Sebastian Vettel - GP Australien 2019 Jerry André

Ratlosigkeit bei Ferrari

Gutes Auto in schlechter Form

Ferrari hat ein schnelles Auto, das in Melbourne nicht seine Normalform erreichte. Ingenieure und Fahrer sind ratlos und flüchten sich jetzt in die Datenanalyse. 57 Sekunden Rückstand auf Sieger Mercedes sind eine schallende Ohrfeige.

Ein Funkspruch mitten im Rennen zum GP Australien sagt alles über den Patienten Ferrari. Sebastian Vettel wollte von seinem Team wissen. „Warum sind wir so langsam?“ Teamchef Mattia Binotto bedauerte: „Wir wissen es nicht, Sebastian.“

Ferrari war als Favorit nach Melbourne gereist und packte mit einer schmerzlichen Niederlage seine Koffer. Sebastian Vettel und Charles Leclerc kamen 57 Sekunden hinter Sieger Valtteri Bottas ins Ziel. Das Ferrari-Kundenteam Haas war nur eine halbe Minute langsamer.

Schon im Training fehlten Ferrari sieben Zehntel auf die Silberpfeile. Im Rennen war es hochgerechnet auf die Renndistanz eine Sekunde pro Runde. Capo Binotto fasste zusammen: „Das kam unerwartet. Wir waren bei den Testfahrten besser sortiert. Hier in Melbourne haben wir drei Tage lang keine Balance und nicht genug Grip gefunden. Wir waren zu langsam und hatten Probleme mit den Reifen.“ Das geht Hand in Hand. Wenn das Auto an der vier Ecken rutscht, steigt auch der Reifenverschleiß.

Fundament gut, Setup nicht

Zur Auflösung konnte Ferrari nicht viel beitragen. Man müsse jetzt erst einmal Datenstudium betreiben um die Probleme besser zu verstehen. Binotto meinte trotzig: „Wir haben ein gutes Auto, aber konnten sein Potenzial nicht abrufen.“ Mit anderen Worten: Das Fundament ist gut, die Abstimmung war es nicht.

So äußerte sich auch Vettel: „In Barcelona hat unser Auto vom ersten Tag an funktioniert. Es hat logisch reagiert und das gemacht, was ich von ihm wollte. In Melbourne war es umgekehrt. Ich habe nie das Vertrauen in mein Auto gefunden.“ Auch der Vize-Weltmeister kam zu dem Schluss: „Wir wissen, dass unser Auto besser ist als wir es an diesem Wochenende erlebt haben.“

Vettel & Leclerc - Ferrari - GP Australien 2019
Motorsport Images
Nur am Start durfte Leclerc seinen Teamkollegen attackieren.

Der Schwachpunkt der Ferrari lag in den langsamen Kurven. Und davon gibt es genug in Melbourne. Beobachtern fiel auf, dass die roten Autos mit zu viel Untersteuern auf den Scheitelpunkt zugerollt sind. In den schnellen Kurven war Ferrari bei der Musik. Vettel bestätigte: „Es gab ein paar Lichtblicke, aber auch zu viele Stellen, wo es nicht gepasst hat. Deshalb waren wir am Ende zu langsam.“

Die mäßigen Top-Speeds im Rennen ließen den Verdacht aufkommen, Ferrari habe vielleicht ein Problem mit dem Abrufen der elektrischen Leistung gehabt. Tatsächlich aber fuhr Vettel praktisch nie im DRS-Bereich. Die Mercedes verschwanden früh aus seinem Gesichtskreis. Und auch Max Verstappen seilte sich schnell ab, nachdem er Vettel in der 31. Runde vor Kurve 3 ausgebremst hatte. Da fehlen auf der Gerade schnell mal 16 km/h auf den Red Bull.

Zwei unterschiedliche Rennen

Die Strecken von Melbourne und Barcelona sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. Die eine glatt, die andere wellig. Die eine flüssig, die andere mit viel Stop-and-go. Bei den Testfahrten lag die Asphalttemperatur bei 28 Grad. In Melbourne waren es bis zu 44 Grad.

Binotto räumte ein, dass die unterschiedlichen Bedingungen zu den Problemen möglicherweise beigetragen haben, aber nicht der einzige Grund für die Niederlage sein konnten. Ein gutes Auto muss überall funktionieren. „Wir haben uns einfach mit dem Setup vertan.“ Leclerc hofft: „Melbourne war noch nie repräsentativ.“

Charles Leclerc - Ferrari - GP Australien 2019
Motorsport Images
Wegen der Setup-Probleme kämpfte Ferrari mit erhöhtem Reifenverschleiß.

Wie stark Ferrari im Nebel stochert, zeigen die unterschiedlichen Rennen von Vettel und Leclerc. Im ersten Stint auf den weichen Reifen fuhr Vettel seinem Teamkollegen bis zum Boxenstopp in Runde 14 um 10,1 Sekunden davon. Dann bekam Vettel einen Satz Medium mit auf die Reise und nach einem Strohfeuer in den ersten Runden ging nicht mehr viel. „Ich fühlte mich mit meinen ersten Reifensatz viel wohler als mit meinem zweiten.“

Leclerc erzählte das Gegenteil. Er blieb bis Runde 28 auf der Strecke und wurde dann mit den harten Gummis in die zweite Rennhälfte geschickt. Da hatte Ferrari bereits Anzeichen, dass Vettel mit seinem zweiten Reifensatz in Schwierigkeiten kam. „Auf den harten Reifen war die Balance des Autos besser. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass am Anfang des Rennens ein stärkerer Wind blies“, meinte Leclerc.

In der zweiten Rennhälfte schrumpfte Vettels Vorsprung von 15,8 Sekunden innerhalb von 20 Runden praktisch auf Null zusammen. Als Leclerc im Rückspiegel von Vettel auftauchte, kam das Kommando über den Funk: „Positionen bis ins Ziel halten.“ Das war 10 Runden vor Schluss.

War Ferraris Stallorder richtig?

Eine so frühe Stallorder macht erst auf den zweiten Blick Sinn. Ferrari holte Vettel in der Hoffnung auf einen Undercut gegen Lewis Hamilton eine Spur zu früh an die Box und ging mit den Medium-Reifen über 44 Runden ein gewisses Risiko, dass es die Garnitur nicht über die Distanz schafft. „Seb musste die Reifen mehr managen als Charles“, wirft Binotto ein.

Vettel vs. Verstappen - Ferrari - GP Australien 2019
Motorsport Images
Gegen Max Verstappen konnte sich Vettel nicht wehren. Das Duell gegen Leclerc verhinderte der Kommandostand.

Man wollte den Deutschen für die etwas optimistische Taktik nicht bestrafen. Deshalb wurde ein Angriff von Leclerc auf die Nummer eins im Stall abgeblasen, obwohl Leclerc zum Schuss bis zu 8 Zehntel pro Runde schneller fuhr als der Deutsche. Aber Verstappen wäre auch für den Monegassen außer Reichweite gewesen. Deshalb machte ein Platztausch keinen Sinn.

Im Rückblick war es ein Fehler, Vettel so früh an die Box zu holen. Bei einem Rückstand von 3,8 Sekunden auf Hamilton durfte man auf einen Undercut nicht wirklich hoffen. Vettel nahm sein Team dennoch in Schutz: „Andere sind ähnlich früh an die Box gekommen und haben es mit den Reifen ohne Probleme über die Distanz geschafft. Das müssen auch wir können.“

Am Ende beteiligte sich Ferrari nur noch halbherzig an der Jagd nach dem Extrapunkt für die schnellste Runde. Man hätte beide Fahrer an die Box holen und mit frischen Reifen ausstatten können. Der Vorsprung auf Kevin Magnussen war groß genug. „Wir wollten kein Risiko eingehen“, winkte Binotto ab. „Du musst auch an deinen schlechten Tagen maximal Punkte nach Hause bringen.“

Leclerc versuchte es im letzten Umlauf. auf seinen C2-Gummis. Zuvor ließ er sich 4,5 Sekunden gegen Vettel zurückfallen, um die Batterie maximal zu füllen. Es war ein aussichtsloses Unterfangen „Wir hatten einfach nicht den Speed, um da mitzumischen.“ Während Bottas eine Runde mit 1.25,580 Minuten auf den Asphalt zauberte, kam Leclerc nur auf 1.26,926 Minuten.

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