Sebastian Vettel - Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Spanien - 14. Mai 2017 sutton-images.com
Sebastian Vettel - GP USA 2007
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Hat Ferrari Vettels Sieg verschenkt?

Schlechtere Karten im Taktikpoker

Lewis Hamilton hat Sebastian Vettel auf der Rennstrecke besiegt. Doch erst ein Taktikpoker führt zum direkten Duell der WM-Favoriten. Ferrari hatte zwar den besseren Start aber die schlechteren Karten im Schach ohne Bedenkzeit.

Was für ein Rennen! Zum ersten Mal in dieser Saison trafen sich Lewis Hamilton und Sebastian Vettel im Rad-an-Radkampf auf der Rennstrecke. Das Duell der beiden Superstars ging über sieben Runden. Das war Motorsport in Vollendung. Hamilton probierte es drei Mal. Erst in der 44. Runde fand der Mercedes-Pilot einen Weg am Ferrari vorbei.

Den ersten Angriff wehrte Vettel mit maximaler Härte ab. Er drängte seinen Gegner in die Auslaufzone der ersten Kurve. „Als ich aus der Box kam, war ich erst einmal überrascht, dass Lewis schon so nah dran war. Kurz vorher lag er noch 8 Sekunden zurück. Ich habe meinen Bremspunkt nach Gefühl gewählt. Es hat gepasst. Lewis hat gut reagiert und eine Kollision verhindert. Ich weiß gar nicht, ob wir uns berührt haben, glaube aber nicht.“

Hamilton redete sich am Funk in Rage und sprach von einem „gefährlichen Manöver“. Das nahm er nach dem Rennen wieder zurück: „In der Hitze des Gefechts rutscht dir so was schon mal raus. Im Cockpit fühlte es sich gefährlich eng an.“ Vettel wusste, dass seine Chancen auf den Medium-Reifen gegen den Mercedes auf der Mischung Soft begrenzt sein würden. „Ich wollte ihn so lange wie möglich hinter mir halten, in der Hoffnung, dass er sich dabei seine Reifen kaputtfährt.“

Hamilton ließ sich diesmal nicht abschütteln. Die um 100 Meter verlängerte DRS-Zone schenkte ihm in Summe auf der 900 Meter langen Vollgas-Passage 6 Meter. Doch immer wenn der Engländer angreifen wollte, eilten Überrundete Vettel zur Hilfe. So konnte auch der Ferrari-Pilot auf der Geraden den Flügel flachstellen.

Ferrari wollte Undercut vorbeugen

In der 44. Runde spendete keiner mehr Windschatten. Da war Vettel fällig. „Lewis ist perfekt aus der letzten Kurve gekommen. Ich konnte mich nicht mehr verteidigen.“ Auch die Hoffnung, dass am Mercedes noch die Hinterreifen einbrechen, erfüllte sich nicht. Hamilton trug sein Auto über die Distanz. Die Soft-Reifen hielten länger als es Mercedes erwartet und sich Ferrari es erhofft hatte. Pirelli hatte 25 Runden vorhergesagt. Hamilton streichelte sie über 30 Runden. Trotz der Niederlage zog Vettel eine positive Bilanz: „Vom Speed her waren wir ebenbürtig. Obwohl Mercedes ein großes Upgrade gebracht hat.“

Nach dem Start sah der WM-Spitzenreiter schon wie ein Sieger aus. „Ich sah wie bei Lewis die Hinterräder zu stark durchdrehten. Auch ich hatte zu viel Schlupf. Ich habe aber die Kupplung gezogen, und praktisch noch einmal einen zweiten Start gemacht.“ Zunächst schlug Vettel ein Tempo an, dem Hamilton kaum folgen konnte. Die Lücke schloss sich erst am Ende des ersten Stints wieder.

Und dann begann mit Sebastian Vettels frühem Boxenstopp in der 14. Runde jener Taktikpoker, der Mercedes strategisch in eine bessere Position brachte. „Sie konnten auf alles reagieren, was wir gemacht haben. Hätte ich für den zweiten Stint Medium-Reifen bekommen, wäre Hamilton auf Soft-Reifen gegangen. Sie mussten ja etwas anders machen, um uns in die Ecke zu drängen“, verteidigte Vettel seinen Kommandostand.

Tatsächlich kann man sich fragen, ob der frühe Boxenstopp nötig war. Aus Sicht von Ferrari war er es. Hamilton hatte in der 13. Runde nur noch 2,1 Sekunden Rückstand. Genug, um mit einem Undercut in Führung zu gehen. Ferrari wusste, dass Mercedes zu dem Zeitpunkt an die Boxen kommen würde, wenn die Lücke zu Daniel Ricciardo groß genug sein würde. Das wäre spätestens in Runde 15 der Fall gewesen. Deshalb machte es durchaus Sinn, als erster seine Karten auf den Tisch zu legen. Trotz der Konsequenzen.

Ferrari saß in der Falle

Mercedes ließ Hamilton 7 Runden länger auf der Strecke und gab ihm dann den Medium-Reifen mit auf die Reise. Damit saß Ferrari in der Falle. Das große Delta und die unterschiedliche Bereifung setzte die Strategen um Inaki Rueda und auch Vettel unter Druck. Der Vorsprung von 7,7 Sekunden in Runde 35 war alles andere als ein Ruhekissen, weil Vettel ja noch auf die Medium-Reifen wechseln musste und Hamilton für das Finale einen Satz Soft bekommen würde.

Die virtuelle Safety Car-Phase in Runde 34 war nur scheinbar ein Geschenk für Ferrari. Der zweite Boxenstopp während der Neutralisation hätte zwar rechnerisch im Vergleich zum normalen Renntempo zwar 8,6 Sekunden weniger Zeit gekostet, doch Ferrari hatte Angst, Hamilton würde dann auf der Strecke bleiben und somit den ersten Platz übernehmen. Die Mercedes-Ingenieure verraten: „Genau das war unser Plan, für den Fall, dass Vettel die VSC-Phase zum Boxenstopp nutzt. Die Medium-Reifen hätten ewig gehalten. Vettel hätte uns dann später im Rennen auf der Strecke überholen müssen.“

Weil der eine den andere belauerte, ließen Mercedes und Ferrari die erste Chance verstreichen, in der VSC-Phase Reifen zu wechseln. Als Hamilton dann in Runde 36 an die Boxen gerufen wurde, gingen die VSC-Lichter gerade aus. Also Vorteil vorbei. Nicht ganz. Vettel fuhr noch einen Teil der Zielgerade mit langsamen Tempo. Und das reichte, um 6 Sekunden auf Hamilton zu verlieren. Zusammen mit Hamiltons extrem aggressiven ersten Runde aus der Box war Vettels Vorsprung auf null geschrumpft.

Bottas kostet Vettel 4 Sekunden

Vettel machte die Niederlage an zwei Punkten fest. Die Zeit, die er wegen des Timings der virtuellen Safety Car-Phase verloren hatte, und die zwei Runden, die er sich hinter dem zweiten Mercedes von Bottas anstellen musste. „Ich habe vier Sekunden hinter Valtteri verloren. Mercedes hat ihn geschickt eingesetzt, um mich einzubremsen.“

Ferrari konnte sich darüber nicht beschweren, weil Bottas zu dem Zeitpunkt um seine Führung kämpfte. Er hatte sie kampflos erobert, da er als Letzter des Spitzentrios an die Boxen kam. Vettels Überholmanöver an Bottas vorbei zählte dann zu den Highlights des Rennens. Nach zwei Mal Antäuschen ging er innen an dem Mercedes vorbei. „Das war knapp. Ich hätte auch abfliegen können, weil ich innen schon am Gras war, das DRS offen hatte und auf die Strecke zurücklenken musste.“

Die WM-Führung des Heppenheimers ist nach dem 5. Rennen auf 6 WM-Punkte geschrumpft. Trotzdem zog er ein positives Fazit. „Wir sind weiter im Kampf mit Mercedes, und sie sind das Team, das es zu schlagen gilt. Ich bin happy, aber nicht total happy. Wir wissen, dass wir uns verbessern müssen, wenn wir Mercedes schlagen wollen.“

Motorsport Aktuell Lewis Hamilton - Mercedes - GP Spanien - Formel 1 - 14. Mai 2017 Mercedes gewinnt Strategie-Poker Boxenstopp-Timing war Schlüssel

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