Mattia Binotto - Ferrari Wilhelm
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Abu Dhabi 2019
Charles Leclerc - Ferrari - GP Aserbaidschan 2019
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Österreich 2019
Sebastian Vettel - Charles Leclerc - Ferrari - GP Bahrain  2019 54 Bilder

Ferrari blickt selbstkritisch zurück auf 2019

„Zu viele Fehler gemacht“

Ferrari ist wieder einmal Vize-Weltmeister. Zum dritten Mal in Folge. Während das Team in der Vergangenheit oft sein Pech verfluchte, bestimmt heute Selbstkritik den Rückblick auf das abgelaufene Formel 1-Jahr. Das ist mehr als nur eine Charme-Offensive.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Dieser Ort hat etwas Magisches. Auch wenn von den alten Reliquien nicht mehr viel steht. In Maranello ist Ferrari allgegenwärtig. Nirgendwo sonst sieht man so viele Ferrari auf der Straße wie dort. Nicht einmal in Monte Carlo. Der alte Haupteingang der Fabrik ist zwar immer noch da, doch gleich dahinter ist eine Stadt in der Stadt entstanden. Ferraris Straßenmanufaktur scheint jedes Jahr um ein Gebäude zu wachsen. Kräne auf dem Gelände deuten an, dass weiter angebaut wird. Es ist der Bau des neuen Formel 1-Simulators. Der alte ist zehn Jahre alt.

Auch die Rennabteilung ist umgezogen. Näher an das Stammwerk heran. Nur 100 Meter vom Haupteingang entfernt erhebt sich ein moderner Zweckbau, der wie ein riesiges rotes Ufo aussieht. Hier wohnt seit drei Jahren die Formel 1-Abteilung. Zu ihrer Jahresrückschau sind Präsident Louis Camilleri und Teamchef Mattia Binotto allerdings umgezogen. In ein Gebäude mit dem Namen Centro Stile. Hier entwerfen 70 Ingenieure das Design der Straßenautos. Es hat seinen Grund, warum als Dekoration das aktuelle Formel 1-Auto SF90 und der Ferrari SF90 Stradale nebeneinander stehen. Das 1.000 PS starke Straßenauto mit drei Elektromotoren nimmt viele Anleihen von seinem Bruder auf der Rennstrecke.

Die Geschäfte gehen gut bei der berühmtesten Sportwagenschmied der Welt. „Das freut auch die Rennabteilung, weil ein Teil unserer Umsätze auch in den Sport fließt“, erklärt Camilleri. Der 64-jährige ehemalige Wirtschaftsanalyst hätte auf der Rennstrecke gerne ähnliche Erfolge wie auf dem Börsenparkett vermeldet, doch auf der wichtigsten Werbeplattform der Firma war man wie 2017 und 2018 nur zweiter Sieger. Was Ferrari keinen einzigen Fan kosten wird. Ein echter Anhänger der Marke mit dem springenden Pferd leidet gern. Umso schöner sind dann die Erfolge.

Ferrari - GP Abu Dhabi - Formel 1 - Samtag - 30.11.2019
xpb
Ferrari stolperte 2019 zu oft über eigene Fehler.

Unangenehme Themen kein Tabu

Teamchef Binotto zählt sie auf: „Drei Siege, neun Pole Positions, 406 Führungsrunden.“ Nur Mercedes hat mehr. Trotzdem fällt der Bericht zur Lage der Nation erstaunlich selbstkritisch aus. Es zählt zu den neuen Qualitäten der Scuderia, dass man Fehler auch anspricht. „Wir blicken mit gemischten Gefühlen auf die Saison zurück. Das Ziel wurde verfehlt. Wir haben zu viele Fehler auf allen Ebenen gemacht. Bei den Fahrern, der Strategie, der Zuverlässigkeit“, blickt Camilleri ohne Zorn zurück.

Für ihn sei das Glas immer halb voll und nie halb leer. Deshalb erwähnt er auch die positive Erkenntnis: „Wir sind ein Team, ein junges Team, das Geduld braucht und sich noch finden muss. Stabilität war das Geheimnis vieler großer Teams, egal ob Ferrari in den guten alten Tagen, McLaren, Red Bull oder jetzt Mercedes. Unter der Führung von Mattia hat sich im ganzen Team eine neue Kultur der Transparenz entwickelt. Ich sehe viele ermutigende Ansätze. Wir haben alle unsere Schwachstellen erkannt und zu einem Teil schon behoben.“ Man sieht auf den ersten Blick: Präsident und Rennleiter sind eine Einheit. Camilleri gibt seinem General volle Rückendeckung, so wie es Luca di Montezemolo einst mit Jean Todt gemacht hat. Und das waren die erfolgreichsten Jahre des ältesten Rennstalls der Formel 1.

Unangenehme Themen sind nicht mehr tabu. Binotto kommt von sich aus auf die Brennpunkte, die ihm in seinem ersten Jahr als Teamchef um die Ohren geflogen sind. Das Auto, dessen Geburtsfehler man zu spät erkannt und nie ganz beseitigt hat. Die nicht ganz unproblematische Fahrerpaarung mit dem Platzhirsch Sebastian Vettel und dem jungen, ehrgeizigen Herausforderer Charles Leclerc. Der Versuch von Stallregie, der da und dort nach hinten losgegangen ist. Die Strategie, die mal zu forsch, mal zu konservativ war. Die Zweifel der Konkurrenz an der Legalität des Motors.

Ferrari mit vielen Baustellen

Binotto verrät, dass man nach den Wintertestfahrten mit der Meinung in die Saison gegangen ist, ein Siegerauto zu haben. „In der ersten Woche waren wir eine halbe Sekunde schneller als der Rest. Mercedes ist zwar in der zweiten Woche nähergekommen, doch das Feedback unserer Fahrer vermittelte uns den Eindruck, ein siegfähiges Auto zu haben.“ Die kalte Dusche von Melbourne habe man als schlechte Tagesform interpretiert, sich nach dem Beinahe-Sieg in Bahrain bestätigt gefühlt, und dann doch bis zum fünften Rennen in Spanien gebraucht, bis man sich eingestand: Maranello, wir haben ein Problem.

Dem SF90 fehlte der Abtrieb, der nötig war, um die Reifen überall zuverlässig in ihr Arbeitsfenster zu bringen. „Es hat zu lange gedauert, bis wir akzeptiert haben, dass unser Auto zu langsam war. Das hat wertvolle Zeit gekostet, den Fehler zu korrigieren.“ Es dauerte bis zum 15. Rennen in Singapur, bis der Ferrari SF90 genug Abtrieb hatte, um auf jeder Strecke ein Siegkandidat zu sein. Binotto lobt trotzdem seine Truppe: „Das Team stand unter großem Erfolgsdruck und hat trotzdem ruhig, schnell und richtig reagiert. Zu Beginn der Saison haben wir in den Kurven bis zu sechs Zehntel verloren, am Schluss waren es nur noch zwei.“

Defekte haben in Bahrain und Russland Siege, in Österreich und Deutschland bessere Startpositionen gekostet. Viele Boxenstopps hätten über sechs Sekunden gedauert, was für ein Team wie Ferrari nicht akzeptabel sei. Es liege nicht an den Leuten, eher am Training, den Prozeduren, den Werkzeugen. Der missglückte Versuch, Vettel in Russland zum Platztausch zu bewegen und die doppelte Regieanweisung von China, Positionen zu tauschen, sei im Rückblick ein Fehler gewesen. Der Mann mit der Harry Potter-Frisur verspricht, dass man über den Winter an Zuverlässigkeit, Boxenstopps, der Strategie und der Aerodynamik arbeiten werde, um 2020 gleich zu Beginn auf Ballhöhe zu sein. „Wir haben nicht eine Herausforderung vor unserer Brust, sondern mehrere.“

Vettel vs. Leclerc - GP USA 2019
Motorsport Images
Charles Leclerc und Sebastian Vettel kämpfen um die Nummer 1 bei Ferrari.

Hamiltons Treffen mit Elkann

Auch die Fahrer sind in der Pflicht. Binotto spricht die Unfälle und Dreher seiner bestbezahlten Angestellten an, die schlechten Starts in Japan und natürlich die Kollision von Brasilien. Das reinigende Gewitter danach habe beiden Fahrer klargemacht: Das Opfer waren nicht sie, sondern Ferrari. Verbunden mit dem Auftrag, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Präsident Camilleri zeigt dennoch ein gewisses Verständnis für die Emotionen, die in dem Duell der Generationen immer wieder aufgeflackert sind: „Das ist unausweichlich, wenn ein Weltmeister auf einen jungen Fahrer trifft, der eine phänomenale erste Saison hinlegt. Wenn du dich dann nicht wohl im Auto gefühlt hast, gehst du unnötige Risiken ein. Charles ist der erste der zugibt, dass ihn Sebastian stärker gemacht hat, weil er viel von ihm lernen konnte.“

Für Binotto ist Ferraris Fahrerpaarung eher ein Segen als Fluch. Leclerc hat sich in nur einem Jahr so stark entwickelt, dass man ihm schon eine Führungsrolle zutrauen kann. „Und Sebastian bleibt mit seiner Erfahrung, seiner Analytik, seiner Arbeit mit den Ingenieuren ein Eckpfeiler für uns.“ Die kleine Formkrise zur Mitte der Saison hat auch technische Gründe: „ Er hat mehr unter der Instabilität des Hecks beim Bremsen gelitten als Charles. Was auch mit den unterschiedlichen Fahrstilen zu tun hat. Aber Seb hat sich da großartig rausgearbeitet. In der zweiten Rennhälfte war sein Renntempo wieder sehr ähnlich dem von Charles.“

Der Sieg in Singapur, der auch ein Ergebnis des Boxenstopp-Timings war, sollte Vettel in einer schwierigen Phase nicht nur moralisch aufrichten: „Wir wollten ihm mit der Strategie zeigen, dass er sich auf das Team und unsere Hilfe verlassen kann.“ Im Vorfeld hatte es da gewisse Zweifel gegeben, als sich Leclerc in Monza nicht an die Absprache hielt, Windschatten zu spenden. Camilleri betont: „Auf der Strecke mag der Eindruck ein anderer sein, aber hinter verschlossenen Türen kommen die beiden gut miteinander aus.“

Die Personalie Hamilton hätte die Teamleitung lieber ausgespart, doch seit sich der Mercedes-Fahrer mit FCA-Chef John Elkann getroffen hat, lässt Ferrari diese Affäre nicht mehr los. Immerhin redet man nicht um den heißen Brei herum. Ja, Hamilton hat sich mit Elkann getroffen, aber weder mit Camilleri noch mit Binotto. Camilleri verrät: „Die beiden haben sich bei einer Veranstaltung getroffen, sie haben gemeinsame Freunde. Das ganze wurde über Gebühr aufgebauscht. Es ist viel zu früh, um über Fahrer für 2021 zu sprechen. Unsere Situation ist bekannt. Wir haben einen Fahrer langfristig unter Vertrag und einen zweiten, dessen Vertrag Ende 2020 ausläuft. Wir werden nächstes Jahr unsere Optionen prüfen.“ Eines ist aber sicher. Keiner der fünf Ferrari-Junioren, die nächstes Jahr in der Formel 2 um den Aufstieg in die Königsklasse fahren, wird 2021 einen roten Overall tragen. „Das käme für sie zu früh. Für ein so wichtiges Jahr wie 2021 brauchen wir zwei Piloten mit Erfahrung“, beteuert Binotto.

Integrität hat Priorität

Als die Sprache schließlich auf mögliche Trickserien mit dem Motor kommt, geht Binotto in die Offensive. Die Gegner hatten Ferrari indirekt unterstellt, durch Manipulation der Durchflussmengenmessung mehr Benzin einzuspritzen als erlaubt und sich so einen Vorsprung von bis zu 50 PS zu verschaffen. Ferrari spricht von höchstens 20 PS. Binotto wirft in die Runde, dass Ferrari im Verlauf der Saison öfter im Bereich des Motors kontrolliert wurde als jedes andere Team.

Und nachdem diverse Technische Direktiven zu diesem Thema verfasst worden sind, hätte sich diese Kontrollen noch verschärft. „Wenn da irgendetwas faul gewesen wäre, wäre das schnell rausgekommen. Wir haben auch nach den Klarstellungen der FIA nie etwas am Betrieb der Motoren geändert“, betont Binotto. Nur die Diskrepanz der Tankmenge in Abu Dhabi könne man sich nicht erklären. Alle internen Berechnungen hätten ergeben, dass die tatsächlich getankte Menge mit der übereinstimmte, die man bei der FIA angegeben habe. Camilleri fügte hinzu: „Wir sind ein börsennotiertes Unternehmen. Integrität und Compliance sind für uns Pflicht.“

Die Saison 2020 hat in Maranello längst begonnen. Das Chassis des nächstjährigen Autos wird gerade den nötigen Crashtests unterzogen. Das Aerodynamikpaket für die Wintertestfahrten in Barcelona wird noch durch ein paar Windkanalsitzungen geschickt, bis man es absegnen kann. Binotto verspricht mehr Abtrieb, aber auch mehr Luftwiderstand. Der Motor ist eine komplette Neukonstruktion. Binotto ist fast froh darüber, diesmal nicht als Favorit in die neue Saison gehen zu müssen: „Favorit ist das Team, das sechs Mal hintereinander den Titel gewonnen hat und in Abu Dhabi das schnellste Auto hatte.“

Die wichtigste Entscheidung fällt spätestens nach dem ersten Grand Prix. Wenn sich das Kräfteverhältnis abzeichnet, wird in Maranello entschieden, wie viel des Budgets in die Weiterentwicklung des 2020er Autos und wie viel in die Neukonstruktion des 2021er Autos gesteckt wird. „Die zwei Projekte laufen parallel und je nachdem wie gut unser nächstes Auto sein wird, werden die Prioritäten gelegt“, sagt Binotto. Eines ist sicher. Es wird die teuerste Saison, die Ferrari in 70 Jahren Formel 1 je erlebt hat.

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