Rubens Barrichello - Michael Schumacher - Ferrari - GP Österreich 2002 Motorsport Images

Team-Befehle in der Formel 1

Der Fluch der Stallregie

1000. GP

Stallregie gehört zum Motorsport, auch wenn die Fans darüber fluchen. Durch Team-Order wurden schon Weltmeister gekürt. Der erst war Mike Hawthorn, der 1958 die Hilfe von Ferrari-Kollege Phil Hill brauchte.

Warum sollte es anders sein als beim Radrennen? Stallregie ist kein populärer Vorgang, doch aus Sicht des Teams manchmal notwendig. Lassen wir Eddie Jordan sprechen, der 1998 Ralf Schumacher beim GP Belgien zurückpfiff, damit Damon Hill für Jordan den ersten Grand Prix gewinnen konnte: „Mir war doch egal, wer gewinnt. Hauptsache einer von uns. Ralf war schneller, aber Damon hatte die meiste Zeit geführt. Er hat am Funk gedroht, dass es Chaos gibt, wenn Ralf angreift. Sollte ich einen Doppelsieg herschenken, unseren ersten GP-Sieg? In dem Moment zählte nur das Team.“

Schon in den 50er Jahren spielten die Teams ihre Karten nach eigenem Interesse aus. Damals noch mehr als heute, denn es war erlaubt, den Fahrer nach einem Ausfall auf das Auto eines anderen zu setzen. Wenn Alberto Ascari ausfiel, musste ein Kollege von Ferrari an die Box. Danach gab es geteilte Punkte. Mike Hawthorn musste beim Finale 1958 in Casablanca bei einem Sieg seines WM-Rivalen Stirling Moss unbedingt Zweiter werden. Ferrari signalisierte dem zweitplatzierten Phil Hill, dass er auf Hawthorn warten müsse. Das war der Titel für den Engländer.

Hat Bandini geholfen?

Im Finale 1964 in Mexiko stritten sich Jim Clark, Graham Hill und John Surtees um die Krone. Lorenzo Bandini hatte nichts mit der Vergabe des Titels zu tun. Der Italiener rempelte aber Graham Hill von der Strecke. Er fuhr wie Surtees einen Ferrari. Als dann auch noch Clark zurückfiel, machte Bandini Platz für seinen Teamkapitän. Auf Befehl von der Boxenmauer? John Surtees dementierte: „Lorenzo hat weder Hill absichtlich abgeschossen, noch hat er mich freiwillig vorbeigelassen.“

Lotus verzichtete 1973 auf eine Stallregie zwischen Emerson Fittipaldi und Ronnie Peterson und machte es so Jackie Stewart leichter, ein drittes Mal Weltmeister zu werden. Fittipaldi war sauer und folgte dem Ruf von McLaren. Fünf Jahre später ließ sich Mario Andretti eine Klausel in den Vertrag schreiben, dass Peterson Platz machen müsse, wann immer die zwei Lotus hintereinander liegen. Peterson hielt sich an die Abmachung. Wenigstens den GP Holland hätte der Schwede gewinnen können. Andretti verlor Leistung, weil der Auspuff gebrochen war. Peterson blieb brav hinter ihm.

Prost rief bei Agnelli an

Auch Frank Williams sträubte sich lange gegen Stallregie. Er ließ 1986 und 1987 Nelson Piquet und Nigel Mansell aufeinander los. Mit dem Resultat, dass beide die WM 1986 an Alain Prost auf McLaren verloren. Motorenpartner Honda verzieh nicht und zog 1988 seine Motoren ab. 1992 jedoch änderte Williams seine Meinung. Die Sponsoren forderten den Titel. Nigel Mansell lag auf WM-Kurs, als es beim GP Frankreich wegen eines Wolkenbruchs zu einer Unterbrechung kam. In der Pause kam Technikchef Patrick Head an Riccardo Patreses Auto und schärfte dem Italiener ein: „Mach Nigel keine Probleme. Wir müssen ihn auf den Titel ansetzen.“

Mika Häkkinen - David Coulthard - McLaren - Jerez 1997
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Jerez 1997: David Coulthard darf nicht gewinnen, Mika Häkkinen gewinnt.

Alain Prost erzwang 1990 bei Ferrari eine solche Stallorder, weil Nigel Mansell sich nicht einbremsen lassen wollte. Prost brauchte in der WM jeden Punkt. Der Franzose rief sogar den mächtigen Fiat-Boss Gianni Agnelli an, um seine Forderung durchzusetzen. Der erteilte Rennleiter Cesare Fiorio den Befehl: „Prost muss gewinnen.“ Und Prost gewann den GP Spanien.

Beim WM-Finale 1997 kam es bei McLaren in den letzten Runden zu einem heftigen Funkverkehr. Jacques Villeneuve ließ die beiden McLaren-Piloten David Coulthard und Mika Häkkinen passieren, um seine WM-Mission nicht zu gefährden. Der dritte Platz reichte ihm. Coulthard musste auf Befehl des Teams seinen Kollegen Häkkinen gewinnen lassen. Dem Schotten wurde via Funk mit der Entlassung gedroht, sollte er sich der Anordnung widersetzen. Häkkinen gewann im 96. Anlauf seinen ersten Grand Prix. Damit war der Fluch des „ewigen Zweiten“ gebrochen.

Ferraris Skandal-Regie in Österreich

Die meisten negativen Schlagzeilen erntete Ferrari für seine Eingriffe ins Renngeschehen. Tatort Spielberg, 2002: Die Sieger ernteten Pfiffe und Buhrufe. Als Michael Schumacher und Rubens Barrichello auf das Podium kletterten, da wussten sie bereits, dass etwas schiefgelaufen war. Rennleiter Jean Todt hatte Schicksal gespielt. Wie im Vorjahr forderte er Rubens Barrichello auf, den Platz für Michael Schumacher zu räumen. Doch diesmal ging es um den Sieg, nicht um Rang 2. Sein Befehl am Funk wurde ein geflügeltes Wort: „Let Michael pass for the championship.“

Barrichello ließ einen 4,4 Sekunden-Vorsprung auf null schrumpfen und machte 100 Meter vor der Ziellinie Platz. Bei einem Blick auf den WM-Stand war klar, wem die Stallorder galt. Michael Schumacher hatte 44 Punkte auf dem Konto, Barrichello nur 6.

Was im Vorjahr verhaltene Kritik erntete, wurde diesmal in der Luft zerrissen. Weil es um den Sieg und nicht den zweiten Platz ging. Weil Barrichello im Training und im Rennen der Schnellere war. Weil es diesmal aus übertriebener Vorsicht passierte. Michael Schumacher hatte vier der ersten fünf Rennen gewonnen. Er führte die WM-Wertung mit 44:23 Punkten gegen Juan Pablo Montoya an. „Wer so überlegen ist, der hat die Pflicht, den Zuschauern ein offenes Rennen zu bieten“, nörgelte Williams-Technikchef Patrick Head. Weil der Aufschrei des Publikums so laut war, verbot die FIA eine Einflussnahme von außen.

100.000 Dollar Strafe für Ferrari

Prompt erwischte es Ferrari als erstes Team. 2010 in Hockenheim wurde Felipe Massa von der Boxenmauer eingebremst, um Fernando Alonso gewinnen zu lassen. Bis zum Boxenstopp ließ Ferrari seinen Fahrern freien Lauf. Dann forderte Alonso unmissverständlich seine Nummer-Eins-Position ein. Doch Massa wollte nicht. Renningenieur Rob Smedley erinnerte seinen Fahrer drei Mal mit dem Code „Alonso ist schneller als Du“ an die Stallorder. Alonso ließ sich 3,4 Sekunden zurückfallen und machte den Rückstand im Handumdrehen wieder wett, nur um zu zeigen: Seht her, Smedley hat Recht.

Erst in der 49. Runde gab Massa den Weg frei. Er ging einfach 1,8 Sekunden lang vom Gas. Funksprüche untermauerten den Verdacht: Das war verbotene Team Order. Ferrari musste 100.000 Dollar Strafe zahlen. Rennleiter Stefano Domenicali besänftigte: „Unsere Fahrer wissen auch so, dass das Team immer an erster Stelle steht.“

2013 kam es bei Red Bull zum Eklat. Weil die Regie von außen nicht funktionierte wie gewünscht. Mark Webber und Sebastian Vettel bekamen nach ihren letzten Boxenstopps den codierten Befehl „Multi 21“. Sollte heißen: Alles bleibt bei dieser Reihenfolge. Also Startnummer 2 vor 1. Oder Webber vor Vettel. Deshalb hatte es der Australier in seiner Runde vor dem letzten Boxenstopp nicht mehr allzu eilig. Vettel gab Gas. So schmolzen 4,2 Sekunden innerhalb von zwei Runden zu Nichts.

Team-Befehle in der Formel 1: Fluch der Stallregie

Mike Hawthorn - Ferrari Dino 246 - GP Frankreich 1958
Mike Hawthorn - Ferrari Dino 246 - GP Frankreich 1958 Graham Hill - John Surtees - Lorenzo Bandini - Nürburgring 1964 Ronnie Peterson - Emerson Fittipaldi - Lotus - Mosport Park 1973 Ronnie Peterson - Lotus 72 - GP Italien 1973 23 Bilder

Vettel hielt sich nicht an die Stallorder. In der 46. Runde griff er auf der Zielgeraden seinen Teamkollegen an, der ihn Richtung Boxenmauer abdrängte. Das Duell ging Rad an Rad im Zentimeterabstand über fünf Kurven. Vettel setzte sich in Kurve 5 endgültig durch. Danach herrschte schlechte Stimmung im Red Bull-Camp. Teamchef Christian Horner versicherte Webber, man habe Vettel gesagt, er solle nicht mehr angreifen. Vettel behauptete, er habe den Befehl nicht verstanden. Als er die langen Gesichter in seiner Garage sah, entschuldigte er sich bei seinem Team. Nicht aber bei Webber: „Er hat es nicht verdient, dass ich ihm einen Sieg schenke. Mark hatte sich vorher schon ein paar Mal dafür entschieden, dem Team nicht zu helfen.“

Rennfahrer statt Butler

Auch in der abgelaufenen Saison 2018 war der Befehl aus der Kommandozentrale ein heiß diskutiertes Thema. Mercedes musste sich nach dem GP Russland Vorwürfe anhören, das Team habe unsportlich in das Renngeschehen eingegriffen. Valtteri Bottas war in Sochi der schnellere Mercedes-Pilot. Der Finne startete von der Pole-Position, und er hielt die Führung, bis ihn der Kommandostand in der 12. Runde zum Reifenwechsel an die Box rief. Doch er durfte nicht gewinnen. Sein Pech war, dass Sebastian Vettel das Tempo der Mercedes wider Erwarten mitgehen konnte und Lewis Hamilton mit Blasen auf den Hinterreifen verwundbar war.

Ferrari hatte in Monza auf Stallregie zugunsten von Vettel verzichtet und steckte viel Kritik ein. Rennleiter Maurizio Arrivabene wehrte sich gegen die Vorwürfe mit dem flapsigen Spruch: „Wir haben Rennfahrer, keine Butler unter Vertrag.“ In Hockenheim hatte Ferrari-Einsatzleiter Jock Clear noch umständlich versucht, Kimi Räikkönen davon zu überzeugen, dem schnelleren Vettel Platz zu machen. Bis Kimi der Kragen platzte und er den Ingenieur fragte: „Könnt ihr mir nicht genau sagen, was ihr wollt?“

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