Force India vs. Williams

Effizienz gegen Erfahrung

Williams - GP Japan 2016 Foto: Wilhelm 22 Bilder

Hinter den Top 3 tobt der Kampf um Platz 4. Oder um 5 Millionen Dollar haben oder nicht haben. Williams schien lange für den Titel „Best of the Rest“ abonniert. Doch seit der Sommerpause hat Force India das Heft in die Hand genommen. Wir analysieren warum.

Williams ging mit zwei dritten Plätzen in die dritte Hybrid-Saison. 2014 und 2015 hatte der Rennstall aus Grove jeweils einen der Big Shots geschlagen. Zuerst Ferrari, dann Red Bull. In diesem Jahr musste Williams schon nach 6 Rennen die Hoffnung begraben, den Coup zu wiederholen. Da hatten die großen Drei bereits doppelt so viele Punkte auf dem Konto.

Force India begann das Jahr mit dem besten Firmenresultat der Geschichte im Rücken. Im Vorjahr wurde der Rennstall von Vijay Mallya mit 136 Punkten Fünfter. Allerdings 121 Zähler hinter dem heutigen Gegner Williams. Schuld an dem großen Rückstand war eine schwache erste Saisonhälfte. Force India musste 2015 wegen Geldsorgen die ersten 8 Rennen mit einem nur halbneuen Auto bestreiten.

Als das Auto endlich komplett war, deutete die zweite Saisonhälfte 2015 bereits an, dass Force India ein gleichwertiger Gegner für Williams werden könnte. Die Wertung der letzten 11 Rennen 2015 entschied Williams nur noch mit 128:105 Punkten für sich.

Force India beflügelten zwei Upgrades

Die Saison 2016 schien zunächst ein Spiegelbild des Vorjahres zu werden. Im Vergleich der beiden Mercedes-Kunden legte Williams los wie die Feuerwehr. Beim GP Kanada stand es 81:42 für Williams. Dabei hatte Force India diesmal seinen neuen VJM09 rechtzeitig fertiggestellt. Doch er brauchte zwei Upgrades, um in Fahrt zu kommen. Die Modifikationen in Barcelona hoben Force India auf Augenhöhe mit Williams. Das Silverstone-Paket half, am direkten Rivalen vorbeizuziehen.

Nach 17 Rennen liegt Force India 10 Punkte vor dem Gegner im Kampf um Platz 4 in der Konstrukteurs-Wertung. Williams kam 24 Mal in die Punkteränge, Force India 23 Mal. Dafür hat Force India ein Podium mehr. Neun Mal fuhr Williams mit mehr Punkten nach Hause, acht Mal Force India.

Die Williams-Siege im Zweikampf um den Titel „Best of the rest“ konzentrieren sich mit einer Ausnahme auf die Zeit vor der Sommerpause. Danach holte man nur noch ein Mal auf Force India auf. Auf der Williams-Spezialstrecke von Monza.

Bei den Ausfällen halten sich die Mercedes-Kunden die Waage. Force India verzeichnete 3 Nuller mit 2 Unfällen und einem Defekt. Auch Williams sah 3 Mal nicht die Zielflagge. 2 Mal streikte die Technik, ein Mal musste Felipe Massa wegen Unfallfolgen aufgeben.

Fahrerisch ist Force India ausgeglichener besetzt. Beide Fahrer treiben sich an, sammeln regelmäßig Punkte. Bei Williams hat Bottas fast doppelt so viele Punkte wie Massa angehäuft. Seit dem GP Monaco kommt von dem angehenden Formel 1-Rentner nicht mehr viel. Massa holte in 12 Rennen nur 7 Punkte.

Kampf zweier unterschiedlicher Konzepte

Da die Motoren identisch sind, beschränkt sich der Vergleich auf die Autos. Williams blieb seinem Konzept treu. Ein langes Auto mit 3,59 Meter Radstand und einem moderater Anstellwinkel von 1,4 Grad. Force India folgte dem Weg von Red Bull. Mit 3,41 Meter Radstand ist der VJM09 das kürzeste Auto im Feld, mit 1,9 Grad Anstellung steht das Auto hinten so hoch wie sein Vorbild.

Die unterschiedlichen Konzepte lassen die Autos auch auf unterschiedlichen Strecken glänzen. Der Williams FW38 fühlt sich auf langen Geraden und in Stop-and-Go Passagen wohl. Strecken wie Russland, Kanada oder Italien. Der Force India kann mittlerweile alles, am besten einen Mix aus unterschiedlichen Kurven. Und das macht ihn zum Williams-Schreck. Sergio Perez treibt seine Ingenieure an: „Unser Auto mag Kurven mit kurzen Radien. Werden die Kurven länger tun wir uns etwas schwerer. Daran müssen wir arbeiten.“

Bei Williams brachte das größte Upgrade mit der kurzen Nase nicht den erwünschten Erfolg. Auch die Aerodynamik-Retuschen von Ungarn verfehlten ihr Ziel. Bei Force India waren beide Ausbaustufen ein Volltreffer. Williams schoss eine Zeitlang mit Schrot auf ein Ziel, das sich nicht greifen ließ. Dafür mixte man unterschiedliche Entwicklungsstufen. Lange Nase, kurze Nase. Neuer Frontflügel, alter Frontflügel. Dazu ein neuer Unterboden und eine Hinterachse mit modifizierter Geometrie.

Das klingt nicht nach einem klaren Plan. Valtteri Bottas widerspricht: „Der Fokus lag darauf, unsere Probleme zu verstehen. Warum kann das Auto bei einem Rennen Dritter werden, und ist beim nächsten nirgendwo? Warum funktionieren einige Entwicklungen und andere nicht? Warum haben sich andere Teams zuletzt mehr verbessert als wir? Um das herauszufinden, mussten wir einen Schritt zurückgehen. Wenn du laufen willst, musst du erst einmal gehen können.“

Force India besser beim Reifenmanagement

Force India ist das effizienteste Team der Formel 1. Tritt mit 90 Millionen Euro Budget und 380 Angestellten gegen ein Team an, das rund 120 Millionen ausgeben kann und 550 Mitarbeiter beschäftigt. „Sie haben mehr Erfahrung, mehr Leute und die größeren Ressourcen“, bilanziert Force India-Technikchef Otmar Szafnauer. Trotzdem zeigt Force Indias Formkurve bergauf, die von Williams bergab. Und das liegt nicht nur an der hohen Treffsicherheit der Entwicklungsabteilung.

Force India ist besser beim Reifenmanagement und damit auch in der Strategie. Nachdem es in der ersten Saisonhälfte zeitweise Probleme mit hohem Reifenverschleiß gab, baute Force India auf die alte Hinterradaufhängung zurück. „Das gibt uns eine bessere Traktion, wenn wir auf Randsteinen beschleunigen“, urteilt Technikchef Andy Green.

Bottas versucht den Vergleich auf folgende Formel zu bringen: „Wir haben das bessere Auto, Force India das bessere Reifenverständnis.“ Und die schnelleren Boxenstopps. Die Williams-Crew ist mittlerweile die Nummer 1 in der Boxengasse.

Ein Nachteil für Force India sind die ständigen Probleme mit dem Cashflow und die Unruhe, die durch Vijay Mallyas Rechtsstreit mit der Indischen Regierung auch auf das Team übergreift. Auch in diesem Jahr bezahlte Force India seine Motorenrechnungen wieder erst in letzter Minute. Mercedes hätte dem Team längst den Hahn zudrehen können. Und das Team verlor Nico Hülkenberg. Der Hebel, um aus dem Vertrag zu kommen, waren offenbar verspätete Gehaltszahlungen.

Bei Williams ist das Budget stabil. Auch weil die Technologiesparte des Rennstalls brummt und ordentlich Geld abwirft. Und weil Williams als privilegiertes Team einen Sonderbonus von 9 Millionen Dollar einstreicht. Doch manchmal wirkt der drittälteste Rennstall der Formel 1 etwas verstaubt. Und er opferte im Kampf um Platz 4 noch spät in der Saison Entwicklungskapazitäten für das 2016er Auto.

Bei Force India fiel der Rollbalken bereits mit dem GP England. Szafnauer erklärt warum: „Das Mindestziel war Platz 5. Wir haben schnell festgestellt, dass wir ein Auto haben, mit dem wir Fünfter werden können. Später hat sich plötzlich die Möglichkeit aufgetan, dass wir sogar Platz 4 erreichen können.“

„Aber wir haben trotzdem entschieden, das nicht mit aller Macht zu tun. Was nützt uns Platz 4 in diesem Jahr, wenn es Platz 8 in der nächsten Saison bedeutet? Jetzt versuchen wir das Paket so weit wie möglich auszuschöpfen. So können wir unser Auto immer noch schneller machen.“

In der Galerie zeigen wir noch einmal die wichtigsten Technik-Upgrades bei Williams und Force India.

Punktestand: Force India vs. Williams

Rennen Williams Force India
Australien 14 6
Bahrain 20 6
China 29 6
Russland 51 8
Spanien 65 14
Monaco 66 37
Kanada 81 42
Europa 90 59
Österreich 92 59
England 92 73
Ungarn 94 74
Deutschland 96 81
Belgien 101 103
Italien 111 108
Singapur 111 112
Malaysia 121 124
Japan 124 134
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