Formel 1-Reisetagebuch 2010

Irrfahrt durch Kuala Lumpur

GP Malaysia 2010 Foto: Grüner 22 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. In Malaysia erlebte Tobias Grüner eine Irrfahrt durch Kuala Lumpur und kam in den Genuss eines Schoko-Paradieses.

Nach 18 Grand Prix-Rennen in Folge muss ich mir das Formel 1-Rennen von Australien erstmals wieder vor dem heimischen Fernseher anschauen. Kollege Marcus Schurig hatte mich in Melbourne vertreten und beim Anblick des ganzen Chaos auf der Strecke war ich auch nicht besonders unglücklich darüber, dass ich das Rennen zur Frühstückszeit mit Bettdecke auf dem Sofa liegend verfolgen darf.

Suche nach dem Hotel

Lange dauert die Verschnaufpause aber nicht. Zehn Tage nach dem Australien-Rennen wartet bereits der Flieger nach Kuala Lumpur. Auch wenn meine Besuche in Südost-Asien mittlerweile im zweistelligen Bereich liegen, werde ich mich wohl nie an das Gefühl der ersten Schritte aus dem Flughafengebäude gewöhnen. Wenn der Körper nach dem dreizehneinhalbstündigen Aufenthalt im trocken-kalten Flugzeug plötzlich der schwülen Tropenluft ausgesetzt wird, schaltet der Körper auf einen spontanen Schweißausbruch um.

Kollege Michael Schmidt, der noch keinen Grand Prix in Malaysia ausgelassen hat, kam schlauerweise auf direktem Wege von Melbourne und wartete bereits im Hotel. So muss ich erstmals ganz alleine versuchen, dem Taxifahrer zu erklären, wie er zum "Hotel Grand Dorsett" kommt, von dem er aber leider noch nie etwas gehört hatte. Ich erinnere mich, dass unsere Fünf-Sterne-Herberge kurz zuvor den Besitzer gewechselt hatte und im Vorjahr noch unter dem Namen "Sheraton Subang" zu finden war. Aber auch das löst nur ein leichtes Schulterzucken bei meinem Chauffeur aus.

Schokolade in Massen

Immerhin kennt er das Örtchen Subang im Speckgürtel Kuala Lumpurs. Bei der Abfahrt von der Autobahn springen mir wieder die Bilder aus dem Vorjahr ins Gedächtnis und mit gemeinsamen Kräften kommen wir tatsächlich ans Ziel. Kollege Schmidt wartet bereits am großzügigen Abend-Buffet, das ohne Frage zu den kulinarischen Highlights der Saison zählt.

Besonders dem üppigen Nachspeisen-Angebot kann man einfach nicht widerstehen. In diesem Jahr hatte sich die Küche noch etwas Besonderes ausgedacht: Am Abend nach den Freien Trainings wartet ein riesiger Schoko-Brunnen auf die Gäste. Unser Fotograf Daniel Reinhard, als Schweizer von Geburt an mit Schokolade im Blut, kann sein Glück kaum fassen als er die braun-süße Skulptur erblickt.

Der Versuch den ganzen Teller in den Schoko-Wasserfall zu halten, endet allerdings in einer Katastrophe. So leicht lassen wir uns aber nicht entmutigen: Nach dem Standard-Programm - Waffeln, Kekse, Früchte - tauchen wir bald alles in die braune Sauce, was das Büffet hergab. Am Ende wird sogar der Schoko-Kuchen und das Mousse au Chocolat noch mit Schokosauce eingesuppt. Tod durch Schokolade.

Qualifying-Krimi in Sepang

Nach den üppigen Mahlzeiten am Abend muss man sich wenigstens am nächsten Tag nicht mehr unnötig mit Mittagessen aufhalten. Aus sportlicher Sicht bleibt auch gar keine Zeit dazu. Das Qualifying am Samstag entwickelt sich zum echten Krimi. In der Regenlotterie von Sepang verpokern sich ausgerechnet die hochgehandelten Piloten von Ferrari und McLaren. Ich erinnere mich noch gut an den entgeisterten Gesichtsausdruck von Martin Whitmarsh, als er mir nach der Session die Niederlage zu erklären versucht.

Red Bull lässt sich durch die Bedingungen nicht aus dem Konzept bringen und feiert am Sonntag schließlich den ersten Saisonsieg. Nachdem Sebastian Vettel zweimal Pech hatte, kann am Abend endlich die erste Party steigen. Tragische Figur ist wieder einmal Michael Schumacher, bei dessen Silberpfeil eine Radmutter verloren geht. Das Teil wurde trotz intensiver Suche übrigens nie gefunden.

Sightseeing in Kuala Lumpur

Da mein Rückflug erst am Montagabend das Land verlässt, gibt es die seltene Gelegenheit für etwas Sightseeing. Im Vorjahr musste ich entsetzt feststellen, dass die berühmten Petronas-Towers in Kuala-Lumpur wie mein Frisör um die Ecke Montags immer Ruhetag haben. Ein Kollege gibt mir den Tipp, den Fernsehturm der malaysischen Kapitale zu besteigen. Der Rat war perfekt: Von der Rund 400 Meter hohen Aussichtsplattform bietet sich ein spektakulärer Blick auf die Stadt und natürlich auch auf die Twin Towers.

Bei der Rückkehr ans Hotel warten bereits die Kollegen Roger Benoit vom Schweizer Blick und Michael Schmidt in entspannter Horizontallage am Pool. "Michael gibt heute an seinem Geburtstag einen aus", grinst mir Roger entgegen, worauf meine Hand reflexartig gegen die Stirn schlägt. Das hatte ich natürlich komplett vergessen, obwohl wir erst im Vorjahr an gleicher Stelle seinen 50. feierten. Zu meinem Glück ist Kollege Schmidt nicht gerade ein Feiertier wenn es um eigene Geburtstage geht. Er hätte wohl selbst nicht mehr dran gedacht, wenn unser Schweizer Kollege ihn nicht dran erinnert hätte.

Ein vergessener Geburtstag

Am Vorabend hatten wir noch bis weit nach Mitternacht im Pressesaal gesessen und niemand war auf die Idee gekommen, ihm zu gratulieren. Die Nächte nach dem Rennen in Malaysia sind sowieso nicht besonders glamourös. Als einzige Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme bleibt nach Mitternacht nur noch der schnelle Imbiss an den Autobahnraststätten. Dort kann man sich für zwei Euro den Bauch mit Reis und Hühnchen vollschlagen.

Im kommenden Jahr ist der Grand Prix zum Glück außer Geburtstags-Reichweite. Aber vielleicht sollte ich mir für den 5. April trotzdem mal eine Erinnerungsnotiz in mein Handy eintragen. Sicher ist sicher.

>> Lesen Sie hier die vorangegene Folge unseres Reisetagebuchs aus Australien

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