Ferrari spielt mit dem Limit

Dreikampf an der Spitze wird härter

Mercedes - GP Bahrain 2018 Foto: Wilhelm 26 Bilder

Mercedes, Ferrari und Red Bull kämpfen um jede Hundertstelsekunde. Die einen gehen ans Limit, den anderen ist das Risiko zu hoch. Wir haben einige Beispiele, wie die Teams bei der Technik alle Grenzen ausreizen.

Der Dreikampf zwischen Mercedes, Ferrari und Red Bull wird immer brutaler. Er findet nicht mehr nur in den Aerodynamikbüros statt. Die drei Top-Teams kämpfen in jeder Disziplin um Hundertstelsekunden, und manchmal kann eine scheinbar kleine Änderung viel ausmachen. Wir zeigen Ihnen drei Bereiche, in denen es bei den Top-Teams vor und hinter den Kulissen hoch her geht. Und fast immer ist es Ferrari, die sich am weitesten ans Limit trauen. Auch das ist einer der Gründe, warum die roten Autos voll im Titelrennen sind.

Normalerweise macht das aerodynamische Wettrüsten den Unterschied. Doch in den ersten drei Rennen hat man am Mercedes F1W09, am Ferrari SF71H und am Red Bull RB14 nur marginal neue Teile gesehen. Andere Dinge gaben und geben den Ausschlag, warum Ferrari besser ist als erwartet, Mercedes noch nicht ganz so gut, und warum Red Bull die Qualitäten seines Autos noch nicht so ausspielen kann. Wir haben drei Beispiele herausgesucht:

Die Reifen: Dünnere Lauffläche überall

Valtteri Bottas - Mercedes - F1-Test - Barcelona - Tag 8 - 9. März 2018 Pirelli modifiziert Reifen Dünnere Lauffläche bei drei Rennen

Mercedes hatte in Bahrain ein Problem. Auf eine schnelle Trainingsrunde wurden bei der Mischung Supersoft die Hinterreifen zu heiß. Die Fahrer konnten sich aussuchen, wo sie ihre Zeit verlieren. Entweder man ließ es mit Rücksicht auf die Reifen im ersten Sektor gemütlich angehen oder man bezahlte im letzten Sektor für zu viel Attacke am Anfang der Runde.

Mercedes hat da ein Luxusproblem. Ziemlich viel Abtrieb im Heck. Das lässt die Hinterreifen stark walken und erwärmt sie von innen. Dazu kamen Schwierigkeiten, die Autos für eine Runde perfekt auszubalancieren. „Wir bringen sie super in die Kurven rein und nicht mehr so gut wieder raus. Es sieht wieder so als, als wollten die beiden Enden des Autos nicht zusammenpassen“, klagte Niki Lauda. Der raue Asphalt von Bahrain war ein zusätzlicher Stressfaktor.

Im Rennen war das Problem verschwunden. „Über mehrere Runden stabilisieren sich die Temperaturen. Sie sind dann leichter im Fenster zu halten“, sagen die Ingenieure. Mercedes wusste seit den Wintertestfahrten, dass die Hinterreifen auf bestimmten Strecken zum Sorgenkind werden könnten. Deshalb machte man Pirelli darauf aufmerksam, natürlich mit dem Hintergedanken, dass der Reifenhersteller reagiert. Was der auch getan hat.

Für die Rennen in Barcelona, Paul Ricard und Silverstone wird die Lauffläche um 0,4 Millimeter reduziert. Weil es nicht die nötige Unterstützung von den anderen Teams gab, schritt die FIA mit dem Sicherheitsargument ein.

Mercedes hätte natürlich am liebsten, dass Pirelli die Maßnahme auf alle Strecken ausweitet. Weil im Dreikampf mit Ferrari und Red Bull jedes Detail zählt. „Wenn sie wirklich zwei Stopps zur Verbesserung der Rennen haben wollen, müssen sie diesen Weg gehen. Mit den aktuellen Reifen werden wir fast überall Einstopprennen haben“, baut Mercedes für Pirelli eine Argumentations-Brücke.

Force India-Technikchef Andy Green schießt sofort dagegen: „Wenn Pirelli die Lücke zwischen den Top-Teams und dem Rest noch größer machen will, sollen sie das tun. Eine dünnere Lauffläche hilft immer denen, die mehr Abtrieb haben. Weil dann der Gummi weniger arbeitet und sich weniger erhitzt.“

Sprit und Öl: Angst vor zu hohem Verbrauch

Brendon Hartley - Toro Rosso - Formel 1 - GP Bahrain - Training - 6. April 2018 Krisen-Meeting zum Überholproblem Techniker lehnen Vorschläge ab

Der Spritverbrauch ist in diesem Jahr bei allen signifikant angestiegen. Weil die Antriebseinheiten trotz der längeren Laufzeiten gleich viel Power abgeben. Und die Autos bis zu fünf Prozent mehr Abtrieb haben. Das bedeutet in aller Regel auch mehr Luftwiderstand. Die Topspeeds sind im Vergleich zum letzten Jahr gesunken. Das bedeutet mehr Zeit auf der Geraden, mehr Zeit unter Volllast und damit ein höherer Verbrauch. Die Motorentechniker haben ausgerechnet, dass man auf den kritischen Strecken 109 statt 105 Kilogramm bräuchte, um sorgenfrei durchzukommen.

Bis jetzt ist noch nicht ganz klar, wer wie stark davon betroffen ist. Renault scheint es am schlimmsten zu treffen. Die Renault-Piloten mussten in Melbourne sogar nach sieben Runden unter Safety-Car-Bedingungen den Fuß vom Gas nehmen. In Bahrain machte selbst Honda eine bessere Figur. Ferrari betrieb in Bahrain mehr Lift and Coast als Mercedes. Ein Ingenieur aus dem silbernen Lager warnt jedoch: „Wir sind dort die meiste Zeit im Windschatten gefahren. Das hilft.“

Mercedes hat noch ein anderes Problem, hört man unter der Hand. Die Autos mit Mercedes-Motoren sind auf den Geraden nicht mehr so schnell wie sie sein sollten. Das hat angeblich mit der Ölspezifikation zu tun. Wir hören, dass Petronas eine Ölsorte aus dem Jahr 2016 ausgegraben hat, um mit dem Ölverbrauch auf der sicheren Seite zu sein. Bis zum Saisonbeginn lag der Ölverbrauch von Mercedes und Ferrari nur 0,01 Liter unter dem erlaubten Limit von 0,6 Liter pro 100 Kilometer.

Nach der Ölkorrektur soll Mercedes beim Ölkonsum auf der sicheren Seite sein. Doch das kostet auch Power. Ferrari geht offenbar weiter volles Risiko knapp unter der Schmerzgrenze. Und profitiert dabei relativ zu der Konkurrenz. Kein Wunder, dass Mercedes-Motorenchef Andy Cowell sagt: „In der Qualifikation liegen Ferrari und wir gleichauf.“ Bis jetzt war das die Domäne des Mercedes-Motors.

Das Ölthema könnte bald wieder hochkochen. Die Gegner von Ferrari versuchen gerade herauszufinden, warum der Ferrari-Motor im Werksauto beim Anlassen so stark raucht. Und auch im Fahrbetrieb mehr qualmt als bei den anderen Ferrari-Teams. Sollten dieses Jahr nicht alle Motoren eines Herstellers gleich sein?

Manche vermuten dahinter irgendeinen Trick, der es Ferrari weiter ermöglicht, Öl dem Verbrennungsprozess beizumischen. Inzwischen ist auch bekannt, wie das die Öltrickser in der Vergangenheit praktiziert haben. Eine Dichtung im Verdichter des Turbolader wurde mit Bedacht „undicht“ konstruiert, so dass eine vorausberechnete Menge Öl in den Brennraum gelangen konnte.

Wastegate hilft Aerodynamik

Ferrari - Barcelona - F1-Test - 2018 Rätsel um Ferrari-Rauch Warum qualmt’s aus dem Heck?

Die Top-Teams schicken ihre Spione überall hin. Da wirkt das Fotografieren des Konkurrenzprodukts in der Boxengasse beinahe schon antiquiert. Die Top-Teams arbeiten mit Hochgeschwindigkeitskameras, die das Fahrzeug auch in Action in allen Details zeigen. So hat Mercedes im letzten Jahr entdeckt, dass Ferrari die Luftdurchleitung durch die Vorderachse auf den Geraden verbotenerweise mit einem Ventil gesteuert hat.

In Bahrain haben Mercedes-Spotter gehört, dass der Ferrari-Motor in den Autos von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen beim Beschleunigen signifikant die Tonlage ändert. Auch im Vergleich zu den Kundenteams HaasF1 und Sauber.

Die Auflösung des Rätsels ließ nicht lange auf sich warten. Ferrari verzichtet in den Qualifikationsrunden beim Rausbeschleunigen darauf mit der MGU-H Strom zu produzieren, um dafür über das Wastegate-Ventil den Heckflügel anzublasen. Das macht ein paar Punkte Abtrieb, aber besser als nichts. In den Quali-Runden stört der Verzicht auf das Laden der Batterie nicht, weil die zu Beginn der Runde sowieso randvoll ist.

Batterie ist ein schlechtes Stichwort für Red Bull. Die erste von zwei von Daniel Ricciardo ist ein Fall für den Sondermüll. Der gleiche Schaden wie bei Max Verstappen letztes Jahr in Montreal und wie bei den Wintertestfahrten. Ricciardo kann sich ausrechnen, wann er das erste Mal eine Strafe kassiert. Und das ist mit ein paar Hundertstel von der Aerodynamik oder dem Motor nicht wettzumachen. Lewis Hamilton hat den GP Bahrain schon beim Getriebewechsel verloren.

Neuester Kommentar

[Zitat] Man kann Ferrari trotzdem eine glückliche Hand und Mercedes das Ende des ewigen Höhenfluges wünschen, damit es mal wieder weniger vorhersehbar wird, aber nicht neue Männer braucht das Land, sondern neue Gewinner braucht die Formel 1 [/Zitat]

Was Sie leider nicht bedenken, ist, dass, wenn Ferrari das beste Auto hat, es um ein vielfaches langweiliger wird, weil sie nicht zwei Fahrer haben, die bis zum Saisonende ernsthaft um die WM fahren, wie es meistens 2014, 2015, 2016 bei Mercedes der Fall war.

Das wäre so, wie 2011, 2013 revisited (RedBull).

Wow, spannend, 'wa? 👏

donington93 13. April 2018, 12:38 Uhr
Neues Heft
Top Aktuell Lewis Hamilton - Mercedes - GP Singapur 2018 Power Ranking GP Singapur Mercedes gleicht aus
Beliebte Artikel Mansell siegt wieder Mansell & Co. starten wieder
Anzeige
WhatsApp Newsletter
WhatsApp Newsletter
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden
Sportwagen Aston Martin Project 003 Aston Martin Project 003 Mittelmotor-Supersportler für 2021 Porsche 911 RSR (2019) - Prototyp - Le Mans - WEC - Sportwagen-WM Porsche 911 RSR mit Turbo? Renner mit geheimnisvollem Auspuff
Allrad Kia Niro EV Elektro-SUV Kia e-Niro (2019) Elektro-SUV mit 485 km Reichweite Seat Tarraco, SUV, Offroad, Allrad, 7-sitzer Seat Tarraco (2019) Lesen Sie hier alles zum neuen Seat-SUV
Oldtimer & Youngtimer Volkswagen Käfer 1200 Cabriolet (1961) VW Käfer Auktion Schwedens größtes Käfer-Museum macht zu Ford Sierra I Cosworth 1985 50 Jahre Ford RS Schnelle Escort, Sierra, Focus