Charles Leclerc - GP Monaco 2021 Ferrari
Red Bull - Formel 1 - GP Monaco - 2021
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Mercedes - Formel 1 - GP Monaco - 2021 22 Bilder

Ferrari-Analyse: Wie gelang die Trendwende?

Ferrari leitet Trendwende ein Der Plan zurück zum Erfolg

GP Aserbaidschan

Ferrari hatte in Monte Carlo ein siegfähiges Auto. Das darf man in Baku nicht erwarten. Trotzdem ist der Aufwärtstrend bei Ferrari unübersehbar. Der dritte Platz ist keine Utopie. Doch wie konnte diese Wende gelingen? Wir haben die wichtigsten Erfolgsfaktoren analysiert.

Die Ansage von Ferrari-Teamchef Mattia Binotto bei der Weihnachtsansprache klang mutig: "Ferrari muss wieder in der Lage sein, um dem dritten Platz zu kämpfen." 2020 war der älteste Rennstall der Formel 1 davon 79 Punkte und im Schnitt eine halbe Sekunde pro Runde entfernt. Und die Möglichkeiten am Auto etwas zu ändern waren wegen den Homologationsvorschriften und der reduzierten Windkanalzeit beschränkt.

Doch nach fünf Rennen in dieser Saison lässt sich sagen. Ferrari ist auf einem guten Weg sein Versprechen einzulösen. Der WM-Sechste des letzten Jahres hat den Abstand zur Spitze halbiert und sich zusammen mit McLaren vom Rest des Mittelfeldes abgesetzt.

Die beiden Traditionsteams werden den dritten Platz unter sich ausmachen. Der letzte Trend spricht dabei für Ferrari. Seit dem GP Spanien holen die Roten auf McLaren auf. Was auch daran liegt, dass Daniel Ricciardo nicht so recht in Schwung kommt. Jetzt fehlen nur noch zwei Punkte auf den letzten Podiumsplatz.

Ferrari - Formel 1 - GP Monaco - 2021
Ferrari
Carlos Sainz fuhr in Monaco das erste Podium der Saison für Ferrari ein. Das Auto hatte eigentlich auch den Speed für den Sieg.

Alte Mannschaft, neue Strukturen

In Monte Carlo hatte Ferrari sogar ein siegfähiges Auto. Das lag aber an der Rennstrecke. Mercedes-Ingenieure erkannten schon in den ersten vier Rennen an den GPS-Messungen, dass Ferrari im Schnitt das schnellste Auto in den Kurven hat. Besonders in den langsamen. Das Manko von 20 PS auf Mercedes und Honda tat bei nur 56 Prozent Volllastanteil in Monte Carlo nicht weh.

Es war noch keine dauerhafte Auferstehung, aber ein kräftiges Lebenszeichen des gefallenen Riesen. Das Fundament für die Trendwende wurde bereits in den dunkelsten Stunden der Saison 2020 gelegt. Als klar war, dass Ferrari keinen Blumentopf gewinnen würde, fegte Teamchef Mattia Binotto mit dem eisernen Besen durch die heiligen Hallen in Maranello. Sicher auch um den eigenen Kopf zu retten.

Ein Team wie Ferrari darf nicht auf Dauer im Mittelmaß versinken. Binottos oberster Chef John Elkann hatte gefordert: "Der Anspruch von Ferrari muss es sein, Rennen zu gewinnen." Sein Rezept: Alte Mannschaft, neue Strukturen. Ein Mittelweg zwischen Zuckerbrot und Peitsche.

Die Verteilung der Verantwortung auf viele Schultern. Das Setzen von Prioritäten und schonungslose Fehleranalyse. Zurück zu der Mentalität, dass jedes Detail wichtig ist. Probleme werden angesprochen und nicht totgeschwiegen. Man könnte sagen, es ist die Kopie des Mercedes-Erfolgssystems.

Mattia Binotto - Ferrari - Formel 1 - Test - Bahrain - 13. März 2021
xpb
Mattia Binotto hat das Ferrari-Schiff wieder auf Kurs gebracht. Im Kampf um Platz drei hat man nur McLaren als Gegner.

Ferrari kann sich wieder auf Daten verlassen

Die wichtigen Entscheidungen fielen alle bereits im Sommer 2020. Ferrari baute eine komplett neue Antriebseinheit. Während man im letzten Jahr noch klar hinter Mercedes, Honda und Renault lag, hat man jetzt mit Renault gleichgezogen, den Abstand zu Honda gehalten und den Rückstand auf Mercedes verkürzt.

Experten taxieren das Defizit von Ferrari beim Verbrennungsmotor auf 15 bis 20 PS. Dafür hat Ferrari beim Elektroantrieb die Nase bereits vorn. Der Ladebetrieb wird auf den Geraden erst später aktiviert als bei der Konkurrenz.

Auch bei der Renovierung des Autos hat Ferrari auf das richtige Pferd gesetzt. Die Ingenieure entwickelten 2020 entgegen dem Trend bis spät in die Saison, um zu erkennen, ob man die Fehler des SF1000 richtig gedeutet hatte, ob die Gegenmaßnahmen auch fruchten und ob man die Korrelation zwischen Rennstrecke und Windkanal besser hinbekommt als in der Vergangenheit. "Mir war wichtig, dass wir uns wieder auf unsere Daten verlassen können", erklärt Binotto.

So konnte Ferrari seine Schwachpunkte aus dem Vorjahr Schritt für Schritt abarbeiten: Der hohe Luftwiderstand des Autos, die mangelnde aerodynamische Stabilität, die den Fahrern das Vertrauen ins Auto raubte, die starke Reifenabnutzung." Leclerc lobt: "Das neue Auto ist viel einfacher zu fahren als das alte."

Ferrari - Formel 1 - GP Spanien 2021
Wilhelm
Mehr Power, weniger Luftwiderstand, eine bessere Stabilität - Ferrari hat in allen Bereichen Fortschritte gemacht.

Lieber das Heck als die Nase

Auf der Chassis-Seite wählte Ferrari den richtigen Token. "Ein schlankeres Heck brachte uns mehr als eine schlankere Nase", verrät ein Ferrari-Mann. Dank dem neuen Getriebegehäuse konnte man auch die Hinterachse so hoch anlenken, wie es Mercedes und Red Bull tun. Das verbessert die Strömung auf dem Dach des Diffusors.

Überhaupt haben sich die Ingenieure wieder mehr auf aerodynamische Effizienz und Stabilität konzentriert. Der SF21 produziert viel weniger "schmutzigen" Abtrieb als seine Vorgänger. Er hat ja auch nicht mehr den Luxus von Motorleistung im Überfluss.

Ferrari rüstete auch auf allen anderen Gebieten auf. Die Boxenstopps sind konstanter und schneller geworden. Die Rennstrategie konservativer und damit weniger fehlerbehaftet. Die Truppe der Reifeningenieure wurde vergrößert, die digitalen Reifenmodelle verbessert, die Piloten in langen Besprechungen mit den Ingenieuren darauf trainiert, ihre Reifen genauer zu lesen, sie präziser für die entscheidende Qualifikationsrunde vorzubereiten und sie im Rennen besser zu konservieren.

Wenn die Reifen dann doch mal überhitzen, wie in Bahrain, oder die Fahrer die Stints zu aggressiv angehen, wie in Portugal, dann greifen jetzt effizientere Analysewerkzeuge um Fehler zu erkennen und abzustellen. In Barcelona und Monte Carlo hielt kein Team seine Reifen so gut im Fenster, zündete sie so schnell an ohne sie im Dauerlauf zu ruinieren wie Ferrari.

Ferrari - Formel 1 - GP Spanien 2021
Motorsport Images
Ferrari hat schon vor dem Rennwochenende eine festen Plan, der in der Regel auch funktioniert.

Besser vorbereitet an die Rennstrecke

Maranello hat über den Winter auch viel Arbeit in die Simulationen gesteckt. Es war schnell klar, dass eine Stunde weniger Trainingszeit weniger Daten von der Strecke bedeutet. Heute ist in der zweiten Trainingssitzung nur noch Zeit für einen Longrun pro Fahrer. Und der fällt in der Regel kürzer aus als in den Jahren zuvor.

Also hängt viel davon ab, wie gut vorbereitet die Ingenieure an die Strecke reisen und wie sie das Wochenende organisieren. Das zahlte sich auch in Monte Carlo aus. "Wir hatten von der ersten Runde an Vertrauen in unser Auto und haben es danach kaum noch verstellt. Das war der Schlüssel", beteuerten Leclerc und Sainz. Im Team heißt es: "Wir waren in Monte Carlo nicht besser als sonst. Die anderen waren schlechter vorbereitet."

Dieser Trend war schon 2020 auf neuen Strecken zu beobachten. Ferrari schnitt in Mugello, Portimao, Imola und Istanbul relativ zu anderen Rennstrecken besser ab. Das lag nicht am Auto, sondern der besseren Planung.

Ferrari - Concept - 2022 - Mark Antar Design
Mark Antar Design
Kann Ferrari den Aufwärtstrend mit dem 2022er Auto weiter fortsetzen?

Schwerpunkt schon auf dem 2022er Auto

Trotz der blutigen Nase, die sich Maranello bei den Tricksereien mit dem Motor holte, reizen die Ingenieure weiterhin die Regeln bis zur Grenze des Erlaubten aus. Ferrari zählt zu den Teams, die den Heckflügel zurückrüsten müssen, weil er sich zu stark verbiegt. Laut Ferrari allerdings mit minimalen Folgen. Unter den Verbiegern zählte man offenbar zu der weniger radikalen Fraktion. Binotto versteht die Aufregung nicht. "Motorsport bedeutet überall ans Limit zu gehen."

Mit Charles Leclerc und Carlos Sainz setzt Ferrari auf junge Fahrer, die trotzdem schon die Erfahrung von 186 GP-Starts vorweisen können. Langfristige Verträge mit den Piloten garantieren Kontinuität. Die Stimmung ist nicht mehr so aufgeladen wie zwischen Leclerc und Sebastian Vettel, wo der eine den Platzhirsch vertreiben wollte und der andere in dem jungen Kollegen eine Bedrohung sah. Was bei Stallregie manchmal zu Ungehorsam führte.

Die Richtung stimmt, stellt Binotto zufrieden fest. "Wichtiger als die Resultate ist zu zeigen, dass wir uns in allen Bereich verbessert haben. Wir sind in der Lage unsere Schwächen zu erkennen und sie abzustellen. Nichts geht von heute auf morgen, aber wir sind auf dem richtigen Weg zurück an die Spitze."

Der Großteil des Technikbüros arbeitet bereits am Auto für 2022, das in seinen Grundfesten so anders sein wird, dass praktisch nichts übernommen werden kann. Für die Entwicklungsschritte am SF21 gibt es keinen festen Plan mehr. Die nächsten Teile sind bereits in der Produktionsschleife. Und wenn den Ingenieuren sonst noch etwas einfällt, das sich lohnt, wird es einfach gemacht.

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