2. Da drehen normalerweise alle Teams auf. Das Auto fühlte sich großartig an. Wir waren vorn. Ab da musste uns klar sein, dass etwas geht“, berichtete Vettel.

Singapur ist die zweitlangsamste Strecke im Kalender nach Monaco. Im Fürstentum waren die Italiener nur die dritte Kraft. Und in Ungarn, einem weiteren langsamen Kurs, wurde Ferrari vor der Sommerpause fast überrundet. Sieben Wochen später geigten Leclerc und Vettel groß auf.

Ferraris Wunderheilung in langsamen Kurven resultiert aus einem besseren Verständnis für das Auto und den Upgrades, die das Team in Singapur zündete. Nase, Kapuzenflügel, Unterboden und Diffusor brachten den erhofften Fortschritt. Lewis Hamilton nahm die eigene Mannschaft prompt in die Pflicht. „Wir haben schon länger kein größeres Upgrade gebracht.“ Der Ferrari SF90 klebt durch die Neuteile besser auf der Straße. Die Verbesserung spürten die Piloten bereits am Trainingsfreitag. Allerdings hatten Fahrer und Ingenieure da noch nicht das passende Setup ausgetüftelt.

Reifen im perfekten Fenster

Leclerc klagte sich selbst an. „Ich bin am Freitag schlecht gefahren.“ Es ist erstaunlich, wie selbstkritisch der Monegasse ist, und noch erstaunlicher, wie schnell er die Analyse auf dem Papier in die Wirklichkeit umsetzt. Ferrari korrigierte das Setup. „Wir kämpften am Freitag mit dem Grip an der Vorderachse. Wir haben Kleinigkeiten verändert, um den Anpressdruck dort zu erhöhen“, erzählte Vettel. Dieses Mal offenbar, ohne dafür im Heck zu büßen.

Die Ferrari streichelten sogar die Reifen. Ab der ersten Kurve waren die Pirellis auf Betriebstemperatur. Und im letzten Abschnitt überhitzten die Hinterreifen nicht. Mercedes-Teamchef Toto Wolff staunte. „Sie sind im ersten Sektor die schnellsten und bringen die Reifen trotzdem über die Runde. Wir schlussfolgern daraus, dass Ferrari das Reifenfenster perfekt getroffen hat. Sie waren schneller als erwartet. Red Bull und wir haben unsere Leistung heute nicht gebracht.“

Um es zusammen zu fassen: Die Schlüssel für Ferrari waren ein besseres Verständnis für das Auto, die Neuteile, das Reifenmanagement und das Vertrauen der Fahrer in ihr Auto. Und irgendwie auch das Streckenlayout. Wieso? Weil die Kurvenradien sich ähneln. Der Marina Bay Street Circuit besteht zu großen Teilen aus 90 Grad ecken. Darauf kann man sein Auto leichter einstellen, als auf eine Abfolge unterschiedlichster Kurven. Der Hungaroring zum Beispiel mixt winkelige Kurven mit mittelschnellen und langgezogenen Passagen. „In Ungarn waren wir in manchen Kurven gut, in anderen schlecht“, erklärt Vettel. Schon verrückt: Dieses Mal spricht kaum jemand über die überlegene Motorleistung.

Motorsport Aktuell Hamilton - Leclerc - Vettel - GP Singapur 2019 - Qualifying GP Singapur 2019 - Ergebnis Qualifikation Dritte Pole in Folge für Leclerc

Charles Leclerc schlug in einer spannenden Quali Lewis Hamilton.

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