Jean Todt - Formel 1 - 2019 xpb
Jean Todt
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Ecclestone & Todt - Formel 1 - GP Ungarn - 27. Juli 2013
Ecclestone & Todt - Formel 1 - GP Ungarn - 27. Juli 2013 17 Bilder

Gespräch mit FIA-Präsident Jean Todt

„Kein Freund von Reverse Grid“

FIA-Präsident Jean Todt besucht im Corona-Jahr so viele Rennen wie schon lange nicht mehr. Wir haben uns mit ihm in Mugello über Quali-Rennen mit umgedrehter Startaufstellung und die Liebeserklärung von VW-Chef Herbert Diess an die Formel 1 unterhalten.

In den ersten elf Jahren seiner Amtszeit besuchte FIA-Präsident Jean Todt nur hin und wieder eine Motorsportveranstaltung. Es gab Wichtigeres zu tun für den früheren Sportchef von Peugeot und Ferrari. Motorsport ist nur ein Teil seiner Amtsgeschäfte. Im Corona-Jahr allerdings ist Todt ein ständiger Gast an der Rennstrecke.

Er war bei den meisten Grand Prix zu Gast, besuchte die 500 Meilen von Indianapolis, und er wird am kommenden Wochenende auch bei den 24 Stunden von Le Mans vor Ort sein. Auch als Hommage an einen Sport, der von sich sagen kann: Schaut her, was wir trotz schwierigster Umstände auf die Beine gestellt haben.

Der Besuch beim ersten Auftritt der Formel 1 in Mugello hatte noch einen anderen Grund. Todt war einer der Ehrengäste bei der großen Ferrari-Party in Florenz zum 1.000. GP-Start der Scuderia. Der Mann, unter dem Ferrari zwischen 2000 und 2008 seine größten Erfolge feierte, kommentiert das Jubiläum seines ehemaligen Arbeitgebers wenig sentimental. "Es ist eine große Zahl, aber sie weckt in mir keine Emotionen. Ich war als Kind Fan von Ferrari, dann in ihren Diensten und heute bin ich ein neutraler Zuschauer. Mein Kapitel bei Ferrari ist beendet."

Die gegenwärtige Krise des berühmtesten Rennstall der Welt sieht Todt nüchtern: "Ich mag keinen leiden sehen, egal wer es ist. Deshalb versuche ich zuerst einmal die Gründe zu verstehen. Ich kann nur sagen, dass Ferrari von heute nicht mit dem Team vergleichbar ist, das ich 1993 übernommen hatte. Ich hätte gerne eine solche Startbasis gehabt. Ferrari ist heute eine starke Organisation. Es passen nur einige Bausteine in dem Puzzle nicht."

Jean Todt - Formel 1 - 2020
Wilhelm
Jean Todt lässt sich dieses Jahr regelmäßig an der Rennstrecke blicken.

Motorsport ist zu teuer

Der Motorsport erlebt gerade den größten Wandel seiner Geschichte. Und das hat nichts mit der Corona-Krise zu tun. Sie hat eher mitgeholfen, einige dringend nötige Reformen einzuleiten. Für Todt ist der Motorsport, speziell die Formel 1, immer noch zu teuer. Er selbst hätte den Budgetdeckel noch niedriger angesetzt oder einige der Ausnahmen gestrichen.

Der FIA-Chef stellt sogar in Frage, ob man so sklavisch daran festhalten muss, ob alle Teams von Grund auf ihr eigenes Auto bauen müssen. "Ich war gerade in Indianapolis und habe guten Motorsport gesehen. Manche Teams dort kommen mit acht Millionen Dollar aus."

Der 74-jährige Franzose warnt die Ewiggestrigen. "Unser Sport ist einzigartig. Es ist ein Kampf Mann gegen Mann, Maschine gegen Maschine. Doch die Maschine hat sich mit der Zeit total verändert. Und die Welt drumherum auch. Bei allen Regierungen steht der Klimawandel ganz oben auf der Agenda. Man kann die heutigen Formel 1-Motoren mögen oder nicht. Aber ohne die Hybridisierung hätten wir nicht überlebt."

Viele Relikte aus alten Tagen sind laut Todt nicht mehr möglich. Unbegrenzte Testfahrten, ein Reifenkrieg, ein Entwicklungswettlauf ohne Grenzen. "Alles viel zu teuer. Es würde den Sport umbringen."

Todt ist auch der Meinung, dass die Regeln und die Technik viel zu kompliziert geworden sind. Die FIA ist teilweise gar nicht mehr in der Lage zu überprüfen ob die Teams sich immer an die Regeln halten. Die Beschränkung auf einen Motor-Modus kann man auch als eine Art Bankrotterklärung der Regelhüter betrachten. Die Komplexität beschränkt sich aber nicht nur auf die Formel 1. "Was glauben Sie, wie schwierig die Aufgabe ist die BOP bei den Sportwagen und in den GT-Klassen zu überwachen."

Jean Todt - Formel 1 - 2020
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Wann kommen wieder neue Teams in die Formel 1?

Mit E-Fuels flexibel beim Motor

Bei der Formel 1 sieht Todt jedoch Licht am Ende des Tunnels. "Wenn es uns gelingt ab 2023 mit E-Fuels zu fahren, dann sind wir auch flexibel bei der Wahl der Motor-Architektur. Dann kann man auch über einen weniger komplexen Antrieb nachdenken, so lange er effizient bleibt."

Die Aussagen von VW-Chef Herbert Diess, nach denen die Formel 1 mit synthetischen Kraftstoffen in Zukunft für Hersteller die attraktivere Plattform als die Formel E sein wird, nimmt Todt mit einem Schmunzeln zur Kenntnis: "Ich habe davon gehört, aber nicht von Herrn Diess persönlich. Deshalb will ich vorsichtig sein mit meinem Urteil. Ich weiß nicht, ob er es wirklich so geäußert hat. Wenn doch, dann kann ich ihm nur zurufen: Willkommen in der Formel 1."

Dazu müsste der VW-Konzern erst einmal 200 Millionen Dollar Eintrittsgeld in die Hand nehmen. Mit zehn Teams ist der Club voll. Jean Todt sieht die Aufnahmegebühr differenziert: "Ich hätte zwar lieber zwölf statt zehn Teams, aber für den Moment ist diese Gebühr eine Art Absicherung, dass ein Bewerber auch seriös ist."

"Wenn sich das neue System mit der Budgetdeckelung mal konsolidiert hat, können wir darüber reden, ob wir den Club nicht aufstocken wollen. Wir konnten das jetzt nicht auch noch in den Vertrag mit hineinpacken. Es war schon eine riesige Aufgabe, das Concorde Abkommen den geänderten Bedingungen anzupassen."

Jean Todt - Formel 1 - 2019
Wilhelm
Jean Todt will sich Quali-Rennen mit umgekehrter Startreihenfolge nicht in den Weg stellen, auch wenn er kein Fan davon ist.

Überraschungsfaktor in der Formel 1

Auch der FIA-Präsident hat sich mit Monza-Sieger Pierre Gasly gefreut. "Überraschungen sind die Essenz des Sport." Doch ist eine Überraschung auch noch eine, wenn sie künstlich herbeigeführt wird? Todt ist gegen die Bestrebungen, bei gewissen Rennen ein Qualifikationsrennen mit umgekehrter Startaufstellung einzuführen.

Man hätte einen Mini-Grand Prix über 30 Minuten zur Ermittlung der Startaufstellung beim zweiten Österreich-Rennen vielleicht einmal testen können, doch das Prinzip, den Schlechtesten in der WM-Wertung nach vorne zu stellen, egal in welcher Rennserie, egal ob im Rennen oder der Qualifikation widerstrebt Todt.

"Ich mag das schon in der Formel 2 und Formel 3 nicht. Das ist für mich kein Rennsport. Künstliche Spannung funktioniert nicht." Der erste Mann der FIA will sich dennoch an das Gesetz halten: "Ich werde dagegen stimmen. Wenn aber die Mehrheit dafür ist, werde ich sie akzeptieren."

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